Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 38 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Nr. 38. zu ihm bringen, sie glücklich machen. -. . Dann iam,; die holde Reisegefährtin, die. sein. Denken und .' Fühlen ablenktc, die ihn mit einer geheimen'Macht nach sich zog und einen vorher nie geahnten Zauber aus ihn ausübte. Er war durch die trostlose Kindheit und in der, wenn auch'-nicht mißlungenen, aber trocknen und freudlosen Jugend rein und lauter geblieben. Seine Adern waren voll heißen Blutes, sein Herz voll heißer Liebe, ohne zu wissen für und gegen wen. Dann kam plötzlich jener Blick, der aus blauen Augen zum ersten Mal so treu und lieb auf ihm ruhte, jene sanften und bestrickenden Züge, wie er sie in seiner -Nähe noch, nie gesehen. Der Ton ihrer Rede und die Sicherheit in ihrer Haltung und ihrem Benehmen, alles offenbarte ihm eine Well von.Reizen und Lieblichkeit, wie er sie nie gekannt, noch nie gesehen, zu haben glaubte. Er -glaubte anfangs nicht^.sich einem solchen Ideal- -.-bilde einmal nähern zu dürfen, noch zu können. Dann kam der glückliche und schauervolle Moment, wo sic sich blindlings in Nacht und Schrecken ihm anvcrtrautc. Es war ein trauriges, grausames Erwachen nach -jenem schönsten aller Träume. ... . Der Wagen hieltnach einem kräftigen Rucke vor einem langen mll Stroh bedachten Waldhause an und auch die Gedanken des Arrestanten waren damit zum Stillstände, gebracht. Es war das Wirtshaus am Rande des Kalianer Waldes. Der Wirt kam mll einem Kruge Branntwein heraus, dann kam aus der Schanistube auch ein halbbetrunkener Soldat herausgewackelt, der in unsicherer Haltung und mit schwerer Zunge seine Kameraden der Wkorte begrüßte. „Ra Iwan, das hast Du aber gestern recht gemacht — rief ihm der begleitende Kvnovoi vom Pferde herunter — „etwas spät kam Deine Meldung, aber zeitig genug, um noch etwas zu erbeuten/' »He! Ja!" — lachte der Angeredete— „den Schuft von -einem Gutke habe einmal hineingelegt. He! he! he! Den Juden ist nichts zu trauen! He he he!!! Und knauserig ist der Jud. — Für einen halben Rubel glaubt er mir Amtsgewissen und Seligkeit zu erkaufen." »,Ja, ja! So ist's" — warf der andere Soldat ein. „Halle er wenigstens einen ganzen gegeben, - der Schuft!" — lamentierte Iwan weiter. „Und dann?" „Dann? Dann hätte ich ein Toppelmaß in Ehren trinken können und müßte nicht wie jetzt mit halb nüchternem Magen an den Dienst gehen." „Hols der Teufel! Nüchtern, Freund!" „So wahr ich da stehe" — beteuerte Iwan und wackelte mll dem Oberkörper nach hinten, indem sich seine Beine stolpernd nach vorwärts bewegten. „Za Du Sauhund! — noch nicht voll genug!? . Und daß Du nicht wehr auf den Beinen Dich Halten kannst, kommt wohl aus Magenschwäche und allzugroßer Nüchternheit. Du Saufbold!" „He he he!!!" — lachte Iwan, von den Kom ■' plimenten seines Kollegen angenehm berührt. — „Habt Ihr auch guten Fang gemacht?" Er schaute mll glasigen Augen neugierig in den Wägen. Dem Arrestanten waren die rohe Stimme und das blöde Lachen nicht unbekannt und als er jetzt das Gesicht des Soldaten sehen konnte, hatte er ihn auch sofort erkannt. — Es war derselbe Iwan, der gestern im Wald den Wagen Gutels anhielt und sich durch ein Trinkgeld scheinbar abfertigen ließ. ■ Die Sonne senkte sich und zog über die Wijifeln des russischen Waldes in den preußischen Horizont, von wo sie als feuerrote Kugel herüberstrahlte, als wollte sie noch ewige enttäuschte Blicke nach dem großen Ostlande senden, das sie täglich durchzieht und sich vergebens bemüht, dort von seinem Lichte und . Glanze zu spenden- '. . - Die-Bauern zogen durch die armseligen Stoppelfelder w gebückter Halwng und mll verkümmerten Gesichtern heim. Vom Walde kam ein warmer Wind ' .hergeweht und den rasch dahinrollenden Wagen umflatterte ein Schwarm traurig summender Maikäfer. Noch ewmal ließ Scholem einen sehnsüchtigen- Blick nach der Grenzseite schweifen. „Wohw Jud, mit dem Kopfe?" — schrie ihn der Soldat an. Der rote Himmelball verschwand jetzt im westlichen preußischen Horizonte und der ar'we Deportierte .. schaute wieder aus seinen dicken schwarzen Brauen vor sich hin, der unbestimmten düster» Zukunft ent- . gegen. .. ' ' .. 6. Kapitel. „Ich sehe cs aus jedem Worte und aus jeder; Zeile, von welchem verzehrenden Heimweh unser Kind ^geplagt ist' — meinte Nochum, indem er einige hastige .. . Züge aus seiner -Pfeife tat, die sich wie ein un- ' -v geduldiges Schmatzen anhörten, und einen Papierstreifen hin und her dreht. Chajeh zahlte ruhig die Maschen ihres Strick- .' strumpfes weiter und antwortete dann: L ,>Ansiun!.Heimweh! Was fiir Heimweh! Ich finde / keine 'Silbe von Heimweh darin. Ist glücklich angerS kommen; dies ist vorerst die Hauptsache, alles andere “wird sich schon geben." ' V Nochum aber runzelte die Stirn, führte noch ein- Pfeife zum Munde und berttefte sich, wohl zum zehnten Male, in die Lektüre des von lleinen, 'ich aufeinander drängenden Buchstaben schwarz bedeckten Blattes. Er war der erste, langersehnte Brief von Rahel, und Nochum war es gewöhnt, Sachen die ihm beonders nahe standen, von Grund aus zu studieren und sie mit Forscherblicke bis auf den innersten Kern zu durchblicken. Sie schrieb keinen eingehenden Bericht von der chauervollen Grenzüberschleichung, sondern streifte nur die Gefahr, die über sie geschwebt, mit einigen unbestimmten Worten. „Der liebe Gott" — schrieb sie „hatte ihr, da wo die Not am größten war, den besten seiner Engel entsandt, der sie durch Nacht und Gefahr in die Sicherheit hinüber geleitet, um alsdann wieder unsichtbar zu verschwinden. Diese wunderbare Rettung kann nur er, der fromme und gute Vater ihr erworben haben, und so mögen seine Verdienste ihr ferner beistchen, daß ihr jene himmlische Erscheinung noch einmal im Leben zu teil werde." Nochum war diese sentimentale Sprache an seiner Tochter nicht gewöhnt und er konnte sic nur durch eine lleine Nervenüberreizung, infolge der Reise und des Heimwehs crllären. (Fortsetzung folgt.) (Nachdmck verboten.) Aus uuseru Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung.) Felix atmete tief aus, seine Augen füllten sich mit Tränen, aber um seine Lippen zuckte es, wie ein Lächeln. „Dank Dir für diese Mitteilung, Du ahnst nicht, welch eine Wohltat Du mir damit erwiesen hast. Willst Du sie von mir grüßen?" „Lieber nicht, sie könnte sonst fragen, wo ich Dich gesprochen habe — es ist besser, sie erfährt nichts davon." Jetzt ward die Tür aufgeschlossen, ■der Kerkermeister erschien mit der höflichen Aufforderung, den Besuch für heute zu beenden." . „Ist es mir durch die Karte des Herrn Unter suchungsrichters gestattet, inorgen wieder zu komnien, oder müßte ich jedes Mal um Erlaubnis nachsuchen?" „Das ist nicht notwendig, die Herren Seelsorger können kommen, so oft sie wollen." „Um welche Stunde?" „Am besten wie heute." „Also auf Wiedersehen morgen um diese Zeit." Es war in den Nachmittagsstunden des folgenden Tages als Ernst, von dem Gefangenwärter geleitet, wieder in' die Zelle seines Freundes trat. Dieser stand mit der Uhr in der Hand mitten im Zimmer. Er stieß einen Freudenlaut aus als die Tür sich in den Angeln drehte. „Gott sei Dank, daß Du da bist! Ich hatte schon gefürchtet. Du würdest nicht kommen, aber ich glaube, das hätte ich nicht überlebt." „Wer wird so reden!" „Ein Gefangener, der — doch geschwind, sage mir, wie geht es Fanni?" „So wie gestern, iminer gleich." „Und was sagt der Arzt?" „Er hofft, daß die Sache sich zum Guten wenden wird." „So sprechen sie immer, wenn sie nichts verstehen oder cs nicht sagen wollen. Mein Gott! mein Gott! — wenn ich nur einen Augenblick zu ihr könnte —" „Sei vernünftig, Felix, und sehe ein, daß für Fanni ihr gegenwärtiges Unwohlsein geradezu eine Wohltat ist. Wenn sie jetzt gesund wäre und unter Menschen käme und über ihren „guten Knaben" so verschiedenes hören würde — ich glaube, das würde sie weit ärger empfinden, als daß sie da einige Tagt, im Bett bleiben mutz." „Glaubst Du das wirllich? sage mir aufrichtig, Ernst, glaubst Du, daß Fanni mich lieb hat?" „Lieb hat sie Dich, das unterliegt keiner Frage. Ob aber in dem Sinnes wie Du es zu wünschen scheinst, das weiß ich nicht und weiß nicht einmal, ob ich es wünsche, denn — Du kennst die Bedingung meines Vaters." „O, was das betrifft. — Aber erst sage mir, hast Du meine Eltern gesprochen? wie ertragen sie es?" „Dein Vater ist gefaßter. Deine Mutter erträgt es schwerer. Aber sie lassen innigst und herzlichst grüßen und lassen Dir sagen, das, was ich ihnen von Dir berichtet habe, erfülle sie mit froher Hoffnung für die Zukunft. Du möchtest nur den Mut nicht verlieren. Dein Vater wird vermullich heute mit dem Jüsttzrat Seume gesprochen haben." „Seume ist ein guter Verteidiger, wie ich glaube." „Er ist der beste hier." „Mama hat vermullich wenig gesprochen?" „Das kannst Du 'Dir denken." Felix atmete schwer auf. „Arme Mama! — das war von Anfang an meine Sorge. — Wenn ich nur wüßte — wenn Du ihr nur sagen wolltest —" „Ernst, sage mir nur um's Himmelswillen, warum hast Du mir die Broschüre, die Du mir gestern hier gelassen hast, nicht längst gegeben? — wenn ich die früher; gelesen hätte; längst wäre ich einanderer Mensch geworden. — O mein Gott, wie mich das gepackt hat, bis in das Innerste meines Herzens — o hat mich noch nie etwas ergriffen. — Da hat man nur immer von dem gesprochen, was ich mir schuldig bin. — Unsinn, was ich Dir schuldig bin, das kannst Du mir erlassen und was ich mir schuldig bin, das kann i ch mir erlassen. Nach diesem Grundätze habe ich gelebt. Nie aber ist mir eingefallen und nie hat man mich darauf aufmerksam gemacht, daß der Mensch gar nicht sich selbst gehört und daß auch die Erdenwelt nicht dem Menschen, sondern der Mensch der Erdenwelt geschenkt worden ist, init allen feinen Kräften, die' er daher nur nach dem Willen seines Schöpfers verwenden darf." „O jene Blätter, jene wunderbaren Blätter, ich habe zwar noch kaum den dritten Teil gelesen und bis daher enthalten sie eigentlich nichts, was ich mir nicht selbst hätte sagen können, sagen müssen — und dennoch, wieder und wieder habe ich sie gelesen und zuweilen habe ich gezittert und gebebt, weil mir war, als müßte ich in Nichts verschwinden, in meiner Kleinheit, in nieiner Nichtigkeit. — Und dann wieder hätte ich laut aufjauchzen mögen — wie es in der Schrift dort heißt: mich hineinjauchzcn in den großen Diener-Chor mit dem Rufe: eaaßoh wenischma! will wirken und darum aufhorchen! —" „Ernst, hier hast Du meine Hand und hiermit gelobe ich Dir fortan, tvic es in jenen Blättern heißt, nur in Erfüllung göttlichen Willens mit Besitz und Genuß, mit Gedanke, Wort und Tat den Gehalt meines Lebens finden zu wollen." Ernst war ergriffen von dem Ausdruck der Begeisterung, der auf dem Angesicht des Gefangenen lagerte. „Weißt Du es jetzt, Felix, warum Du hier bist? Hier sollte Dir die Wahrheit aufgehen, die Du in Deineni schönen, behaglichen Heim, in Deinem sorglosen Leben nicht erkennen wolltest. — Die Broschüre, die ich Dir gestern hier gelassen habe, habe ich Dir als Büchlein zu Deinem siebzehnten Geburtstage geschenkt. Du wirst sie vielleicht noch unter Deinen Büchern finden. — Ich habe Dich wiederholt gebeten, sie zu lesen. Du hast immer erwidert, einmal werde ich es lesen, denn Du hattest leicht erraten, weshalb ich wünschte, daß Du es lesen möchtest. — Aber nach dieser Richtung hin, warst Du unzugänglich." „Du hattest eine Widmung hinein geschrieben, nicht wahr?" „Ganz richtig." „Die Widmung habe ich gelesen, aber weiter nichts. Mein Gott! mein Gott! hatte den Kohinor in der Tasche und Iväre beinahe im Straßenkot verkommen. — Und deshalb glaubst Du, wäre ich hier?" „Ganz gewiß, einzig und allein deshalb. Dil solltest hier Muße finden, Dich zu Höherem auszuraffen." Felix schüttelte den Kopf, wahrend sein Blick in dem kahlen Raum umherschweifte. „Du weißt nicht, was es heißt, der Freiheit beraubt, eingeschlossen zlvischen engen kahlen Mauern — namentlich, wenn man an ein Leben gewöhnt war, wie ich. — Ost wenn ich die Augen schließe, namentlich wenn ich in jenen herrlichen Blättern gelesen habe, dann wird niir zuweilen die Brust so weit, dann ist es mir, als hörte ich es rauschen - in grünen Wäldern und sähe die Kronen mächtiger Bäume sich senken und wieder heben und sähe über mir den blauen Himmel in strahlendem Sonnenglanz und rings umher die herrlichsten Fluren und blumigen Auen und hörte die Böget jubilieren im Sonnenschein —u—u— wenn ich dann plötzlich die Augen auffchlage und sehe mich hier — hier! —" In sich erschauernd hielt er inne, fein Gesicht war erdfahl, der Glanz seiner Augen schien erloschen. „Was ich getan hätte, wenn Du heute nicht gekommen wärest — das weiß ich nicht —" „O, ich weiß sehr wohl, was Du getan hättest, wenn ich nicht gekommen iväre. Du hättest weiter gelesen in jenen Blättern, weiter und immer weiter, und je weiter Du gelesen hättest, je weiter wäre Dir die Brust geworden und desto heller und desto schärfer Dein Blick, bis Tn mit offenen Augen durch die Mauern hindurch den blauen Himmel geschaut hättest im strahlenden Sonnenglanz und bis Du trotz der beengenden Wände die Hand des Allliebenden erkannt hättest, die auch hier oder vielmehr grade hier, segnend auf Dir ruht." „Er hat Dich zu mir geschickt," flüsterte Felix, die Hand des Andern ergreifend, „darin erkenne ich feine Liebe." „Und nicht auch in Deinem Hiersein?" Der Gefangene schüttelte trübe den Kopf. „Ich kenne wohl den Spruch „was Gott tat, ist wohlgetan." Das ist gar leicht gesprochen und doch so schwer empfunden." -»Schwer empfunden — das mag sein,- aber erkannt hast Du es doch bereits. - Es trifft uns doch; sehr häufig das, was man Unglück nennt, ohne .daß wir imstande.sind, den Zweck desselben, ich meine den Heileszweck zu erkennen; trotzdem ist jeder wahre Jude von der Ueberzeugung durchdrungen, daß selbst das schwerste Unglück den Keim des wahren Glückes in sich birgt. Aber das, was Dich betroffen hat, da liegt die Wallung Gottes so llar und offen. — Du brauchst nur mit Bewußtsein die Augen zu öffnen und wirstsofort den Keim des.Glückes erkennen, selbst jenes Glückes, mach dem Du Dich an, ineisten sehnst."- >