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Jüdische Rundschau · 1936-09-04 · Heft 71 (4.9.1936) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 71 (4.9.1936)
Date
1936-09-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
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$•»« y6 Nr. 71, 4. IX. 936ז * jHDtsrwp Rundschau Beate Guttmann Zum SO. Geburtstage am 4. September Das Jahr 56% hat uns vor seinem Abschied zwei gedankenweckende Feste aufbewahrt: zwei Tage, die uns erinnern, daß sowohl Kraft ries Geistes wie unzerstörbare Le* benskraff, ״vitale Energie“ auch heute noch in unserm Stamme zu finden sind. Vor wenigen Tagen feierten wir den 80jährigen Chacham Moses Ciastcr, den Kämpfer und For- *eher. Und heute vollendet eine unserer hervorragendsten und gütigsten Frauen das achtzigste Lebensjahr: Beate Guttmann, deren Name auch den wenigen, die ihn noch nicht gehört haben sollten, durch die von ihr ins Leben genifetie segensreiche Schöpfung, das Beate Guttmann-Heim in Breslau, vertraut und lieb geworden ist. ln einem schönen, jüdisch warmen und dabei welioflencn alten Kaufmannshause in Kopenhagen wuchs das anmutige, lebensfrohe Mädchen auf. Ihr Bruder war der bekannte Rabbiner und Orientalist Professor David Simons«!, dessen menschenfreundliches Wirken zur Zeit des Weltkrieges Uns allen in dankbarer llrinnenmg lebt; Linern anderen jungen Rabbiner, dem unvergeßlichen Jakob Guttmann, dem Rcligionspliilosophen, folgte Beate Simonsen 1879 nach Deutschland, um erst in I iildesheim, dann in Breslau an der Seite ihres Gatten ein Haus auf/uhaiien, das man nicht mit Unrecht ״das ideale Rabbiuerhaus“ genannt hat. Nicht nur, daß cs allen Bedürftigen offenstand ״ ־Mutters Freitagsfraucn“ waren d«g vier Kimlern bald vertraute Gestalten, wie sie am Erevv Seliabbos mit leerem Topfe ankamen Und mit gefülltem Topfe verschwanden. Auch den Studicnfrcun* den und Aintsgctiosscu 11,res Gatten und darüber hinaus einem weiten Kreise von gleieligestimmlen Freunden und l-'rcundinnen ward dies eiu/ige I laus zur gastlichen Heimat. ,,Das Haus — das i>t die Frau“ ilurfle o in diesem Falle mit ganz besonderem Recht!!eilten: und der I lausherr selbst, der so tiet ins Herz zu blick! 1! verstand, lütte sich dieses Wortes behaglich lächelnd gilnuit. Demi dies im schönsten Sinne fcstcsfrohe Haus trug dar Stempel, den ihm das heitere, tüchtige Wesen der I f.ittsfiau aufpnigfe. Nach dem allzu frühen Tode des Gatten (PM9) hat die vereinsamte 11 au den Kreis ihres Wirkens allmählich erweitert und vertieft. ..Mutier der Gemeinde“ war sie schon immer gewesen - jedes beladene I f«v halte bei dir Trost uno Hilfe gefunden. Jct/t aller wird ihre unermüdliche Arbeit, ihr besonnenes t '11111 immer mehr auch in weiteren Bezirken grschät/t und gesucht. Fange Zeit hat sie im Vor- Stande des A i I g r in e 111 e n Schl e s 1 s c h e n 11 a 11 s ״ f r a t! e!1 - V c r h a n d c s mitgearbeitet; länger noch hat sie in der Ortsgi tippe des j u d. Iraiuin-li lindes, in den Jud. Volksküchen, in zier l’eali, in der Bne-Brith-Loge an führender Stelle geunkt. Dennoch blieb jetzt wie vordem der Mittelpunkt ihrer Wirksamkeit das eigene Haus urul die persönliche Betatim•:; noch heute weih sie jeder zu fi.aleu, der in Breslau eine Sorge auf dem Herzen hat. Aber bei diesem vielfältigen sozialen ,Muhen und Katen ist Beate Guttmann niemals streng und niemals trübe geworden; auch das Leid ihres Lehens hat sie zu einer wundervollen Harmonie geläutert, Und die seltene geistige Grazie ihrer Natur, ihr unbesieglicher ״Charme“ ist ihr bis!teilte treu geblieben. Ais nach ihrem 70. Geburtstage ihr Liebliugsgedanke verwirklicht und das Altersheim des Jüdischen Frauen b u 11 des i 11 B r e s 1 a u geschaffen wurde, da war cs dieses Heims schönstes Vorrecht, daß cs sich Beate Guttmann-Heim nennen und durch diesen Namen von dem Wirken dieser vorbildlichen Frau Zeugnis ablegcn durfte. Aber ein ebenso beredtes Zeugnis von dem Fünf hisse ihres Wesens und Wirkens legen ihre Kinder und Enkel beute ab, deren Wirksamkeit die edle Tradition des Elternhauses hütet und neu unterstehen laßt. Ihr ältester Sohn, Professor Julius Guttmann, bekleidet seit einigen Jahren den Lehrstuhl der jüdischen Religionsphilosophie an der Uiiiver- Sität Jerusalems; ihre älteste Enkelin arbeitet in Deganiah. In früheren Jahren sagte einmal (so erzählte mir meine Mutter) einer, der cs wissen mußte, von Beate Gutfrriann: ״Es kommt mir vor, als ob bei unserer Rebbe/in immer Schabhes wäre'“ -Fml diese Eigenschaft, die Beate Gutt• mann von un-erer Ahntrau Sara als ein kostbares Erbe über* nommen hat mag sie ihr treu bleiben durch viele gescgnett: Jahre hindurch! Das!st der Wunsch ihrer unzähligen Freunde zu ihrem A), Geburtstage. B e r f h a B a d t - S t r a u ß Volks- oder höhere Schule? Ein Beitrag zur Diskussion Dr. S. B. Bamberger, Hamburg Nach den Erfahrungen, die an höheren Schulen gemacht wurden, muß man den Ausführungen Herrn Gärtners in Nr. 63 prinzipiell z u s t i m in en. Trotz aller Auslese und Teste ist der Leerlauf an den bestehenden höheren Schulen erschreckend groß. Es ist doch so, daß bei einem 10jährigen Kind sich die geistige und körperliche Wciterentwickluiig nur mit großer Unsicherheit beurteilen läßt. Mehr noch als für das deutsche Kind gilt dies für das jüdische K i n d? das oft durch eine Frühreife eine günstige Weilerentwicklung verspricht, während mit 12—13 Jahren ein Stillstand in dieser Entwicklung eintritt. Groß ist darüber die Enttäuschung bei den Lehrern, noch größer aber bei den Eltern, die den Kindern gegenüber voreingenommen sind und sich den Tatsachen aas dem verstündlichen Gefühle des verletzten elterlichen Stolzes verschließen. Ich habe deshalb wiederliolt in Konferenzen den Standpunkt vertreten, daß für unsere jüdischen höheren Schul«! die Aufbauschule die gegebene Schulform ist. Wenn erst nach sieben Schuljahren eine Gabelung zwischen höheren Schulen und Volksschulen eintritt, so wird sich die Eignung 1111 niiiiii 111111 Köln Recklinghausen Hagen Duisburg Koblenz M.-Gladbach Trier Chemnitz Dresden Leipzig Stuttgart Karlsruhe Mannheim Hannover Braunsrhweig Bremen Hamburg Frankfurt a.M. Darmstadt Öffcnbadt Kürnbetg Würzbuttf Berlin R.-A.Dr. Alfred Rabau Siddy Galdsdimidt R.-A.Dr. Alfred Rabau Siddy Goldschmidt Fritz Lewinsohn• Köln Siddy Goldschmidt Fritz Lewinsohn-Köln Dr. Hardi Swarsensky R.-A. Dr. Alfred Rabau Dr. Frenz Meyer Paul Lewinsohn Paul Lewinsohn Paul Lewinsohn Dr. Kurt Lewin Dr. Kurt Lewin Dr. Kurt Lewin Dr. Hans Friedenihal Dr. Franz Meyer Siddy Goldschmtdi Siddy Qoldschmidt Siddy Goldschmidt Siddy Qoldsdimidt Dr. Joachim Prinz Dr. Hans Friedenthal des Schülers für die höhere Schule mit viel größerer Sicherheit beurteilen lassen. Es sprechen aber noch andere Gesichtspunkte für die Aufbauschule. Da ist zum ersten die Stundent a f e I. Gärtner spricht von der ungeheuren stofflichen Ueberlastung der jüdischen Volksschule. Ich glaube nicht, daß diese für die unteren Klassen der Volksschule zatrifft, sicherlieh aber ist sie kleiner als in den entsprechenden Klassen der höheren Schule. Wenn daher unsere Kinder vom 10. bis 12. Lebensjahr nach dem Stundenplan der Volksschule unterrichtet tverden, läßt sich rein stundcnplniimäßig viel mehr Zeit erübrigen für das jüdische Kulturgut, als es bei einem Unterricht nach dem Lehrplan der höheren Schule möglich ist. Ebenso wichtig ist die geistige Verfassung einer Schulklasse, die nach diesen Prinzipien behandelt wird, ohne daß eine Teilung der Klasse vorgenommen wurde. Man hat oft und mit Recht über die ״Auspowerung‘• der Volksschule durch die höhere Schule gesprochen. Durch die Auslese der ״intelligenten“ wurde das Niveau in der Volksschule gesenkt und senkte sich zwangsläufig in den höher«! Klassen der Volksschule weiter. In der jüdischen Volksschule, die mit einer höheren Schule in enger Verbindung steht, ist dieses Absinken des Bildungsbedürfnisses der Schüler nur zu deutlieh bemerkbar. Diese Tatsache ist leicht erklärlich, weil den immerhin weniger begabten Kindern die Anregung und der Antrieb fehlt, welcher von den begabteren Kindern der Klasse ausgeht und auch die unbegabteren Kinder anspornt und fördert. Matt hat von seiten der Grundschullehrer dem entgegengehaltcn, daß die geistige Entwicklung lOjährigcr Kinder zu einer Trennung derselben zwingt. Genau so wandte man früher gegen die gemeinsame ürumlschule ein, daß malt Kindern von so verschiedener Veranlagung nicht gemeinsam die Grundlagen der Schulbildung beibringen kann. Ich glaube,, daß die Praxis es beweisen wird, daß man genau so wenig! die 10—12jährigen Kinder im Unterricht zu trennen braucht, wie die Praxis es für die 6—10jährigen bewiesen hat. Diese 10—12jährigen begabten Kinder werden nicht in ihrer Ent- Wicklung; gehemmt werden, sie werden vielmehr in diesen Jahren ihre geistigen Fälligkeiten langsam, aber stetig entwickeln und in der dann folgenden höheren Schule um 60 mehr schnellere Fortschritte machen, Kerichensteiner, der in seiner Theorie der Bildung die Faktor«! untersucht, durch welche der jugendliche Mensch gebildet und erzogen wird, kommt zu dem Schluß, daß das, was man F o r m a 1 b i 1 d u n g nennt, fast allein Aufgabe der Schule ist und bleibt. Unter Fornialbiklimg verstehen wir die durch IJebung erhöhte Leistungsfähigkeit körperlicher und P" dem deutschen Kulturkreis entnommen sind, sondern daß in der jüdischen Schule jüdisches W i s s cn sgut ebenso formalbildend verwertet werden kann und muß wie der Stoff, der ati der deutschen Schule dein gleichen Zwecke dient. Das kann geschehen, ohne von dein Lehrplan der höheren Schule so weitgehend abzuwekhen, daß dadurch die Anerkennuiig der Schule in Frage gestellt wird. Ein Beispiel hierfür. An den höheren Schulen wird im allgemeinen Englisch als erste Fremdsprache gelehrt, und so soll cs auch bei der Bedeutung der englischen Sprache als Weltsprache und als offizielle Amtssprache in Palästina bleiben. Als zweite Fremdsprache beginnt im allgemeinen in Untertertia das Französische, und cs ist bekannt, ״däß die Erfolge in der zweiten Fremdsprache oft sehr ßtfljfge sind, weil der Pflege dieser Sprache nicht genügend Zeit zur Verfügung steht. Es ist wohl anzuiuhmen, daß die Schulaufsichtsbehörde ihre Einwilligung dazu geben wird, Hebräisch als zweite Fremdsprache aiizuerketmen. Da man mit Hebräisch aber schon frühzeitiger beginnt und es fn den höheren Klassen durch den Fortfall einer anderen Fremdspräche weit gründlicher behandeln könnte, würden so im Iwrith-Unterricht unserer höheren Schulen Erfolge erzielt werden, die unvergleichlich höher sind als die bisherigen, die unbefriedigend genug sind. Glaubt man aber wirklich auf die Erlernung der französischcn ■Sprache nicht verzichten zu können, so kann man sie für die besonders begabten und interessierten Schüler als Wahlfach auch an den jüdischen höheren Schulen behandeln lassen. Sdi. isdi Hurwitz in eigener Beleuchtung Der hebrätsche!,uhlizist und echte Wahrheitssucher Sch. isch Hunvitz (geh. Jnm-K,p׳p>ur!81,0 in Rufiland, gest, 8, August l'rpl in Berlin’) halte die Gewohnheit, alle seine Briefe venniiteist ein■•/■ J,resse zu kupieren, /luv diesen nacherlassenen, nneh an eet eiienllii hlt •n Rricitn sei der reichfolgende, an seinen jüngeren limitier Isaak in Petersburg im September Pil i gerichtete, in ileutseher l' ehersetzung wiedergegeben, und! er, 11 •io selten ein anderer, aufschlußreich für die stark wuhiimpiU■ I'ei surdichhcil des 1'erfassen1 ist, der in diesem Brief seihst eine Rückschau auf die eigene, puhlizistische Tätigkeit hält, Elias Hutwiez. ״Lieber Bruder! Dein ausführlicher Brief1) bestärkte mich nur in der Ueberzciigimg, daß das Bild der seelischen und geistigen Nöte uns«er jiklischcn Intellektuellen, das ich int ״Heatliid“ entworfen habe, vollauf der Wii klichkeit entspricht. Denn es ist ein anschauliches Beispiel all jener inneren Erlebnissc — und jener Resignation, die ich geschildert halt«. Man darf aber gegenüber der bitteren Wirklichkeit nicht die Augen verschließen. Die gesamte jüdische Intelligenz ist in einem Prozeß der Rationalisierung begriffen. Nur ziel,et! manche aus dieser die letzten Konsequenzen, andere aber, die romantischer gestimmt sind oder die in ihrer Kindheit eine gute jüdische Erziehung genossen, bleiben in ihren Gedanken auf halbem Wege stellen und resignieren... Ich habe ־ mich bemüht, vollkommen objektiv die Denkweise der einen wie der anderen damistdlen. Würde cs jemand einfallen, in dem von mir entworfenen Bilde den Verfasser selbst erkennen zu wollen, so wäre cs eitle Mühe, denn der Verfasser steht, wie cs auch in der Dichtung verkommt, allen seinen Helden mit gleicher Svntpalhie gegenüber. Es gab eine Zeit, da es mir schien, daß zur Lösung des Judenproblems, wie ich es in seiner ganzen Schärfe in meinem ersten Essay ״Lischelath kijutn liajahaduth“2) hiriges'tellt habe, נ) Dieser bezog־ sich auf den gleich _ erwähnten Essay ״Das Judenleid" (״Hazaar hajehudi“), der im Bd. 5 der von Sch. J. Hurwitz in Berlin herausgegebenen hebräischer! Zeitschrift ״Heathid“ (IQl'J) erschien, sowie auf alle damit zusammenhängenden seelischen Grundprobieme. ״ (־Zur Frage des Fortbestandes des Judentums“, erschien im ״Haschiloach“ 1901. Der Verfasser erblickt in ihm nun rückschauend eien ersten Teil jener ״Trilogie“, die im gegenwürtigen Briefe geschildert wird. ,,zwei Wege“ vorliegen: der Weg der Assimilation und der des Zionismus. Das ewige Schwanken vergiftet die jüdi sehe Seele; ein Leben in ununterbrochenem innerem Zwiespalt ist auf die Dauer unerträglich. Ein ganzer Ausweg aus dieser Situation schien entweder die völlige kulturell-ethische Assimilation «*der die völlige national-kulturelle Konzentration. Mit strenger Objektivität versuche ich, die Ideologie der einen wie der anderen Richtung darzulegen. Gott allein weiß, welche Ueberwindung es mich kostete, derart eine Distanz zu allem, was mir seit jeher heilig ist, zu gewinnen und meine Gefühle zu besiegen, um mich zu dieser Objektivität durchzuringen! Uebrigens war auch das Verhalten der jüdischen Oeffentlichkeit diesen Dingen gegenüber kennzeichnend. Dieses Publikurn, das bis dahin gewohnt war, die Assimilation als quantite negligcable zu betrachten, fühlte sich nunmehr in seinen heiligsten Gefühlen durch jene objektive Analyse verletzt. Als es jedoch ein Jahr später dasselbe von der Tribüne des Zionistenkongresses heran aus dem Munde Max Nordaus vernahm, klatschte es ihm Beifall... Kurz, ich glaubte ati die Möglichkeit der Lösung des Judcnproblcms auf die eine oder die zweite Weise unu entwickelte diese Ansicht in einem Essay ״Schtci drachim3״), der seinerzeit gleichfalls Aufsehen erregte. Indem ich mich aber immer intensiver in das Geistesleben des jüdischen Volkes vertiefte, kam ich immer mehr zu der Ueberz.eugung, daß es unter den gegenwärtiger«• Bedingungen keine radikale Lösung der jüdischen Tragödie in dem einen oder dem anderen Sinne gehen k a n n. Unsere vollkommenc Nationalisierung wird durch den furchtbaren Verfall des traditionellen Judentums sowie durch die sich ständig erweiternde Kluft zwischen diesem und der jüdischen Intelligenz verhindert, eine Entfremdung, die teils die Folge des Mangels einer förderlichen Atmosphäre, teils des Mangels einer nationalen Erziehung ist. Was aber die Assimilation anbetrifft, so ist sie für breite Volkunassen unmöglich, aber auch den Einzelnen verschafft sie nicht jene innere Ruhe, der«! wir so sehr bedürfen. Und so bleiben wir mit unserer Tragödie, bleiben gleichsam unter «inetn großen Fragezeichen, weder hin noch zurück... Du siehst also, lieber Bruder, daß ich In meinem letzten Essav ״liazaar hajehudi“4) zu völliger Resignation komme. Welchen Sinn haben demnach alle Angriffe und Proteste gegen mich? Gewiß, das Entsetzen der Lage, die ich in diesem Essay schilderte, ging wohl vielen natiönalgesinnten Lesern nahe (hatten sich doch diese daran gewöhnt, die Gefahr der Lage *) ״Zwei Wege“ erschien im ״Haschiloach“ 1906. *) Vgl. die erste Anmerkung zu dem gegenwärtigen Briefe. nur in den ״Verfolgungen der Judengegner“, nicht aber im Inneren des Judentums selbst zu erblicken); allein keiner hat doch auch stärker, als ich es getan, gegen diese Situation Alarm gerufen. Wer aufmerksam meine ganze ״Trilogie“ verfolgt uad mit mir zusammen die jüdische Tragödie in sich erlebt hat und mit mir zusammen resignierte, der muß es bereifen, daß es sich nunmehr nicht um Proteste dreht, sondern aruni, alle noch vorhandenen Potenz«! der Volksseele zu einer aktiven Tätigkeit zu bewegen und die Resignation und das passive Lebendes jüdischen I n t e 11 e k - tu e 11 e 11 in einen schöpferischen, freudigen Akt nationalen Aufbaus und Schaffens umzuwandeln. Dies tut uns heute not. Und es möge nicht als paradox erscheinen, wenn ich sage, daß eben nach dieser Richtung hin ־— der Nationalisierung des jüdischen intellektuellen durch seine Unterrichtung über die ganze Unnatürlichkeit und innere Tragödie seiner Lage meine Aufsätze, eine gewisse Rolle gespielt und dem nationalen Judentum einen gewissen Dienst geleistet haben. Ich beabsichtige, im Laufe dieses Jahres eine Reise nach Palästina zu machen, lei! glaube, daß es mir an Ort und Stelle gelingen wird, eine konkretere Vorstellung über unsere Hoffhungen auf die Lösung der Jtulenfrage durch den Zionismus zu erlangen. Und wird meine Schlußfolgerung positiv aust'allen, so werde ich mich wohl auch persönlich nach dieser Richtung hin betätigen5). Das ist alles, was ich Dir in Kürze sagen kann über meine persönliche Stellung zu den von Dir auf geführten Fraen. Wie sehr dies alles von den Vorstellungen verschiedener chrciliälsc über mich entfernt ist, ist leicht eiuzuseheii.“ s) Zu dieser Reise ist es nicht gekommen: Sch. J. Hurwifz reiste 1914 nach Rußland, wurde dort vom Weltkriege überrascht und kehrte erst 1921 nach Berlin zurück, wo ihn schon im nächsten Jahre der Tod ereilte. Daß er verschiedene nalastinensische Institutionen, wie Schulen und den Waad nalaschoa von Berlin aus förderte, ergibt sich aus anderen Briefen. E. H. Von Reuben Brei n ins gesammelten Werken ist jetzt der zweite Band erschienen. Er beginnt mit dem Essay Breinins, der 1881 im ״Hamclh“ erschien und Aufsehen erregte, weil Breinin darin als Erster die These prägte, der hebräischen Literatur dürfe und könne nichts Menschliches fremd sein. Der Band enthält außerdem vor allem achtundzwanztg literarische Porträts.

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