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Jüdische Rundschau · 1936-07-28 · Heft 60 (28.7.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 60 (28.7.1936)
Date
1936-07-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 60 28. VII. 1936 JÖDISCHP RUNDSCHAU Seite 3 Herzls Mutter Zu ihrem 100. Geburtstage Am 28. Juli, Im die^'ährigen Tischa-bcaw, werden es genau hundert Jahre, darr inmitten des Pester Ghettos ein Mädchen zur Welt gekommen ist, dem die Welt später einen gjpii Herzls Mutter Foto: p.ui in Jerusalem zum ersten Male auf Aetherwcllen Herzls Bedeutung würdigte, hat uns in seiner vor Jahren erschienenen ungarischen Herzl-Biographie auch Bild und Wesen der Mutter in manchen Einzelzügen nähergebracht. Und als wollte er das Buch, das vom Sohne spricht, den Maren der Mutter widmen, hat er dem Band ein Bildnis vor ״ יgestellt, das, von unbekannter Künstlerhand gemalt (Fächlet•! e wollen es dem berühmten ungarischen Meister Bcrthold S 7 e k e 1 y oder seiner Schule zuschreiben), sie als 19jähriges Mädchen im Stil der Rcnaissatwe-Madonnen verewigt. Auch in späteren Bildnissen Jeanette Diamants, die sie als Braut, als junge Frau, als Mutter im Kreise ihrer beiden Kinder darstcllt, weicht dieser warme, doch wehmutsvolle Blick nicht von ihren Augen, als wüßte, wähnte sie damals schon vom tragischen Geschick ihres Theodor, ln der majestätischen Würde dieses Konterfeis — eine bizarre Schönheit nennt sie Patai an einer Stelle —, vor allem aber in der reichen Fülle ihres braunen Haarschmucks, erinnert sie etwas an d׳ Kaiserin-Königin Elisabeth von Oesterreich-Ungarn. Das Buch Dr. Patais ist in letzter Zeit durch eine hebräische Ausgabe im Omanuth-Vcrlag auch weiteren Kreisen zugänglich geworden (Uebertragung von J. L.. Baruch nach der bisher nicht veröffentlichten deutschen Ucber- Setzung von Frau Dr. Minna Barsi). Mit Begeisterung nimmt die hebräische Presse Palästinas von dieser wertvollen Bereicherung der Herzl-Literatur und Herzl-Ikonographie (das Buch enthält 110 Abbildungen) Kenntnis. ״Haare z“ schrieb u. a.: ״Wer eine solche Mutter besessen, der mußte die Kinder, mußte die Menschen lieben, der mußte von der Vcrbesserung der Welt, von der Rückkehr Israels träumen im Schlafen und Wachen. Denn was war die Mutter Herzls anderes als eine Königstochter, oder die Mutter eines Königs aus dem Hause David, zugleich die durch Schmerzen geläuterte Rachel-Mutter, die um ihre Kinder weint.. .“ Großen verdankte: Jeanette Diamant, die Mutter Theodor Herzls. Was Herzl diese Mutter gewesen und gegeben, das lesen wir deutlich und niemals ohne Rührung, so oft er ihrer in seinen Tagebüchern und sonstigen Aufzeichnungen mit zärtlich-andächtigcr Liebe gedenkt. Er sieht in ihr von Kindheit an die Verkörperung der Schönheit und Güte; er bewundert ihre Ruhe und seelische Größe. Konnte der Schriftsteller und Kämpfer Herzl von dem Vater sagen, daß ״er ihm alles verdanke, die Reisen, auf denen er so viel gelernt“, das Verständnis für seine politischen Pläne und Projekte, so spähte das Kind und der Mensch vor seinen schicksalsschweren Entscheidungen und Entschlüssen doch immer nach ״Mamaeben“, was sie dazu sagen werde. Für sie erbittet er von Lilien die erste Kopie des Baseler Rheinbrücken-Bildes, ״die zweite bleibt bei mir“, sie bildet er als ideale Mutter und jüdische Hausfrau im ״Neuen Ghetto“ und im ״Altneuland“ nach, sie begleitet ihn in Witwentrauer auf seinen letzten, sechsten Kongreß, um ihm nach ärztlicher Vorschrift die Eiskompressen aufzulegen. Auf seinem Edlacher Schmerzenslager sehnt er sich nach ihrem Abschiedsblickc und schickt sic feinfühlig hinaus, damit sie nicht seinen Todeskampf sehe; die Mutter ist es dann, die nach sieben einsamen Jahren als Dritte das teure Döblinger Grab schließt. Ein Landsmann Herzls, ein Kenner und Künder seiner Ideen, Dr. Josef Patai, dessen hebräischer Radiovortrag An unserem nationalen Trauer- und Trosttage gedenken wir ihrer und ihres Sohnes! Dr. A. Fürs t, Budapest ■täm V(ר .׳־/* י;■ ׳■ Geburtshaus Herzls (Nach Bettelheim: Judaica; Original im Jüdischen Landesmuseum, Budapest) Der Geist des Erasmus Zur Erinnerung an den 400. Todestag des Desiderius Erasmus Vor vierhundert Jahren um diese Zeit starb ein Mann, dem man zu Lebzeiten gehuldigt hatte wie kaum einem zwei* ten: Licht der Welt, ״Doctor universales“, ״Praeceptor Mundi“ hatte man ihn genannt — in jenem eindrucksvollen Latein, das er seihst zum Range einer Weltsprache erhoben hatte. Frasmus von Rotterdam, wie er sich nannte, wird heute nur von wenigen Fachgelehrten noch gelesen, wenn ihm auch vor kurzem erst wieder aus der Feder eines be* kannten holländischen Forschers, J. Huizinga, eine weit aus* blickende Darstellung gewidmet worden ist. (J. Huizinga, Erasmus. Deutsch von W. Kacgi. Basel, B. Schwabe 1936.) Auch uns Juden ist es Ehrenpflicht, dieses Mannes zu gedenken, selbst wenn seine vorsichtige und bedenkliche Natur ihn hinderte, so kühn und offen den Judenfeinden seiner Zeit entgegenzutreten, wie es etwa sein Zeitgenosse Johannes Rcuchlin in seiner Schrift gegen Pfefferkorn getan hat. Das Ziel seiner Wissenschaft und Ethik bestand darin, alle Hindernisse und von der Zeit aufgehäuften Meinungen hinwegzuräumen und ungescheut zu den Quellen seines Glaubens vorzudringen. Dieses Streben mußte ihn zur tief eindringenden Beschäftigung mit der Bibel führen. Er hat das griechische Testament neu herausgegeben; aber auch für die Glut der Propheten des Alien Bundes empfand er echte Bewunderung. Wenn er leidenschaftlich vor der Ucber- Schätzung der Zeremonien warnt und statt dessen einer Reiigion des ״Friedens und der Einmütigkeit“ den Weg bereiten will, so erinnert er 11ns bei all seiner Blässe doch fast an jenen unserer Propheten, der den Mann verwirft, der da ״krümmt wie ein Schilfrohr sein Haupt“ und dessen Fasten ein ״Fasten der freveltat“ bedeutet. Freilich sah Erasmus in der Uebersehiit/ung der Zeremonien durch das Judentum eine historische Schuld und die Ursache zu seinem Fall, der Meinung seiner Zeit folgend. Aber frei machte er sich vom Judenhaß der Zeitgenossen und sah mit klarem Blick die Fehler, die man den Juden vorhielt, in den eigenen Reihen .- wie etwa den Wucher, den ״die Heiden und die Hebräer verpönen“. - ׳ Der weltberühmte Mann ist, als ein ״Mann für sich“, wie ihn f reund und Feind nannte, einsam gestorben. Nur wenige Freunde harrten bei ihm aus, die er selbst mit den Freunden Hiobs verglich. Erasmus hat es einmal in seinen Briefen als Ziel seines Strebcns bezeichnet, ״Lücken ausfüllen, . . . die Knoten auf lösen, das Dunkle beleuchten“, wir aber müssen dabei an ein anderes Prophetenwort denken, das dem Knechte Gottes nachrühmt, daß er ״die Risse vermauert“ habe. Der ״Erasmische Geist“, der Geist des Wohlwollens und der Klarheit, ist seiner Zeit zum Schlagwort geworden. Wenn ihn auch sturmbewegte Zeiten wie die unsere schwer verstehen: wir grüßen ihn als Boten eines immerwährenden Reiches des (leistes. bs. Wissenschaftliche Kongresse Auf dem Internationalen Kongreß zur Erforschung und Bekämpfung der Malaria, der in Madrid stattfinden soll, wird die Universität Jerusalem durch Prof. K 1 i g 1 c r vertreten sein, auf dem Numismatikerkong r e fl in London durch Prof. A. L. M a y e r, auf dem Kongroß der Universitäten des Britischen Reichs und dem Anglo- Internationalen Kongreß für Psychologie in Madrid durch Prof. R. K o e b n e r, auf dem Kopenhagener Kongreß für experimentelle Cystologie durch Dr. L. D o 1 j a n s k y. Außerdem treten mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Auslandsreisen zu Forsch 11 ngszwecken an, so Dr. G. Witenbcrg, Dr. I. Levy und Dr. G. Haas. Dr. M. Schwabe wird sich einige Zeit in Griechenland aufhaiten, um seine Arbeit über griechische Inschriften, insbesondere über die griechischen Papyri von Sweeta (Palästina) fortzusetzen. Dr. E. L. Sukenik wird archäologische Forschungsarbeiten in Griechenland durchführen. Nach der Zerstörung des Heiligtums Gedanken zu Tischa-b'aw Von Rabbiner Dr. J. Kliersfeld, Bochum In einer alten Erzählung heißt es: Das Heiligtum war zerstört. Jercmia lag auf dem kahlen Gipfel des Berges, wohin er sich immer zurückzuziehen pflegte, um sich zu besinnen. Die Nacht war klar, und Sterne leuchteten heller als je zuvor, als hätten sic sich an Licht und Feuer des goldenen Brandes vollgesogen. Gott sandte seine Stimme in die schmerzvolle Einsamkeit des Jeremia: ״Mein Sohn Israel starb.“ Da sprach Jercmia: ״Herr der Welt, der Du belebst und vergehen läßt, gib mir Kraft, ihm wieder Leben zu geben!“ Jeremia stieg vom Berge herunter, ging an den Jordan und rief: ״Mosche, du treuer Hirte, wache auf, nochmals mußt du dein Volk befreien!“ — Die Wellen des Wassers trugen dieses Rufen zu Mosches Grab, dessen Ort keiner kennt. Der treue Hirte ging mit Jeremia an die Ströme Babels. Dort saßen die Juden und weinten, Zions gedenkend. Als sie Mosche erblickten, sprachen sie untereinander: ״Seht, Mosche kommt aus seinem Grabe, um uns zu befreien.“ Und die Hoffnung zog ein in die traurigen Herzen. Da sprach terernia zu Mosche: ״Komm, laß uns umkehren, denn ein ’olk, das Hoffnung hat, ist nicht tot. Trösten wir den trauernden Vater!“ Sie bestiegen den kahlen Gipfel des Berges und riefen: ״Heiliger Vater, Dein Sohn lebt.“ Und die Engel sangen im Chor: ״Dein Sohn lebt!“ Das Heiligtum war zerstört! Was bedeutete das? Das Heiligtum war nicht nur der Zentralpunkt jüdischen Lebens, sondern das Symbol des Lebens eines Volkes selbst. Es war nur ein Haufe von Stämmen gewesen, bevor ihm dieser Mittelpunkt wurde. Von hier ging dann das einigende Band aus. Hier entschied sich das Schicksal des Volkes irn Kleinen wie im Großen. Hier wohnte nicht nur Gott, sondern auch die Seele seines auserwählten Volkes. Hier betete man in Freud und Leid. Hier war man im Schutze Gottes geborgen. Von hier gingen Lehre und Weisung aus. Hier ״lebte“ man! Und das alles war nicht mehr! Wird cs gelingen, dieses Volk trotzdem am Leben zu erhalten? Das Furchtbarste, das ein Volk treffen kann, das, was ihm den Lebensnerv durchschneiden kann, war eingetroffen: es war heimatlos geworden. Es ist das unvergängliche Verdienst unserer großen •Lehrer und Führer dieser Zeiten, mit begeistetem Blick erkannt zu haben, daß nun das Geistige im Judentum alles Zerstörte ersetzen muß. Hier waren die Worte, die unsere Gemeinschaft nicht untergehen lassen werden. In seiner Lehre, in seinem Geist war das Judentum den Völkern um Jahrtausende voraus. Es konnte sie immer wieder von seiner Ethik befruchten. Darin unterschied es sich von den Völkern, die bei Verlust ihres Landes untergegangen waren. Die Lehre und der Geist: das war das ewige Heiligtum, in welchem die Schechina, die Herrlichkeit Gottes, nun wohnen sollte. Nur wenn die Existenz Israels auf diese ewigen, geistigen Grundlagen gestellt wurde, wenn an die Stelle des zerstörten Heiligtums aus Holz und Gold ein Heiligtum der Lehre, des Geistes und der Lebenshaltung trat, wenn dem Volke der Glaube und die Hoffnung auf ein Fortleben gegeben wurde, nur dann konnte das Judentum vor dem Untergang bewahrt werden. Dieses neue Heiligtum ihrem Volke zu geben, sahen die Lehrer und Führer als ihre größte und entscheidende Aufgäbe an. Eine ungeheure Aufgabe! Etwas nie Dagewesenes sollte geschehen. Völker kämpften um Boden, um Land, scharten sich um mächtige Steintempel. Israel sollte nun um die innere Erkcntnis kämpfen. Sollte sich um eine Lehre scharen, in einer Zeit, in der die Kraft alles, der Geist wenig bedeutete. Um eine Lehre, in welcher nicht die Verheißung, sondern die Forderung voransteht, die den Mensehen als freie sittliche Persönlichkeit sicht, von dem die rechte Tat verlangt wird. Nur Menschen, die den Glauben haben, einer Gemeinschaft anzugehören, die u׳ert ist zu lohen, die der Welt etwas zu geben hat, deren innere Eigenschaften ihre Erhaltung rechtfertigen, für die es, lohnt zu leben und zu sterben, können das Judentum lebendig und kraftvoll erhalten. Menschen aber, die diesen Glauben haben, müssen den Geist dieser Gemeinschaft kennen, ihn überall spüren, in all ihren Handlungen von ihm bestimmt sein. Auf alle Glieder der Nation belehrend und bildend einzuwirken, diese sittliche Aufgabe hat der Prophetismus sich gestellt. Gottes Forderung in der Lehre den Menschen so nahezubringen, daß sie Erfüllung im Leben fand, war ihnen das Wichtigste, — wichtiger noch als das Gesetz des jüdischen Staates. Darum treten sie, so oft das Staatsgesetz egen ein Religionsgesetz steht, mutig gegen den eigenen taat — gegen den jüdischen Staat — auf. Der Staat soll kraft seiner Autorität Gottes ewige Lehre d urch setzen und nicht umgekehrt Menschen dazu veranlassen, sie zu verletzen. Wir dürfen aber diesen Kampf der Propheten gegen den jüdischen Staat und den Mißbrauch seiner Machtmittel niemals mißverstehen als einen Kampf gegen ein jüdisches Volkstum. Denn es war den Propheten seihstverständlich, daß das jüdische Volk beauftragt ist, Verkünder des göttlichen Willens zu sein. Ebenso sclbstverständlieh aber war es ihnen auch, daß dieses Volk einst jene wahre göttliche Gemeinschaft verwirklichen wird, die ihnen als wahres ״Judentum“ vorschwebte. Zwei Kräfte haben, in Wechselwirkung und im Grunde sich gleichbleibend, die Religion Israels geformt. Im ersten Stadium war es die Persönlichkeit und die geistige Mächtigkeit Mosches und seines Volkes leidvolles Erlebnis in Acgypten. Im zweiten Stadium war es die religiöse Begeisterung der Propheten und der stetige Abwehrkampf des zwischen Großmächten eingekeilten Volkes. Aber war es nicht auch später so? Auch das Gesetz und den ״Zaun“, den man später darum machte, können wir wohl so auffassen, daß die religiösen und nationalen Instinkte gegen die drohende Gefahr dies als Abwehr empfanden. Geschichte des Judentums und der Entwicklung der jüdischen Religion bleibt so immer Geschichte des jüdischen Volkes, und die Geschichte des jüdischen Volkes ist unlöslich auch Geschichte des Judentums. Jeder Versuch, sie voneinander zu trennen, hat bisher ein Trümmerfeld hinterlassen. Glanzzeiten jüdischer Geschichte waren es, als beide harmonisch aufeinander abgestimmt waren. Ein jüdischer Nationalismus, der nicht vom religiösen Erlebnis veredelt wird, oder eine Religion, die nicht einen Lebenszusammenhang mit dem jüdischen Volke, mit der Kultur des Volkes, das diese Religion trägt und — leben soll, hat, ist dem Judentum innerlich fremd, aus den Urquellen des Judentums nicht schöpfend und auf die Dauer auch nicht lebensfähig. Nur aus der Vereinigung beider Ideale kann die Kraft entstehen, die Israel Erlösung bringen wird. Wir wissen, daß die Religion das beste Mittel wohl zur Erhaltung des jüdischen Volkes in der Zerstreuung war und ist. Aber auch hierbei müssen wir wieder fentstellen, daß diese Kraft am stärksten war, wo die Synthese am innigsten blieb: Dort, wo sie in ihren von der jüdischen Mentalität und der Volksseele erfüllten nationalen Sitten und Bräuchen wirkte. Dort aber, wo die Svnthese fehlte oder einer dieser Faktoren über Bord geworfen wird, wird sich über kurz oder lang der Lebensinstinkt dieser Gemeinschaff, die so zum Untergang verurteilt wäre, zur Wehr setzen. Wenn nicht schon in der ersten oder zweiten, so doch bestimmt in der dritten oder vierten Generation. So wie die jüdische Jugend sich im Innern gegen die Verleugttung jedes Volksbegriffes im vorigen Jahrhundert wandte, sich von der Auffassung des Judentums als Nur-Religion unbefriedigt zeigte und Theodor Herzl zuströmte, so wird sie auch vom Nationalen enttäuscht werden, wenn ihr hier das Judentum als Nur-Nation oder Fast-Nur-Nation dargestellt wird. Das jüdische Volk hatte sich nicht plötzlich zti einem abstrakten Religionsbegriff verpflichtet, als das Heiligtum zerstört wurde; und unsere Lehrer wollten, nach der Zer- Störung des Zentrums, nicht das Judentum nur als Religion weitererhalten, sondern dieses Heiligtum der Lehre, des Geistes und der Lebenshaltung sollte gerade dem jüdischen Volk als solchem die Möglichkeit des Weiterlebcns geben. So meinten es die Propheten, und so faßten es auch die späteren Lehrer und Führer auf. Wenn Jeremia (29, 4—10) das Sendsehreihen erläßt, im Exil Häuser zu bauen, zu heiraten, tun das Wohl des Landes besorgt zu sein, dabei sich aber nicht von falschen Propheten und Gauklern verführen zu lassen, denn einst wird die Zeit der Rückkehr kommen: so sagt er das nicht den Bekennorn der ״mosaischen Konfession“, sondern dem jüdischen Volk. Nur wenn dieses Rcligionsvolk seine Religion als Volksreligion lebt und erlebt, ist sein ewiger Bestand gesichert. Wenn Nationales und Religiöses sich nicht ausschlicßcn, sondern wie einst erganzen, wenn sie, wie damals in Babel, in ihrer nationalen Sehnsucht religiöse Lieder singen, dann ist der Gesamtorganismus dieser Gemeinschaft gesund. Dann ist die Hoffnung und der Glauben wieder möglich, der, wie in unserer Erzählung zu Beginn, ein Volk zu immer neuem Leben, zu neuer Zukunft erweckt.

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