Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 51 (30.10.1903)
- Date
- 1903-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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S>: 3 ET Wonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Nostzeiturrgskiste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt-Expedition: JTran&furf su Ml. Bergerstrsße 25, parterre. -MtN- Herausgeber: Katy Geis. Jnfertionspreis für die viergespaltene ^Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (FamUien-Rachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Bellagen je nach Gewicht, DL 5.— LiS 8.— das Tausend. No. 51. - Freitag, den 0. Cheschwan 5664 (BO. Oktober 1908). No. 51. Wohin steuern wir? Wenn wir auch gegen die Ausführungen des Rechtsanwalts Dr. Meyer, Hannover, in seinem »ljuo-vaäis-Artikel" energisch Stellung genommen haben, so können wir dem so klar und so richtig gezeichneten Situationsplan, welchen der Verfasser von unserer zeitgenössischen deutschen Judenheit entworfen hat, die Zustimmung nicht versagen. Der schärfste 'Gegner der gegenwärtigen inneren jüdischen Verhältnisse hätte wahrlich nicht vermocht, ein naturgetreueres Bild zu entwerfen. — Die grösste Unwissenheit und Gleichgültigkeit gegen Judentum und Judenheit auf der ganzen Linie und dabei doch immer und immer Kokettieren mit der Anhänglichkeit an das Judentum und Liebe zur Judenheit! Wohin segelt nun bei diesem Verschwinden eines jeden wirklich jüdischen Interesses unser Schiff; in welchen Hafen wird es am Ende seiner Fahrzeit einmünden? Diese Frage sollte sich eigentlich ein jeder Denkende unter uns vorlegen, um sich Klarheit über ihre Beantwortung zu verschaffen. Herr Dr. Mayer war so ehrlich, diesen Versuch zu wagen; freilich ist er — der von seiner Gemütlichkeit nichts aufgeben will — im Grunde genommen mit der so trostlosen Lage recht zufrieden. Ihn schmerzen nur die polnischen Juden, die »Gott in einer anderen Forni als wir anbeten" und die durch ihren fortwährenden Zuzug in die deutschen Gaue die deutsche Judenheit hindern, voll und ganz im Deutschtum — wie sie es so gern möchte — aufzugehen. Da aber Herr Dr. Meyer nur die bestehenden Zustände rechtfertigen wollte und deshalb seine Schlussfolgerung eine gekünstelte sein mußte, so kommt er inWirklichkeit auch zu recht eigentümlichen Resultaten. »Laßt die Juden in Kischinew oder Homel oder sonst irgendwo malträtiert oder massakriert werden, uns Deutsche geht das garnichts an, denn diese Leute, die sich wohl Juden nennen, aber Gott in einer anderen Form (?) anbeten, sind Russen und gegen ihre russische Kultur müssen wir unsere deutsche (eine jüdische kennen natürlich Herr Dr. Meyer und 75 Prozent seiner Glaubensgenossen nicht) schützen. Daß die Resormjuden es gewesen sind, die in die Einheit des jüdischen Gottesdienstes die Bresche gelegt haben und daß sie es grade sind, die unter sich wieder 12erlei verschiedene Gebetbücher besitzen, scheint Herr Dr. Meyer nicht zu wissen. Daß der religiöse Jude in Deutschland denselben Gottesdienst und dieselbe Tefilloh hat, als der russische oder galizische Jude und daß die bestehenden Unterschiede nur sehr nebensächlicher Natur (Minhogiin nennt man das!) sind, weiß Herr Dr. Meyer selbstredend auch nicht, denn sonst hätte er eben seinen Artikel ungeschrieben lassen müssen. Interessant ist auch, daß Herr Dr. Meyer s. Zt. in Norderney.erst, nachdem er mit deutschen Glaubensgenossen kein Minjan zusammenbringen konnte, sich notgedrungen an polnische Juden (anscheinend Ehassidim) gewandt hat. So Wie Herr Dr. Meyer, fühlen und denken die meisten unserer deutschen Juden: vollständiges Aufgehen in das Deutschtum durch Abstreifung alles Jüdischen und — als Folge davon — Entfremdung und Trennung von den »ausländischen Glaubensgenossen". Betrachten wir uns einmal, was da übrig bleibt l Die Synagoge ist eine freireligiöse Kirche geworden; Orgel, deutsches Lied, deutsches Gebet und deutsche Predigt, allesamt mit ganz, allgemein ethischen Tendenzen und auf der Kanzel der Seelsorger, dessen Tätigkeit fast nur Cermoniendienst in sich begreift, denn eine weihevolle Rede an den hohen Feiertagen, unter dem Trauhimmel und am Grabe erschöpfen schon einen grossen Teil seines Arbeitsfeldes. Und treten wir in die Religionsschule ein, so verschwindet auch hier alles, was Judentum heißt. Hebräisch gleich Null; das alte Testament in der Auffassung und Behandlung wie ungefähr bei unseren andersgläubigen Mitbürgern; etwas Katechismus — auch eine Nachahmung der nichtjüdischen Umgebung — und fertig ist der Religionsunterricht ohne einen einzigen spezifisch jüdischen Gedanken. Selbstverständlich ist dann die Heranwachsende Jugend bewanderter in der griechischen Göttersage als in dem Lebensideale ihrer Väter. Von der Warte kühler Logik aus betrachtet, berührt es deshalb recht eigentümlich, zu sehen, wie ein Geschlecht, das seine Zukunft aufgegeben hat und darum' seine Israelitisches Blinden-Jnstitut für Palästina in Jerusalem. Pannen, um ein Haus, das auf morastigem Boden teht, vor dem Einsinken zu bewahren. Wirds geingen! Nein, denn der Weg zur Rettung geht in ganz anderer Richtung als der, den uns Herr Dr. Meyer führen möchte. Nur diejenigen werden ihm folgen, die einen Ausweg aus dem Judentum suchen. _ Israelitisches Blinden-Jnstitut für Palästina in Jerusalem. Eine der notwendigsten Anstalten in Jerusalem ist unstreitig das »Blinden-Jnstitut für Palästina", welches die Aermsten der armen jüdischen, blinden Kinder mit Kost und Wohnung, Kleider und Schuhwerk versorgt und ihnen auch neben einer vortrefflichen Erziehung einen gediegenen Unterricht in der heiligen Thora und eine gründliche Ausbildung auf dem Gebiete der Handarbeiten gibt, damit sie sich nach Verlassen der Anstalt redlich ernähren können. Der Beifall, den das Blinden-Jnstitut denn auch findet, ist daher ein allgemeiner und ungeteilter. Ein jeder, der es besucht und sich von der darin waltenden Ordnung und der guten Behandlung der Zöglinge überzeugt hat, ist sein dauernder Freund und Förderer geworden. Leider ist aber die pekuniäre Lage der Anstalt z. Zt. eine sehr traurige und ihr Fortbestand durch die bei den geringen Einkünften stetig wachsende Schuldenlast äußerst gefährdet, während sich andererseits sogar ein grosses Bedürfnis für die Einrichtung einer besonderen Abteilung für Mädchen geltend macht. Den Vorstand, den die Herren Dr. E. Friedmann, A. M. Luncz, N. Nathansohn in Jerusalem bilden, bittet deshalb alle Mildherzigen, ein Scherslein zur Erhaltung dieses gemeinnützigen Unternehmens beizutragen. Pflichten für die Gegenwart vernachlässigt, sich anscheinend mit vollem Eifer hineinstürzt in die Annalen seiner Vergangenheit. Man denke nur an die riesenhafte Anzahl Geschichtsvorträge, die sich in vielen Fällen fteilich nur als nichtssagend Wassersuppen repräsentiren, welche in den in den letzten Jahrzehnten gegründeten fast 200 Literaturvereinen während der Wintercampagne vom Stapel gelassen werden, und man wird sich verwundett fragen. wo in diesem scheinbar so lebendig pulsierenden jüdischen Leben eigentlich das Judentum steckt. Denn das Judentum ttigt man nirgends, ttohdem doch sonst auf jedem Gebiete geisttger Interessensphären Juden als fleißige, von ihrem Stoffe ideell beherrschte Arbeiter zu finden sind. Wunderbarer Weise hat man dabei zu keiner Zeit so häufig und so allgemein die Anhänglichkeit an das Judentum betonen hören, wie gerade heute. Man muss da unwillkürlich an den Dieb denken, der fortwährend mit lauter Stimme seine Ehrlichkeit in die Welt Hinausrust, um seine Unehrlichkeit zu verdecken. Wohin steuern wir unter solchen Verhältnissen? Herr Dr. Meyer verhüllt es nicht. Die Juden, die so orakett Herr Dr. Meyer — nur dann für die »jüdische Confession" retten, wenn man alle ideellen und materiellen Kräfte, die man heute der Gesamtjudenheit zuwendet, einzig und allein auf die deutschen Juden concentriert. Das heißt, alle Kraft anzu- Sanrson Raphael Hirsch in Ungar«. Von M. E. Philipp Fischer, Rabbiner zu Tevavauya in Ungarn. „Unsterblich bleibt dein Name, Vater übergiebt ihn seinem Kinde." (Hebräische Ausg. des Ehaurew. 1. B. S. 101. Bon Julius Hirsch.; Der Name, den die Ueberschrift dieser Zeilen nennt, hat schon längst die engen Schranken eines Landes durchbrochen. Der Name S. R. Hirschs erklinget heute bereits in allen Ländern, und wo er ertönet, jauchzet ihm der helle Jubel all derjenigen entgegen, die das Ideal einer sich gegenseittg bedingenden und ergänzenden harmonischen Vereinigung der altgeheiligten Ueberlieferungen Israels mit modernem Wissen und Leben tief im Herzen hegen und pflegen, die — die tiefe Klüftung wahrnehmend, welche die heuttge Generatton von dem geerbten Heiligtume scheidet — sich nach einem Manne sehnen, der ruhig beharrend in diesem Wechsel der Zeiten, einen Geist der alten jüdischen Lebensauffassung und Lebensheiligung über das.Weben und Leben der modernen Zeit ausgießet und das in grauer Vorzeit entstandene Heiligtum des jüdischen Lebensgesetzes in all dem Glanze neuzeittger Ideen erglänzen und leuchten läßt. Deutschland ist nur die Stätte woher dieser Name seinen Eroberungszug nach all den Orten antrat, wo nur Söhne des zersprengten Jakobsstammes weilen und Abonniert das Frankfurter Israelitische Famitienbtatt!