Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 38 (24.7.1903)
- Date
- 1903-07-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. . Nr. 38. Der Mörder des Knabe« Ribalenkö. Ueber die Ergreifung des Mörders des Knaben Ribalenkö, dessen Tod von dm Judenfeinden in Kischin ew, mit der Zeitung „Besserabetz" an der Spitze, zu einem Ritualmord gemacht wurde, auf Grund dessm die Hetze gegm die Judm eingeleitet und zu so furchtbarem Abschlüsse gmracht worden ist, wird berichtet: Die Entdeckung geschah durch den Kommissar der Geheimpolizei, Matusejew, der sich drei Wochen lang als bettelnder Jude unter den Judm aufhielt, bis er die Ucberzmgung gewonnm hatte, daß die Judm an dem Morde vollständig schuldlos seien. Diese seine Ucberzmgung teilte er dann dem Gouverneur mit und erhielt darauf die Erlaubnis, auch unter dm Christm seine Nachforschungen anzustellen. Als bettelnder Bauer verkleidet kam er zurück und bemühte sich, Arbeit zu bekommen, um, wie er sagte, sein Leben fristen zu können. Er arbeitete fleißig auf dem Felde und im Hause, ja er war sogar bei der Reinigung der Wäsche behllflich. Auf diese Weise wurde er mit Tschapenko, dem Onkel des gemordetm Knabm bekannt. Er verstand es nun, mit dessm Tochter ein Verhältnis anzuknüpfen, indem er ihr ini Verträum mitteilte, daß er bei Metzeleim und Plünderungen in Kischinew sehr reich geworden sei, nur dürfe er es sich noch nicht anmerken lassen. Selbstverständlich unterstützte er seine Angaben durch reiche Geschenke. Von seiner Holdm erfuhr er nun, daß der Onkel des Ribalmko, Michail mit Vornamen, dm Knabm ermordet habe, um dessm Erbe zu sein. Zugleich ward ihm sein Helfershelfer, Tischnikoff, gmannt und die Stelle bezeichnet, wo der Mantel, dm Michail während des Mordes anhatte und mit Blut befleckt wurde, vergraben liege. Hierauf schloß er mit Tschapenko eine dicke Freund schast, sie vertilgten täglich zusammen eine Mmge Branntwein. Bei dieser Gelegenheit brachte der Kommissar stets die Rede auf dm Mord und beklagte es bitter, daß die Christm an dm Mördern, dm Judm, nur halbe Arbeit gethan hättm. Dadurch gewann er vollmds das Herz und das Zutraum des Tschapenko und erhielt nach und nach alles das bestätigt, was er von dem Mädchm gehört hatte. Nachdem nun der Konnnissar seine Recherchen befriedigend zu Ende geführt hatte, kehrte er nach drei Tagen mit fremden Polizeibeamten zurück — zu dmm im Orte hatte er kein Verträum — und hob das ganze Nest aus. Anfänglich leugnete Tischnikoff hartnäckig; aber als ihm der Kommissar gegenüber gestellt wurde, legte er ein umfassendes Geständnis ab. Vierzehn Tage lang habe chm der Onkel Ribalmkos zugeredet, chm Leim Morde behllflich zu sein, wofür er einen Teil der Erbschaft bekommen sollte. Darin habe er nicht eingewilligt, aber er fand sich berell, zu diesem Zwecke das Gartmhäuschm zur Verfügung zu stellen. Michail kam dann auch des Abends mit seinem Neffen, und nachdem einige Zell' getrunken wurde, Holle der Onkel ein Stück Holz, mll dem er seinen: Neffen wiederholt auf dm Kopf schlug, bis er tot war; hierauf zog er ein Messer aus der Tasche und brachte der Leiche einen Halsschnllt und eine Anzahl Einschnitte in der linkm Brustfelle bei. Auf die Frage: wozu dies? gab er zur Aittwott, dies werde sich schon herausstellen, es sei nötig. . . . Der Mäntel ist an der an gegebenen Stelle gefundm wordm und die Untersuchung hat ergebm, daß er mit Mmschmblut getränkt ist. Dies alles liest sich wie ein Schauerroman, leider ist es aber eine Tragödie der Wirklichkeit, durch die eine große jüdische Gemeinde in nammloses Elend gestürzt wordm ist. doch hauptsächlich in der Abnahme des Geburtenüberchusses zu finden. Es rächt sich, daß die Juden immer mehr indie Städte, besonders in die Großstädte gezogen sind, wo der Kinderreichtum überhaupt geringer ist. Ein weiterer wichttger Grund dürfte auch in dem Schwinden eines spezifisch-jüdischen Lebens und in Verbindung damit — in dem Schwinden des. jüdischen, ittlich reinen Familiensinnes zu suchen sein. Die Juden haben sich — wir können hierbei die religiösen Judm nicht ausschließen — bis in die Knochen assimiliett; und so kommt es, daß die Heiligkeit des jtzd. Sittengesetzes, dessm sttikte Beobachtung unsererseits elbst vonunseren schärfsten Gegnern früher unumwunden anerkannt werden mußte, leider nicht mehr respektiert wlld. Uebrigens bleibt in Prmßm schon seit 50 Jahren die Geburtenziffer der Juden hinter der der christlichen Bevöllerung zurück. Bon 1820 bis 1866 kamen auf 1000 Judm jährlich 37,2 Geburten, 1878 bis 1882 nur noch 30,32 und 1893 bis 1897 sogar nur noch 22,25, während die Ziffer bei der christlichen Bevölkerung 38,15 bettug. Wie stark der jüdische Geburtenüberschuß ich in dm letzten 20 Jahren verntindert hat, zeigen olgende Zahlen: 1880 1900 Es wurden geboren... 11 175 7 668 Es starben ..... . 6 295 5 868 Geburtenüberschuß 4 880 1 800 Die natürliche Vermehrung ist also in 20 Jahren fast auf ein Drittel herabgegangen, trotz der verminderten Sterblichkeit. Jedoch kann man bis jetzt nur von einer relativen Abnahme der Juden in Deutschland sprechen, nicht von einer absoluten. Wenn die jetzt einflußreichen Momente aber fortwirkm, wie angenommen werden darf, so muß in absehbarer Zeit auch die absolute Zahl der Juden sich bei uns vermindem. — Unter diesen Umständen ist, wie die ,,Akadem. Blätter" bemerken, zu vermuten, daß der Anteil der Juden am Universitätsstudium in den nächsten Jahren einen weiteren Rückgang erfahren wird. Freilich ist er immer noch groß und wird es auch in absehbarer Zell bleiben. Rapider Rückgang jüdischer Studierender aus den deutschen Universitäten. Unverkmnbar zeigt der Prozentsatz der jüdischm Studiermdm die Tmdmz, sich allmählich zu vermindem: Der Anteil der reichsinländischm Juden bettug im Durchschnitt der Studienjahre von 1886-87 bis 1891.11,95 pSt, in dem Studienjahr 1899-1900 aber nur noch 9,52 pCt. Diese Erscheinung hängt ebenso wie die analoge Erscheinung bei dm Schülem der höheren Lehranstallm mll dem relativen Rückgang der jüdischm Bevölkerung zusammm, der sowohl in Prmßm wie überhaupt im Dmtschen Rüche wahrzunehmm ist. Im Jahre 1880 hatte Deutschland eine Bevölkerung von 45,2 Millionm, unter dmm 562000 Judm warm, die 12,4 vom Tausend der Gesamtbmöllerung ausmachten.!_ Jahre 1900 hatte das Deutsche Reich 56,5 Millionen Einwohner, darunter 587 000 Judm, oder 10,4 vom Tausend. In Prmßm warm die Juden 1880 mit 13,3, 1900 nur noch mit 11,4 vom Tausend an der Gesamtbmöllerung beteiligt. UMer die Gründe dieses Prozesses gibt die Stattstll vollm Ausschluß. Wenn auch die jüdischm Mischehm und die Judentaufen eine abvröckelnde Wirkung aus übm, wenn femer auch infolge der Auswanderung eine nicht geringe Zahl von Judm Deutschland verlaffm hat — ihre Zahl wird für die Zeit von 1800 bis 1890 auf 20000 geschätzt —, so ist der Grundfür die langsamere Bermchmng der jüdischen BMöllemng (Nachdruck verboten.) Aus dem israelitischen Lehrerverein Bayerns. Soeben erschien der Rechenschaftsbericht dieses Vereins pro 1902. Demnach zählt der Verein 170 Mitglieder, die sich wohl in Kürze auf 180 erhöhen dürsten, eine Zahl, die kein anderer jüd. L.-B. Deutschlands aufweist. Das Vereinsvermögm bettägt z. Zt. 83 231.36 Mk., kein Wunder, daß der allgemeine Wunsch dahin geht, bis zur nächstjährigen 25. Stiftungsfeier die Höhe von 100 Tausend zu erreichen! Der Verein hat in materieller wie idealer Hinsicht viel Segensreiches geschaffen zur Hebung der Schule wie des gesamten Lehrcrstandes. Im vergangenen Jahr ist ihm aber auch die offizielle Anerkennung seitens der hohen Kgl. Regierung Bayerns zuteil geworden. Zum e r st e n Male leistete der Staat einen Zuschuß zur Unterstützung dienstunfähiger Lehrer oder deren Relikten, und zwar in der ansehnlichen Höhe von 2000 Mk. Das Jahr 1902 i st sohin ein Mark st ein in der Entwickelungsgeschichte des Vereins. Die hohe Kgl. Staatsregierung schlug zweierlei Verteilungsmodi vor für die gewährte Beihilfe zur Unterstützungskasse. Die Verwaltung einigte sich auf den satzungsgmiäßm Modus, und so konnten nach den Intentionen und mit Genehmigung der Kgl. Regierung mit den 2000 Mk. bedacht werden: 11 alleinstehende Witlven mit 792.77 Mk., 1 Witwe mll einem Kinde mit 90.09 Mk., 1 Witwe mll 2 Kindern mit 108.11 Mk., 1 Witwe mit 6 Kindem mit 180,20, 9 dienstunfähige Lehrer mll 828.83 Mk. Besonders ehrend für den Verein ist die Bestimmung, daß der Genuß des Staatszuschusses abhängig gemacht ist von der Zugehörigkeit zum Vereine. Diese erfreuliche Vertrauen sbekundung wurde mit Recht vom Vorstande zur Propaganda benutzt gegenüber den Kollegen, die immer noch dem Verein fernstehen. Es sind zwar nur wenige, es sollten aber — gar keine sein. Vielleicht sind bis zur nächstjährigen Jubelfeier alle beisammen. (Die pfälzischen Lehrer und Kantoren zählen nicht zum Verein, sie haben ihre besondere Vereinigung.) Bon den Mitgliedern zahlt jeder pro Jahr Mk. 10 Vereinsbeittag. Die Hälfte der Mitgliederbeiträge wlld auf Unterstützungen verwendet, die andere Hälfte zum Unterstützungsfond geschlagen.- Von 940 außerordentlichen Mitgliedern erhielt die Kasse 3469.02 Mk., an Spenden und Geschenken 3825.36 Mk., an Tantiemen 238,85, endlich durch Neujahrsgratulationsenthebungen 123 Mk. — 6 Mitglieder, die neu einttaten, zahlten 135 Mk. — An vorgenannte dienstunfähige Lehrer, Witwen und Waisen wurden insgesamt 4111.25 Mk. ansgezahlt. (1 dienstunfähiger Lehrer 155 Mk., 1 alleinstehende Witwe 125 Mk., Witwe mit Kind 156.25 Mk.) Bereinsvorsttzender ist z. Zt. Herr H. Goldstein-Heidingsfeld, Kassierer Herr Dr. Braunschweiger-Würzburg, Schriftführer Herr Mandelbayiy- Würzburg. Sonstige Verwaltungsmitglieder-isiyd: Fränkel - Bantberg, Dingfelder - Ansbach^iHofuraM Rotenburg o. T. und Mannheimer-Dettelbach. 1~.~’ -.-Die--voMhMe 423,)W«e«Wxrsqnmlluunfand-Äl Gunzenhausen an: ^20. c.. also vor einigen Tagen. Leider hat der Verein int Vorjahre den Verlust dreier hochgeachteter Mitglieder zu beklagen: Herrn Seminarlehrer I. Schleuker-Würzburg, den Mitbegründer und mehrjährigen Vorstand des Vereins, Herrn A. Weißbart- Allersheim, endlich Herrn S. Falk-Aub, Vater des Herrn Rektor B. Falk in Frankfurt a. M. — Zu erwähnen wäre noch, daß im Mitgliederverzcichnis in erster Linie genannt wird als „ewiges Mitglied" Herr- Max Heim s. A-, Rentier, Frankfurt a. M., als lebenslängliches außerordentliches Mitglied Herr Hcrnrann Tictz, München. — Im Vorjahre referierte Herr S. Blummthal- Rimpar über das Thema: „Der jüdische Schreibleseunterricht," Herr M. Zucker-Königshofen über: „Die Psalmen im Religionsunterricht." (Berbandsthema). Bei der diesjährigen (24.) Generalversammlung sprach Serr Dingfelder-Ansbach über: „Die isracl. Schule in atzen:, ein Rück- und Ausblick." — Mögen die Kollegen nie erlahmen in dem Streben zur materiellen und ideellen Hebung ihrer Lage und ihres Standes, wie auch zum Ausbau der jüdischen Schule, damit das künftige Jahr niit innerlicher Berechtigung und gerechtem Stolze ein „Jubeljahr des Vereins" genannt werden kann. Das walte Gott! Ans dem Jahresbericht des Vereins zur Förderung ritueller Speiseyänser, Hamburg. Wie am Schluffe des vorigen Berichtsjahres, so dürfen wir auch nach dem dritten Jahre des Bestehens unseres Vereins mit Befriedigung auf die neu errungenen Fortschritte zurückblicken. Nicht nur hat die Zahl der durch unsere Vermittelung neuerdings unter rituelle Aufsicht gekommenen Speisehäuser um ein Bedeutendes zugenomnien, auch in weiteren Kreisen unserer Glaubensgenossen hat der Verein eines stets größeren Ansehens und Vertrauens sich zu erfreuen gehabt, indem die mannigfachsten Anfragen und Korrespondenzen bezeugen, daß man in weiteren Kreisen sowohl die Ziele des Vereins, wie die seither befolgten Mittel und Wege zur Erreichung derselben billigt, würdigt und zu fördern bestrebt ist. Unser wiederholt erfolgter Appell an die Rabbiner ist nicht ohne Resultat verhallt. Auf der Versammlung ttaditionell-gesetzestreuer Rabbinen, welche am 31. Dezember 1902 zu Berlin tagte, wurde beschlossen: „Es als Pflicht anzuerkennen, den Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser in seinen Bestrebungen zu unterstützen, indem die Rabbinen, nach Möglichkeit die Aufsicht über an ihrem Wohnsitze, oder an den diesen benachbarten Orten eingerichteten Speisehäuser übernehmen, auch über die in ihrem Lande bezw. in ihrer Provinz vorhandenen oder zu ctablirenden Badeort-Restaurants sollen sie in Einvernehmen mit dem Verein die Oberaufsicht übernehmen. Sie sollen durch Vermittlung des Vereins Inhabern von Jiestaurants ihre Referenz anbieten lassen, wenn dieselben einen ihnen bestellten Schochet oder Schaunier übernehnien." Wir sind wohl berechtigt, auf diesen weiteren Fortschritt unserer Institution sowohl, wie auf diese autoritative Anerkennung unserer Bestrebungen mit Beftiedigung zurückblicken, und wir sprechen den Herren Rabbinen auch an dieser Stelle unseren Dank ans für die Unterstützung, welche dieselben uns bei der vielen Schwierigkeiten begegnenden Erfüllung unserer Aufgabe angedeihen lagen. Mögen fernerhin auch diejenigen Rabbinen, welche nicht jener Vereinigung angehören, uns direkt undindirekt in unserer Pionierarbeit unterstützen, indem durch sie diejenigen Speisewirte, deren Namen in unserem Register noch fehlen, veranlaßt werden, Atteste zu nehmen, um so auch diese Wirte den reisenden Glaubensgenossen als zuverlässig bezeichnen zu können. Ferner sei an dieser Stelle die Bitte ausgesprochen, etwaige Ausstellungen und Mißstände bei von uns registtierten Speisehäusern, unter genauer Angabe aller in Bewacht kommenden Einzelheiten zu unserer Kenntnis zu bringen, denn nur durch berechtigte und vollständige Angaben können solche Mängel abgestellt und erforderlichen Falles öffentlich bekannt gemacht werden. Seit dem Monat August des Berichtsjahres ist unser Register regelmäßig zur Versendung gekommen und sind vis zum Jahresschlüsse ca. 40,000 Exenrplare dieser Veröffentlichungen in . Zirkulation gelangt. In unserem Vereinsregister figurierten am Ende des Jahres 126 Speisehäuser (gegen 53 zu Ende 1901). Wir haben 356 Mitglieder auszuweisen (gegen 315 zu Ende 1901) und im neuen Jahre bereits 42 neue Mitglieder mit 305 Mk. Jahresbeiträgen hinzu erhalten. . Unsere Lokalkomitees zu Breslau, Frankfurt a. M„ Halle, Leipzig, München, Straßburg i. Elf., erfteuen sich langsamer, jedoch stetiger Fortschritte, namentlich wurde in Breslau eine größere Mitgliederzahl für unsere Sache neu hinzugewonnen und auch München zeigt erfreuliche Zunahme. .. , , . Da nicht qn.allen. Plätzen, .für welche, dies wohl wünschenswert sein dsirfte, die. Errichtung rituell zuverlässiger Speisehäuser.' möglich ist, haben wir uns entschlossen, dmiVerkauf von rituell hergestellten Flcischkonserven- (Machol-Konserpen) zu organisieren. Wir .haben zudiesem .Zwecke, zunächst bei hem Kaiserl. Patentamte, eine-Schutzmarke beantragt, und wurde uns.di.eselbe (nnter-Jir,.60,266) -bereits erteilt. Sodann habensvir uiE niitsJnhäbern von Bahnhofsrestaurants '*- - “