Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 2 (1904)
- Issue
- Heft 23 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23. Seite 3. Ms Prediger werden abwechselnd die Herren Rabbiner Dr. Selrgmann und Dr. Phil. Arnold Lazarus,fungieren. Näheres über den Beginn des Gottesdienstes und die Zeit der Seelenfeier wird in den Tagesblättern bekannt gegeben werden. Der Preis einer Karte beträgt für die vorderen Reihen 10 Jk, für die übrigen Reihen 6 Jk Sämtliche Plätze befinden sich im Saal. Wir laden Sie und Ihre Angehörigen ergebenst zur Teilnahme an diesem Gottesdienste ein und bitten Sie, sich beifolgender Karte bedienen zu wollen. Da nur eine beschränkte Anzahl von Plätzen verfügbar ist, ist möglichst baldige Anmeldung erwünscht. Hochachtungsvoll Der Vorstand der israelitischen Gemeinde. Anschließend an dieses Zirkular, ergreifen wir die Gelegenheit, einmal an dieser Stelle zu betonen, daß die Reformen, mit denen wir Juden Westeuropas seit der Emanzipation beschenkt worden sind, niemals aus dem Bedürfnis der Gesamtheit resultiert haben, sondern den Bestrebung e.n einzelner Assimilanten ihr Entstehen verdanken. Die'Reform in ihrem Hauptwesen muß also nicht als etwas v o n innen heraus, sondern als etwas von außen hinein Importiertes betrachtet werden. Dank seiner unjüdischen Erziehung, ist das große Publikum viel zu gleichgültig, um sich um jüdische Dinge zu kümmern, und die zwei, drei Mal, wo es im Jahre die Synagoge aufsucht, ist es mit einenl jüdischen Gottesdienste ebenso zufrieden, wie mit einem unjüdischen. Bisher ist mit allen Reformen nur das Entgegengesetzte von dem erreicht worden, was nach ihren Wortführern erstrebt werden sollte; statt die jüdische Masse dem Judentume zu nähern, hat man sie dem Christentume näher gebracht, und auch der neue Schritt der Frankfurter Israelitischen Gemeinde wird auf diesem Wege ein Schritt vorwärts zum Christentum sein.*) Es ist heiligste Pflicht der konservativen Mitglieder der Gemeinde, in dieser Sache ihr Bestes .zu tun und.sich nicht, wie bisher, damit zu vertrösten, daß in der letzten Zeit-in der Gemeinde ein Zug nach rechts zu konstatieren sei. Einem jeden der in den letzten Jahren neu angestellten Gcmeindebeamten ging das Gerücht voraus, die Berufung bedeute, ein Fühlungnehmen nach rechts und in.Wirklichkeit war sie stets — das zeigt auch das oben abgedruckte Zirkular — ein bewußtes Abrücken nach links. Rabbiner Dr. Plaut hatte — das wird niemand leugnen — stets voll und ganz zu den Rabbinern gehört, die mit. dem überlieferten Judentum gänzlich gebrochen haben; sein Nachfolger, Herr Dr. Seligmann,, ist aber trotzdem noch radikaler. Kürz nach seiner Berufung' veröffentlichte er im Hamburger Israelitischen Familienblatt einen Festartikel auf Jomkippur — es war im Herbst 1902 —, in welchem er Israel mit Simson vergleicht; wie Simson, wenn ihm die Haare geschnitten wurden, stets seine Kraft einbüßte und sie mit den wachsenden Haaren stets wieder zurückerhiclt, so sei es auch Israel in seiner 3000jährigen Geschichte gegangen; oft drohte es unterzugehen, aber immer wieder verjüngte cs sich zu neuem Dasein. Und wie Simson einst die Säule ergriff, sie zerschmetterte und unter ihr begraben wurde, so wird auch Israel einst, wenn es seine Mission erfüllt hat, inmitten der Völker begraben werden. Auch Direktor Dr. Bärwald war ein ausgesprochener Leugner der Tradition des Judentums, sein Nachfolger, Direktor Dr. Adler, ist es aber noch in viel schärferer und bewußterer Form. Es ist noch lebhaft in der Erinnerung aller, wie Herr Direktor Dr. Adler auf der 100jährigen Jubiläumsfeier der Realschule der Israelitischen Gemeinde (Philantropin) in seiner Festrede zum Erstaunen des Regierungsvertreters sagte, daß der Charakter des Philantropin sich darin äußere, Aufklärung und Humanität zu verbreiten, unter Brechung der Ketten der religiösen Tradition und der Autorität. Wie es trotz der vielen Nationen nur eine einzige Menschheit gebe, .so sei trotz der dielen Glaubensformen in Wirklichkeit nur eine einzige Religion vorhanden. Der erste Direktor des Philantropin habe deshalb am liebsten den Unterricht in der positiven Religion streichen wollen. — Manch' einer von den christlichen Festteilnehmern hat bei diesen Worten erstaunt drein geblickt; konnte er es doch nicht begreifen, daß eine Glaubensgemeinde eine ihren eigenen Glauben negierende Schule unterhalte. Auch dem letzten der neu angestellten Beamten, Herrn Dr. Lazarus, ging als Sohn des' verstorbenen Direktors des Bresl. Rabb.-Sem. der Ruf voraus, noch gemäßigt religiös zu sein, aber auch er — so zeigt sein Einverständnis jnit der Vernichtung des hebräischen und der Einführung eines unjüdischen Gottesdienstes — bebeutet einen Ruck nach links. Den konservativen Mitgliedern der Gemeinde rufen wir zu.: Wenn nicht ihr, wer denn; wenn nicht jetzt, wann denn! *) Wie wir hören, ist seitens des Vorstandes für diesen Gottesdienst der Betrag von 10 000 Jk bewilligt worden. Der Gottesdienst selbst soll, so sagt man, zeigen, ob für die in dem Hauptbahnhofviertel geplante Reformsynagoge das Publikum vorhanden ist. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Frankfurt a. M. Die Synagogengemeinde „I s r a e l i t i s ch e R e l i g i o n s g e s e l l s ch a f t" schreibt zur Erlangung eines Borentwurfs für den Neubau einer Gemeinde-Synagoge einen allgemeinen Wettbewerb aus. Die Entwürfe sind spätestens bis zum 15. Sevt. 1901, abends 6 Uhr an den zweiten Vorsitzenden des Vorstandes der Syn.-Gem. „Israelitische Religionsgesellschaft", Herrn Wilhelm H a ck e n b r o ch, Schiitzenbrunnen 17, Frankfurt a. At., cinznrcichen, bei welchem das Bauprogranim nebst Bedingungen und Lageplan kostenfrei erhältlich ist. Bausumme für die Gesamtausführung Jk 475,000. An Zeichnungen verlangt: Lageplan 1:259, Grundrisse sämtl. Geschosse, 3 Ansichten, 2 Durchschnitte, 1:200 und eine perspektivische Skizze. — Erläuterungsbericht, Kosrenüberschlag laut Banprogramm. Erster Preis Jk 4000, zweiter Jk 2500, dritter Jk 1500. Preisrichter sind: Geh. Oberbanrat Professor H o f m a n n - D a r in st a d t, Kgl. Baurat von Hoven-Frankfurt, Kgl. Baurat Reher- Frankfurt, Geh. Baurat Sch w e ch t e n -B e r - lin, Wilhelm Hackenbroch, Mitglied des Vorstandes der Synagogengemeinde „Israelitische Religionsgesellschaft", Frankfurt a. M., D r. I s r a e l R o o s, Mitglied des 'Ausschusses gen. Gemeinde, Frankfurt a. M., Michael Sch Iv a b a ch e r, Mitglied der Bau-Kommission gen. Gciueindc, Frankfurt a. M. Berlin, 14. Juni.. In Könitz finden jetzt Beriichmnngen in der wiederaufgeno m in mich Untersuch u n g wegen der Ermordung des Gymnasiasten Winter statt. Es sind am Samstag die Frau Berg, ihr Mann, die Frau 9t o ß und andere stundenlang verilommen worden. Der Arbeiter M a ß l o f f soll jetzt gegen die Familie Berg aussagen. Es handelt sich darum, daß Winter in der Familie verkehrt hat, von dem Ehemann Berg überrascht worden und dabei von diesem ums Leben gebracht worden ist. Die Anklage lautet auf vorsätzliche Tötung. Der Herausgeber der hiesigen „Preußischen Korrespondenz", ein Journalist Zimmermann, der über den Stand dieser neuen Untersuchung Mitteilungen verbreitet hat, ist über die Quelle derselben vernommen und wegen Verweigerung des Z e u g n i s fe s atiit Jk 200 bestraft worden. Eßlingen. Die israel. Waisenanstalt hierselbst vereinnahmte nach dem in dieser Woche veröffentlichten 73. Jahresbericht an Stiftungen 7017 Jk, an Zinsen 15 711 Jk, an Spenden 7900 Jk und verausgabte nach Abzug von 950 Jk Kostgeldersätzen 13 385 ./(. Die Zahl der Zöglinge betrügt nur 18, welche von 2 Lehrern und 1 Aufseherin unterrichtet werden. Pleschen, 9. Juni. Heute Nacht wurde in die hiesige Synagoge ein gebrochen. Die Diebe stiegen vom Radomstischen Garte» aus über den Zaun. Daraus, daß das Fenster, durch welches die Einbrecher vom Hofe aus den Weg ins Innere nahmen, ca. 3 Meter hoch ist, läßt sich schließen, daß mehrere an dem Einbruch tcilnahmen. Der Opferkasten war erbrochen. Doch mußten die Einbrecher mit einem geringen Betrag zufrieden sein, da wenige Tage vorher der Opferkasten geleert worden war. Auch durchsuchten die Diebe ein in der Nähe des Altars stehendes Schränkchen, doch auch hier siel ihnen nichts in die Hände. Von den Einbrechern fehlt bis jetzt jede Spur. Borer (Posen). Die Vertretung der hiesigen Synagogengemeinde beschloß, für das laufende Jahr 150 Prozent der Einkommensteuer als Korporationssteuer zu erheben. Letztere hat infolge Wegzuges mehrerer steuerkräftiger Gemeindemitglieder gegen das Vorjahr eine Erhöhung von 50 Prozent erfahren. Oesterreich-Ungar«. Budapest. Das liberale .Extrablatt" schreibt unter der Spitzmarke: Der jüdische Magnat in seiner Ausgabe vom 8. Juni: „Kein Mensch hat eine Ahnung davon, wie viel und mannigfach die Schmerze» sind, von welchen die arme Menschheit geplagt werden. Oft erlangt man von solchen erst dann Kenntnis, wenn irgend eine Versammlung abgehalten wird, und ein besonders gescherdter Kopf de» Versammelten die Offenbarung macht, wo der Schuh sic eigentlich drücke. Eine solche Offenbarung hat sich auch gestern in der Versammlung der israelitischen Distriktspräsidenten vollzogen. Eilt großer Teil der Zeitungsleser hat gewiß nicht eininal eine Ahnung, was so ein Distriktspräsident eigentlich ist; aber das macht nichts, man braucht sich dessen picht zu schämen, diese Unwissenheit stempelt Niemanden zu einem Ignoranten und man verliert auch nichts, wenn man all sein Lebenlang es nicht erfährt. Wir lassen uns daher in keine umständliche Erklärung ein und konstatieren einfach, daß die Versammlung der israelitischen Distriktspräsidenten stattgesunden und eine Deputation derselben gestern beim Ministerpräsidenten und Kultusminister vorgesprochcn hat, bei welcher Gelegenheit es offenkundig wurde, was der ungarischen Judenschaft zur vollen Glückseligkeit fehle. Der ungarischen Judenschaft? Ach nein! Kultusminister Berzeviczy war so malitiös, die Deputation darauf aufmerksam zu machen. daß sie samt ihrer Anftraggeberin nur einen Teil, die sogenannten Neologen vertreten und daß ihre Schmerzen nicht auch die Schmerzen der Orthodoxen sind. Ja, diese Letzteren sind so eigensinnig, von Allem, was die Ersteren wünschen, das gerade Gegenteil zu wollen und eine Brücke von der einen Partei -zu der andern ist bislang noch nicht geschlagen. Was ist es aber, was die Deputation eigentlich zu den Ministern geführt hat? Die Vertretung i m M a g n a t e n h au s e! Den Herren genügen Karl Schwab, 2 ig - ni n ii d Kornfeld, Franz C h o r i n und S i gm und B r 6 d y nicht. Das sind nur Zusalls-Magnaten, während sie einen Mnß--Magnatcn haben wollen, einen solchen, der entweder vermöge seiner Stellung, oder durch Betrauung zu dieser Würde gelangt. Eine Würde, denn um etwas Anderes handelt sich nicht, da dieser Muß-Magnat gewiß kein Wässerchen trüben und auch das Kraut nicht fett machen wird. Oder verstehen wir die Herren schlecht? Handelt es sich im Grunde um etwas Minderes? Etwa um die Kreiiernng der Stelle eines Landcs-Oberrabbinats? Nun, dafür wird sich die ungarische Judcnschaft schönstens bedanken. Die neologische und die orthodoxe in gleicher Weise. Ein jüdischer Papst, oder „Fürst-Primas" wäre nicht blos das überflüssigste, sondern sogar das unangenehmste Ding der Welt. Die freie Beweglichkeit, die derzeit bei der jüdischen Konfession in Ungarn herrscht, ist nicht der schlechteste Teil der Güter, die sie benützt; Jeder kann jetzt nach seiner Fa</on selig werden, ohne aus deni Verbände der Konfession treten zu müssen, in dem Momente aber, wo eine straf fe, konfessionelle Organisation i n s L e b e n tritt, ist'» um diese Freiheit geschehen, und man kann dessen sicher sein, daß sich sehr bald eine dritte Schattierung, vielleicht sogar eine dritte Konfession, die Konfession der Konfessionslosen herausbilden wurde. Daß dies die Kraft der ungarischen Inden nicht erhöhen würde, ist selbstverständlich und deshalb unterlasse man alle Experimente, die eher Zwietracht, als Einigkeit Hervorrufen können und verschone uns auch mit einem jüdischen — Mußmagnaten." Lemberg, 7. Juni. Die Judenexzesse in U h n o Iv. Im Uhnower Prozesse behaupteten gestern mehrere Angeklagte, daß am 23. April 1903 die Erregung in Uhnow aus dem Grunde einen so hohen Grad erreicht habe, weil man vor der in Brand geratenen Ortskirche einen roten bärtigen Juden namens Klein stehen gesehen habe, der seine Schadenfreude nicht habe verhehlen können. Auf die Frage des Vorsitzenden^ wer durch Steinwürfe die Fenster in den Häusern des Judenviertels zertriinimert habe, erklären die Angeklagten, daß dies Bauern aus der Umgebung Nhnows wie auch Kinder getan haben. Da die Hauptbeschuldigten daran sesthalten, daß die Juden die Häuser in Uhnow in Brand gesteckt haben, um Versicherungsbeträge cinzustreichen, fragt der Vertreter der infolge der Exzesse beschädigten Juden, Advokat Dr. Wildwnrm, den Angeklagten K o s o n o c k i, wer am 23. Älpril 1903 voni Brande betrosfen worden sei. Kosonocki gibt zu, daß dieAbbrändlerfastaiisiiahmsloSNichtj ii d e n gewesen seien, daß dieselben zum größeren Teile geradeso wie er selbst und sein Nachbar Peter 2 k r y p c z n k, in dessen Hause das Feuer zum Ausbruche gelangte, gegen Brandschaden versichert waren und die Versicherungsbeträge bereits einkassiert haben. Pretzburg. Am 5.-8. Ellul wird hier ein allgemeiner Kongreß der Bi i s r a ch i stattsinden, an dem zahlreiche Persönlichkeiten aus Rußland, Oesterreich, Deutschland, England, Rumänien, Schweiz usw. teilnehmen werden, lieber den Zweck des Kongresses wird demnächst ein Ausruf erlassen. (Die Misrachi ist eine Organisation gesctzestreuer, auf dem Boden des Baseler Prograinines stehender Zionisten, die bezweckt, die Erkenntnis und die Interessen des überlieferten Judentums innerhalb der zionistischen Bewegung zu fördern. Die Misrachi geht von der Anschauung aus, daß der Zionismus, um die Zukunft des jüdischen Volkes sicher zu stellen, nicht nur die Rückkehr in das Judenland zu bewerkstelligen hat, sondern auch gleichzeitig eine Rückkehr zum Judentum erstreben muß. Will der Zionismus sein Ziel erreichen, dann bedarf es außer der Liebe zur Judcnhcit auch der Erkenntnis der jüdischen Welt- und Lebensanschauung auf dem Boden des positiven Judentums. Anm. d. Redakt.) Frankreich. Paris. D r e h s u s Nr. 1. Kapitän Alfred Dreyfus ist doch nicht der erste Treyfus! Es stellt sich heraus, daß es schon einmal eine Affäre Dreyfus gegeben hat. So veröffentlicht die Revue „La Revolution fran^aise" ein Protokoll aus den Akten der Convention Nationale (Sitzung vom 29. Nivöse, Schneemonat) III. Jahr (18 Jänner 1795). Und zwar heißt es dort: „Die Nationale Bersammlung findet nach Anhörung des Berichtes des GesetzgebckngSausschusses über die Bittschrift des Bürgers Simon Dreyfns, eines Juden, der vom revolutionären Komitee in Straßburg am 26. Brumaire, II. Jahr der Republik (16. November 1793) zu sechs Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde, daß angesichts dessen, daß