Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite L. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 17. eigenen Bollsgeiste ist ste nickt hervorgewachsen, denn der war bis zur Auflösung des israelitischen Staates dem Hang zur heidnischen Abgötterei in so Hohem Grad ergeben. Latz es — wie die Bibel lehrt — eines beständigen Ankampfs dagegm durch prophetische Mahnungen und züchtigende Strafgerichte von seiten Gottes bedurfte, der dieses Volk in seine, besondere Leitung und Erziehung genommen hatte. Dafür giebt es nur eine vernünftige Ertlärung, und das ist diejenige, welche die Heilige Schrift selbst erteilt. Die verständige Schilderung der Bibel rübrt aus der übernatürlichen Offenbarung, die Gott diesem Volke von seiner Entstehung an zu theil werden ließ, und durch welche er ihm Äafschluß ertheilte nicht nur über sein Wesen und seine Eigenschaften, sondern auch über seinen Willen und Erlösungsratschluß. Dieser außerordentlichen Offenbarung verdankt das Volk Israel seine reine Gottesertenntnis. Die Bibel unterscheidet zwei Schöpfungsvorgänge 1. die uranfängliche Weltschöpfung, und 2. eine nachfolgende Schöpfung, welche sich nur auf unsere Erde bezieht. Und wie lautet der Bericht über die uranfängliche Schöpfung des Alls? Er ist in den sieben Worten enthaften, mft welchen die Bibel beginnt: .Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde". Dieser Bericht ist kurz, aber inhaftreich. Er läßt die uranfängliche Wettschöpfung als ein göttllches Geheimnis gelten um» sagt uns nur, was wir Menschen von diesem Geheimnis zu wissen brauchen. Er lehrt uns: 1. daß die Wett nicht ewig ist, sondern einen Anfang genommen, 2. daß sie chren Anfang von dem ewigen Gott erhatten, und 3. daß dieser sie durch seine Allmacht aus nichts erschaffen hat. Was dann in der Heiligen Schrift auf diesen ersten als zweiter Schöpfungsbericht folgt, das setzt das Borbandensein des Eidkörpers voraus, und hat es nur mtt der in einem Sechs tag ewerk sich vollziehenden Zubereitung dermit Wasser und Finsternis bedeckten Erdoberfläche zum Wohnplatz für ein zu erschaffendes Menschengeschlecht zu thun. Dies« Hergang soll die Menschen vergewissern, daß ste nicht wie die übrigen Geschöpfe erdgeborene, sondern von diesen wesentlich verschiedene, nach dem Ebenbild Gottes erschaffene Wesen sind, und soll sie belehren, daß ste die Anordnung des siebenten Wochentages als eines Tages der Ruhe, der Andacht und des Segens auf göttücher Stiftung beruhend zu erkennen haben. Zu gleichem Ergebnis führt die Vergleichung des babylonischen und des biblischen Sintflutverichts. Der babylonische Sintflutbericht lautet: Dem Helden Gilgamesch «zählt Hit-Napischi im (Atva- Chasis — der sehr Kluge), daß die großen Götter auf Anstisten Bels beschlossen hätten, eine Sintflut über die Menschen zu bringen. Allein der Gott der Weisheit Ea verrät die Gefahr jenem babylonischen Noah, und befiehlt ihm. zur Rettung seines Lebens eln Schiff zu bauen, unter der Angabe, er wolle, um dem Zorn Bels zu emfliehen, zum Ozean hinabfahren. Er baut das Schiff,, verpickt es, und füllt es mit Lebensmitteln, mtt seiner Familie, seinem Gesinde und mit allerlei Deren Sobald die Herren der Finsternis den verdvcklichen Regen sendeten, begibt er sich in das Schiff und vertraut dem Steuermann Puzur-Äel die Lenkung an. Da brach ein ftrrchtbares Unwetter los, vor dem sich auch die Götter fürchteten und zum Himmel Anus hinaufstiegen, am Himmelsgitter wie Kettenhunde kauernd Die Göttin Jschtar schreit wie eine Gebärerin und bedauert, dem entsetzlichen Götterbeschluß beigestimmt zu haben, und die Götter der Anunnaki weinen mtt ihr. Nach sechs Tage langem Wüten wgt sich der Sturm. Alle Menschen sind tot. Am Berg des Landes Nisir wird das Schiff sechs Tage lang festgehalten Am siebten Tage läßt Hit-Napischtim eine Daube fliegen, die zurückkehrt, weil sie noch keinen Ruheplatz findet Darauf läßt er eine Schwalbe hinaus, mit demselben Erfolg, zuletzt einen Raben, d« nicht zurückkommt. Darauf öffnet er das Schiff, entläßt alle seine Jnsaffen, und bringt dm Göttern ein Opfer. Als diese dm süßm Geruch rochm, scharten sie sich wie Fliegm um dm Opfer«. NurBel zürnt, daß jemand dem allgemeinen Untergang enttonnm ist, wird aber von Ea v«söhnt mit dem Rat, er möge, wmn künftig gestraft sein müsse, anstatt einer Sintflut reißende säerc, Hungersnot oder Pest senden. Darauf macht Bel den Vit-Naplschüm und sein Weib dm Göttem gleich. Daß in diesem Mythus viele Züge' mtt dem biblischm B«icht zusammentteffm, ist unverkennbar, aber ebensowenig ist die monotheistische Umschmelzung des Üeberlieferungsstoffes zu übersehen. D« uns bekannte biblische Bericht, dm die Kapitel 6 bis 8 des 1. Buches Mosis enthalten, ist von dm religiös und sittlich verworrenen polytheistisch-heidnischen Bestandteilen gereinigt. Die Flut «scheint nicht mehr als Wirkung eines unmottviertm blinden Götterzornes, sondern als ein wohl begründetes Strafgericht des gereckten Gottes üb« ein sittlich entartetes Menschengeschlecht, und die Rettung ein« Familie tritt nicht mehr auf als das listtge Werk ein« gutmütigen Götterlaune, sondern als Gnadenerweisung Gottes gegen dm unter einem ruchlosen Geschlecht allein ftomm gebliebenen Mann. Verschwunden ist das trübe Bild Der Gött«, die einand« belügen und überlisten, die dann üb« das angericktete. Unheil erschrecken, wie Kettenhunde darüb« hemm, und danach wie Schmeißfliegen dm süßm Opferdust umschwärmen. Dies« klaffende Unterschied zwischen den beiden Berichten, wem verdank er seine Existenz? Wiedemm drängt sich uns die Erkenntnis auf, daß'die biblische Erzählung nicht dem heidnischen Babel entlehnt ist Auch ist es nicht der natürliche israelitische Volksgeist, der dieselbe hervorgebracht hat, sondern es ist die göttliche Offenbarung. welch« er sein Dasein verdankt. Die Ueberlieferung von einer Sintflut ist uralt, und findet sich bei fast allen Völkern der Erde. , Während ste ab« bei dm heidnischen Böllern polytheistisch gefärbt und vielfach entstellt ist. findet sie sich bei dem Volk, dem Gott seine übernatürliche Offeybarung v«iieh, in reiner Gestalt. Der biblische Bericht, der uns den Verlauf dieses schrecklichsten aller göttlichenStrafgerichte, welche die Menschenwelt je bettoffen haben, in seinen wesentlichstm Zügen wahrheitsgetteu vor Augen stellt, verbürgt uns auch zugleich die Gewißheit, daß Gott ein solch allumfassendes Gericht nie Wied« werde Hereinbrechen laffen, sondem daß er, die nun einmal vorhandene Sünde der Menschen in Geduld und Langmut ttagm wolle, bis er die Erlösung ausführen könne, und grade dies« letzte Puntt kann nur auf. göttliche Offenbamng zurückgeführt werden. Wir ersehen aus dem Vorstehenden sowohl dies, daß uns«e Bibel dem heidnischen Babel in den Berichten über Schöpfung und Sintflut nichts entlehnt hat, als auch das andere, daß wir alle Ursache haben, an dem Offenbarungscharcckt« der Heiligen Schrift, und zwar auch des Allen Testaments, festzuhattm, zumal für denselben kein gering«« einttitt, als derjenige, der für uns Christen die höchste Autorität auf dem religiösen und sittlichen Gebiete ist, unser H«r Jesus Christus. Die Lage -er Juden in Rußland. Die rechtliche Stellung der Juden in Rußland hat im verflossenen Jahre im»2 leider eine weitere, nicht unwesentliche Verschlechterung erfahren. Drei neue Gesetze, welche, wie alle m diesem materialistischen Zeitalter von den Antisemiten gegen die Juden unternommenen Schritte, dazu bMmmt sind, diesen den Kampf uMS Dasein zu «ickweren, werden die fortschreitende Proletarifierung der russischen Juden um eine. weitere Etappe beiördem- Zunächst ist den msfischen Antisemiten gelungen, einen alten LieblingSwunsch zu verwirklichen und den Juden den Zutritt zu dm reichlich fließenden Petroleumquellen von Baku zu erschweren. Die ungesetzlichen Judenausweisungrn. durch welche iu Rußland alljährlich tausende von jüdischen Existenzen vernichtet werden» nahmen in dem verflossenen Jahre ihren ungehinderten Fortgang, und das Fest zur Erinnerung an den Auszug aus Egypten wurde in hunderten von jüdischen Familien aus Akmolinsk in Südsibirlen und dem ttauskaspiscken Gebiete nach Art der Väter mit dem Wanderstabe in der Hand gefeiert. Auch rm eigentlichen Ansieblungsrayon, speziell in dm Gouvernements Kiew, Jekate rinoslaw und Taurien, sowie , längs der Grenzlinie des europäitchen Rpßland fanden zahlreiche Ausweisungen statt, die nur im Gouvernement Jekaterinoslaw vom neuen Minister des Innern Herrn Plehwe bis aut weiteres inhibiert wurden. Bezeichnend für die Auflassung der Behörden find die Ausweisungen, in der Mandschurei, wo Rußland von rechtswegen gar nichts zu sagen hatte und die nach wiederholter offizieller Versicherung ihrem rechtmäßigen Besitzer .möglichst" bald zurückgegeben werde» soll. Trotzdem wurden, kurz bevor mit dieser Rückgabe begonnen werden sollte, die Juden noch rasch aus der chinesischen Provinz ausgewieien. Das Jahr lg02 hat dm russischen Antisemiten die längst vergeblich gesuchte,Handhabe gebracht, das verhaßte Gesetz vom Jahre 1»G5 illusorisch zu machen und den jüdischen Handwerkern die garantierte Freizügigkeit e» nstlich' zu erschwe > en. In diesem Jahre wurden nämlich in Rußland die Zünfte aufgehoben und jedem gestattet, auch ohne im Besitze eines Meisterbriefes zu sein, sein erlerntes Handwerk auszuüben. So überflüssig aber die mittelalterliche Institution der Zünfte im 20. Jahrhundert auch ist, für den jüdischen Handwerker in Rußland war sie von großem Wert, da nur die Zünfte durch die Ausstellung eines MeiiierbriefeS ihm die Qualifikation .und dre Rechte eines Handwerkers verliehen haben. Bei der Aufhebung des Zunftwesens wurde nun diese freilich nur für die Juden wichtige Funktion der Zünfte gewiß nicht ganz absichtslos vergessen, sodaß kein jüdischer Handwerker den Behörden gegenüber sich fortan als solcher mehr legitimieren kann- Damit ist der.jüdische Handwerker nun der Willkür des Tschinowniks preisgegeben, von dessen gutem Wille» allein eS uun abhängt, ob er ihn als Handwerker anerkmnen will oder nicht. Zahlreiche Gouverneure außerhalb des Ansiedlungsrayons haben sich ihätsächlich bereits beeilt, durch Erlaß von willkürlichen Bestimmungen das Gesetz vom Jahre 1v65 de facto aufzulösen und dem jüdischen Handwerker die Auswanderung nach. Zentralrußland zu erschweren Gleichzeitig hat der „liberale" Finanzminister dafür gesorgt, daß der so im Ansiedlungsrayou .festgehaltene jüdische Handwerker sein Los nicht etwa durch Errichtung von Kreditgenossenschaften «leichtern könnte. Eiu im letzten Viertel deS, abgelausmen Jahres erfolgter Erlaß ordnete an, daß der Verwaltungsrat ein« solchen ausschließlich von Juden begründeten Gmosseuschaft zu zwei Dritteln aus Christen bestehen muß. Damit ist d« aussichtsreiche Versuch der jüdischen Handwerker, ihre Lage; auf dem Wege der Selbsthilfe zu verbeffem. im Keime erstickt worden. Dieser kurze Bericht redet eine Sprache, zu der jeder Commentar überflüssig ist. Wir deutschen Juden sehen mit einer gewissen Geringschätzung auf unsere Brüder in Rußland herab. Es ist deshalb Pflicht der jüdischen Presse immer wieder darauf hinzüweisen, in welch' trauriger Zwanaslage sich die vier Millionen jüdischer Seelen Rußlands befinden. . Möchten sich dock alle Edlen in Israel mit ehrlicher Kraft bemühen, unseren Brüdern in Rußland zur Hülfe zu kommen! Von der Gerechtigkeit der Völker können wir nichts erwarten Interessant ist grade in dieser Hinsicht ein Bericht des Herrn Armand Baze, Mitglied des Zentral- Konsistoriums in Paris. Der genannte Herr veröffentlicht rat „UniverS Jsraelite" einen Bericht der französischen Gesandtschaft in Petersburg über die demnächst in Rußland in Geltung tretenden Taxen, Zmchläqe und Gebühren, welche die ftemden Handelsreisenden, die nach russischen Städten Lieferungsgeschäfte machen, zu entrichten haben werden. Das vromulgierte Gesetz stellt den folgenden zweifachen Tarif für die nachfolgenden Städte auf: _ Israeliten . Christen Für Petersburg . . . . . 784 Rubel 216 Rubel Moskau . ... . . .794 Warschau ... . . 815 272 287 25.5 322 270 280 272 255 275 Odessa ..... . 874 Kiew . .... .. . 777 „ Tiflis. . . . . . . 760 „ Lodz. . 790 „ - Wilna, Kowno, Bialystok 749 „ Berditscheff ..... 710 „ Astrachan . . . . . 765 ,, „ Bei diesen Bettägen ist die Grundtaxe für jüdische Reisende mit 500 Rubel, für die christlichen mit 150 Rubel angenommen worden. Für 18 andere Städte Russisch-Polens beträgt bei der gleichen Grundtaxe der zu enttichtende Gesamtbettag für die Juden' 715 Rubel, für Christen 260 Rubel Der Berichterstatter knüpft an dieses „zweierlei Maß der Gerechttgkeit" sehr richtige Bemerkungen über die so oft von Rußland und der französischen Republik in die Welt hinausgegebene Parole von dem „befreundeten und verbündeten" Verhältnisse dieser zwei: Nationen und fragt mit Recht: Was würde Rußland dazu sagen, wenn die französische Regierung nach der Regel der Reziprozität die russischen Handelsreisenden, welche, nach Frankreich kommen, in der gleichen Weise besteuern würde und für die russischen orthodoxen Christen eine Taxe von 850 Francs, für die katholischen Christen eine solche von bloß 250 Francs festfttzen möchie? Es würde sofort den energischesten Protest gegen die „befreundete und verbündete* Nation erheben. bei welcher dasselbe Rußland seit einer langen Zeit her zahlreiche öffentliche Anleihen — dank den aus Christen und Juden bestehenden Syndikaten — ausgenommen hat. Wir aber schließen damit, daß, nachdem auch die unreligiösen und indifferenten Juden immer mehr zu der, Erkenntnis von der einzigartigen Größe des Judentums kommen und nachdem sich das Bewußtsein immer stärker Bahn bi icht, daß ein Jude stolz sein darf auf das jüdische Volk und seine Geschichte, derjenige charakterlos ist, derunter den obwaltenden Umständen seine Intelligenz, seine Kraft nicht zuni Besten der Judenheit verwendet. Aus aller Welt. Deutschland. Berlin. Turnhalle für jüdische Taubstumme. Einen erfteulichen Beweis daftir. daß die jüdischen Wohlthäter in wesentlich höherem Maße als dies ftüher leider der Fall war, Jnstituttonen schaffen und Sttstungen vornehmen, die den heuttgen Bedürfnissen d« Judenheit entsprechen, erblicken wir in d« Schenkung von 10000 Mk., welche He« Siegmund Ja c o b i der Taubstummenanstalt zu Weißens« machte zum Zweck der Erbauung ein« Turnhalle. Mit besonderer Genugthuung begrüßen wtt diese Thal, durch den in gewisser Hinsicht von d« Natur vemachlässigten Kindern die Gelegenheit gegeben wird, sich, für den für sie doppelt schweren wirtschaftlichen Existenzkampf in Bezug auf die Stählung ihr«Körp«- käfte und ihrer Energie vorzubereiten. . Möge dieses Beispiel recht viele Nachahmung findml . : (Jüd. Turnzeitung.) Berlin. Der Handelsminist« hat Ungeordnet, ' daß jüdische Fortbildungsschhl« an jüdischen Feiertagen auf Verlangen ihrer Eltern, Vormünder oder Lehrhe«en dem Schulunterricht fernbleiben dürfen. Hamburg. 37 mittellose Rückwanderer hat d« Hamburger Dampf« „Silvia" von London mit nach hi« gebracht. Die Leute sind bis ^auf weiteres . vom israelitischen Hülfskomitee in einem Logierhause untergebracht worden. Hamburg, den 17. Februar. He« Obe«abbiner M. Hirsch beging heute seinen 70. Geburtstag. He« Obe«aÜbiner Hirsch zählt wegen seiner großen Gelehr- Knkeit und seiner ausgezeichneten Charaktereigenaftenzu den anerkannten Führern der deutschen Jsraeltten und sicht heute schon auf eine 47jährige Thätigkeit. zurück. ..Bereits im Aller von 23 Jahren wurde er. als Rabbin« nach Karczay in Ungarn berufen. - In späteren Jahren bekleidete er -die Rabbinatein -Alt-