Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 17 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) -Nostzeitungskiste 8741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). 9 Redaktion und Haupt "ErpeiMwn FrslnKfurk s. Ml. Lergerstraße 25, parterre. Herausgeber: Saly Geis. 8- Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. No. 17. Freitag, den 30. Schewat 5663 (27. Februar 1963). No. 17. "Die Zusendung an unsere Abonnenten wird auf's Sorgfältigste kontrolliert; Nnregelmätzigkeiten bitten wir, uns sofort zu melden. (Nachdruck verboten.) Zur jüdischen Handwerkersrage. Fast mit jedem Tage treten neue soziale und kulturelle Aufgaben an uns Juden heran; zu lange haben wir unter ganz abnormen Verhältnissen gelebt, als daß der Ausgleich schon jetzt ein vollkommener sein könnte. Mit hohem Interesse hat wohl jeder, der sich mit diesen Dingen beschäftigt, gelesen, daß der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands in Gemeinschaft mit der Bodenkultur- Gesellschaft einen praktischen Versuch in größerem Maßstabe unternommen und ein Gut angekauft hat. auf dem die Eleven unter der Leitung eines tüchtigen Fachmannes im Sommer die Landwirtschaft von Grund auf praktisch erlernen und im Winter theoretischen Unterricht erhalten. Die Anstalt ist eine notwendige Ergänzung derjenigen in Ahlem, wo vorzugsweise Gartenbau betrieben wird und beide sind eine unbedingte Notwendigkeit, wenn die Versuche, die Juden Deutschlands von allzu einseitiger Beschäftigung abzuhalten, Erfolg haben sollen. Aber bei allen diesen Neugründungen können wir uns eines lebhaften Gefühls der Besorgnis nicht erwehren. Woher kommen ihre Mittel? Steigt die jüdische Wohlthätigkeit wirklich in demselben Maße als neue Vereine und neue Be strebungen anftauchen? Oder graben sie sich nicht vielmehr gegenseitig das Wasser ab? ^eiden nicht ältere Vereine, die ähnlichen Zwecken dienen, darunter? Mit diesen Fragen wären, wir denn glücklich an dem Kapitel über die Zersplitterung der Kräfte im jüdischen Lager angelangt und das wollten wir heute wirklich nicht anschneiden. Nein, was uns gerade jetzt veranlaßt hat, auf diese Verhältnisse hinzuweisen, das ist die Befürchtung, daß die Vereine zur Beförderung des Handwerks unter den Juden am meisten durch die Neugründungen geschädigt werden. Es gab eine Zeit und sie liegt noch gar nicht ferne, wo man für das Handwerk geradezu schwärmte und wir erinnern uns noch lebhaft, einer Versamlung beigewohnt zu haben, in welcher ein Redner unter dem tosenden Beifall der Anwesenden ausrief: .Nicht eher dürfen wir ruhen, bis wir eine verhältnismäßig ebenso große Zahl von Handwerkern unter uns haben, als unsere christlichen Mitbürger!"' Das find Uebertreibungen, wie sie Lei. jeder Bewegung mit unterlaufen. Und so ein klein wenig spielt auch die Mode mit; zu jener Zeit begeisterte man sich, für das Handwerk, heute, wo agrarisch Trumpf ist. für Bodenkultur. Man ist bescheidener geworden zu bescheiden sogar, denn man liest von den Leistungen der genannten Vereine nur sehr wenig, sodaß man fast auf den Verdacht kommen könnte, als ob ein Rückgang schon jetzt eingetreien wäre, was hoffentlich nicht der Fall ist. Das Thema ist ja nicht selten in den jüdischen Zeitungen und gehört sogar zu den beliebteren. Der jüdische Durchschnittsphilister liest gar zu gern, daß weit hinten in der Türkei, in Saloniki, der Jude Lastträger, Bootsmann, Handwerker und Dienstbote, der Grieche dagegen fast ausschließlich Händler ist; daß in Rumänien und Rußland die Zahl der jüdischen?Handwerker die der christlichen relativ übersteigt; er lest mit Vergnügen all die schönen Aussprüche des ' Talmuds über den Wert der Arbeit und des Hand? Werks; er hört mit Befriedigung, daß auch in Deutschland ca. 40 Vereine auf die Ausbildung der Jugend im-Handwerk bedacht find. Viel wichtiger wäre es allerdings, von Zeit zu Zeit zu vernehmen, welche Erfolge dieselben erzielt haben, wie viele von ihnen ausgebildete Handwerker sich selbsttändig gemacht u. s. w. Wir wissen ja ganz genau Lescheid, wie stark der Prozentsatz der jüd. Handwerker in Odessa ist, aber über deutsche Verhältnisse nur sehr wenig. Im Jahre 1839 versuchte es der D. I. G,B (Nr. 24 seiner Mitteilungen) einen Ueberblick über die Leistungen der deutschen Vereine zur Beförderung des Handwerks zu geben, aber das vorhandene Material cheint ziemlich knaM gewesen zu sein, besonders der Frankfutter Verein ist nur mit einigen Zeilen abgethan.' Nicht ein einziger Verein hat es für notwendig gehalten, anzugeben, wie viel von den s. Z ausgebildeten Lehrlingen sich bereits als Handwerksmeister irgendwo niedergelassen haben. Seitdem sind zuämmenfaffende Veröffentlichungen nicht mehr erfolgt und so tappt man in dieser Frage ganz im Dunkeln Und doch wäre es von großer Wichtigkeit, Genaueres darüber zu erfahren, denn nicht nur, daß erzielte Erfolge die beste Propaganda sind, sondern sie entscheiden auch die Frage: »Sollen wir auf dem betretenen Wege fortzchreiten, oder gibt es Mängel auszumerzen. die unserer Arbeit anhaften?" Unsere heutigen Ausführungen bezwecken eigentlich nur, die Anregung zu geben, daß diejenigen Kreise, die mitten in der Arbeit stehen, mit ihrem Material Herausrücken und besonders dankbar wären wir den Herren vom Frankfurter Verein, Ausführliches über eine Thatigkeit zu hören. Das Interesse für diese wichtige, soziale Aufgabe würde dadurch sicher bedeutend gestärkt werden. In einem weiteren Artikel aber wollen wir auf einige Punkte Hinweisen, die schon heute sestzustehen scheinen. Das Bibel-Babel-Thema ist noch immer Gegenstand öffentlicher Diskussionen Innerhalb 8 Tagen hörten wir hier in Franksurl allein 3 Borttäge über diesen Gegenstand, und zwar von Herrn Rabbiner Dr. Goldschmidt Offenback. Herrn Distriktsrabbiner Dr. Kohn, Ansbach und Herrn Dr. Brüll, hier. Es ist gut, wenn da, wo der Glauben wankt, die Ueberzeugung sich einstellt Dieses Glück wird uns Juden in immer verstätttem Maße zu Teil. Schon wollten wir verzweifeln, da wir sahen, wie immer mehr das kindliche Bettrauen zu der Wahrhaftigkeit des Glaubens, für den die Väter Gut und Blut freudig geopfett hatten, schwand; — doch siehe.' da kam zur rechten Zeit die reckte That; Gott hatte uns nicht vergessen. Ein neues Geschlecht will Beweise für die Göttlichkeit des Gottesbuches: nun, so regnet es soviel Beweise für die Wahrhaftigkeit dieser göttlichen Redaktion, daß selbst jene, die längst dem Judentum den Rücken gekehrt haben, jene, die die schlimmsten Schreier waren, als man dem Judentum den Todesstoß versetzen wollte, beschämt dastehen. Jeder Jude, der ohne Voreingenommenheit und mit Verständnis die Bibel-Babel- Litteratur verfolgt hat, muß — er mag sich noch so weit von seiner angestammten Religion entfernt haben — ein besserer Jude werden, denn er muß Interesse für das Judenmm gewinnen. . Da man bei uns Juden leider den Urteilen von christlicher Sette mehr Äewicht beilegt, als den von jüdischer, so wollen wir heute nach dem „Darmstädter Tageblatt" mit einigen Kürzungen und einigen kleinen Aenderungen einen Aufsatz wiedergeben, dessen Autor Christ ist. Der. Autor schreibt: Dieses Blatt brachte wie viele andere Zeitungen vor kurzem ein ReserM über den Bottrag des Berliner Affyriologen Friedrich Delitzsch, der das Thema „Babel und Bibel" behandelte. Da der Genannte in diesem Borttäge die Vorstellungen und Berichte der Bibel über die Schöpfung der Welt, den Sündenfall, die Sintflut, über Engel und Teufel, über den Sabbat, das Opferwesen und Priestertum, ja auch über den Namen und die Verehrung des jüdischen Gottesnamen und überhaupt über den Monotheismus für babylonisches Erbgut erklärt, und damit die der Heiligen Schrift Allen Testaments zu grund liegende und nicht nur von ihr in Anspruch genommene, sondern ihr auch von dem Stifter der christlichen Religion entschieden zuerkannte göttliche Offenbarung leugnet: — so ist es wohl in der Ordnung, diese kühnen Behauptungen einer Prüfung zu unterziehen, und es soll das hier wenigstens an zwei besonders wichtigen Stoffen gechehen durch einen im engen Anschluß an die unseren Gegenstand behandelnden Schriften der Professoren König-Bonn und Oettli-Greifswald vollzogenen Vergleich des babylonischen Schöpsungs- und Sintflutmythus mit den biblischen Berichten über diese Vorgänge. Der babylonische Schöpfungsmythus lautet: In der Urzeit, als Apsu (der Urozean) und Tiämat (der Urgrund) ihre Gewässer vermischten, wurden zuerst die hohen Götter geschaffen. Apsu, Tiämat und ihr gemeinsamer Sohn Mummu verabredeten aus Anlaß der Lichljchöpfung eine Empörung gegen die oberen Götter. Tiämat erschafft elf gräuliche Wesen und stellt den Gott Kigu an ihre Spitze. Der Gott Anschar erzählt dem Marduk, dem Sohne des Gottes Anu, welche Gefahr den Göttern droht von Seiten der Urmutter des Alls. Marduk übernimmt den Kampf unter der Bedingung, daß sein Wort wle das der anderen Götter gelten soll. Hierüber findet zunächst Beratung bei einem Göttermahl statt Sie verleihen dem Marduk das Künigium über das ganze All. scheiiken ihm die Königszeichen: Szepter. Thron und Ring, und bewaff»>en ihn mit Bogen, Sichelichwert und Dreizack. Sein Vater gibt ihilr außerdem ein Ney mit. um die Tiämat zu fangen, und unter Blitz und Sturm fährt er der Femd>n entgegen Es kommt zur Schlacht. Bel- Marduk schließt die Tiämat in seinem Netze ein, stößt ihr sein Schwert in den Rachen und wi.st ihren Leichnam hin, dessen Blut drei Jahre und drei Monate lang fließt . Nachdem er auch ihre Heiser überwunden hat, zerschneidet er den Leib der Tiämat in zwei Teile, und macht die eine Hälfte zum Himmetsdach Er baut den Himmelspalast Ejchara für sich, schafft den Tiertteis am Himmel und setzt die Ordnung der Gestirne fest. Er heißt: der Herr der Erhörung und Gnade. Vergleichen wir hiernnt den Bericht in den zwei ersten Kapiteln der Bibel! Welch eine tiefe Kluft rhut sich doch auf zwischen diesem Bericht und jenem Mythus! Der ganze phantastische Götterspuk ist hier verschwunden. Gott, der Alleinige, ruft duich sein Allmachtswort Himmel und Erde und die ganze wohlgeordnete Reihe der Geschöpfe ins Dasein Man meint aus den Witten Phantasien eines gieverttanken in die reine Atmosphäre gesunder Geistesklarheit zu tteten Die mythischen Züge, die das dämmernde religiöse Bewußtsein erdichtet hat, sind in dieser schlichten und hohen Darstellung ausgelöscht. Sollte auch vielleicht das im biblischen Bericht mit dem hebräischen Wort ^ebüm bezeichnete und mit dem Atttibur tSiiu vuböhu (wüst und leer) belegte Gewässer, das die Erde bedeckt, an den im babylonischen Mythus aujttetenden Namen TiSmat erinnern, so ist doch die Personifikation des llrmeeres zu einem gottfeindlichen Ungeheuer im biblischen Bericht gänzlich abgelyan. Dazu sind die heidnischen naturhasten Vorstellungen von einer Theogonie oder Götterentstehung an der Spitze des Schöpfungswerkes, wie von den Aengsten, Beratungen und Berleidigungsanstaiten dieser Götter gegenüber den Naturmächren vollständig besettigt. Woher kommt nun — das ist die große Frage — dem israelitischen Volk diese gesunde Auffassung und nüchterne Darstellung des Schöpfungsvorgangs? Daß es dieselbe nicht aus dem heidnischen Babel entlehnt hat, liegt doch auf flacher Hano. Aber auch, aus seinem