Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 41 (22.5.1936)
- Date
- 1936-05-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JODISCHBRUNDSCHAU Nr. 41. 22. V. 193Ö Die Rückkehr zum Judentum Ein Brief von S. A n - s k y Der nachfolgende, russisch geschriebene Brief des Fcrfassen des ״Dybuk" ist in Kiew 00m 18. Februar 1916 datiert. An-shy befand sich damals vorübergehend in Südrußland und schrieb diesen Brief nach einem kurzen Auf enthalt in Odessa, das damals der Mittelpunkt der jüdischen Kulturbewegung war. Wir entnahmen dem Briefe, den uns die Empfängerin zur Verfügung stellte, die Stellen, welche Sich auf das damalige jüdische Leben in Odessa beziehen. An-skys Worte über die Rückkehr zum Judentum sind für «tos heute von hohem Interasso. (Red.) .. , Und nichtsdestoweniger 11al>e ich mich nirgend« so wohl und froh gefühlt und nirgends ein so intensives und Sgeistig angeregtes Leben geführt wie gerade in Odessa während dieser zwei Wochen. Dies war natürlich nicht durch Odessa bedingt, sondern durch den Kreis der Menschen, mit denen ich in dieser Zeit verkehrte. Ej ist doch seltsam: das überhaupt ungebildete und in jüdischen Idingen dreifach unwissende Odessa ist schon seit einem halben Jahrhundert der Mittelpunkt des jüdischen geistigeri Schaffens. Hier entstand und entwickelte sich der Zionismus. Hier lebten die ersten Pioniere der Aufklärung — Lilienblum, Pinsker, Marguiis. Hier lebt seit bald 50 Jahren der Patriarch der neu-jüdischen Literatur, S, Abramowicz (Mendele Mocher Sforim), Ferner wohnen hier Ch. Bialik, Dr. Klausner, Ussisehkin, der Dichter und Kritiker P, Frischman, Hochberg, Spektor, S. Frev, sowie Juschkewicz und üssijxnvkz. Hier befindet sich die z. Zt. einzige hebräische Druckerei. Alle diese Schriftsteller, mit Ausnahme von Juschkewicz, leben abgesondert von der Stadt, gleichwie auf einer kleinen Insel. Auf dieser Insel verbrachte auch ich die beiden Wochen- Gleich am ersten rage kam ich mit Bialik zusammen. Ich saß bei ihm von 2 Uhr nachmittags bis 2 Uhr nachts — und wir trennten uns mir ungern. Uml am nächsten Tage wiederholte sich das gleiche mit Mendde Mocher Sforim und mit Frischmari. Und so blieb es fast die ganze Zeit. Worüber sprachen wir denn'■' Das killt sieh schwer wiedergeben, Ueber Unser altes Schrifttum, die in ihm aufgerolhcn Probleme und seinen künstlerischen Wert. Alles, selb.!verständlich, unter modernem ücsiciitswinkd. Und es wurde uns klar, daß auch vor 2000 und 1 00<׳ Jahren unsere Vorfahren von den g I e i c h e n (i e i s t c s p r o b 1 e 111 e 11 bedrängt wurden, um die auch wir heute ringen. Nur behandelten sie diese!־ragen kühner und fanden für sie eine tiefere uml originellere Fö-ung. Wahrend dieser (iespruehe kam ich mir zuweilen wie ein Antiquar vor, der in alten Gegenständen wulilt■ Da lag irgendeine alte Vase seit Jahrhunderten im Staub, unbrauchbar und veraltet. Und siehe da! Als man sie naher betrachtete, erkannte man, daß es ein Kunstwerk war. Sie war zwar mit unvollkommenen Werkzeugen ausgeführt, jedoch, wo Hammer und Meißel versagten, ergänzte es die Seele des Künstlers. Und man freut siel! am Werk und spurt, wie nahe es unserem gegenwärtigen Empfinden steht, und ist sich seine« Wertes für die kommenden Kunstlergeschlechter bewußt. Gewöhnlich setzte sieh unsere Gesellschaft folgendermaßen zusammen: Mendrle und Bialik aus Odessa; Frischman aus Warschau; ein junger Mann, Rabinowicz, Buchhändler aus Minsk, der auf dem Gebiete unseres alten Schrifttums enzyklopädisches Wissen besitzt, und ich —׳ aus Petersburg. Und jeder von uns brachte und teilte den andern mit, was er in seinem Orte erlebt, worüber er nachgedacht und was er erworben hatte. Dies erinnerte an einen orientalischen Bazar, wo aus verschiedenen Gegenden gekommene Kaufleute untereinander Tauschhandel treiben. Ich weiß nicht, wie cs den andern erging, ich aber hatte durch diesen Austausch viel erworben und schöpfte neue Kräfte nach den langen Jahren meines Aufenthalts inmitten des Petersburger Trubels, der einen alle tieferen Fragen vergessen ließ. Freilich waren für mich die Schätze unseres alten Schrifttums nichts Neues. Jedoch nach diesen Gespräch en kam es mir erst recht zu Bewußtsein, wie reich wir doch sind. Und ich war geradezu überwältigt von einem tiefen Oiiicksgefühl, das mich für kurze Dauer alle Schrecken der Gegenwart vergessen ließ. Ich entsinne mich eine? Ausdrucks in Ihrem letzten Briefe: Sie bezeichnen sich als ״reuige Jüdin'•. Das Wort Reue enthalt den Begriff des Verzichts. Der Reuige fastet, entsagt verschiedenen Lebensfreuden. So jedenfalls verstehen die Reue diejenigen die dem Judentum entfremdet waren und zu ihm zurückfanden. Sie empfinden es so, als ob sie um des natio- 11alen Gedankens willen etwas Universelles aufgeben, um zum Kleinen und Dürftigen, aber immerhin Eigenen zurückzukehren. Darin liegt ein großer Irrtum, der dadurch entsteht, daß die außerhalb ihres Volkes Lebenden das Judentum nur von seiner Außenseite kennen, nur sein Elend, das Leiden und die Armut sehen. Der blendend«! Welt europäischer Kultur um des alten, mit Wunden bedeckten Bettlers wegen zu entsagen, nur weil er blutsverwandt ist, wäre natürlich heldisches Märtyrertum. Aber diese Zurückkehrenden begreifen nicht, daß ein Volk nicht durch bloßes Leiden leben kann, sondern lebt kraft der Begeisterung seiner S c 1 b s t b e j a h u 11 g, seines freudigen Schaffens, kraft des Stolzes ob seiner Kulturgüter und der Poesie seines Sans. Nur dadurch! Wenn dies nicht wäre, bestünde das jüdische Volk schon lange nicht mehr. Das Riesenmaß der Loden, die das jüdische Volk erträgt, zeugt auch vom Ausmaß seines geistigen Besitzes, 11m dessentwillen es sie zu tragen gewillt ist. Die Rückkehr zum Judentum kann uml muß infolgedessen nicht als opferwillige Heldentat und nicht als Verzicht gewertet werden, sondern als das Antreten einer reichen Erbschaft, durch die wir freudig und stolz m leben vermögen. ... Jehoasch und die Bibel Zur Vollendung der Jiddischen Bibel-Ausgabe Das Erscheinen der letzten Bände von Jehoaschs Uebcrsetzuug der Bibel ins Jiddische wurde in New York in stiller, aber ungewöhnlich feierlicher Weise begangen. Dem Uebersetzer selbst war es nur vergönnt, sein Werk ein paar Tage vor *einem Tode — vor nunmehr neun Jahren — zu vollenden und noch die ersten beiden Bände, den Pentateuch, gedruckt und gebunden zu sehen. Die weiteren sechs Bände mußte seine Witwe Und nach deren Tode seine einzige Tochter der Oeffentliclikeit übergeben. Frau Jehoasch war in den acht Jahren, mn die sie ihren Mann überlebte, schwer leidend, aber sie diente der Sache, die ihr ein heiliges Vermächtnis War, geradezu mit Fanatismus, Die letzten Korrekturen las dann Eva Jehoasch, die Tochter, und am neunten Todestag Jehoaschs erschienen die letzten beiden Bände. Die Feier fand in der großen Aula des City College statt, die sonst für öffentliche Veranstaltungen "gesperrt ist. Ichoasch, der eigentlich Salomon Bl tim garten hieß, wurile 185t) in Wirballen geboren, genoß im Glieder und in Jcschiwoth die übliche jüdische Bildung und galt bereits als Talmid Chacham, als er von der Haskala-Strömung ergriffen wurde. Er kam nach Amerika, wurde jiddischer Schrift- ««»SS«•«—•——«1—SS»—■»——w—■»»»—■—MW——— —• Xäehsten l>len«tag: ־ Ki11dcr-R11n<lscl1a11 j -T,r nry-rr_mm—r-tmm rirrrrrr-T u»11r11־ rrw rn r,״rT—■nn—n1-£ steiler und erwarb sich mit seinen Dichtungen bedeutendes Ansehen. Liest man diese Verse, die in einer vierbändigen Gesamtausgabe vorlicgcn, und mißt man sie mit heutigen Maßstäben, so begreift mar! schwerlich seiner, Ruhm, denn es ist zwar oft Stimmung, stets ein edles Gleichmaß ln Ihnen, und ihre Sprache ist durchweg schön und gefeilt, aber von Originalität ist keine Spur darin, und da? eigentlich Dichterische, der zündende Flinke fehlt. Und doch hat wohl Jehoasch mit diesen Dichtungen in der junger! jiddischen Literatur eine eigene Mission erfüllt und vielleicht als erster das Verantwortungsgefühl für Gesetz, Ebenmaß und Oeschmack in der Poesie geweckt- Sicherlich ist ein solcher Sprachvirfuosc wie kein anderer zu!n Nachschöpfer, zum Uebersetzer geboren. Dazu kam bei Jehoasch die besondere Innigkeit des menschlichen und jüdisehen Gefühls, jehoasch muß einer der reinsten und sympathisclisten Charaktere gewesen sein, die da* jiddische Schrifttum mifzuweisen hat. Mit aller Hingabe eines naiven Gemütes diente er in seiner Haskala-Zelt der Schönheit, und aller Radikalismus solchen weltzugewandten Dienstes nahm ihm gleichwohl nicht den Sinn für die Schönheit der jüdisehen Tradition. Um dies weltliche Schönheitsempfinden und —MAGISTER KIRSCH- Ost Kits LIIsOf Mafllster-UKÖrfabrik* München ¥11 den ganzen Reichtum eines in der Poesie geschulten Ausdrucksvermögens reicher wandte er sich dann der Bibel zu, deren Uebersetzung ״der Traum meines Lebens“ war. Zwisehen dem ersten Plan zu dieser Arbeit und dem letzten Federstrich daran lag fast ein Vierteljahrhundert, wovon Jehoasch die letzten zwanzig Jahre beinahe ausschließlich und ohne Pausen an dem Werk schuf, bis zum letzten Atemzug in ״heiliger Stimmung“. Während Buher und Kosenzweig für die Verdeutschung der Bibel in den Versuchen von Luther bis Kautzsch-Bertholet beträchtliche Vorarbeit vorfanden, gab es für Jehoasch außer den jüdisch-deutschen Bibelübersetzungen des 16. und 17. Jahr- Hunderts, deren Unzulänglichkeit außer Frage *teilt, so gut wie gar keine Vorarbeiten, deren er sich hätte bedienen können. Andererseits ist sein Programm nicht minder anspruchsvoll als das Buber-Rosenzweigsclie: Gewissenhaftlgkeit, vollkommene Treue gegenüber dem Wortsinn des Originals, Berücksichtigung der besten Kommentare alter und neuer Zeit, Angleichung des Tonfalls und Rhythmus. Wieweit dies Programm mit all seinen philologischen, sprachlichen und sonstigen Schwierigkeiten nun verwirklicht ist, kann vorerst noch nicht gesagt werden; immerhin wird ein anderer, ganz unschätzbarer Gewinn des Unternehmens schon aUgemein konstatiert, seine Bedeutung für die jiddische Sprache, die es in ungeahntem Maße weiterentwickelt Ihr Wortschatz wird nicht so sehr um neu geschöpfte Worte und Wendungen bereichert als in all seinen Möglichkeiten durehgeprüft und bestätigt. Nur im Notfall werden neue Wendungen gebildet, wo die Glätte, Einfachheit und Natür- Uchkeit der jiddischen Diktion versagen würde, und fast immer entscheidet sich Jehoasch zugunsten chcder-übiicher Ausdrücke, wie sie etwa die Tchinnot lieben, wenn er zwischen ihnen und ״literarisch“ gehobelten, moderneren Formen die Wahl hatte. Gegen diese gehobelten Ausdrücke, die ja meist nur Metamorphosen des Moses Mendels&ohnschen Jüdischdeutsch sind, hat er eine instinktive Abneigung und wahrt bewußt das Eigenrecht der jiddischen Sprache gegen alles ״Deitschmerischc“, mit dem Deutschen Liebäugelnde. Jiddische Übersetzungen der Bibel waren, solange sie hebrätsch der Mehrzahl der Juden im Osten und in Amerika zugänglich war, nicht nötig uml darum nicht vorhanden. Jetzt, da sie fehlen, dürfte Jehoaschs Werk eine neue Bibelwirkung anbahnen können. Man rühmt dieser Uebertragung nach, daß sie in rein jüdischem Geiste geschaffen ist, immer den Ausblick auf die talmudisclic, midraschische und noch die kabbalistische Deutung offen hatte und von Bibelkritik bei aller Berücksichtigimg auch neuerer Kommentare noch nicht einmal so angekränkelt sei wie etwa S. D. Luzzatos italienische Bibel. Man hofft somit, daß auch die strenge Orthodoxie gegen die Verbreitung des Werkes nichts werde einzuwenden haben. Man ersieht au» solchen Bedenken, unter welchen Auspizien die Arbeit zustande kam: trotz einer radikalen jüdischen Jugend im Osten und in Amerika, die sich von der Bibel überhaupt abgewendet hat, trotz einer überalterten Orthodoxie, für die überhaupt die Ueberselzbarkeit des Buches der Bücher noch sündhaft ist, trotz der noch sehr jungfräulichen jiddischen Sprache und nicht zuletzt trotz den durch Krankheit und all die anderen Schwierigkeifen widrigen Lebensumständen Jclioasclis. Aber das Werk ist nun vollendet und erschienen, die jiddischen Kritiken erinnern an den ungeheuren Einfluß von Mendelssohns Bibelübersetzung. H. 3 המורח העברי״׳ גליון» Die zweite Nummer der hebrä• Ischen pädagogischen Zeitschrift ״Hamorch Haivvri“ ist 80־ eben erschienen. Der Inhalt des Heftes ist noch reichhaltiger als der der ersten Nummer, die bei ihrem Erscheinen in den Kreisen der hebräischen Lehrer großes Interesse gefunden hat. Aus dem Inhalt: ״Aschkcnaslsche oder ־,cphardische Aussprache?“; ״Tenach-Untcrrlcbt — gekürzt oder ungckürzt?“; ״Der Geschichtsunterricht in den Volksschulen“; ״Erez Israel und der KKL in der Erziehung der Jugend“; ״Spiel-Verse“; ״Lesebücher für die Jugend“ u. a. Das Heft ist zum Preise von 25 Pf. (zuzügl. 8 Pf. Porto) vom Tarbuth- Dezernat der ZVfD. zu beziehen. Und die Seraphim und di« Cherubim eilten, dem greisen Rabbi Ehre /,11 erweise!!. Wenn er in den heiligen Schriften las, traten Engel hinter jeden Buchetahen und schoben die BtK'hhtnheiitorc ganz, weit auf, bis der Rabbi unseren Lehrer Mose seihst ■selien Konnte und fragen und mit ihm reden. Und Kugel traten hinter den winzigen Noten- Zeichen hervor und spielten dem Rubb: auf den feinen Saiten der Linien und auf den winzigen Trommeln der Punkte die unendliche jüdische Melodie, die unser König David einst begonnen. Das äußere Leben aber ging weiter wie immer. Nur daß der Rabbi mnh weiser und leiser geworden war. Die Hunderte seiner Schüler, von denen viele schon seihst hekannte Rabbiner waren, mul’tun sehr aulliorehcn, wenn sie seine liiniüilige Stimme und seine aufrechten Worte erlassen wollten. Es kamen Briefe, Anfragen, Bitten um Entscheidungen «US alier Welt, aus England und Italien, aus Tiflis und Johanrusliurg, und dor Ruhm des Rabbi wuchs und wuchs. Es kamen seine früheren Gegner, es Kamen Aufklärer und waren erstaunt, daß er eigentlich ihr Gegner nicht war. Denn er begrüßte muh die Gleichberechtigung der Po&oner Juden und verschloß sich nicht dem Geiste der Bildung und den Fortschritten der Wissenschaft, der Technik, der Erkenntnis. Nur über Gott hinaus, glaubte er, daß Fortschritte nicht gemacht werden könnten, und den Gottesdienst hielt er in seiner allen Form heilig, und ohne die Untertüne der unendlichen jüdischen Melodie hielt er kein Löben für jüdisch. Es kamen Clmsaidim aus dom polnischen Osten und Süden und baten ihn, zu ihnen zu kommen und der Ihren einer zu werden. Denn ihr heißer Glaube war schon im Erstarren, und ihr® grüßen Rabbis waren gestorben. Aber er sagte, mein Platz ist hier, man braucht mich hier. Ihr seid schon einer von uns, sagten die Chassidim. Aber er schüttelte nur den Kopf. Ihr habt Amulette ausgeteilt, als die Cholera «inzog, entgognclen die Chassidim, als wollten sie sagen, daß er auch die aberglütibische Weise der Wunderrabbi# hätte, wozu der Chassidismus jetzt schon entartete und verfiel. Aber Rabbi Akiba Eger lächelt« nur. Ja, er hatte auch Amulette mit hebräischen Worten ausgegaben, denen, di« sich durch solchen Glauben vor der Cholera gefeit und ohne greifbares Zeichen der Krankheit ausgeliefert und anheimgegeben glaubten. Ja, er kannte auch die Kabbala und zitierte ihr Haupt werk, den Soliar. Ja, er hatte auch Visionen gehabt. Aller er war kein Omssid. Er war nicht Gegner der Chassidim, er war überhaupt kein Gegner, er war nicht streitbar, «r war zu rechtschaffen und redlich, um den Weg der Mit(« zu verlassen, weder nach rechts zu den mehr als jüdischen Chassidim noch nach links zu den weniger als jüdischen Aufklärern- Er war nur ein einzelner Mann, ein bescheidener, schwacher alter Jude, der immer lernte, unter Schmerzen, ober ununterbrochen, ohne Kunststücke und ohne Witz, aber mit dem ganzen Herzen. Es galt ihm auch, das Uebel in der Welt zu lindern und zu mindern, die Krankheiten, die Armut, die Unwissen־ heit und die Bosheit. Gegen die Krankheiten betete er, errichtete ein Krankenhaus, sorgte für die Kranken und hütete die Gesunden. Gegen die Armut besteuerte er die Wohlhalienden, schrieb sechzig Jahre lang Bittbriefe und ging selbst für andere betteln. Gegen die Unwissenheit lehrt« er unaufhörlich. Und gegen die Bosheit . . , Die Schüler seiner Jcschlwa wollten sich an einem Kameraden rächen, der sie verletzt oder verärgert hatte. Sie beschlossen, ihn abends, wenn es dunkel war, abzupassen und zu schlagen■ Der Rabbi hörte es zufällig und ging abends, da sic den Kameraden erwarteten, ins I/ehrhaus. Es war dunkel, als er zwischen sie trat, und sie schlugen los. Er 811:»1י1(ן kein Wort. Als sie ihn «ine Welle geschlagen hatten, merkte einer, daß es der greise Habbi war, schrie auf und lief fort. Da liefen auch die anderen fort. Und der gescldagene Rabbi wankte nach Haus. Aber er sprach nie davon, um niemand zu beschämen. Und sie schlugen niemal» mehr einen Menschen. Er war fünfundsiebzig Juli re alt, als er zur Hochzeit »eines Sohnes nach Minsk fuhr. Auf der Rückfahrt fand er Warschau ihm zu F.hren illuminiert. Ihm dienten vlerundzwanzig Ehronbediente aus der Elite der Stadt. Vor »einem Haus und seinem Zimmer standen doppelte militärische Ehrenwachen. Vor seinem Fenster warteten Tag und Nacht tausende auf »einen Segen. Und als er abftthr, begleiteten ihn mehr als vierhundert Kaleschen, Im Jahr darauf starb seine Frau. Er war schwermütiger und hinfälliger denn je, und man sagte, daß ihn nur sein« aufreibende Lebensweise vor dem Tode bewahrte. Aerzte und Angehörige versuchten, ihn ru größerer Ruhe und Bequemlichkeit zu bestimmen. Doch ihm kamen fast die Tränen: ״Was hatte ich sonst getan, wenn ich nur zum Ergötzen meines Körpers lebte!“ Im Winter trat eines Abends ein schluchzendes kleines Mädchen in sein Zimmer und brachte ihm «inen Brief, worin ein Mann namens Jacob Herz um Hilfe bat. Die Frau des Mannes hatte eben das zehnte Kind geboren, und bei der Erziehung der neun Kinder schon litt er'Brotmangel. Jetzt, heim zehnten, verzweifelte er ganz und gar: ״Ich, ein schlichter Handwerker, kann durch meiner Ilande Fleiß nicht so viel in einem ganzen Jahr verdienen, als mancher Kaufmann an einem Ressource-Abend verspielt.“ Der Rabbi las, steckte den Brief iu die Tasche, worin er zwei Dukaten hatte, sagte vor sich hin: Zwei Dukaten reichen doch nicht einmal bis zur Beschneidung, und bat nach einer Weile das weinende Mädchen, ihn zur Ressource zu führen, wo die reichen jüdischen Kaufleut« und Akademiker Karten spielten und einander sonst trafen. Er bat das Kind, an der Tür zu Warten, trat ein und erregte das größte Aufsehen, denn es War da« erstemal, daß er «inen solchen Ort betrat. Er bot al>er, sieh nicht stören zu lassen, und ehe man noch den Zweck seines Kommens erriet, setzte er sich an einen Tisch und ließ ein Kartenspiel zu fünft einrichten. Jeder sollte eine Karte ausspielen, er selbst als letzter. Damit setzte er zwei Dukaten, jeder Mitspieler desgleichen. Jeder spielte nun seine Karte aus, aber als der Rabbi an die Reihe kam, nahm er *m Stelle seiner Karte das Schreiben de» armen Handwerker» und spielte es aus mit den Worten: ״Herz. Herz ist Trumpf! Wenn ich nicht irre, habe ich gewonnen.“ Der Rrief des Jacob Herz ging von Hand zu Hand und natürlich hatte der Rabbi gewonnen. Al» »ich die anderen Besucher der Ressource nun noch darum rissen, immer mehr Gold und Silber *um Einsatz zu legen, rief der Rabbi das kleine Mädchen herein und gab ihm das Geld: ״Sag deinem Vater, der Rabbi hat heute Karten gespielt und die» gewonnen.“ An einem herbstlichen Morgen in »einem 76. Jahr starb Rabbi Akiba F.ger. Al» sein Leben erloschen war, begleiteten die Gerechten, auf denen der Bestand der Welt ruht, seine Seele vor das himmlische Gericht. Und die Seraphim und Cheruhim lernten ihm zu Ehren ein Kapitel au» dem Talmud und summten die unendliche jüdische Melodie de» Suchen« und Finden», des Denkens und Begreifen». Und da» leise Schluchzen des Glück» und da» leise Jauchzen der Gewißheit durchtönte das unaufhörlich« Stimmen und Sinnen. Der Todesengel trat vor das himmlische Gericht, und die göttliche Stimme fragte, wie weit es wäre mit dem Untergang des Judentum». Weit, sagte er. Den Juden im Osten wolltest du Gift geben? Sie sind »ehr aufgeklärt, sagte der Todesengel, und sie hüben die Aussicht auf die Menschenrechte. Den Juden im Westen wolltest du Gift geben? Sie »ind »ehr abergläubisch, sagte der Todesengel, und aie haben nicht einmal die Menschenrechte. So hast du meinen Auftrag erfüllt, bestätigte di« göttliehe Stimme. Bringe nun all•» *11 Ende. Worauf wartest du? Es macht mir keine rechtschaffene Freude mehr. Soll der Untergang des Judentum» verzögert vverden•'1 Weshalb? Worauf wartest du, mein Sohn? Ich habe keinen festen Widersacher mehr auf Erden, »eit Rabbi Akiba Eger gestorben ist. Das ist es, was mir die Freud* nimmt, Herr, laß mich nichts Kümmerlich«» vernichten und nicht» Sinkende» ertränken! Herr, laß mich, wenn niemand mehr sich ihrer erbarmt, Herr, laß mich für deine Juden bitten! Und wirklich, als der greise, stille Rabbi Akiba Eg® gefallen war, dessen Fall sich der Todesengel in mehr als siebzig Jahren ertrotzen wollte, da bat der Todeeengel für die Juden . . . \