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Neue jüdische Presse · 1903-07-24 · Heft 38 (24.7.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 38 (24.7.1903)
Date
1903-07-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38. Frankfurter Israelitisches Familienblätt. Seite 3. zum Vertrieb von Machol-Konserden in Verbindung gesetzt und beabsichtigen, solche auch an sonstigen geeigneten Verkehrspunkten zum Verkauf zu bringen. Das Ergebnis dieses Versuchs bleibt abzuwarten. Hingegen haben wir nach anderer Richtung auf diesem Gebiete einen Erfolg aufzuweisen. Die Hamburg- Amerika-Linie, die größte Rhederei der Welt, hat auf unsere persönliche Fürsprache hin die Machol-Konserven auf ihren großen Dampfern zum Verkauf zugelasien. Die Gesellschaft hat uns bereits ein größeres Quantum in Bestellung gegeben. Wir hoffen, daß diese Konserven von den Reisenden regelmäßig verlangt werden, so daß dann die Veranlaffung vorliegen möge, daß die genannte Rhederei ihren Passagieren, welche die Machol- Konserven beanspruchen, solche als regelmäßige und ihnen rechtmäßig zustehende Kost verabreichen lassen wird. Nachdem ein solch bedeutendes Berkehrsunternehmen durch die Zulassung dieser Konserven ein Bedürfnis für dieselben indirekt anerkannt hat. dürfte es uns mit der Zeit gelingen, diese Frage auch bei anderen öffentlichen Verkehrsinstituten zur Geltung zu bringen. Selbstredend bedarf cs zur Verfolgung und zum ferneren Ausbau unserer Ziele und Pläne stets größerer Mittel, indem nicht nur unsere Unkosten sich stetig vermehren, sondern die Gesuche um Subventionen und Beihilfen zu Etablierungen beständig zahlreicher werden. Es ist daher die Pflicht eines jeden orthodoxen Juden, in seinem Kreise für unseren Verein bezw. für dessen Bestrebungen zu werben und recht viele Glaubensgenossen zu veranlassen, sich in unsere Mitgliederliste cintragen zu lassen, um durch möglichst hohe Beiträge unsere Mittel zu stärken. In dem im verflossenen Jahre erschienenen Band I der .Gesammelten Schriften"' von S. R. Hirsch heißt es in den Skizzen .Aus der Mappe eines wandernden Juden" wörtlich: .Daß von frommer Seite nicht für gute, anständige, jüdische, gewissenhaft koschere Hotels und Speisewirtschaften möglichst gesorgt wird, ist in meinen Augen eine der größten Gedankenlosigkeiten und Versündigungen, die sich unsere Zeit zu Schulden kommen läßt, und schwer lastet die Verantwortung auf uns allen, auf jeder Gemeinde, jcdein Kreis, die durch diese Vernachlässigung die schwachen Söhne unserer Zeit einer so großen Versuchung ausgesctzt sein lassen. Denn es gehört schon in der Tat Festigkeit dazu, Wochenja mondenlang entweder mit der prekairsten Kost sich zu begnügen, oder an einem Tisch zu speisen, wo der Appetit schon vergeht, ehe die Mahlzeit begonnen. Ich bin überzeugt, fänden die Reisenden in den meisten Städten eine anständige jüdische, koschere Table d'hote, mehr als die Hälfte von denen, die jetzt die Speisegesctze übertreten, würden an diesen koscheren Tischen speisen, und dann auch gerne einmal den gehörigen Tisch entbehren, wo sie ausnahmsweise — wie wir heute — ihn nicht haben können. Mehr als Shnagogenbau ist meines Dünkens heutigen Tages die Gründung anständiger, koscherer Hotels und Speisewirtschaften ein religiöses, gottgefälliges Werk, und wo ist die Gemeinde, wo sind die frommen Vereine, die noch daran gedacht!" Die Hoffnungen und Wünsche, welche der sel. Verfasser in solchen Gedanken vor langen Jahren ausgesprochen hat, sie haben sich verwirklicht durch die Errichtung unseres Vereins, der es als seine vornehmste Aufgabe betrachtet, im Sinne dieser bedeutsamen Worte immer weiter zu wirken. Der Verein balanciert in Ein- und Ausgaben mit etwas über Mk. 3000. Aus aller Wett. Deutschland. Frankfurt. Anläßlich des 70. Geburtstages des Serrn Oberkantor Friesländer überbrachte der orstand und Ausschuß der Religionsgesellschaft diesem die Glückwünsche der Gemeinde. Herr Rabbinats- Assessor Pofen hielt in Vertretung des sich auf Erholungsurlaub befindenden Herrn Rabbiner Dr. Breuer eine Ansprache und Herr Dr. Ro os übergab Herrn Friesländer ein kostbares, goldenes Sederservice als Geschenk der Gemeinde. Langenselbold. Unser früherer Lehrer, Herr M. K a tz, hat anläßlich seines Fortzuges nach Hanau, wo er als Generalagent der Viktoria thätig ist, der hiesigen Synagoge eine prachtvolle Seferthora geschenkt. Freitag Abend vor dem Gottesdienste versammelte sich die gesamte Gemeinde in der Wohnung des Herrn Katz. Herr Vorsteher Cannthal hielt in kurzen, kernigen Worten eine Ansprache an Herrn Katz, nahm die Seferthora in Empfang und begab sich mit ihr unter dem Gefolge der Gemeindemitglieder auf den Weg nach der Synagoge. Auf halbem Wege kamen der. neuen Seferthora die Synagogen-Aeltesten mit sämtlichen Seferthoras entgegen. In der Synagoge selbst hatte Herr Abraham Cannthal in liebenswürdigster Weise zur Feier des Tages das Amt eines Borbeters und Chordirigenten übernommen und gestaltete sich so der Freitagabendgottesdienst zu einem wahrhaft erhebenden. Samstag ftüh hielt Herr Katz seine Abschiedsrede, in der er hervorhob, daß er, der Cohen, der 20 Jahre lang von dieser Stelle aus der Gemeinde den Segen gespendet hat, gerade mit dem Geschenk der Seferthora ihr das schönste Angebinde, welches ein Cohen machen kann, zu verehren glaube; er wünsche aus der Tiefe seines Herzens, daß die Segenssprüche der Thora bei allen Mitgliedern seiner geliebten Gemeinde voll und ganz in Erfüllung gehen möchten. Die gesamte hiesige Bevölkerung — Juden wie Christen — sieht Herrn Katz mit dem größten Bedauern scheiden. In der jüdischen Gemeinde hat er als wahrhaft gcsetzestteuer, edler Jude stets mit Hingebung gewirkt; aber auch in der politischen Gemeinde wußte er seine Fähigkeiten zu verwerten und so wurde er durch das Vertrauen seiner Mitbürger bereits vor Jahren in den Gemeinderat gewählt. Mainz» 20. Juli. Im Alter von 83 Jahren starb gestern Abend der als Sonderling bekannte Rentner und ftühere Buchhändler Simon Kapp. Sein bedeutendes Vermögen, Mark 700,000, soll er der Stadt und Mark 100,000 für das zu erbauende israelitische Hospital vermacht haben. Seine Verwandten gehen leer aus. Berlin. Die Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte und deren Witwen und Waisen in Deutschland hat, wie wir dem Bericht des Vorstands für das Geschäftsjahr 1902/03 entnehmen, 23 ordentliche und 9 außerordentliche Mitglieder gewonnen, ihr Vermögen am 15. April d. I. auf 39075,17 Mk. gebracht, wobei 1000 Mk. Rückstände an Mitgliedsbeiträgen eingerechnet sind. Die Aufwendungen -sin Unterstützung an Witwen und invalide Mitglieder betrugen in der Zeit vom 1, Januar v.J. bis 15. April d. I. 3694,10 Mk., außerdem 110 Alk. an Nichtmitlieder, an Sterbegeldern wurden 305 Mk. verausgabt, ie Verwaltungskosten betrugen 962,28 Mk. Die außerordentlichen Mitglieder >220) steuerten 3 520,70 Mk., die 90 ordentlichen Mitglieder 829,05 Mk. bei. Berlin. Jüdische Flüchtlinge aus Kischinew mit ihren Familien halten sich augenblicklich auf der Durchreise nach Amerika in Berlin auf. Es sind insgesamt 29 Personen. Männer, Frauen und Kinder, die nicht direkt vom. Maffacre betroffen wurden und daher auch von dem Hilfskomitee für Kischinew nicht unterstützt werden konnten. Der größte Teil der Flüchtlinge ist vollständig mittellos, so daß für sie unter ihren hiesigen Glaubensgenossen Geldsammlungen veranstaltet werden. Hamburg. Neue Dammtor-Synagoge. (Beneckestraße.) Die Wahlpredigten für die Wahl eines neuen geistlichen Beamten, an Stelle des nach Wien berufenen Herrn Rabbiners Dr. Max Grunwald haben mit dem gestrigen Tage ihre Beendigung gefunden. Am Sonnabend und am gestrigen Sonntag sprach Herr Rabbiner Dr- A. Löwenthal-Tarnowitz, während an den vorhergehenden Sonnabenden resp. Sonntagen die Herren Rabbiner Dr. Heim. Berger- Krotoschin und Dr. E. Finkel-Pasewalk ihre Wahlpredigten hielten. Der Vorstand hatte die Einrichtung getroffen, daß die Herren Kandidaten am Sonnabend stets über ein ftei zu wählendes Thema sprechen sollten, während zu der Sonntagspredigt das betreffende Thema vom Vorstand hier in Hamburg erst aufgegeben wurde. Die Wahl zwischen den obigen drei Kandidaten wird bereits im Laufe dieser Woche stattfinden, damit der Gewählte bereits im September sein Amt antreten kann. Der Wahlakt vollzieht sich nicht durch die einzelnen Mitglieder, sondern der Vorstand respi eine Wahlkommission wird die Wahl vornehmen. Haulburg» 13.Juli. DerRabbinervr.Löwenthal aus Tarnowitz, ein Schwiegersohn des Rabbiner vr. Kahn in Wiesbaden, wurde heute einstimmig zum Rabbiner der Neuen Dammtorsynagoge gewählt. Schweiz. Baden. Am Montag den 13. ds. Mts. fand hier eine Versammlung der Rabbiner, Lehrer und Kantoren der Schweiz statt zur Gründung eines israel. Religionslehrerdereins. Herr Rosenthal - St. Gallen eröffnete die Sitzung mit einem Referate über die Notwendigkeit des Vereins. Nach ernster Diskussion und eingehenden Beratungen, an denen sich die Herren Dr. Strauß-Zürich, Schachnowitz-Endingen, Neuberger- Baden, Herz-Soloturn u. a. beteiligten, wurde der Verein unter dem Namen: „Verein israel. Religionsbeamten der Schweiz" gegründet. Zum Vorstände wurden gewählt: Herr Dr. Strauß-Zürich, Präsident, Herr Schachnowitz-Endingen, Schriftführer und Herr Rosenthal-St. Gallen, Kassierer. Endingen. Der Kanton Aargau beging dieser Tage mit großem Festjubel seine Zentenarfeier, d. h. das hundertjährige Jubiläum seines Bestandes und seines Eintrittes als selbständiges Glied in die Eidgenossenschaft. Einen wahren Kiddufchhaschem legte bei dieser Gelegenheit die israel. Gemeinde in Endingen an den Tag. Die Gemeinde, die mehr als 400 Seelen zählt und im Besitze aller politischen Rechte ist, veranstaltete am 6. Juli, am Ehrentage ihres engeren Vaterlandes ein jüdisches Volksfest, an dem sich Jung und Alt, und auch viele aus den anderen Konfessionen beteiligten. Der Gottesdienst in der Synagoge, der morgens das Fest einleitete, gestaltete sich zu, einer pattiotischen Kundgebung, wie man sie noch nicht imposanter erlebt. Herr Prediger Schachnowitz wies in seiner Festtede auf die bedeutendsten Momente in der Geschichte des Kantones, der Schweiz und der Schweizer Juden, die bekanntlich in den Aargauischen Thälern beginnt, hin. Mtt eindrucksvollen Worten gedachte er dann der großen Männer, die im verflossenen Jahrhundert für Recht und Freiheit gekämpft. Auch die Chorgesänge wirkten erhebend auf die Anwesenden aus allen Konfessionen, die das große Gotteshaus, bis auf den letzten Platz. füllten. Der Nachmittagwar fürs Jugendfest der Religionschule, Konzert, Aufführungen und Triumphzüge betimmt, und noch in tiefster Mitternacht verkündeten die fetteren Weisen der Festmusik, an denen sich die Jungmannschaft bei Tanze belustigte, mit welcher Innigkeit und Dankbarkeit die Israeliten der Schweiz in ihrer Muttergemeinüe Endingen die patriotische Freudck ihres Heimatskantons teilen. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! Ich bin gewiß nicht Ihr einziger Leser, dem die in dem Leitartikel Ihrer jüngsten Nummer ausgesprochenen Ansichten nicht als die richttgen zur Neubelebung und Stärkung des Judentums scheinen. Das, was wir Juden gewöhnt sind, unter nattonaler Erziehung zu verstehen, hat j a etwas mit dem Himmel zu tun, wenn vielleicht auch nicht in dem von ihrem Einsender gemeinten Sinne. National ist das ureigenste Wesen einer Nation, ist das was die Nation zur Nation macht. Bettachten wir von diesem Gesichtspunkte aus das nationale Moment beim Judentum, so werden wir erkennen, daß hier das nationale Element etwas ganz anderes bedeutet als bei anderen Völkern; wir waren ein Volk zu einer Zeit, da wir noch nichts von alledeni hatten was andere Böller zu Böllern machte. „Heute bist du zum Voll geworden", sprach Gott zu Israel, bevor Israel den Jordan überschritt, bevor Israel irgend einen materiellen Besitz sein eigen nannte. Und heute noch, wo wtt von unserem Land in alle Richtungen der Windrose verttieben, kem sichtbmes Zenttum, kein äußeres einigendes Band haben, heute noch sind wir ein Voll. Wohl wird der Deutsche durch seine Zugehörigkeit zu Deutschland, der Franzose durch seine Zugehörigkeit zu Frankreich, zum Deutschen oder Franzosen, aber der Jude wird nicht zum Juden durch seine Zugehörigkeit zu Palästina, da Israel bereits Voll wmd, als es seine Thora bekam. Und das Befolgen oder Nichtbefolgen dieser Thora allein ist es, was das Kriterium eines Juden — eines Nationaljuden — bildet. Wenn zwei Menschen, der eine aus dem Norden und der andere aus dem Süden, sich auf der Reise tteffen, und sie beide besuchen kein tadle d'hote, dessen rituelle Zulässigkett nicht über jeden Zweifel erhaben ist, sie beide verletzen den von Gott eingesetzten Ruhetag nicht für ein paar Groschen, dann werden sich diese beiden Menschen als Angehörige eines Volks, als Nationaljuden erkennen. Wer aber ein Amhorrez ist, wer in Theorie und Praxis den göttlichen Willen unberücksichttgt läßt, der ist kein Nationaljude — der ttägt am meisten zur Affimilation bei, er mag für die Kolonisatton Palästinas noch so begeistert schwärmen. Will heute jemand Jude werden, so muß er nur die 613 Gebote befolgen, dann ist er voll und ganz Jude, ob seiner Ahnen Wiege am Jordan oder am Indus stand. Und diese Gebote der Menschheit zu lehren, ihnen durch unser eigenes Beispiel zu zeigen, daß dieser Thora ein Geist innewohne, oer ihre Bekenner vor dem Untergang selbst da schützt, wo er nach menschlicher Berechnung unvermeidlich ist; dieses Beispiel, diese Lehre ist unsere „Mission". Und viel viel besorgniserregender als der materielle Notstand ist der geistige, in dem unser Voll sich befindet, fteilich nicht nur im Osten, sondern auch hier bei uns, unter uns herrscht ein Jndifferentismus, eine Lauheit, eine Gleichgültigkeit gegen alles speziell Jüdische, daß hier und vor allem hier eine „nattonale Erziehung" not tut, denn hier krankt unser Lebensnerv selbst, dasjenige was uns Daseinsberechtigung verleiht. Bor allem die Kentnis der Thora. Wo sind die Zeiten, in denen es zum guten Ton gehörte, eine Teschiora besucht zu haben, in denen man sich nicht der Armut wohl aber der Thora-Unwissenheit zu schämen hatte. Hier müßten jene ftischen Kräfte einsetzen und in diesem Sinne versuchen, Israels Kraft zu regenerieren, nicht aber so viel Kraft verschwenden auf Dinge, die doch alle an Bedeutung weit, wett nachstehen an der Aufgabe, an der alle unsere Kräfte jetzt gestellt werden müssen, an die Zurückgewinnung Israels für sein heiliges Bätererbe — sein geisttges. — Mit bestem Gruß Ihr X. Y. Amkkeion. (Nachdruck verboten.) Cheiderkiirder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) Er fühlte sich bei Antritt der Auswanderung muttg, unternehmend und siegesgewiß. An seine Schwester, das einzig geliebte Wesen, das er als Kind verlassen, dachte er wieder und in seinem wann schlagenden Herzen woben sich die Hoffnungsfäden aneinander und zogen sich zu einem festen Zukunftsplane zusammen, der auch für sie, seine Schwester, die schönsten Perspektive enthielt; er wollte sie später

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