Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 51 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692348--00520-2694915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. dem Gotte ihrer Väter und seinem ewigwahren Worte ergeben sind. Das Deutsche Reich ist nur der Ausgangspunkt, woher der Genius Hirsch's seinen Triumpfzug in die Geister und Semite seines Volkes begonnen. Dortselbst strahlte die «onne seines Geistes nur auf, um das himmlische Licht der wahrhaftigen Gotteserkcnntnis und wahrer und erhabener Menschen- und Menschheitsbestimmung all überallhin erleuchtend und belebend zu senden. Im weiten Zarenreiche schaffet rastlos der tüchtige Hcbräist, Herr Moses Aronsohn, um die Meisterwerke <5. R. Hirschs auch dem nur hebräisch lesenden Teile des jüdischen Volkes zugangbar zu machen. — Auch dem englisch lesenden jüdischen Publikum sind die 19 Briefe über das Judentum, welche den skizzenartigen Grundriß der Hirsch'schen Ideenwelt enthalten, durch eine englische Uebersetzung des Rev. Dr. Drachmann in New-Pork zugänglich gemacht. — Auch eine ungarische Uebersetzung der 19 Briefe Hirsch's wurde bereits vor einigen Jahren in dem ungarischen Organe der hierländischen Orthodoxie versucht. Doch siel dieselbe gar mißlich aus. Der Ucbersetzer war seiner Aufgabe nicht gewachsen, indem er das Original Wort für Wort ins Ungarische übertrug, anstatt den dem deutschen Sprachgeiste entsprechenden Redewendungen die dem Geiste der ungarischen Sprache entsprechenden entgegenzustellen. Damit machte er ein Verständnis seiner Uebersetzung für unmöglich. Uebrigens erschien diese Uebersetzung auch nur bis zum neunten Briefe. Mer noch von den Zeiten des Mkolsburger Aufenthaltes von Hirsch sind einige Reminiszenzen an ihn in Ungarn aufbewahrt. Da Hirsch nach Nikolsburg kam, ward — und zwar hauptsächlich in der ersten Zeit seines dortigen Aufenthaltes — seine Wesenheit ganz falsch aufgefaßt, man hatte seine Eigenart überhaupt nicht begriffen. So kam es, daß die ehrsame jüdische Gemeinde von Nikolsburg den Prediger Manheimcr, einen Anhänger der Reform, aus Wien berief, um einen S. R. Hirsch.' zu begrüßen. Prediger Manheimer sagte auch mit Freuden zu und begrüßte Hirsch in der Hauptsynagoge von Nikolsburg mit den Worten „Jsch aschcr ruach elaukim bau" (1. Bi M. 41, 38), in dem er des Weiteren ausführtc, wie der neugewählte Landcsoberrabbiner von Mähren der Mann ist, der in die Gesetze des Judentums Geist zu bringen versucht. Zugleich webte er ums Haupt von Hirsch den Glorienschein eines Mannes, der da berufen ist, die Zukunft des mährischen Judentums in ganz neue Bahnen zu lenken.*) * Doch blieb die Andersgeartetheit Hirsch's von dem Schlage eines Manheimers nicht lange ein Geheimnis. Und ibald wandten sich die orthodoxesten Rabbiner in Ungarn an des Oberhaupt des mährischen Judentums um Rat. Während eines Aufenthaltes von Hirsch in Wien, suchten denselben mehrere der größten Rabbiner Ungarns aus. Auch der verstorbene Oberrabbiner von Preßburg, der berühmte Verfasser her autoritatives Ansehen genießenden Responsensammlung „Kessav Sauser" war unter ihnen. — Sabbat darauf, als R. S. Wolf Sofer von dem Besuche bei Hirsch zurückgckehrt war, so erzählte mir ein glaubwürdiger Schüler desselben, also «abbat darauf gingen besonders viele Talmudjünger gelegcnüich des Scholausch-Seudahmahles zum Rabbi hinaus. Sie waren 'auf den Eindruck neugierig, den der neue, eigengeartete Rosch-Medinah von Mähren auf ihren Iiabbi gemacht hatte. Besonders waren sie daraus neugierig, wie sich ihr als Heros der talmudischen Wissenschaft gefeierte Rabbi über die Talmudgelehrsamkeit Hirsch's äußern werde, da sie seiner talmudischen Gelehrsamkeit gegenüber Mißtrauen hegen zu müssen wähnten, indem es ihnen als eine «ache der Unmöglichkeit schien, daß ein modern gebildeter aschkenasischer Raw auch ein großer Lamdon nach allem «chnitte sein könne. Auch wußten sie, daß ihr Rabbi, wie der größte Teil seiner gleichzeitigen, strenggläubigen Amtsgenossen, niit scheelen Augen auf die Verbreitung von weltlicher Geistesbildung schaute- und infolge trauriger Erfahrungen in jeglicher Verbreitung profanen Wissens unter den Glaubensgenossen eine Gefährdung der überlieferten Gesetzcstreue erblickte. Und gar überraschend lautete die Aeußerung des Rabbi: »Wir haben mit dem Rosch-Medinah 'sehr viele Diwph Tauro gesprochen. Aber worüber immer wir mit ihm sprachen, überall in Schaß und Poßkim war er zuhause. Ein Massel haben wir ungarische Rabbonim. Er meint nämlich, wir ivären größere Lamdonim als er. Wüßte er aber, was für ein großer Lamdon er selber ist, dann hätten wir keine Menuchah von chm." Der letzte Sah bezog sich auf die Bestrebung Hirsch's, auch wellliche Bildung unter seinen Glanbensgeiwssen zu verbreiten. Ein achtzigjähriger Lamdon in Preßburg erzählte mir, daß er einst einem «chiur, einem Talmudvortrage Hirsch's, den derselbe vor seiner Jeschibah in Rikolsburg hielt, beigewohnt hatte. Während des Schiur gelangte Hirsch auch zu einer der schwierigsten Stellen in Tossafoth. Und bescheiden sagte Hirsch zu seinen Jüngern: Ich selber verstehe noch nicht diese Stelle. So kommet, lasset uns sich darüber gemeinsam plagen. *) Siehe hierüber auch Dr. Immanuel Löw, Rabbiner in Szeged, Ungarn. „Löw, Immanuel, Beszedei", S. 401 und 402. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Diese Bescheidenheit rührte erwähnten Lamdon derart, daß immer, wenn er an eine fchwerverständliche Stelle in Tossafoth gelangte, er sich unwillkürlich des große» Mannes erinnern mußte, zu dessen Größe sich eine solch tiefe Bescheidenheit gesellte. _ Zur damaligen Zeit, da Nikolsburg noch eine «tadt voll der Weisen und Schriftkundigen war, und Mähren noch große Talmudgclehrten zu Rabbinen und viele, bedeutende Talmudhochschnlen hatte, stand die Talmudgclehrten - Republik Ungarns in innigem Verkehre mit der Mährens. Talmudjünger aus Ungarn besuchten Talmudhochschnlen in Mähren- An ungarländischen Talmudhochschulen waren wiederum auch Jünger aus Mähren anzutresfen. So ist es kein Wunder, daß bald die ganze Rabbinerwell Ungarns von dem neuen Rösch Medinah in Mähren wußte, der Wunder wie „gebildet" und dabei „doch" streng orthodox sein sollte. Fast ungläubig vernahmen sie die Kunde von seiner Gesetzcstreue, hatten doch den frommen Rabbinen die „ersten Schwalben" in Ungarn, die damals aufgetauchten ersten „gebildeten" Rabbiner im schönen Magyarenlande, ein Leopold Löw, Fasse! in Groß-Kanisa und Genossen, gerade das Gegenteil von einer harmonischen Vereinbarkeit altüberlieferter Gesetzestreue und moderner Bildung zu beweisen geschienen. Das Auftreten ähnlicher Persönlichkeiten war nur dazu geeignet, um die moderne Bildung, sic von diesen ihren ersten Inhabern unter den Rabbinen aus beurteilend, zu verurteilen, sie in den Augen der nur talfnudisch Gelehrten zu mißkreditieren, sie in den üblen Ruf zu bringen, als wollte sie Alleinherrscherin sein und duldete keine Gesetzcstreue neben sich auf denr Throne des Geistes und Gemüts. Das Wort Hirschs: „Jede solche falsche Wissenschaft untergräbt — nicht das Judentum, das Judentum wird uns alle überleben untergräbt aber jedes Aufblühen wahrer Wissenschaft km Judenttime, indem es allen mit der Wissenschaft nicht verttautcn aufrichtigen Juden, crsahrungsmäßig, wissenschaftliches Streben als das Judentum gefährdend erscheinen lassen muß" (Jeschurun VII, S. 357) — bekundete sich als ein „Wahrwort." So ist es kein Wunder, wenn so mancher altertümliche Rabbi in Ungarn, dessen ausschließliche talmudische Bildung ihm die Einsichtsnahme in Hirschs von wahrer, unerschütterlich festen Glaubenstreue und glühender Anhänglichkeit ans überlieferte Schrifttum versagte, gar ungläubig das Haupt schüttelte, so man ihm die Orthodoxie Hirschs laut pries. Und gar als man davon Kunde erhielt, daß der neue Rosch-Medinah der großen Unordnung und Anstandslosigkeit steuern wollend, die in den Synagogen platzgegriffen, ein Rundschreiben an sämtliche Rabbinate und Vorstände in Mähren erließ, worin er sie aufforderte, die Ordnung während des Gottesdienstes in den Synagogen wieder herzustcllen und die wiederhergestellte Ordnung strenge aufrecht zu erhalten, — da witterte gar mancher Hirsch nur aus Hören und Sagen, nicht aber aus seinen Schriften Kennende einen verkappten Reformer in ihm. Und doch war eben auch diese Tat Hirschs ein Ausfluß tiefster Weisheit und glühendsten Glaubenseifers. Hirsch sah, wie die Reformer mit Hilfe von Schlagwörtern von Anstand in der Synagoge und dergleichen sich all derjenigen bemächtigten, die infolge ihrer sozialen Stellung an schönen Anstand im Benehmen gewöhnt waren und die es nicht gut leiden mochten, daß der lärmende Wirrwarr in der Judenschul' ein ewiges Gleichnis zu jeglichem Gepolter hergeben mußte, — er sah. Wie solche Schlagwörter der Reform nur Köder waren, um die besser Gesitteten anzulöcken. Da berief sich Hirsch auf den klipp und klar ausgesprochenen „Din" im Schulchan-Aruch, forderte eben im Namen des von den Reformern begeiferten Schulchan-Aruch Anstand und Andacht in der Synagoge. Forderte eben in: Namen der aus der Basis des Schulchan-Aruch stehenden Orthodoxie das, woraus die Gegner der Orthodoxie Waffen gegen dieselbe schmieden wollten. «o war cs gewiß Oberflächlichkeit, wenn ein hervorragender Rabbiner in Ungarn, da er von Hirschs Zirkular hörte, in die Worte ausbrach: „Schomann z’wi lazadik woaumar rosi li rosi li“ (Jesaias 24, 16). „Ich höre „z'wi" Hirsch für einen „zadik" preisen. Solches aber bleibt mir ein Rätsel, da doch auch, er neue Sachen einführt." _ Einer der hervorragendste» Rabbinen aus der «chule des weltberühmten Verfassers der Nesponsensammlung „Chassam Säufer" hatte Obiges über Hirsch gesagt. Wir dürfen es ihm nicht übel nehmen. Auch er wußte von Hirsch nur aus dem Gerede der Leute. Doch sühnte später ein anderer Schüler des R. Moses Sofer s. A., der zugleich ein Schwiegersohn desselben war, jenes lieblose Urteil seines Schulgenossen. Und eine Versöhnung zwischen der althergebrachten Richtung in der Orthodoxie und jener einen Geist der Erfrischung und Verjüngung, der weltgeschichtlichen Auffassung und Bedeutung über das überlieferte Heiligtum Israels äusgießenden Richtung Hirschs anbahnend und diesem herrlichen Manne vorurteilsfreie Würdigung zollend, tönten die dem Andenken Hirschs gewidmeten Worte in der Wiener sogenamtten „Schiffschül": „Das ganze Leben Rabbiner Hirschs war Gott geweiht. Gott und seinem Gesetze waren gcweihet die Gedanken seines Geistes und die Gefühle seines Herzens. Und derjenige, der seine Werke zu lesen Pflegt, empfindet es bei Nr. 51. ihrer Lektüre, wie ein Quell der Lebensheiligung in ihm aufsteiget."-„Seine 19 Briefe pflanzen Einem die Kraft des Glaubens ins Gemüte, sein Ehaurew wieder durchdringet Einen mit Erkenntnis des Geistes, der in den Geboten Gottes wehet."- „Er war der Mann, der bereits vor 50 Jahren den Verteidigungskampf gegen die «türmer des 'Ueberlieferten eröffnete. Er gab seine 19 Briefe heraus und sic erregten Bewunderung. In diesen 19 Briefen enthüllte er den ganzen Schwindel der Reformcr. Er zeigte auf glänzende Art und Weise die Erhabenheit und Klarheit des Bätcrerbes. Wer diese 19 Briefe liest, der wird 'eingestehen müssen, daß er das Judentum — bevor er diese 19Briefegelesen — nichtsoerkannthat, wie jetzt. Er fühlt sich nach der Lektüre dieses Werkes als ein ganz neues Wesen. Nachher gab Rabbiner Hirsch seinen Ehaurew heraus, dies ist eine Begründung der 613 Ge- und Verbote. Dieses Werk ist ein „Ehibur eiflo o'nauro", ein wunderbares und erhabenes Buch, das da den Ruhm seines Verfassers in die ganze Well hinaustrug."-^Siehe: „Sefer tikun Schelauman" von Rabbiner «alomon Spitzer, S. 111, b. Hespeci auf Hirsch.) (Schluß folgt.) Großrabbiirer David Moses Friedmaim s. A., ein Großer in Israeli) Die unvergängliche, göttliche Lebenskraft, die im Judentum waltet, verleiht jeder Generation, auch der niedrigsten, Männer, in denen sich, als Lebenscentren gleichsam, die Volksseele offenbart. Wer den entfernteren Gliedern geht das Verständnis, das Gefühl für den Verlust derselben ab, wie den grasenden Schafen beim Hinscheiden des Hirten. „Der Gerechte geht dahin. Niemand nimmt es sich zu Herzen." Und dennoch trauern Hunderttausende an der Bahre, des dahingeschiedenen Großrabbiners David Moses Friedman, des faktischen, wenn auch nicht offiziell als solches anerkannten Oberhauptes der Judenheit. Der Verblichene hat das Alter von 77 Jahren erreicht. Geboren am 7. Siwan 5587 (1827) segnete er das Zeitliche am 27. Tischri, 19? Oktober er., .als der Letzte von sechs Söhnen, des von Millionen glaubenstreuer Juden und ihrer Führer allgemein als Oberhaupt anerkannten Iiabbi Israel Friedman von Rougean und Scidagora (starb 1850). Als Fünfter in einer Reihe glorreicher Ahnen, die im Kampfe mit geisttgen Waffen das Judentum durch die Gefahren einer Epoche hindurchgerettet haben, wie sie drohender noch nie in unserer so sturmreichen Geschichte den Bestand desselben in Frage gestellt. 77 Jahre umspannen einen Zeitraum, in welchem die Verhältnisse der Menschheit im Allgemeinen, der Judenheit insbesondere, Uiirtvälzungen durchgemacht haben, die den eintönigen Verlaus von zwei Jahrtausenden bis zur Unkenntlichkeit veränderten. Das west- und mitteleuropäische Ghetto ist mitsamt seiner Religiosität von den Sturmfluten des modernen Zeitgeistes hinwcggeschwemmt worden. Stteitsüchttge Gelehrte und zerstörungslustige Reformer haben die Dämme durchlöchert und dem zerstörenden Elemente den Weg gebahnt. Vereinzelte. Ruinen ragen noch aus dem Trümmerselde empor, immerhin wohnlich genug, um Simchasthorabälle darin abzuhalten, wenn man mit dem Abschluß der Thora fertig ist. Im Osten bedrohte eine entartete Rabulistik, eine mißverstandene und mißbrauchte Mystik, die wahre Religiosität des jüdischen Herzens mit dem Tode. Da trat der Erste in der glorreichen Ahnenreihe des Verblichenen auf, der tiefste Denker und bedeutendste Gelehrte seines geistreichen Zeitalters, R. Dowber in Meseritsch, Schüler des großen Kontrereformators R. Israel Balschemtors. Er sammelte die bedeutendsten Geister der Judenheit als seine Schüler um sich und schuf eine Organisation, welche alle religiösen und sozialen Verhältnisse der Judenheit umfassend, als rettende Arche über die Flut hinaushalf. An die Stelle des handwerkmäßigen «tlldiums, das die wahrhaft Großen über das Gebet emporhebt, die Mittelmäßigkeit 'jedoch der wahren Religiosität entfremdet, wurde die Tesillah, der Dienst des Herzens und des Glaubens, wieder in ihre Rechte eingesetzt, nachdem seiner Zeit der große Rabed schon gellagt hatte, sie sei zum gedankenlosen Geplapper — hcrabgesunkc». Das ewige Feuer des Altares, das nie verlöschen darf, und durch Jahrhunderte nur in den Scheiterhaufen jüdischer Märtyrer zum Himmel loderte, war im Materialismus der Westler und in dem Geistcshandwerk der Gelehrten dem Erlöschen nahe. Es wurde im Herzen neu entzündet. Die dunlle Mystik, von Ramban (Nachmanides) mit Drohungen und Warnungen vor ihrer Gefährlichkeit als Waffe gegen die Scholastik in'' den Gedankenkreis eingeführt, wurde mit Macht an das Licht scharfsinniger Prüfung gezogen, zu einer Religionsphilosophie verarbeitet, in großartigen Systeinen, welche die parallelen Kon-- *) Ter geschätzte Verfasser führt den Leser in die dem westeuropäischen Juden fremde Welt des .Chasidismus ein, dessen begeisterter Anhänger der Verfasser, wie aus seinen Ausführungen hervorgeht, ist; wir haben geglaubt, es unseren Lesern nicht vorenthalten zu sollen. Anm. d. Redaktion.