Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 57 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 57. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. und begeisternden Worten des Herrn Professor Tr. Philippsohn, Berlin, zu lauschen. In tnrzen, prägnanten Strichen zeichnete der Vortragende das Wesen des jüdischen Staates, wie er in der jüdischen Gesetzgebung festgelegt worden ist. Die Gleichheit, die individuelle Freiheit und die Aufrechterhaltung des Rechtes eines jeden Bürgers — ob reich oder arm, ob Jude oder Nichtjude — vor dem Gesetze sind seine Grundprinzipien, und diese Prinzipien sind so in der unscheinbarsten Einzelheit einer jeden Gesetzesgattung durchgeführt, daß wir uns für den idealsten Staat der Zukunft nichts Besseres und Vollkommeneres vorstellen können. Aus der unendlichen Fülle des jüdischen Gesetzescodexes möge man nur zu einem Vergleiche mit der Gegenwart Folgendes herausgreifen: Vollständige Freiheit der Rede (nur Gotteslästerung ist strafbar) und vollständige Vereinsfreihcit (Prophetenschnlen, Verein der Essäer usw.). Sicherung des Lebens und der Gesundheit der Person. (In der antiken Welt wurde die Schädigung eines Mitbürgers durch die Familie desselben gerächt — Blutrache, die auch heute noch nicht ausgestorben, so in Corsica und Sardinien —; auch konnte in der antiken Welt der Mörder sich loskaufen und sich so der Besitzende jeden Frevel erlauben.^ Todesstrase nur sür absichtlichen Mord, Mißhandlung der Eltern, öffentlich ausgcübten Götzendienst und widernatürliche Unzucht und auch in diesen Fällen durch so zahlreiche Cautelen erschwert, daß fast unmöglich: während in England z. B. bis znm Anfang des 19. Jahrhundert auf Diebstahl noch der Galgen ruhte. Vollständiges Fehlen irgend welcher Marterstrafen, die in Europa zuerst von Friedrich dem Großen abgeschafft worden sind. Keine indirekten oder sonstige Steuern, sondern nur Einkommensteuer. Direkte Verwaltung des Staates und der Kommune durch das Volk. Verpflichtung des Staates zur sozialen Hilfsarbeit. (Ten Armen der Ertrag des 7. Jahres, der Ackerecke und der Nachlese, sowie ferner der Zehnte. Darlehn nicht als Geschäft, deshalb keine Zinsen und »ach 7 Jahren Verjährung der Kapitalsumme. Sofortige Bezahlung der Arbeiter und Taglöhner.- — Dieses einzigartige jüdische Staatswesen ist nun vor fast 2000 Jahren zu Grunde gegangen, aber die Nachkommen seiner Bürger leben noch heute; sie haben sich zu allen Zeiten als treue, opferfreudige Bürger des Landes bewährt, in das sie ihr Geschick geführt hat, getreu den Worten des Propheten Jeremias: Suche das Heil des Staates, in dem du wohnst, denn in seinem Heile ist dein Heil; und getreu den Worten der Sprüche der Väter: Bete für das Wohl des Staates, denn wenn der Staat nicht wäre, würde einer den anderen lebendig umbringen. Berlin. Der mehr denn 600 Mitglieder umfassende Jüdische Turnverein „Bar Kochba" hat eine 3. Männer - Mteilung im Nordwesten Berlins begründet. Die Eröffnung hat letzten Samstag, abends 8% llhr, in der Turnhalle der städtischen Realschule, Schleswiger Ufer 9, nahe Flensburger Straße, stattgefunden. Br o m b er g. Einen außerordentlich interessanten Vortrag hielt aus Veranlassung der historischen Abteilung der „Deutschen Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft" Herr Archivrat Tr. Warschauer auS Posen, dem bekanntlich eine Professur an der dortigen Akademie übertragen worden ist. Er behandelte ein bis dahin in seinen Einzelheiten völlig unbekanntes Kapitel aus der Kolonisationstäligkeit Friedrichs des Großen im Nctzedistrikt, nämlich den Versuch des Königs, die Juden aus dem Netzedistrikt auszutreiben und sie durch christlich - deutsche Ansiedler zu ersetzen. Ans Grund archivalischer Studien und der ihm zugänglich gemachten Originalkorrespondenz des Freiherrn von Brenkenhoff, des Erbauers des Brombcrger Kanals und Kolonisators des Netzedistrilts, vermochte der Redner nachzuweisen, wie ernst es Friedrich dem Großen um die Austreibung der polnischen Juden >var, wie aber dieser Versuch der einfachste» Lösung der Judenfrage daran scheiterte, daß die Beamtenschaft' des -großen Königs, welche dieser im Geiste der Toleranz erzogen hatte, dessen Grundsätze nun gegen ihn selbst kehrte und ihm passiven Widerstand leistete, sodaß der König schließlich darauf verzichten mußte, den Plan ausgesührt -zu sehen. Aus der Lehrerwett. W ü r z b u r g. Tie Israelitische Lehrerbildungsanstalt veröfsentlicht den Bericht über das 39. Jahr ihres -Bestehens. Die Anstalt wurde im abgelaufenen Schuljahre von 29 Zöglingen besucht, von denen 3 Unterricht. Wohnung und Betöstigung vollständig unentgeltlich und 24 eine» Teilpreis für die Beköstigung erlassen erhielten. Im laufenden Schuljahr gehören der Anstalt 32 Schüler an. Aus der Seligmann Bär Bamberger Stiftung wurde dem Schüler des 2. Kursus Herm. Kkugmann aus Wiesenbronn der 2. Preis und dem Schüler -es 1. Kursus Isidor Marx aus Bödigheim der .3.. Preis zuerkannt, während-der 1. Preis nicht zur .Verteilung gelangen könnte. Tie finanziellen Verhältnisse der Anstalt sind günstige. Tie Einnahmen beliefen sich auf 25 41b Mark (3647 Jf. Kapitalzinsen, 16 285 Jf. Jahresbeiträge und spenden, 3982 Jf. Bezahlung der Schüler fiir Verpflegung, 969 Jf. für die Pension- und Witwenkasse und 531 Jf. Kassarest ans dem Vorjahre): dem stehen 19 400 Jf. Ausgaben für die Anstalt, 1773 ,lk Gebäudezinsen und 1100 .lf. Witwengchalt gegenüber. Das Kuratorium besteht ans den Herren: Tistrittsrabbiner Adler, Kitzingen; Tistriktsrabbiner Tr. Bamberger, Kissingen; Jakob Cramer, Fürth: Direktor Dr. Deutsch, Fürth: Bankier Laz. Klau, Frankfurt; W. Oppenheimer, Würzburg; Sam. Stahl, Würzburg und Emil Wassermann, Bamberg. Jeder dieser Herren ist zu Anskunftserteilungen und Spendenannahme gern bereit. Personalien. Köln a. Rh. Anläßlich seines 70. Geburtstages hat Herr Friedrich Drücker, ein angesehenes und bei vielen jüdischen Institutionen tätiges Mitglied der jüdischen Gemeinde, größere Spenden an eine Anzahl jüdischer Wohltätigkeitsvereine gegeben. Altona. Der Präsident der Mtonaer Handelskammer, Herr Kommerzienrat Albert Marburg, Chef der Banksirma W. S. Warburg, wurde bei Anwesenljcit des Handelsministers Möller in Altona zum Königl. Geheimen Kommerzienrat ernannt-« L ü b b e n, 27. Nov. Heute beging der Kaufmann Wilhelm Wolfs sein 25jähriges Jubiläum als Vorsitzender des Shnagogenvorstandes und Schatzmeister der Gemeinde Lübben nebst Filialen Friedland-Lieberose. Beide Aemter, die dem Jubilar vor einem Bierteljahrhundert von der königl. Regierung zu Frankfurt a. O. übertragen worden sind, hat er seitdem mit seltener Hingebung versehen. Tie dankbare jüdische Gemeinde überreichte ihm eine kunstvolle Adresse und Silber-Geschenke. Auch aus dem werteren Kreise der Mitbürger liefen zahlreiche Beweise lebhafter Teilnahme ein. Heute Nachmittag fand zu Ehren des Jubilars ein Fcstgottesdienst statt. Bei demselben übergab der zweite Vorsitzende des Synagogcnvorstandes, Kaufmann Böhm, namens des Jubilars einen sehr wertvollen Schmuck und Schutz für die Gejetzesrollen, bestehend in einem silbernen Schilde, welcher an der Vorderseite der Rollen hängt, und in einer silbernen Krone, welche die Rollen überragt. In seiner Festpredigt feierte der Rabbiner den Jubilar als einen Mann, der nach dem Vorbilde Jakobs den Weg der Arbeit, Rechtschaffenheit und Gottesfurcht gewandelt sei. Mögen dem Jubilar noch viele Jahre unverminderter Tatkraft und gesegneten Schaffens beschieden sein. Arad illngaru). Herr Daniel Neumann und Frau Marie, geh. Fürst haben dem Israel. Fraucnverein ein Haus ini Werte von Kr. 60000 geschenkt. L i s s a, 29. November. Am heutigen Tage verstarb Hierselbst der durch seine Frömmigkeit. Gelehrsamkeit und Redegabe bekannte Rabbiner M. Wreschner im Alter von 82 Jahren. Nachdem er längere Zeit hindurch das Rabbineramt in Lublinitz bekleidet hatte, übernahm er die Klausrabbinerstelle an der Abraham, Jol und Bertha Sachs'schen Stiftung in hiesiger Gemeinde und hat diesem Amte in hinopfernder Treue Jahre lang vorgestanden. Sprechsaal. D e v a v a n y a, d. 8. Nov. 1903. Schreiber dieser Zeilen hat am 7. 3. 1902 eine Postkarte von Professor Strack erhalten, deren Inhalt er gegenwärtig aus einem Grunde mitteilt, den er am Schlüsse angcben wird. Vor allem solge hier der Inhalt der betreffenden Postkarte, die er zugleich uns, d. h. der löbl. Redaktion, behufs Einsichtsnahme einsendet: Prof. Tr. H. L. Strack Berlin W. Groß - Lichterfelde West 6. 3. 02. 8—9 R. Ringstraße 73. An Herrn stud. phil. Philipp Fischer Marburg a. L. Grün 54. Bon meinem im Jahre 1889 im „Nathaniel" erschienenen kleinen Aufsatz über S. R. Hirsch ist ein Sonderabdruck nicht erschienenen. Die Benutzung unter Quellenangabe steht Ihnen selbstverständlich frei. .Die Zeitschrift wird iu.der Universitäts-Bibliothet sein; sonst wird wohl Herr Prof. Achelis sie Ihnen für einige Tage leihen. Bor einigen Tagen schrieb man mir aus Nordamerika, daß H. um 1840 in seiner Gemeinde das Sagen von Kol-Nidre abgeschasft habe. Tie Quelle dafür ist mir augenblicklich nicht bekannt. Mit guten Wünschen 6. 3. 1902. Prof. Tr. Hermann L. Strack. 'Großlichterfelde VV. Nun wurde diese Karte Prof. Stracks durch freundliche Vermittelung des Herrn Jakob Rosenheim in Frankfurt a. M. dem Sohn S. R. Hirschs, Herrn Julius Hirsch in Frankfurt vorgelegt. Derselbe retournierte dieselbe mit der Anmerkung: „Davon ist mir überhaupt — Nichts bekannt. Es ist die Tatsache selbst siche^r nicht wahr. I. H." Nun aber möchte der Schreiber dieser Zeilen dennoch gerne erfahren, was wohl die. Quelle dieses Mißverständnisses, daß Rabcnu s. R. Hirsch s. A., dieser Hort der Gesetzestrcue, ein altüberliesertcs Gebetstiick abgeschasft hätte, gewesen sein mag. s» ersuche ich denjenigen werten Leser/ dieses geschätzten Blattes, der mir etwa diesbezügliche AuSknnft erteilen könnte, solches gefälligst zu tun. Rabbiner M. E. Philipp Fischer. Das Glück. AmKrton Novelle von A. Halbertyal. (Fortsetzung.) Myriam spielte vor. Die kleine Eva fragte dann: „Soli ich — Fräulein." Myriam blickte sie lächelnd an: „Das Alter entscheidet, liebes Kind." Dann zog wohl das kleine Evchen das Mäulchen weinerlich zusannnen, schmollte oder machte den Versuch, es zn tun, aber nur für einen Moment. Tann siegte doch das heitere Temperament und lebhaft jagte sie, drängend und manchmal auch mit dem Arm „stupsend": „Ella — nun!" Myriam hatte ihre Freude an diesen beiden Schülerinnen. Doch in letzter Zeit änderte sich die Situation. Während des Unterrichts nänilich össnete sich oft die Tür des Nebenzimmers und Jemand trat ein. Myriam dachte, es sei der Vater — die Kinder hatten keine Mutter — aber in Wirklichkeit war es der ältere Bruder. Das kleine Evchen war gerade „dran" und machte Miene zu unterbrechen, um den Bruder zn begrüßen. Er jedoch trat näher, legte leicht die Hand auf ihr Keines Haupt und sagte weich: „Nur zu, ich will doch auch was hören." , Mit Myriam tauschte er nur einige Worte aus: Wie sie niit den Kinder» zufrieden sei, ob es sie nicht zu sehr anstrenge und so weiter. Dann ging er. Eines Tages kam Myriam und traf weder die Kleine im Korridor, »och die Aeltere im Zimmer. Sie klopfte und ging in de» Salon. Gleich darauf trat der Bruder ein. > - „Sie entschuldigen. Fräulein Weiß: meine Tante ist chier zu Besuch unjd ließ den Kleinen keine Ruhe, sie sollten niit ihr einen Ausflug machen." Cr zog die Uhr aus der Tasche, da er bemerkte, daß Myriam Miene machte, sich zu verabschieden: „Aber es ist bereits 3 Uhr; sie versprachen pünktlich wieder da zu sein — sonst —" Myriam setzte sich ans Klavier: „Tann will ich warten." Sie nahm ein Notenheft zur Hand uni» blätterte darin, dann blickte sie auf. Er stand etwas verlegen Jn der Mitte des Zimmers und betrachtete sie. sie bemerkte, daß er etwas sagen wolle und mit der Verlegenheit tämpfte. Endlich fragte er: „Sind Sie mit den Kindern wirklich zufrieden?" _ „In der Tat. Ich ivollte, ich hätte viele solcher Schülerinnen," und lächelnd: „die mir so zugetan sind." ,Ha, die Kinder haben Sie lieb . . . wirklich lieb. * „Mir scheint das das Höchste, was ein Lehrer oder eine Lehrerin erringen kann." „Die Liebe der Kinder, meinen Sie — gewiß. Da kann ich auch ein Wort mitreden. Dadurch erwirkt man alles. Furcht schüchtert wohl ein . . . aber Liebe erweckt die jugendlichen Kräfte und bringt sie eifrig zur Entfaltung." Myriam blickte ihn an. Sie bemerkte, daß er ebenmäßige Züge hatte, eine etwas breite Stirn uni» scharf ausgeprägte Mundwinkel. Sie war angenehm überrascht. Wer das kindliche Gemüt versteht, zn verstehen sucht — wer Liebe zn Kindern empfinden kann, ist em edler, feinfühliger Charakter. Das war ihre Erkenntnis von je her. Er verstand ihren Blick. „Ich >var zwar noch nie Lehrer, aber seitdem Mutter gestorben ist und ich die Kinder erziehe," er unterbrach sich, „beobachte, nieine ich. weiß ich, daß eine Kinderseele nur für Liebe empfänglich undankbar ist, sonst werden alle Keime erstickt." „Ihre Frau Mutter schon lange tot?" „Seit zwei Jahren." Er holte tief Atem, um einen Seufzer zu unterdrücken. „Für die Kinder ist das ein unersetzlicher Verlust. Vater ist immer beschäftigt, immer außerhalb, und diese Keine» Würmchen haben Niemanden." Myriam lächelte leicht: „Wenn Sie soviel Verständnis sinden bei Ihnen." „O, bitte sehr, ich habe sonst keine Zeit, nun letzt — in den letzten Monaten, seitdem ich min eine Hand ausgerenkt habe . . ." Jetzt bemerkte Myriam. daß ihm die Rechte schlaff herabhing; er fuhr fort: .Habe ich unfreiwillige Ferien, die widme ich .ihnen." Eine Panse trat ein. Beide saßen sich gegenüber. Turch's Fenster schien die Sonne, hell unwarm. Myriam unterbrach die Stille: „Die Kleine wird einmal tüchtig werde»:" „Auch tch hoffe es, aber sie braucht eine straff«^ feste und doch liebevolle Hand, die sie kettet: Sie