Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 26 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 26. - y Bächlein zum Jordan, azurblau wölbt sich der wolkenlose Himmel über die Landschaft und die Sonne übergießt das ganze Bild mit ihren: goldnen Schein. So naht das Wochenfest heran, welches die kaum bei ihren Familien angekommenen Festeswanderer auf's neue zurückruft zu einer abermaligen Wallfahrt nach Jerusalem. Wiederum füllt sich die Gottesstadt mit frohen und glücklichen Menschen beim Offenbarungsfeste. Und wiederum kehrt die Freude am hehren, so bedeutungsvollen Tage der Gesetzgebung nicht allein ein. Wiederum führt uns Gott hinaus in die.voll entfalteteBlütenundBlumenwelt, stellt »ns an den reifen Weizena.ck.erund spricht: Bondemhierbringet h e u t e e i n O P f e r m i r dar! Zwei Weizenbrote brachte der Priester auf Gottes Befehl am Sch'wuos- Feste, sie führen den Namen „Erstlingsftüchte", erst nach ihrem Darbringer: darf vom neuen Mehl verwendet werden zu den sögen. Speiseopfcrn, die man im Heiligtum jederzeit bereitete. Und nun begannen die fteudigen Züge all jener, welche die „erstgereiften Früchte"' in's Gotteshaus zu bringen hatten. Sie währten den ganzen Sommer hindurch, ja bis tief in den Winter hinein. Die Freude an der Natur, an ihren Gaben, an der von Gott angewiesenen Heimat kam hier erst recht zum Ausdrucke, ja sie war gebotene Pflicht. Mit den: Gefühle edler Freude und Befriedigung ruht unser Auge aus einer jüd. Karawane, die ihre Erstlingsfrüchte zum Tempel trägt, wir empfinden ihr nach, .was sie tief im Jnnem bewegt: Lassen wir daher das schöne. Bild an uns vorüberziehen. — (Schluß folgt.) Aus aller Wett. Deutschland. Berlin. Nach der neuesten Statistik sind etwas über neun Zehntel der in Deutschland geschlossenen Ehen ungemischte Ehen. Bei 277 480 Ehen waren die Eheleute evangelisch, bei 145141 katholisch, bei 3878 jüdisch. Mischehen wurden 41401 eingegangen, davon waren 39115 zwischen Evangelischen und Katholiken, 480 zwischen. Evangelischen und Juden, 143 zwischen Katholiken Juden. Darulstadt, 23. Avril. Wie wir seinerzeit berichteten, wurden Von oer Darmstädter Strafkammer am 17. November vorigen Jahres Amtsrichter Dr. Mahr, Rechtsanwalt Dr. Geßner, Oberrechnungs-Revisor Reitzel und Hofbuchhändlcr Reitzel wegen Beleidigung des jüdischen Kaufmannes Hirsch zu Geldstrafen von Mk. 150, 75 und 50 verurteilt. Sämtliche Verurteilten legten, mit Ausnahme des Dr. Mahr, Revision beim Reichsgericht ein, wurden aber dieser Tage abgewiesen. - Mannheim. Leo Regensburger, ein angesehenes Mitglied der hiesigen Gemeinde, wurde letzten Freitag zur. letzten Ruhe geleitet. Es sprachen außer dem Stadtrabbiner Dr. Stechelmacher, Dr. I. Moses namens der Lameyloge, Josef Wiesloch, Frankfurt, namens der Frankfurt-Loge, F. Liebhold namens der Heidelberger Friedrich-Loge und Stadtrat Duttenhöfer im Aufträge der freisinnigen Partei. . . Breslau, 27. April. Heute fand die Einweihung des neuen israelitischen Krankenhauses unter Teilnahme der Spitzen der Behörden statt. Anwesend waren u. A. der Erbprinz von Sachsen- Meiningen, der Ober-Präsident Fürst von Hatzseldt und dessen Gemahlin, der Regierungs-Präsident und Oberbürgermeister Dr. Bender. Der Vorsitzende des Krankenhaus-Borstandes, Eduard Sachs, begrüßte die Gäste, und schloß seine Ansprache mit einem Hoch auf den Kaiser. Weikersheim. Nach 4ljähriger Thätigkeit hat der Rabbiner unserer Gemeinde. Herr Dr. Heilbronn, unsere Stadt Verlagen, um seinen Lebensabend im Kreise seiner Kinder in Nürnberg zu beschließen. Welcher Beliebtheit sich Herr Dr. Heilbronn in allen Kreisen der hiesigen Stadt erfteute, zeigte das Bankett, das die israelitische Gemeinde ihrem scheidenden Rabbiner gab und an dem sich auch die gesamte christliche Haute volöe beteiligte. Es würde zu weit gehen, all' die Ansprachen anzuführen; nur wollen wir erwähnen, daß u. a. Herr Stadtschultheiß Hammel, Herr Dekan Dr. Blind, Herr Staotpfarrer Dürr, Herr Wundarzt Faistenauer warme, zu Herzen gehende Worte sprachen. Rögowo (Posen), 22. April. Ungewöhnlich hohe Steuerlasten hat die hiesige jüdische Schul- und Synagogengemeinde zu tragen. In einer gestern abgehaltenen Sitzung wurde der Schulbeitrag vom Schulvorstande auf 200 Proz. der Einkommen-, Grund- und Gebäudesteuer festgesetzt. Bisher wurden im ganzen 275 Proz erhoben. Die Synagogengemeinde, die sich vollständig mit der Schulgemeinde deckt, hat an Korporationsbeitrag 200 Proz. gegen 100 Proz. im Vorjahre aufzubringen. Rechnet man noch die übrigen Steuersätze hinzu, so hat der jüdische Bürger an 1000 Proz. der Einkommensteuer aufzubringen. Oesterreich-Ungar». Lemberg. In dem Marktflecken Uhnow lBezirk Rawa Ruska) brach eine große Feuersbrunst aus, welche durch Brandstistung verursacht war. Die christliche Bevölkerung hatte schon bei ftüheren Bränden Verdacht Frankfurter Israelitisches FamMenblatt. aufeinen Juden und glaubte diesmal, ihrer Sache gewiß zu sein, weil das Feuer. im Schuppen eines zum Christentum bekehrten Juden Jschel Klein ausgebrochen war. Anstatt sich an Löschungsarbeiten zu beteiligen, stürmte die Bevölkerung Häuser der Juden, an denen sie alle Fenster einwarf. Noch während die Feuersbrunst aufs heftigste wütete, nahmen die Ruhestönlngen ernsten Charakter an. Jschel Klein wurde totgeschlagen und viele andere Juden so schwer verletzt, daß für ihr Auskommen keine Hoffnung mehr vorhanden ist. Da sich die Gensdarmerie als ungenügend zur Wiederherstellung der Ruhe erwies, wurde ein Jägerbataillon aus Rawa Ruska nach Uhnow entsandt Zalaegertzeg. Ein jüdisch er Gemeinderichter. Bei den jüngsten Beamten-Neuwahlen tvurde der hiesige Kaufmann Leopold Korcin, der zugleich Vorstand der jüdischen Religionsgemeinde ist. einstimmig zunr Gemeinderichter gewählt. Das ungewöhnliche dieser Wahl wird noch durch den Umstand gesteigert, daß die Wähler zum überwiegenden Teil Anhänger der antisemitisch angehauchten Volkspartei sind. Amerika. New-Aork. Der durch das Interesse, das er seit einigen Jahren dem Zionismus entgegenbrachte, bekannte Rabbiner Dr. Gustav Gottheil — Vater des Professor Richard Gottheil, Präsident des amerikanischen Zionistenbundes — ist gestorben. Er ist 1827 als Sohn religiöser Eltern in Pinne (Posen) geboren, war von 1855—60, zusammen mit Samuel Holdheim, Rabbiner am Berliner Reform-Tempel und übersiedelte dann nach England, too er bis. 1873 Rabbiner in Manchester war. 1873 nahm er eine Stelle nach New-Dark an und tvar in New-Uork bis zu seinem Tode thätig. Bunte Chronik. Tie grösste Schule der Welt. In Spitalsields in London ist das ausländische Element immer bemerkbar, wer aber einmal Bcll-lane und seiner nächsten Umgebuirg zivischen 12 und 1, oder nach 4 Uhr Nachmittags einen Besuch abstattete, der wird überrascht sein von den ungeheuren Schwärmen von Kindern, deren dunkles Oiesicht und Haar deutlich darauf hinweist, daß sie keine Kiiteer Englands sind. Es sind dies alles Zöglinge der größten Schule der Welt, d ie um diese Zeit ihren verschiedenen Bestimmungsorten in East-Endom zuströnien und die alle zu den Kindern Israels gehören. Nahe an 4000 Kinder erhalten täglich vollständig fteien Unterricht und religiöse Erziehung in dieser Juden-Freischule. Ihr Ursprung kann nicht mehr nachgewiefen werden; vorliegende Urkunden reichen bis auf das Jahr 1817 zurück, aber man weiß, daß bereits vor dieser Zeit (1791) eine kleine Schule, die den Kindern jüdischer Eltern Unterricht und Kleidung gewährte, in nächster 'Jiäfje des heutigen riesenhaften Gebäudes gegründet wurde. Im Jahre 1883 faßte das Schulkomitee, in Anbetracht der stets wachsende» Zahl der Bewerber, eineit kühnen Entschluß. Er bestand darin, das bestehende Gebäude niederzureißen und eine weit größere Anlage einzurichten. Hierzu wurde ein enormes Kapital verwendet. - Man braucht wohl kaum hinzuzufügen, daß das Wohlwollen der Familie Rothschild wesentlich zur Durchführung des großen Projektes beitrug. Als die neue Schule eine anerkannte Thatsache und der dadurch gestiftete Segen täglich augenscheinlicher wurde, beschloß die jüdische Gemeinde, ihre Würdigung des Werkes zu beweisen, und sie spendete praktische .Hilfe durch den Präsidenten der Schule, Baron Rothschild. Es wurde eine Summe von 2000 Pfund Sterling gezeichnet, womit ein neuer Flügel, der den Namen Rothschildflügel erhielt, erbaut. wurde. Dieser enthält eine Reihe sehr schöner Schulzinimer, einen großen iilrbeitssaal, ein Laboratoriunl für chemische Vorlesungen und Experimente, eine Turnhalle, sowie andere Einrichtungen zum Stutzen der Schüler. Eine Summe von nicht weniger als 100 000 Pfund Sterling wurde entsprechend der wachsenden Ausdehnung der Schule während der letzten Hälfte des Jahrhunderts ausgewendet. Sie enthält 44 Schulzimmer für Knaben und 27 für Mädchen. Jedes Zimmer ist völlig zeitgemäß ansgestattet. Tie Thatsache, dass die Schule niemals wegen irgend einer epidemischen Krankheit geschlossen werden mußte, beweist den vortrefflichen Gesundheitszustand dieser ungeheuren Anlagen, die jetzt einen Flächenraum von zwei englischen Morgen (gleich >/. Hektar) bedeckt. * , DaI Thor des Nikanor. In Jerusalem wurde eine griechische und hebräische Inschrift gefunden, welche sich ans Nikanor ails Alexandria bezieht, der „die Thore (des Tempels) hat machen lassen". Es ist nun sehr interessant, daß es sich, wie Clermont-Ganneau nachweist, hier um das berühmte „Thor des Nikanor" im Tempel zu Jerusalem handelt, dessen sowohl der Talmud, wie der jüdische Geschichtsschreiber Flavins Josephus rühmend Erwähnung thun. . * Tie Abnahme des Toten Meeres. Aus Jerusalem wird berichtet: Ter letzte Erdstoß in Palästina, der am 30. März stattsand, scheint im Jordanthal und um das Tote Meer herum am heftigsten Seite 5. gewesen zu sein. Der Spiegel des Toten Meeres ist beträchtlich gefallen und jetzt ergießt der Jordan sein Wasser in das Meer von einer Erhebung herab, während sein Wasserspiegel früher mit dem Toten Meere fast gleich war. Augenscheinlich nurß sich der Grund des Toten Meeres während des Erdbebens gesenkt haben. Tie ganze Gegend des Jordanthales nahe dem Toten Meere ist vulkanisch. Tie Bevölkerung in Palästina sieht mit llnruhe einem zweiten Erdbeben am 29. April entgegen. Tiese Information entnimmt sie einem Kalender, der auch das frühere Erdbeben voraussagte. * Jüdische Zentral-Bibliothek in Ierusale in. Tiese von den Juden leider zu wenig gekannte Institution, welcher ein Einzelner. Tr. Josef C h o s a n o w i tz i» Bialystok (Rußland) sei» ganzes Thun und Können, sein bescheidenes Vermögen und fast sein ganzes Leben gewidmet hat, zählt gegenwärtig die verhältnismässig ansehnliche Anzahl von 18 233 Büchern. Nach den einzelnen Sprachen verteilen sich diese wie folgt: Hebräisch 10905, deutsche 2505, jüdische (Jargon) 900, russische 766, englische 362, französische 303, griechische, lateinische und spanische 93, endlich Toppelexemplare 2400. Wir glaube», daß es eine Ehrensache ist, diese Bibliothek auszubauen und hofsen, daß es nur unseres Hinweises bedarf, um ihr größere Zuwendungen zuzuführen. (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. Novelle aus dem Emigrantenleben von S. Schachnowitz, Emdingen (Schweiz). (Fortsetzung.) Mit sieben Jahren mußte jic aber schon eine Enttäilschung erleben; die erste, aber schwerste Enttäuschung ihres Lebens. — Motele wurde, als er das dreizehnte Lebensjahr erreichte, nach der Jeschiwoh in!>kowno geschickt. Sie sah ihn noch einmal nach acht Jahren. Sie hatte ihn nie vergessen und ihn doch nicht wieder erkannt. Motel hatte sich nicht nur äußerlich ganz verändert, sondern, wie es schien, auch in seinem inneren Wesen. Das Idealbild ihres Freundes, wie es mit Rahel ausgewachsen und ihr immer vor Augen schwebte, stimmte mit dem wirklichen Motel nicht mehr ganz überein und dieses Idealbild, das eiumak seit der frühsten Kindheit sich in ihren Geist festgesetzt, hatte, wich merkwürdigerweise auch jetzt vor der nüchternen Wahrheit nicht zurück. Wenn sie neben dcnc etwas blafsierten Vetter saß, seine suchenden Augen und unzufriedenen Mienen sah und seine merklvürdigen Reden von Entartung und freier Bildung von Fanatismus und Z ivilisation hörte. Worte, über die der alte Nochum nur mitleidig den Kopf schüttelte, so lebte ganz unabhängig von diesem, in ihrem Innern der alte Freund, das Ideal der Liebe und der Güte, ihr Beschützer, der sie stets auf Händen zu tragen bereit sei, unbekümmert lveiter. Er war damals 21 und sie 15 Fahre alt. Er kam in die Heimat, tote er sagte, vielleicht zum letzten Male, um vor der Stellung zur Militärpflicht, von deren Ausgang das Schicksal eines jeden jüdischen jungen Mannes in Rußland abhängt, sie und die Verwandten noch einmal zu sehen. Er brachte mehrere Tage in ihrein Hause zu. Er wunderte sich ungemein, „>vie sich das kleine Ting so herrlich gemacht": behandelte sie aber im klebrigen noch wie ein kleines Mädchen. Als er ihr aber die Hand zum Abschiede reichte, da war sein Wesen wieder auf einmal wie verändert. Sie sah ihm ins Gesicht, es war fast der alte Motel wieder. Ter spöttische Zug in seinen: Gesichte war verschwunden und der Ton klang weich und mild: „Ja Rahel, ich gehe und weiß nicht, ob und wann ich lvicderkomme. Wirst Tu auch an mich denken?" Er drückte dÄbei ihre kleine Hand und sah ihr fest und traurig in's Gesicht. Sie schlug die Augen nieder und sprach kein Wort; die Kehle war ihr wie zugcschnürt. Tas Ideal ihrer Kindheit hatte wieder einmal so herzlich zu ihr gesprochen: angeschant hatte sie es dabei natürlich nicht. Als aber Motel fort war, da brach bei ihr ein Thränenstrom durch und sie verfiel in einen förmlichen Weinkrampf. Tie durch das Leben etwas abgehärtete Mutter schalt zeterte über dieses kindliche, dunime Gebühren. „Warum so heulen, für nichts und wieder nichts? Wenn man mit allen Verwandten weinen wollte, so käme man. überhaupt nicht mehr aus den Thränen heraus." Ter kluge Vater aber schaute Rahel mit philosophischem Ernste an und es chatte beinahe den Anschein, als ob ihm selber die Thränen nahe ständen. Anc Vorabend der Musterung benützte Nochum die Nachtstunde, die sonst der profanen Literatur gewidmet war, zum Lernen eines „Schinr Mischnajaus"