Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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k* 17. : ofen und Prag und folgte 1889 einem Rufe der Hamburger Gemeinde, um fortan an Stelle des - kurz vorher verewigten Oberrabbiners A. Stern zu wirken. Während seiner hiesigen Amtsthätigkeit hat Herr Oberrabbiner Hirsch Viel zum Ausbau der Gemeindeinstilutionen beigetragen. So begründete er 1893 die israelitische Höhere Töchterschule, die sich heute zu einer neunklassigen Anstalt, entwickelt hat; auch in der Verwaltung der Talmud-Tora-Realschule ist er thätig. Hamburg. In der Bürgerschaftssitzung wurde der Senatsantrag auf lleberlafsung eines 3900 Quadratmeter großen freiliegenden Bauplatzes am Bornpark, vor dem Dammtot. an die Deutsch-Israelitische Gemeinde zwecks Erbauung einer großen Synagoge und eines Gemeindehauses ohne Debatte einstimmig genehmigt. Der vereinbarte Preis ist unter Berück sichtigung des Zweckes ein sehr mäßiger; der Platz darf jedoch nur dem genannten Zwecke dienen. Gießen. Zu den bevorstehenden Reichstagswahlen sind wieder die Antisemiten die Ersten an der Arbeit. Die deutsch-soziale Reformpartei beabsichtigt für den Reichstagswahlkreis Gießen Grünberg- Nidda den Tierarzt Dr. Schmidt aus Gießen aufzustellen. Wie man hört, soll auf der am 1. März stattfindenden Berttauensmänner-Bersammlung die Kandidatenfrage endgültig entschieden werden. Halberstadt. Der jüdische Turnverein in Halberstadt feierte am Sonntag, den 15. dies. M. sein drittes Stiftungsfest. Fast die gesamte jüdische Gemeinde. Mitglieder des Rabbinats Kollegiums, der Bne-Bath- Loge, der christliche Turnverein u. s. w. waren erschienen, um an der Turnfeier unseres Vereins teilzunehmen, und diesem, einem der ersten jüdischen Turnvereine Deutschlands, ihr Interesse zu bekunden. Und wahrlich, wer Gelegenheit hatte, die ausgezeichneten turnerischen Uebungen am Reck und Barren zu bewundern, die von unseren wackeren jüdischen jungen Leuten mit einer Eleganz und einer Bravour ausgeführt wurden, die sich den besten Leistungen nichtjüdischer Turnvereine stolz zur Seite stellen dürfen, wer die effektvollen und stylgerechten Pyramiden vor stch auftauen sah, die mtt . ihren sehnig-muskulösen Gestalten einen,kraftstrotzenden Beweis für die körperliche Regeneration der Judenheit bilden, wird freudig dem Inhalt der Eröffnungsworte unseres Vorsitzenden beipflichlen, der betonte, daß wir stolz sein könnten auf die bisher errungenen Erfolge. Auch die anderen Darbietungen des Abends, — ein hübscher Prolog, ein kleines Theate» stück, eine burleske Crrcus-Parodie, die in ihrem drolligen Humor stürmische Ausbrüche der Heiterkeit entfesselte, batten stch des lebhaften Beifalls der zahlreichen Gemeinde- Mitglieder zu erfreuen. Ein stch anschließender Ball hielt die Jugend bis zum frühen Morgen beisammen. Möge der Halberstädter Turnverein fortfahren in seinem Bestreben, eine Jugend heranzubi den, die stch nicht nur freudig allen Wissenszweigen zuwendet, sondern auch der nicht zu vernächlässtgenden Pflege des Körpers ihre Aufmerksamkeit widmet, getreu dem schönen und wahren Spruch: »Asus sana in corpore sano“. Den anderen jüdischen Gemeinden Deutschlands möchten wir aber wiederholt die Bitte ans Herz legen, alles zu thun. um jüdische Turnvereine ins Leben zu rufen, und auf diese Weise die körperliche Ausbildung der Jugend zu unterstützen und zu fördern, denn wenn je, so thut es uns heute dringend not, einen gestählten und , an Strapazen gewöhnten Körper mitzubringen in den harten Lebenskampf unserer nervösen Zeit- Gnesen. Eine nachahmenswerte, echt jüdische Einrichtung, haben die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde in der letzten Sitzung unter Vorsitz des Vorstehers, Herrn Stadttat Gimliewicz, beschlossen, indem sämtlichen Mitgliedern der Gemeinde die Grabstätten in Zukunft unentgeltlich hergegeben werden. Siur für vorbehaltene Plätze ist nach einer aufgestellten Skala Zahlung zu leisten. Ferner ist eine Ehrenreihe unentgeltlich für Personen bestimmt worden, welche sich um die Gemeinde besonders verdient gemacht haben. Die Beerdigung folgt der Reihenfolge nach. Kirchhain. Mit dem Neubau der Synagoge wird demnächst begonnen; die Gesamtkosten belaufen sich auf Mk. 35000. Neuteich. lH oh es Alter.) Der frühere Kantor der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr I. Baer, der nach dreißigjähriger Thätigkeit in unserem Otte seinen Wohnsitz nach Gnesen verlegte, feierte vor einigen Tagen seinen neunundneünzigsten Geburtstag. Er ist, wie die »Elbinger Zeitung" hört, für sein Alter noch recht rüstig. Seine erste Ehefrau geleitete er zwei Jahre nach der goldenen Hochzeit zu Grabe, und mit seiner zweiten Gattin ist er nahezu 25 Jahre verheiratet. Oesterreich-Ungarn. Zaleszczyki, den 18. Februar. Um 4 Uhr Früh brach'hin Feuer in einer Synagoge aus, wo zu dieser Zeit eingeheizt wurde. In der Stadt herrschte ein starker Wind, der die Flammen über die Holzdächer trieb, wo sie schnell Nahrung erhietten. Mehr als 20 Häuser, darunter zwei Synagogen,sind eingeäschert worden. Einige. Häuser sind bis auf den Grund niedergebrannt. Erst gegen 8 Uhr Morgens gelang es dem Militär und den hilfsbereiten Einwohnern, das Feuer zu lokalisieren. Der Schaden dürfte die Höhe von 60.000 Kr. erreichen. Nur ein geringer Bruchteil ist. durch Versicherung gedeckt. Da Frankfurter Israelitisches Familienblatt. die Bewohner der verbrannttn Häuser lauter arme Leute sind, so bedeutet dieses Feuer für sie die Vernichtung ihrer Existenz. Budapest. Der frühere ungarische Minssterpräsident, Baron Destder Bänffy, unter dessen liberalen Regime der Anttsemitismus in Ungarn nur in seinen moderrüchigen Löchern noch ein enges Heim fand, ist sett dem 18. d. M. der Präsident des Budapester Leopoldstädter Kasinos. Genanntes Kasino, das zumeist aus Juden besteht und von unseren lieben Anttsemiten mit dem Namen .Leopoldstädter Synagoge" beehrt wird, hat nunmehr thatsächlich den würdigsten Mann an seine Spitze gestellt. England. Cambridge. Am 5. d. M. wurde an der Havard- Universität das neue semitische Museum eröffnet, das in der Geschichte der jüdischen Forschung umsomehr Epoche machen dürfte, als es bisher einzig in seiner Art ist. Das Museum, das einen Kostenaufwand von 100,000 Dollars verursachte, ist eine Schenkung des bekannten Newhorker Philanttopen Jakob H. Schiff, der seit 10 Jahren dem leitenden Komitee der semitischen Abteilung dieser Universität angehört. Der Eröffnung wohnten Bertteter aller größeren höheren Lehranstalten und theologischen Seminarien des Landes bei. Rußland. Odessa. Ein charakteristischer Prozeß hat sich dieser Tage am Bezirksgerichte von Odessa abgesoielt- Der Odestaer Bürger Sckalom Rosenbloem stand unter der Anklage, in Kiew, wo den Juden der Aufenthalt bekanntttch nicht gestattet ist. ohne Wohnrecht einen Tag geweilt zu haben. Wie es sich herausstellte, befand sich Rosenbloem, ein von der Schwindsucht befallener Mann, auf der Reise in die Heimat. In der Nähe von Kiew bekam er einen Blutsturz und mußte m Kiew abüeigen, um eine dortige meki.inische ''utorität zu konsultieren:- Er wurde jedoch in Kiew sofort verhaftet und ausgewiesen, wobei das Bezirks gerickt seiner Bakerstadt Odessa beaufttagt wurde, gegen Rosenbloe m"Äe Klage weaen widerrechtlichen Aufenthaltes in Kiew zn erheben- Das Bezirksgericht verurteilte Rosenbloem zu einer Geldstrafe von 50 Rubeln... Baku. Während es den antijüdischen, russischen Blättern gestattet ist, antisemittscke Arttkel nach Belieben und Gutdünken zu publizieren, ist es den anständigen Journalen untersagt, Arttkel zu Gunsten unseier Brüder zu veröffentlichen. Diese Tharsache konstatiert zum erstenmale der Redakteur der russischen Zeitschrift „Baku", der Nattonalrusse A Petrischtschew Er teilt in einer Zuschrift an den .WoSkhod" folgendes mit: „Daß die lrberale Presse Rußlands geiiöttgt ist, die jüdische Frage totzuschweigen, ist einfach darauf zurückzuführen, daß man ihr nickt gestattet» diese Frage zu erörtern- Als Leite» eines Provinzblattes wurde ich sogar der Möglichkeit beraubt, Auszüge aus dem jüdisch-russischen „WoSkhod" nackzudrucken, weil man mir kategorisch erklärte: ..Jüdische Angelegenheiten dürfen nur von der jüdischen, nicht aber von der russischen Presse besprochen werden." Ein auderesmal wollte ick in einer anderen Zeitschrift eine Artikelserie zu Gunsten der unbesck' änkten Za laffung der Juden zu den Hochschule» publizieren, aber noch jetzt ist bei mir als ..historische Ermnerw'g" der erste Artikel ausbewabrt. der nickt kommen konnte, weil die Zensur ihn nickt passieren lassen wollte . . . Als ich vor kurzem einer hervorragenden, guten Residenzzeitung den Anttag stellte, über die brennende Judenfrage etwas zu sagen, da betrachtete man mick als einen Verrückten. ..Was soll das?" sagte ma» mir; „wissen Sie es denn nicht, daß wir es nicht thun dürfen. . .?" Portugal. Lissabon. Der König von Portugal hat Herrn Salomon Seruha in Anerkennung seiner Verdienste um die portugiesischen Einwohner Transvaals zum Ritter ernannt. Seruya ist aus Lissabon gebürtig, 1898 kam er nach Südattika als Korrespondent dü „Diano de Noticias". - Er war in Loren?o-Marques Settetär des portugiesischen »Kurators der Eingeborenen" in Transvaal. Dann war er auch eine zeitlang Generalkonsul von Portugal in Südafrika. Palästina. Gezer Ausgrabungen. Hier werden bereits feit längerer Zeit Ausgrabungen vorgenommen. Aus einem Briefe des Leiters der Ausgrabungen, des Rev. Stewart Macalister, vom 15. Januar an daS Athenäum ist zu ersehen, daß in jüngster Zeit sehr wertvolle Funde gemacht wurden. Die unterste zu Tage liegende Schichte enthielt sehr alte Töpfereireste, die aus der Zeit 300"—2500 vor Christi stammen. Auf diese voramoritische Lage folgen dann zwei amoritiscke und auf diese zwei jüdische aus der Zeit vor dem Exil und eine Lage. auS der Zeit nach dem Exil. Der Tempelplatz aus der Amorrterzeittwar in der jüdischen Periode mit zahlreichen Wohnhäusern überbaut Die zweite jüdische Stadt, die der Königszeit, war viel kleiner. Durch diese Ausgrabuugen we,den zwei Bibelstellen illustriert, nämlich Josua XVI. 10: „Ephraim vertrieb nicht die Kanaaniter, die in Gezer wohnten. So blieben die Kanaaniter iumitttn Ephraims Crrte 3. wohnen" und 1 Buch Könige IX. >6: „Der Pharao hatte Gezer erobert und die Kanaaniter niedergemetzelt und hatte die Stadt seiner Tochter, der Gattin Salomos, zur Mitgift gegeben." Jerusalem. Das verstrichene Jahr war für die Kolonisten ein sehr günstiges, da infolge des guten Wetters die Weinernte sehr gut ausgefallen ist. Der ganze Wein wurde diesmal verkauft und zwar fand er leinen Absatz nicht nur in Europa und Amerika» wie früher, sondern auch in Palästina selbst. Amerika. Rew-Aork, 18. Februar. In dem hier entbrannten Kampf um den Zwang der Sonntagsheiligung durch die I s r a e l i t e n ordnete der Oberbürgermeister von New-Dork an, daß alle orthodoxen Juden, weiche den Sabbalh. heiligen, die Vorschriften für die Beobachtung und Heilighaltung des christlichen Sonntags nicht zu beobachten brauchen und ihre Geschäfte schließen oder öffnen können wie sie wollen. Der Oberpolizeimeister von New-Dork, General Greene, versetzte den Polizeikommissar im östlichen Stadlteil von New-Dork. wo die meisten Juden wohnen, zur Sttafe, weil derselbe dieSonntagsheiligung durch dieJuden erzwungen hatte. Nachdruck verboten. Aus -er Jugendzeit. Skizze von B. Leiser. Bor ihm lag der Brief. Er sah nachdenkllch darauf nieder, ohne eine klare Empfindung dessen, was ihn bewegte. Es war nicht Trauer, kein tiefes, schmerzliches Gefühl und dennoch — er empfand es mit Staunen, eine leise Wehmut hatte sich seiner bemächttgt und hinderte ihn am rechten Genuß des delikaten Frühstücks, das vor ihm auf dem Tisch stand . ... - Ein Bild stieg vor ihm auf, ... er sah es wie in einem Rahmen, — zauberhaft deutlich und frisch, ein Märchen dünkt es ihm nun gleich jenen, die er damals mit Andacht und Spmmung vernommen .... Zwei kleine, fast gleicharttge Häuschen nnt grünen Läden und einer mächtigen Kastanie vor dem einen, die liebevoll — ziemlich gleichmäßig — den Bewohnern rechts und links Schatten spendete... Er fah sie in Sonnenglanz getaucht und dann wieder die Dachfirste dicht nnt Schnee umhüllt. Ein Keines, schwarzlockiges Mädel, wild wie ein Bub, hauste in dem einen nnt der Mutter, seiner Tante, das andere hatten seine Eltern inne. Die Häuschen waren von den Großeltern ererbt. .... Und er sah sich selbst neben dem kleinen Mädchen auf der Ofenbank hocken . . . es war Winter. Der Wind sauste um die Schornsteine und fegte den Schnee an Fenstern und Thüren vorüber, sie achteten dessen nickt. Das Mädchen hatte die Hände ineinander gelegt, mit offenem Mündchen, die großen, schwarzen Augen träumerisch in die Höhe gerichtet, saß sie da, und er selbst, die Kniee emporgezogen, förmlich zusammengeduckt vor Erregung, sah und hörte nichts anders als die lleine, zierliche Frau, die am Fenster »nit irgend einer Arbeit beschäftigt, ihnen so wundervolle Geschichtchen erzählte. Die ureisten hatte sie wohl a»»s sich selber geschöpft. Aber dann und wann erzählte sie den atemlos Lauschenden von ihrem Urahn, Tantes Großvater. Das war ein Gelehrter gewesen, ein großer» jüdischer Gelehrter. Die Leute waren stundenweit hergekommen, um ihn zu sehen und zu hören; sie nannten ihn den weisen „Raas". Er sollte auch Bücher geschrieben haben über den Talmud, und er Leonhard, erinnerte sich noch so deutlich, mit welcher Ehrfurcht er damals das alte Portrait dieses Mannes» das über dem Sofa gehangen, betrachtete, den schmalen Kops mit dem glatt gestrichenen Haar und den schwarzen, geistvollen Augen. Cr hatte ja schon damals herausgefunden, daß die Tante und auch ihr kleines Mädchen dieselben sprechenden Augen besaßen. Sonderbar, daß er beide so ganz aus den Augen verloren, daß erst der Tod, dieser garstige Geselle, diese Criimerungen wachrief! . . . Seine Eltern waren rasch nacheinander gestorben, und sein Onkel hatte ihn bald nachher in einer Privatschule untergebracht, froh, der ganzen Sorge um den wilden Jungen aus diese Weise enthoben zu sein. . . Einmal nur tvar er noch in das lleine, grün umvanlle Häuschen zurückgekehrt; ftemde Leute hatten von ihm Besitz ergriffen, und er selber war später in der großen Stadt, in welcher er nun lebte, gewalttg emporgekommen. Wohl hatte er flüchttg gehört, daß die Tante vor einigen Jahren auch hierher verzogen sei, niemals aber ein Lebenszeichen erhellten oder gegeben, er war so unendlich in Anspruch genommen . . . Nun, da die fett gedruckte Anzeige da vor ihm tag, büntte es ihm mehr als sonderbar, daß er nie daran gedacht, seine Verwandten aufzusuchen. Nachdenllich ging er an seinen Settetär, um einen stilgerechten Kondolenzbrief aufzusetzen> aber dann schien ihm das doch zu fremd und kalt, es war doch immerhin die Tante gewesen, die da verstorben. So griff er zum Adreßbuch und schlug pach. Wo sie wohl wohnen mochte? . . . Hier! . . . Witwe Max Sondheiin, Zollstraße 7, zweite' Etage. Er kaimte die Straßen in diesem Viertel nur dem Namen nach, kam selten in jene Gegend, dort im äußersten Westen, ganz hinaus,. . wo die letzten Mietskasernen stehen in zum Tell noch