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Neue jüdische Presse · 1904-06-03 · Heft 21 (3.6.1904) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 21 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. pflegten, das; mau die Damen nicht allein fahren lassen könne. Berlin. E.in Bauplatz für eine Million M a r k. Die hiesige Jüdische Gemeinde beabsichtigt, ein neues Krankenhaus zu erbauen, Iveil ihr jetziges, in. der Auguststraße, den heutigen Anforderungen und Bedürfnissen nicht mehr genügt, und weil dessen Instand bereits veranlaßt hat, die Notwendigkeit einer Verringerung der Bcttcnzahl in Aussicht zu nehmen, während gerade eine Vermehrnng der Bettenzahl notwendig ist. Diese Vermehrung läßt sich nun nach dem Gutachten von Sachverständigen nur durch einen Neubau erreichen. Der Vorstand hat deshalb an den Magistrat die Bitte gerichtet, ihm das städtische Grundstück an der Schulnnd Excrzierstraße von 11 Morgen Größe, gegenüber der Alters-Bersorgungsanstalt der Indischen Gemeinde und dem Reuter-Stift, für rund eine Million Mark zu verkaufen. Nach Westen zu soll eine neue Straße das Grundstück bczw. Krankenhaus von dem städtische» Hospital zum Heiligen Geist und St. Georg trennen. Der Magistrat hat auf 'Antrag der Grundeigentums-Deputation den Verkauf genehmigt und wird die Zustimmung der Stadtverordneten - Versanimlung nachsuchen. Charlottenburg. Der „Verein für Armen- und Krankenpflege Kaiser Friedrich-Andenken" in Charlottenburg will an dem der evangelischen Luisengemeinde gehörigen Grundstück Guerickcstraße 4 ein neues Anstaltsgebäude errichten. Der Magistrat beantragte, der Lnisengemeinde eine Fläche von ungefähr 82 Quadratmeter, die dem Grundstück vorgelagert ist und sich in städtischem Besitz befindet, unentgeltlich abzutreten.. In der letzten Sitzung der Charlottenburger Stadtverordneten - Versammlung wurde dieser Antrag mit Recht a b g e l e h n t. Die Mehrheit der Stadtvcrordnctcn-Bersammlung stellte sich mit dem Referenten, Stadtv. D r. v. Liszt, auf den durchaus richtigen Standpunkt, daß der Verein deshalb nicht aus städtischen Mitteln direkt oder indirekt unterstützt werden dürfe, weit seine Statuten vorschreiben, daß 'Angehörige aller Konfessionen zwar zahlende Mitglieder werden können, in der Generalversammlung aber nur ch r i st l i ch e Mitglieder st i m m b e r e ch t i g t seien. Einem Verein, der einen derartigen konscssionellcn Charakter trage und antisemitische Bestrebungen fördere, dürfe man auf Kosten der Steuerzahler keine Zuwendungen machen. Breslau. Der Holzhändler Hugo Eitner in Breslau war an dem Konkurs der Firma Becker u. Zcpler als Gläubiger mit 2000 Mk. beteiligt. Zum Konkursverwalter war der Kaufmann Julius Baer bestellt worden. Gegen dessen Geschäftsführung glaubte Eitner Verschiedenes cinwcnden zu könne» und trug seine Beschwerde einem Mitglied«: der Staatsanwaltschaft mündlich vor. Der Staatsanwalt verwies ihn an den Konknrsrichter: Eitner aber zog es vor, nniimehr eine schriftliche Eingabe an die Staatsanwaltschaft zu machen. Darin sprach er die Beschuldigung aus. der Konkursverwalter schütze und schone als Jude in Pflichtwidriger Weise die jüdischen Gemeinschuldii c r und deren Angestellten Notmann und handle nicht im Interesse der Gläubiger. So habe er die Möbel der Gemcinschuldner geradezu verschleudert, und eine Wcchselfälschung des inzwischen verschwundenen Gemeinschuldners Zcpler habe er ganz verschwiegen. Wegen dieses Schriftstückes stellte der Konkursverwalter Baer Strafantrag, und die Staatsanivaltschast erhob im öffentlichen Interesse Anklage gegen Eitner, der sich infolge dessen jetzt vor dem Schöffengerichte wegen Beleidigung zu verantworten hatte. Die Verhandlung ergab, daß die gegen Baer vom Angeklagten erhobenen Vorwürfe durchweg gänzlich unbegründet waren. Bon einer Begünstigung der jüdischen Kridare dem christlichen Gläubiger gegenüber konnte gar keine Rede sein, es war kein zur Konkursmasse gehöriger Oiegenstand verschleudert lvorden, und an beabsichtigte Verheimlichung einer Wechselfälschung war garnicht zu denken. Die Fälschung war auf dem an die Staatsanwalt-' schaft abgegebenen Fragebogen nur deshalb' nicht erwähnt, weil der Fragebogen eine Frage nach falschen Wechseln nicht enthalten hatte. Das Gerichtcrkanntc, daß der Brief objektiv schwer beleidigend sei, sprach aber gleichwohl den Angeklagten frei, indem es i hm denSchutz des 8 193St.-Ä.-B. zu billigte, weil in dem ganzen Text des Briefes nirgends ein Schimpfwort gebraucht sei und der ganze Zusammenhang der Dinge erkennen lasse, daß er nicht eine Beleidigung des Konkursverwalters, sondern lediglich eine wirksame Wahrung seiner berechtigten Interessen bezlveckt habe. Breslau, 28. Mai. Die „Breslauer Zeitung"' meldet: Der unlängst verstorbene Rentier Josef Gotthelf in Breslau vermachte der Stadt Breslau 300000 JL und der Synagogengemeinde 200 OM Mark zum Bau billiger Wohnungen für arme Gemeind emitglieder, sowie 100000 JL zu Stipendien für arme Studenten. Stratzburg, den 27. Mai. Bor dem kaiserlichen Rat wurde heute Vormittag unter Vorsitz seines Präsidenten, des Wir kl. Geh. Oberregierungsrats Frhrn. v. d. Goltz, die am21.April vertagte Verhandlung des von dem hiesigen Kaufmann Acoii Durlach eingelegten Rekurses gegen die am 29. Novcinber 1903 abgehaltenen Wahlen zum israelitischen Ko » i i st orin in des llnterclsaß fortgesetzt und, beendigt Oiewählt wurden bei diesen Wahlen, wie erinnerlich, die ausscheidendcn Mitglieder Dr. Gustav Leon, Jules Klein und Mathieu Bloch, während Aron Durlach, der erst in den letzten Tagen seine Kandidatur aufgestellt hatte, unterlag. Dieses Wahlergebnis wurde von Dnrlach angefochten, mit der Begründung, die Gegenpartei habe unzulässige Wahlbceinslussnng getrieben. Bei der heutigen Fortsetzung der Verhandlung verlas Ministerialrat Hamm zunächst eine Anfrage des Kaiserlichen Rats an das israelitische Konsistorium, ob es üblicki sei, Stimmzettel durch die Synagogenvorstäude verteilen zu lassen, und ob dies bei der letzten Wahl vom 29. November geschehen sei. Die ebensalls verlesene Antwort des Konsistoriums verneint beide Fragen und fügt hinzu, das Komitee Dr. Levy, Klein und Bloch habe sich mit den Stimmzetteln direkt an die Wähler gewandt. Rechtsanwalt -Justiz rat Riff erklärte als Vertreter Durlachs, letzterer bleibe bei seiner Behauptung, daß Stimmzettel durch Syiragogcnvorstände verteilt worden seien. Klei» habe die Depesche» nur an Synagogenvorstäude gesandt: dgs sei doch auffallend. Er wolle das durch Zeuge» beweisen. Durlach habe kein Mahlmanövcr getrieben, sondern seinen Namen mit denen Levys und Kleins mit deren Einverständnis ans die Liste gesetzt. Auch dafür habe er Zeugen: wenn auch Klein das bestreite. Rechtsanwalt D r. L e n n i g führte als Vertreter von I. Klein und M. B l o ch ans, daß die sämtlichen Bcweisanträgc unerheblich seien. Was Dr. Levy gesagt und getan habe, sei gänzlich gleichgültig, das kourme garnicht in Betracht. Es komme lediglich auf Klein an und dieser habe entschieden bestritten, dem Dnrlach sein Einverständnis gegeben zu haben. Klein habe nicht das Wähler- Publikum irreführen wollen, sondern lediglich die von Dnrlach in letzter Stunde versuchte Irreführung verhindern wollen, was er nur mehr auf telegraphischem Wege tun konnte. Ebenso sei die von Durlach behauptete Beeinflussung bei Verteilung der Wahlzettel nicht erfolgt. Er beantrage, den von Dnrlach eingelegten Rekurs zurückzuweisen und diesem sämtliche Kosten, auch für seine (Lennigss Vertrctnng aufzuerlegcn. Nachdem noch Mathieu Bloch die bestimmte Erklärung abgegeben hatte, daß das Komitee die Wahlzettel an jeden Wähler direkt geschickt habe, zog sich der kaiserliche Rat zur Beratung zurück. Nach etwa dreiviertelstündiger Beratung verkündigte der Präsident folgende Entscheidung: Der kaiserliche Rat habe unter Ablehnung der Beweisanträge erkannt, daß der D ur l ach sch e Rekurs gegen die Gültigkeit der Konsistorialwahle» als u ii bcgr ü »bet zurückzuweise n fei. Der kaiserliche Rat erblicke in der Absendnng von Depeschen seitens Kleins keine amtliche Beeinflussung, weil Klein sie als Kandidat und nicht in amtlicher Eigenschaft unterzeichnet habe. Die Synagogenvorständc haben allerdings die Durlachschen Stimmzettel nicht verteilt, doch sei eine solche Verteilung von Stimmzetteln durch Synagogenvorstäude überhaupt im allgemeinen nicht üblich. Die übrigen in einigen Orten vorgekommeiien Unregelmäßigkeiten seien bei der in Betracht kommenden geringen Stiminen-ahl ohne jede Bedeutung. Sämtliche Kosten, auch die des Vertreters der Gegenpartei, werden dem Rekurskläger aufcrlegt. Rußland. Petersburg. Der Regierungsbote veröffentlicht einen Bericht des Ministers des Innern, v. Plehwe, an den Kaiser betreffs der Militärpflichtigen von 1903. Aus diesem Bericht ersieht man, daß der Prozentsatz der als militärtauglich besundenen Juden unverhältnismäßig höher ist, als der der 'Nichtjuden. Nach der Volkszählung von 1897 waren die Juden Rußlands 4,13"/» der-Gesamtbevölkerung. Im Jahre 1903 wurden 320 832 Personen für das Militär ausgehoben. Unter normalen Umständen müßten die jüdischen Rekruten 4,13"/» der ausgehobcnen Rekruten betragen, d. i. 13 250. Aus dem offiziellen Berichte ersieht man aber, daß in Wirklichkeit 17 941 also 4691 Juden mehr in D i enst genommen worden sind. Trotzdem konstatiert der Bericht, daß die Juden in diesem Jahre 1970 Rekruten zu wenig geliefert haben. Die Regierung verlangt, demnach, daß die Juden 6661 Leute mehr als die Norm stellen sollen, was ihnen physisch geradezu unmöglich ist. Diese ungerechtfertigte Forderung hat freilich einen sehr realen Grund, denn für jeden Mann unter dem für sie festgesetzten Kontingent müssen die Juden 300 Rubel zahlen: das macht für 1903 nicht weniger als 600000 Rubel — 1300000 Jf. Amerika. St. Louis.. Der .Chronicle" druckt einen Brief des Rabbiner der Gemeinde Temple Israel, D r. Leon Harris» n, an die Mitglieder seiner Gemeinde ab; in diesem Briefe beklagt sich der Herr „Rabbiner", daß von 600 Personen, welche den Gottesdienst am Sonntag Morgen besuchten, n u r 60 Juden waren. Er lvcist »ach, daß die Vernachlässigung des Synagogcnbesuches seitens der Juden die Entmutigung des Predigers und den endlichen Ruin der Gemeinde bedeute und zugleich eine öffentliche Schmach für Juden und Judentum sei. Weiter sagt Dr. Harrison: Ich fühle den Schmerz und das Erniedrigende solcher Zustände zu tief, um Sie dafür verantwortlich zu machen. Es ist klar, daß eine solche Gemeinde keine jüdische Gemeinde mehr ist und ein solcher Oiottesdienst kein jüdischer Gottesdienst mehr ist. Der Sonntagsgottesdienst kann so nicht sortdauern. Mein Eifer für meinen Beruf kann nicht sortdanern. Ich muß sagen, daß ich ganz entmutigt bin, und wenn Sic »lir nicht zur Seite stehen, werde ich kein Herz für meine 'Arbeit haben. — Wir können dem Herrn „Rabbiner" nur den guten Rat geben, auch noch auf die 60 Juden zu verzichten und „Pfarrer" zu werden. Personalien. Karlsruhe, 30 Mai. Verflossenen Samstag Abend starb hier Oberlandesgerichtsrat Dr. JulinS Heinsheimer, einer der tüchtigsten Juristen, im besten Manncsalter. Eine schwere Krankheit zwang ihn im Januar d. I., in den Ruhestand zu treten. München. Nach zweijähriger Abwesenheit ist Dr. Gottfried Merzbacher von seiner Forschungsreise in das Thianschan-Gebirge wieder in München eiiigetroffen. Die Ergebnisse der langen, an Mühen und Entbehrungen reiche» Expedition sind für die Wissenschaft von sehr großer Bedeutung und werden die bisher geltenden Vorstellungen von diesem Riesengebirge in erheblicher Weise verändern. Ein vorläufiger Reisebericht wird schon demnächst erscheinen. Königsberg. 26. Mai 1904. Eine große Trauergemeinde hatte sich gestern auf dem hiesigen indischen Friedhofe versammelt, um einer wahrhaft Edlen und Frommen, einem Esches chajil in des Wortes schönster »nd umfassendster. Bedeutung die letzte Ehre zu erweisen. Frau Johanna Eger weilt nicht ' mehr unter den Lebenden: ausgehaucht hat sie ihre reine und edle Seele, hinübergeschlummert ist sie in ein besseres Leben. Der Heimgang eines loahrhaft frommen und edlen Menschenlebens schasst im allgemeine» schon eine große Lücke: wie erst ist aber in hiesiger Stadt ein solcher Verlust zu bcllagen, in einer Gemeinde, die früher einmal ir we'em bcjißroel gewesen ist, »nd in der heute das Echtindische bei der Majorität ihrer Mitglieder veraltet zu sein scheint. Wahrlich, gerade hier wird ein solcher Verlust doppelt schmerzlich empfunden: denn als würdige Tochter frommer Ahnen und als ebenbürtige Gattin des verehrten Vorstandsmitgliedes der Ad aß Jißroet, Herrn Simon Eger, eines Enkels des allbekannten Rabbi Akiba Eger s. A., hatte die Dahingeschiedene es verstanden, sich die Zuneigung und 'Achtung aller »kreise zu erwerben. Die Lücke, die mit ihrem Tahinscheiden in deni jüdischen Leben Königsbergs entstanden ist, wird nur schwer wieder auszusüllen sein. Mögen die trauernden Angehörigen in dem beseligenden Bewußtsein, daß die teuere Tote die Jhrine gewesen ist, Trost finden! Philadelphia.. Hier ist am 2. d. M. Simon A. Stern, der Vorsitzende der Beethoven-Gesellschaft, ein Musiker von großem 'Ansehen, gestorben. Derselbe hat auch Heine, 'Auerbach u. a. ins Englische übersetzt. New-Uork. Bor einigen Wochen starb hier im Alter von 74_ Jahren Frau Eliza M e n d e s, geborene De >-ola. Sie war die Witwe des Rev. Abraham Pereira Mendes, der zuletzt Benesiziat der Juda Touro-Stiftnng in 'Newport, Rhode Island, war und vor etwa t0 Jahren starb. Ihre Söhne sind die Rabbiner Frederick de Sola Mendes von der Shaare Tefilla-Gemeinde und Henry Pereira Mendes von der portugiesischen Gemeinde in Newyork. Ihr Vater war der Hazan der portugiesischen Gemeinve in London, David Aaron de Sola und ihre Großväter die Londoner Hahaniim 'Aaron de Sola und Rafael Meldola. So war die Dahingeschiedene ein Ueberbleibsel der immer seltener werdenden sesardischen Familien, die zumeist durch Ehelosigkeit oder durch Mischehen verschwinden. Aus der Lehrerwelt. Rosdzin. Lehrer und Kantor Hermann Jungmann, welcher an der hiesigen jüdischen Privatschule 1 Jahr tätig war, ist nach Stolp i. P. bernsen worden. Dresden. Herr Oberkantor Lazarus Bendiner ist im 87. Lebensjahre gestorben. Geboren am 24. März 1818 in Preßburg in Ungarn, wirkte er von 1847 bis 1864 als Kantor in Ratibor, seit 1864 bis 1900 an der Synagoge in Dresden.

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