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Neue jüdische Presse · 1904-06-03 · Heft 21 (3.6.1904) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 21 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelisches FamilieMatt. Nr. 21. © Feuilleton. 0 Ungleiche Bahnen. Eine Geschichte aus dem Leben. Von Jacob Levy. Gortsetzung.) 7. Kapitel. Kurt war inzwischen zu einem großen und schönen Jungen herangewachsen. Er hatte ans dem Gymnasium gut .gelernt und trat nach Erlangung des einjährigen Zeugnisses in ein großes Exportgeschäft ein. Sein Vater hing abgöttisch an ihni. Wenn er zu Hause war, lebte er nur sür seine» Sohn. Dieser erwiderte die Liebe seines Vaters voll und ganz, vertraute ihm, wie ein junger Freund dem älteren. Daß die Gattin, die Mutter, dabei unberücksichtigt blieb, vollzog sich so unmerklich, war so selbstverständlich, wie ein Naturgesetz. Frau Ehrmann hatte aber so viele Abhaltungen durch ihre Vergnügungen, ihren Bekanntenkreis, daß ihr jür die Familie keine Zeit blieb. Sie betrachtete den Heranwachsenden Sohn bisweilen wohlgefällig, sagte auch zu ihm: „Jetzt kannst Du bald der Kavalier Deiner Mutter sein." Kurt erwiderte nichts darauf. — — Ehrmann, den größten Teil des Jahres auf Reisen zubringend, konnte die Gesellschaft und die Lebensweise Kurt's nicht kontrollieren. Mft Taschengeld reichlich versehen, zu Hause nicht beaufsichtigt, gewöhnte der Jüngling sich darmi, Abends auszugehen und erst sehr spät heimzukommen. Was hätte er auch zu Hause tun sollen. Seine Mutter war selten daheim, sollte er nun allein das Haus hüten? Er war Musikfreund, nahm Klavierunterricht und hatte es zu einer Fertigkeit im Spielen gebracht die weit über das Dilcttantenhafte ging. Die Musik und der Verkehr mit seinen Verwandten Löser, wo er von Kindheit an wie ein Sohn ausgenommen war, verhinderten, daß er gänzlich auf Abwege geriet. Durch den Umgang niit lockeren Kollegen erfuhr er freilich von dem Leben in den Varietä's, Cafs's und ähnlichen Lokalen mehr, als seinem Charakter zuträglich sein konnte, — er, der achtzehnjährige Jüngling hatte bald nichts mehr zu lernen. Hilde Löser war nun ein hübscher Backfisch und ■ sollte gleichzeitig mit Kurt tanzen lernen. Da war natürlich eitel Freude und große Wichtigkeit. Als der Kursus im Gange war, trat bei den beteiligten Famftien, soweit der Einfluß der Jugend reichte, alles andere in den Hintergrund. Bald nahte auch das erste Tanzkränzchcn. Hilde war die Polonaisedamc Kurt's' und so kam er zur festgesetzten Zeit, um seine Dame abzuholen. Löser schaute Kurt, der iu dem ungewohnten schwarzen Anzug, mit dem Bouquet für Hilde, sehr feierlich 'aussah, lachend an. „Du siehst so geputzt und so ängstlich aus, wie ein Chotzen. Gleich wird Hilde erscheine», die auch das Ballfieber hat. Ich will einmal sehen, wo meine Frau bleibt, denn der Wagen wird sogleich Vorfahren." Damit verließ er das Zimmer. Hilde trat ein. Sie sah in dem einfachen weißen Mullkleidchen lieblich aus, wie ein taufrisches Roscnknöspchen. Die Wangen waren vor Freude und Aufregung gerötet, ihre Augen leuchteten, das dunkle Haar, das sonst in schweren Ringeln auf die Schulter fiel, war hoch ausgesteckt. Kurt schaute sie bewundernd an. „Tausend, Hilde, Du bist der schönste Backfisch, den ich je gesehen habe." Sie lachte übermütig. „Barbar, Du nennst eine junge Dame, die über's Jahr in's siebzehnte kommt, Backfisch! Wie.nennt man denn einen Herrn von achtzehn Jahren, der noch keinen Schnurrbart hat?" Der Eintritt der Ettern unterbrach das Scharmützel und man fuhr auf den Ball. Es war ein herzerfreuendcr Anblick, all die jungen Leutchen mit den frohen Gesichtern. Die jungen Herren-eilten zu ihren Damen, die wie bunte Schmetterlinge durch den Saal schwirrten. Mit ernsthaftem Gesicht wurden die Tanzkarten studiert, alle die wonnigen Präliminarien zum Ball waren im Gange. Die Eltern schwebten weniger im siebenten Himmel. Die Väter sahen meistens mißvergnügt aus. Sie dachten entweder an gewohnte Skatpartien oder an die süße Ruhe Abends zu Hause — in Pantoffeln, mit der Zeitung! „Jetzt kann ich hier dem Stuß zusehen und Gott weiß, wie lange cs dauert." Diesen Stoßseufzer hörte man in allen Variationen. Die Mütter, besonders die der Mädchen, machten sorgenvolle Gesichter. Sic musterten unaufhörlich ihre Töchter und gaben ihnen Ermahnungen, als ob cs gleich in de» wildesten Kamps jenseits des Ozeans ginge. „Else, achte auf Deine Schleppe." „Rosa, ist Deine Tanzkarte noch nicht besetzt." „Olga, erhitze Dich nicht so sehr beim Tanzen." Es ordnete sich bald alles und die Paare schwebten nach den Klängen der Musik. Die Eltern saßen zusammen, freuten sich, wenn ihre Kinder an ihnen vorbeiwirbelten, erinnerten sich, früher auch einmal jung gewesen zu sein und — tanzten schließlich auch und das sogar recht flott. In der Pause saß Hilde bei ihren Eltern, glühend vom Tanzen. Ihr Vater fragte neckend: „Kind, sollen wir hciingehen, ist cs Dir zu heiß?" „Ach, Vater, es ist himmlisch. Ich wußte noch gar nicht, daß cs so schön sein kann." Frau Ehrmann fragte plötzlich ihre Cousine: „Fühlst Du Dich nicht jetzt als Matrone, da Du eine ballfähige Tochter hast? Wenn Mädchen lange Kleiber tragen, sind die Mütter alte Frauen. Konntest Du beim das Tanzenlernen Deiner Tochter nicht noch ein Jahr hiuausschieben?" Frau Löser lachte auf. „Ich bin ja auch mit meinen siebenunddreißig Jahren eine alte Frau. Durch die Freude mit Hilde werde ich aber wieder verjüngt. Mer, ivenn Du diese Auffassung hast, weshalb warst Du denn nicht vorsichtiger und hieltest Kurt voin Tanzkursus zurück? Der ist doch jetzt ein so kompleter junger Herr, daß seine Mutter sicher als gesetzte Frau gelten muß." * Frau Ehrmann seufzte. „Kurt überraschte mich mit der Tatsache. Ich hörte durch Zufall von seinem Tanzunterricht, nachdem er das Kränzchen schon einigemal besucht hatte." Ihre Cousine wunderte sich. „Das ist doch sehr sonderbar." Die Herren hatten überlegt, ob sie nicht inzwischen ein Glas Bier trinken sollten, da kam Kurt. Er trank hastig ein Glas Wein und setzte sich neben seinen Vater. Der sah ihn liebevoll an. „Nun Kurt, amüsierst Du Dich gut?" Kurt blickte Hilde an und sagte schalkhaft: „Ach, es geht so, es sind ja nur Backfische hier." „Und bartlose Herrchen," erwiderte diese schlagferttg. Kurt markierte ein Gähnen und spielte den Blasierten. Seine Mutter sagte unzufrieden: „Ich behaupte, daß der Junge entschieden zu jung zuni Tanzenlernen ist. Er hätte bis zu seinem zwanzigsten Jahre warten sollen." „Mer Mama, meine Freunde lernen doch auch alle. Ich will doch mit dem zwanzigsten niein Jahr dienen. Niit achtzehn Jahren muß man doch tanzen können." i | >| { „Du scheinst aber doch meinen begründete» Widerspruch gefürchtet zu habe». Du behandelst ja diese Angelegenheit so geheimnisvoll, daß fremde Leute mir von Deinem Kursus erzählen mußten." Kurt sah seine Mutter erstaunt an. „Wer weshalb jollte ich Dir das erzählen? Du zeigtest immer so wenig Interesse an meinem Tun und Lassen von meiner frühesten Jugend an, daß ich mich gewöhnte, Dich gar nicht mehr damit zu behellige». Ich lernte übrigens mit der ausdrücklichen Erlaubnis Papa's." Ehrmann sagte mit einer gewissen Genugtuung: „Ich muß Kurt in Schutz nehmen. Di: hattest wirklich niemals Zeit, für Familienangelegenheiten. Infolgedessen niußtc sich Kurt an mich wenden." „Wenn Du also der alleinige Vertraute Deines Sohnes bist, gibt er Dir denn auch Rechenschaft, weshalb er jeden Abend nach Mitternacht heim kommt. Oder geschieht dies auch mit Deiner Billigung?" Frau Löser erhob sich. „Hilde, wir wollen etwas im Saale pronleniereu." Und sie zog ihre Tochter mit sich fort. Ehrmann blickte seinen Sohn befremdet üu und sagte langsam: „Also, wenn ich auf Reisen bin, kommst Du, der achtzehnjährige Jüngling, nicht vor Mitternacht nach Hause, erkläre mir das." Kurt zuckte die Achsel. „Ja lieber Papa, wenn Du hier bjst, treffe ich Dich nach Geschäftsschluß zu Hause an. Entweder bleiben wir zusammen daheim, oder wir gehen ein Stündchen aus, beides ist mir gleich lieb, denn wir sind beieinander und ich fühle mich nicht einsam. Wenn Dn aber auf Reise bist, bin ich eben allein. Mama ist im Theater, oder in einer Vorlesung, oder in einer Gesellschaft, ich nehme mein Abendbrot allein. Dann spiele ich ein Stündchen Klavier. Es ist inzwischen halbzehn, zehn geworden. Als Kind ging ich nun.schlafen. Später aber hatte ich den ganzen Abend nicht Gelegenheit, eine menschliche Stimme zu hören, außer den Worten des Dienstmädchens, Herr Kurt, kann ich abtragen. Jeder Atensch hat aber doch Bedürfnis nach geselligem Verkehr und da treffe ich nun mit meinen Freunden zusammen, die von auswärts sind, also auch kein Heim haben und dann, allerdings, wird's bisweilen spät" „Und was beginnt Ihr denn'allabendlich?" „Wir besuchen ein Theater oder ein Variete/spielen Billard, Skat, wie's eben kommt," Ehrmann faßte die Hand seines Sohnes mit krampfhaftem Drucke. ,Lurt, Du weißt, daß ich reisen muß und nicht bei Dir bleiben. kann. Du bist verständig und gereift über Deine Jahre hinaus. Halte Dich hoch und bezwinge die bösen Geister der Einsamkeit, Deinen moralischen Untergang würde ich nicht überleben." . Zu seiner Frau gewandt fuhr er fort: „Dich Sidonie, Aich trifft - die Schuld, wenn unser Sohn mir Kummer macht Mögest Du es nicht bitter büßen müssen, wenn ich dereinst nicht mehr'bin." Sie lachte gezwungen. „Welche Sentimentalität. Und das wollen Männer sein!" Diese Unterhaltung stand im grelle» Kontrast mit der Umgebung. Der prunkvolle, strahlend erleuchtete Saal, überall geputzte, fröhliche Menschen, Gläserklingen, Lachen, Scherzen — und dort an dein Tischchen das Aufrollen eines Familiendramas, die leidcnschafttiche. Unterhaltung der Nachbarschaft wegen mit unterdrückter Stimme geführt. Der einzige Kaltblütige in diesem Intermezzo war Kurt Ehrmann war bleich geworden, seine Lippen bebten. Er sah die Zukunft des einzigen Sohnes von düster» Schleiern beschallet und, wie von einem fahlen Blitz beleuchtet, das Bild eines verkommenen, haltlosen Menschen . . . . Er hatte in seinem Brüten überhört, daß die Musik wieder begann. Wer da tönte die energische Sttmme seines Vetters an sein Ohr, eine Hand legte sich auf sein Kuie. „Louis, Kopf hoch. Kurt ist im Grunde gut veranlagt und in seinen Extravaganzen zu entschuldigen. Er bringt viele Abende bei uns zu, wir haben ihn lieb wie einen Sohn. Und wenn er bisweilen spät —, na, er ist schließlich kein kleines Kind und wohnt in einer Großstadt. Wenn er sonst nur solid bleibt" „Ja," sagte Ehrmann bedrückt, „Ivenn er sonst nur solid bleibt." lFortsetzung folgt.) Das „Frankfurter Israel. Familienblatt" kostet: Frankfurt a. M. (durch Postkarte bei der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes" zu bestellen) Mk. 1.— frei ins Haus pro Vierteljahr. Auswärts (am Postschalter zu bestellen) Mk. 1,02 einschließlich Bestellgeld pro Vierteljahr. Auch im Auslände nehmen sämtliche Postanstalten zu dem gleichen Preise — in Landesmünze unigerechnet — Abonnements entgegen. Bei direktem Streifband-Bezug von der Geschäftsstelle des „Frankfurter Israel. Familienblattes" : in Deutschland Mk. 1,50, Oesterreich- Ungarn Kr. 2.—, Rußland Rubel 1.—, Holland fl. 1.25, Frankreich, Schweiz, Belgien, Italien Frcs. 2,50 vierteljährlich.. Kaiser Friedrich Quelle —— Offeubach a. M. —— Vornehmstes Tafelwasser. G. Wagner, Dentist, steinweg s. Sprechstunden von 9—12 und 2—6 Uhr. Zahnplomben in Gold, rorzellan, Silber n. 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