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Neue jüdische Presse · 1904-06-03 · Heft 21 (3.6.1904) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
2 (1904)
Issue
Heft 21 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Setie 2.' sich Englands und der Türkei asiatischer Interessensphäre genähert, ein Zusammenstoß schien zum Schaden Von Kultur und Bölkerfriedeu auf die Dauer unvermeidlich, ernst blickten die hoffnungsfreudigsten Optimisten in die Zukunst; — da hat nun wieder einmal Gott, der Weltenlcnker, eingcgrifse» und hat den kulturseindlichen Neusten in einer kulturferncu Gegend in «inen Kamps verwickelt, bei dem er seine Kraft aufreibt. * * * Wenn alles aufatmet, dann darf auch der kranke Mann am Bosporus seine vom Angstschweiß, Lcnästtc Stirn trocknen. Auch ihm hatte der russische Bär seine Tatzen auf den Nacken gelegt und zwar sowohl .in Europa, als auch in West-Asien. Mit der unverdrossensten Jntcnsivität war Nnstland fortgesetzt bemüht, seinen Machtbereich in den türkischen Gebieten West-Asiens zu vermehren und bis zur Verleugnung seiner Prinzipien hat cs dieses Ziel verfolgt. So hat es denn in Kleinasien, Syrien und Palästina von je her nicht nur seinen unzähligen, sich stets vermehrenden, religiösen Niederlassungen und Erziehungsanstalten ausgiebigen Schutz gewährt, sondern auch solchen russischen Untertanen, denen es zu Hause jeden Schutz verweigerte. Und so ist es auch zu erklären, dast Rußland jeden Augenblick gern bereit ist, die Auswanderung seiner Juden nach Palästina zu fördern. Hat es doch damit den besten Vorwand, sich in die innere Administration der Türkei zu mengen und größere Rechte in Palästina zu beanspruchen, La es sich um den Schutz von im Auslande lebenden Untertanen handelt. — Staatenmoral ist eben keine Bürgermoral. Von dem achtungswerten Bürger verlangt man Charakter, von dem achtunggebietenden Staate eine Geschmeidigkeit und eine Anpassungsfähigkeit an die im Augenblick für seine Interessen notwendig erscheinenden Verhältnisse, wie sie geschmeidiger und rückgratloser, wie sie selbstsüchtiger und rücksichtsloser nicht denkbar sind. So darf denn auch die russische Negierung im eigenen Lande ihre jüdischen Bürger mißhandeln, während sie ihnen draußen schmeichelt. — Nach dem wie sich nuy heute — ungeahnt — die Verhältnisse gestaltet haben, wäre es nunmehr eine Tat weitschauender Staatsweishcit, wenn die türkische Regierung die in ihren Grenzen wohnenden ausländischen Juden zu tiirkischen Bürgern machen würde. Die Ereignisse in Ostasien habe jür die türkische Regierung eine Situation geschaffen, die, wenn sie richtig ausgenutzt wird, fiir die so gefährdete Türkei zur Rettung werden kann. Der Einfluß Rußlands auf die türkischen Verhältnisse muß jetzt ganz von selbst Nachlasse». Wird die Türkei ihre russischen Inden zu türkischen Bürgern machen; so . erleidet dadurch der russische Einfluß noch einen weiteren Stoß; ganz abegcsehen davon, daß die Türkei Bürger gewinnt, die die Wohlsahrt und den Wohlstand des Landes zu hebe», die Lust und die Kraft habe». Revision des Zionismus? . In Hamburg tagte an Pfingsten die Delegierten- Versammlung deutscher Zionisten. Wie schon berichtet, waren namentlich aus dem Osten und Norden eine große Anzahl gesinnnngstüchsiger Juden erschienen, die ihr Interesse an den jüdischen Angelegenheiten bekunde» loolltcn. Der Süden war schwach vertreten, nur die Frankfurter, Freiburger, Münchener, Regensburger Vereine hatten ihre Vertreter entsandt. Im Westen, Rheinland und Westfalen, hat der Zionismus noch wenig Fuß gefaßt, und erst in jüngster Zeit ist cs den Bemühungen der Brüder Friede mann gelungen, dort Terrain zu gewinnen. Von de» bekannten Herren waren anwesend: der Vorsitzende des Zentral-Komitees, Herr D r. Max B o d e n h c i m e r - Köln, der Präsident der Kvlonialbank W o l f s o h n ans Köln, der glänzende Bolksredncr Dr. Alfred Kl ec -Berlin, der stille „Arbeiter" der Partei Sr. Hantle- Berli», Assessor G r o n e m a n n - Hannover. D r. H ch. L o e w e - Berlin n. a. in. Der Zionismus hat eine große- Anzahl guter Redner, denen man cs anmcrkt, daß sic in hitzigen Debatten gegen einen an Ansehen und Zahl überlegenen Gegner häufig Stand halten müssen und die daher Frankfurter Israelitischer FamilienÄatt. unbewußt in ihren Reden etwas Aggressives und fiir den Gegner Verletzendes hervortrctcn lassen. Aus einem anderen Holz als die meisten zionistischen Führer ist Prof. Sr. Warburg-Bcrlin geschnitzt, er spricht nie, um der Masse zu schmeicheln, er verletzt niemals die Form, und doch oder gerade dcsivegcn hat er cs verstanden, ein Liebling der Delegierten und der Kongreßbesucher zu werden. Was war nun das Resultat der Beratungen? Das Organisationsstätnt wurde zum so und so vielten Male geändert, ein neues Zcntralbürcau soll in Berlin geschaffen werden, das besser wie bisher die Bcrwaltungsarbeitcn erledigen kann. Weiter wurde viel von Schekel, auswärtiger Politik des Zionismus, Jnncnarbeit, Vertiesung u. a. m. geredet. In zwei Tagen lassen sich diese schwierigen Fragen nicht erledigen, man spricht darüber und geht nach einer Stunde zu einem anderen Gegenstand über, den man dann in derselben Weise behandelt. Viel wichtiger aber als all dies, ist die Frage der Mauserung der Partei, der R e Vision des Programms? Ist es wirklich wahr, wie cs so häufig von den Gegnern des Zionismus behauptet wird, daß die. Zionisten nicht mehr streng national sind, daß sie anfangen, Opportunitätspolitik zu treiben? Ist es wahr, daß die Zionisten alles daran setzen, mit der Allianec Jsraelite, der Jca und anderen Wohltätigkeitsinstitnten um jeden Preis zusammenzuarbciten? War nicht die Beschickung des deutschen Judentagcs mit zionistischen Delegierten der Beginn einer neuen Politik? Und. das wichtigste zuletzt: Was bedeutet Ostasrika für den deutschen Zionisten? Auf diese Fragen hoffte man auf dem Dclegiertentag Antwort zu bekommen, und zum Teil ist es auch geschehen. Zwar die Entscheidung über Ostafrika kann erst aus dem Kongreß erfolgen, und inan tut weise daran, keine 'Abstimmung für oder gegen Ostafrika zuzulassen? Wozu sich voreilig sestlegen? Aber aus allen Reden, die darüber gehalten wurden, und es waren nicht wenige, ging hervor, daß Ostafrika niemals einen Ersatz fiir Palästina bilden kann. Als nationales Zentrum für. diejenigen, die die materielle Not zum Auswandern zwingt, darf es nach Ansicht einiger in Betracht kommen, aber eine wirkliche Heimat,.die man liebt und nach der man sich sehnt, kann -Ostafrika für die Inden niemals werden. Nicht so einig waren die Meinungen über das nationale Moment im Zionismus. Zwar hatte keiner den Mut, frei und offen zu erklären, ich bin nicht jüdisch-national, ich kann mir den Zionismus auch ohne die Betonung des Nationalen denken; aber darüber, wie man das Nationale in der Agitation verwenden soll, waren die Meinungen crstaunlicherwcise geteilt. Eine maßgebende Persönlichkeit im deutschen zionistischen Lager will den nationalen Gedanken in der Propaganda znrücktretcn lassen, ohne damit selbstverständlich für sich das geringste aufzugebeu. Die süddeutschen und auch die Berliner Herren sehen darin eine Veräußerlichung der zionistischen Idee und halten es für eine der dringlichsten Aufgaben der deutschen Zionisten, die Erkenntnis unter den Anhängern zu verbreiten, daß die nationale Idee Ansang und Ende der Bewegung sei. Die Vertreter der beiden 'Anschauungen, Opportunisten und Radikale führten für ihre ’ Stellungnahme mannigfache Gründe an, und die Meinung der Versammelten war in diesem Punkte, wie gesagt, nicht einig. Es stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß namentlich die Süddeutschen die unentwegten Radikalen und die Ostelbier vielmehr zu Kompromissen geneigt sind. Ist das nicht eine Lehre für die Zukunft, versteht man im Osten unter Zionismus nur bas Bestreben auf philantrophische Art dem Judenelend zu steuern? Wir können hierauf nicht näher eingehen, tvir glauben auch nicht, daß man ein cndgiltigcs Urteil darüber fassen kann. Jedenfalls wurde zum erste n Male auf einer großen zionistischen Delcgicrtenversammlung der Gedanke einer Programm - Revision erörtert. Noch lastet man unsicher hin und her, noch weiß man nicht, wo man mit den Wohltätigkcitsvereincn zusammcntreffcn kann, um mit ihnen gemeinsam zu arbeiten, aber der Wille ist vorhanden und dann wird der Weg auch nicht weit sein. Der Jude ist durch den Kampf um das Dasein abgestumpft, er ist keine Kampfnatnr ' _Nr. 21. und daher leicht geneigt, Kompromisse mit dem Gegner zu schließen, wenn sich die Möglichkeit er- - gibt. Soll man aber auch die eigenen Fahrstraßen verlassen und den ausgetretenen Weg gehen, wenn man leine Vergangenheit dabei aufgeben muß, wenn man den Götzen Philantropic anbeten soll, den man bisher als die zersetzende Vernichtung des Zionismus angesehen hat? ' Der Zionismus will ja nach seinem Programm kein Erbarmen, kein Rachmonus für die östlichen Brüder, er will das Volk durch das Volk erretten. Ist es nicht ein Rückschritt, beinahe eine Bankerotterklärnng der bisherigen Tätigkeit, wenn man plötzlich das wichtigste der ganzen Bewegung, die Betonung der Zusammengehörigkeit aller Juden zurücktrcten läßt?-Was bleibt dann noch anders übrig als die Philantropic? Kat der kaum siebenjährige Kampf fiir die zionistische Idee die Streitcrschar müde, und mürbe .gemacht? Wir g l a n b e n e s nicht, weil w i r c s nicht glauben wollen! Der Zionismus. will sich um jeden Preis durchsetzen und dazu sind alle Mittel ihm recht. Die Betonung des Nationalen weckt nicht bei allen einen Widerruf, und so versucht man es mit anderen Dingen, mit der Schilder- ' ung der erbärmlichen Lage, in der sich die ostländischcn Juden befinden, man sucht die Herzen weich zu stimmen für das Land, in dem ehemals Milch und Honig floß. Hat man durch den Sirenengesang eine Anzahl neuer Mitglieder angelockt, dann wird diesen in der Stille langsam und ängstlich einige Tropfen nationalen „Giftes" verabreicht bis der waschechte Zionist geboren'ist. Das ist die Taktik der Opportunisten im Zionismus, die um jeden Preis vorwärts kommen wollen, denen alle Mittel recht sind, wenn sitz nur zum Ziele führen. Die Taktik ist nicht neu in der Politik, doch ctivas ungewöhnlich fiir eine Partei, die eine Regeneration des Judentums erstrebt. Ein Volk kann man nur für eine Idee begeistern, wenn man cs mit allenJd e en, für die man es gewinnen will, vertraut macht. Schlägt man aber statt des geraden, sicheren Weges, krumme Seitenpfade ein, die anscheinend rascher zum Ziele führen, dann wird, der Haufen sich verlaufen und den Führern die Gefolgschaft versagen. Daher-caveant consules, ehe es zu spät ist. * - * * Wir wissen die Befürchtungen des geehrten Schreibers zu ivürdigen, glauben aber, daß er zu schwarz sieht. Auch bei den Opportunisten handelt cs sich in erster Linie um das nationale Moment. Es dürfte auch in diesen Kreisen niemand die 8lbsicht haben, das Nationale zu schwächen, oder gar bei Seite zustellen. Der Unterschied liegt nur in der Methode der Agitation; die Einen sagen, es genügt für den Anfang der Appell an das jüdische Mitgefühl fiir die bedrückten Brüder, welches Gcftihl von selbst nach und nach zur Bekennung der jüdischen Nationalität führt; während die Anderen gleich von vornherein den ganzen Mann fiir die ganze Sache haben wollen. Diese vergessen, daß sie selbst auf dem Wege des Gefühls und der Philanthropie zur zionistischeu Bewegung gekommen sind, Andcrerseits jedoch darf auch Nicht geleugnet werden, daß seitens der leitenden zionistischen Kreise viel mehr als bisher die Konsequenzen einer national-jüdischen Weltanschauung gezogen werden müssen. Die positive Arbeit, die Pflege der hebräischen Sprache und des jüdischen Schrifttums, ist es, die allein für die Hoch- Haltung des Nationalen Garantie leistet, auf. diesem Gebiete jedoch ist bisher fast garnichts geschehen. Anmerkung der Redaktion. Aus aller Well. Deutschland. Berlin. Aus dem Herrenhaus. Das Kapitel der Staatsciseubahnverwaltung gab einem Herrenhansmitgliede, dem bisher noch in lveitestcn Kreisen unbekannten Herrn von Klitzing, Gelegenheit, auch einen Ausflug ins Antisemitische zu machen. Zunächst^ forderte er, daß streng getrennte Wartesäle fiir die erste, zweite, dritte und vierte Eisenbahnklasse eingerichtet würden^ diese Trennung der Fahrgäste verlange die Autorität des Staates. Und dann klagte er, daß sich in der zlveitcn Klasse ein Publikum breit mache, „das zu unseren Staatsangehörigen jüdischen Glaubens gehört", welch' letztere sich so gegen Damen zu benehmen

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