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Jüdische Rundschau · 1936-05-19 · Heft 40 (19.5.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 40 (19.5.1936)
Date
1936-05-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 40, 19. V. 1936 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Aus Sokolows Schriften (Fortsetzung von Seite 2) Balfour ... Wir huldigen Balfour nicht wie Ghettojuden einem ihrer Wohltäter oder wie Emanzipationsjuden einem menschenfrcundlichen Andersgläubigen zujubeln, weil dieser einmal, was auch sehr anerkennenswert ist, ein gutes Wort für die Juden eingelegt hat. Himmelhoch steht Balfour über diesem Niveau, und in aller Bescheidenheit möge es uns gestattet sein zu sagen, daß auch wir himmelhoch über diesem Niveau stehen. Aber wir huldigen ihm — als Zionisten einem Zionisten. Denn Balfour ist ein gradliniger Zionist von Gottes Gnaden, ohne Winden und Krümmen, in aller Reinheit, in aller Unbedingtheit. Das war die unzweideutige, authentische, persönliche Balfour-Erklärung auf dem Zofimberge in Jerusalem, im Hebräischen Gymnasium in Tel-Awiw, in Rischon-le-Zion, in Balfouria, in Roschpinah und anderen Orten! ln diesem Geiste bieten wir unserem großen Gesinnungsgenossen die Palme des S c 11 a 1 o m und wünschen ihm ein bis an die fernsten Grenzen menschlichen Lebens reichendes, immer geistesfrisches und tatkräftiges Alter, damit sein herrliches Charakterbild noch lange nicht in die Geschichte allein verwiesen werde, sondern bis in eine ferne Zukunft lebendig sichtbar bleibe, als Vorbild zur Ermutigung und Stärkung für alle, die im zionistischen Geiste für das jüdische Nationalheim im Lande Israel überzeugungstreu und enthusiastisch, mit unerschütterlichem Vertrauen, staatsmännischer Weisheit, weitausschauendem Blick und energischer Heranziehung aller guten Geister des Judentums und der Menschheit streben und wirken. Dem Verdienste — der Kcther Schein Tob, die Krone des guten Namens! Aus ״Balfour“, erschienen in der ״Jüdischen Rundschau" vom 24. Juli 1928 Gesegnet sind die Stillen .. ... Heldentum liegt im Rassengenius, in der Gesamtseele, in der historischen Emanation eines Volkes. Ke Synthese der Volkskämpfe entfaltet sich in der Geschichte, in Leben, in Bewegung, in Phänomenen, in Elementen, im Räderwerk und in den Federungen der Gesamtwerkstatt der allgemeinen Ent- Wicklung. Wir haben unsere Methode des nationalen Kampfes: Selbstbesinnung, mannhaftes Wagen, Leidcnsfiihigkeit, unausschöpfbare, unermeßliche Ausdauer, historischen Dauerwillen, jenen ״Bogen des Bundes“ zwischen einst und jetzt, Solidarität, Gemeinsamkeit des Valksschicksals von den Gipfeln bis zu den Tiefen trotz der vielfältigen Unterschiede und einzelner Loslösungserscheimuigen. In der geheimnisvollen Esse der verborgenen Kräfte wird das stille Heldentum unseres Stammes geschmiedet. Haben wir gekämpft? Kein Volk hat so schwer um sein Dasein gerungen. Unser Volk hat anders gekämpft: Es hat nicht deklamiert, es hat niemals davon gesprochen, daß cs kämpft und hat aus dem Kampfe keinen Fetisch gemacht. Es hat gekämpft, indem es lebte, wirkte und das durch führte, was es für die Erhaltung seines Seins und seines historischen Erbes notwendig erachtete. Es verstand, daß die moralische Kraft mehr im Wissen als in der Formulierung von Statuten begründet ist, mehr in der Inbrunst als in gesellschaftlichen Bindungen, mehr i!1 der Strenge des Geistes als in der Strenge der Organisationsformen. Soweit es vermochte, mied es die nutzlose Polemik mit anderen Völkern oder Religionen, nur ,jjuliere Uebcrmacht vermochte es manchmal in ziellose Disputationen hineinzuzerren. Aus sich heraus hat es nie dahin gestrebt, Proselvten zu machen, und hat es abgelehnt, Gegenstand der Proselytomanie der anderen zu w׳erden. Es hat nicht weitschweifig von seiner allweltlichen Sendung gesprochen, nicht darum, weil es nicht an die Voraussage der Propheten geglaubt hätte, die unsere ewige Mission unter den Völkern verkündeten, sondern darum, weil das Gefühl für Takt und praktische Logik ihm verbot, dauernd Abhandlungen auszurufen über die letzten Ziele, welche in dem Ursprung der Zeiten und im Schoße der Zukunft liegen. Erst unter dem Einfluß der Reform haben deutsch-jüdische Redner und Prediger jene Missions-Phraseologie entwickelt, die dazu dienen sollte, sich selbst und die Traditionen des eigenen Volkes zu negieren, um, in dem ,,allgemeinen Meere der Menschheit“ zu zerfließen. Weder die Volksmassen noch ihre wirklichen Wortfiihrer kannten jene Traktätchen, Parolen, Appelle und Programme, noch wollten sie sie kennen. Der Selbsterhaltungstrieb diktierte ihnen, daß Vorsatz und Bekenntnis allein nicht genügen, und daß Tat und grundlegendes Wirken notwendig sind: nachdem sie so viel Kämpfe überstanden, sagten sie sich, daß man Ruhe und Tiefe erwerben müsse. Dies ist das Wesen unseres nationalen Heldentums, dem wir unsere Existenz verdanken: praktischer Idealismus, das Höherstellen der Tat über das Wort, die positive, schöpferische und zielsichere Arbeit.... Der gegenwärtige Augenblick, so unendlich schwer für unser Volk, gibt nicht nur das Recht, sondern legt die Pflicht auf, den politischen Gedanken zu besprechen und zur .Diskussion zu stellen. Die einzige Methode einer f r i e dfertigen Auseinandersetzung ist das Wachstum an K r a f t, Z a 111 undWohlstandin Palästina; das einzige H cldentum ist das des freien k u 1 - t u r e i I e n werktätigen Pioniers. Ein nervöser, emp- Bildsamer, bis zu Tränen wegen des Verlustes des Vaterlandes gerührter Patriotismus wird uns nicht helfen, denn er ist nicht fähig, für das Land und sein Gedeihen in einer Weise zu arbeiten, die den Bedürfnissen des Alltagslebens entspricht. Unsere Armee besieht nicht aus Tasso-Rittern, die auszichen, Jerusalem zu erobern in schimmernder Wehr, behängt mit brokatenen Zieraten, in deren Mitte F.11 gelstrompeten schmettern, sondern unsere Armee ist unsere arbeitende Jug e n d .... Aus ״Gesegnet sind die Stillen", erschienen in der ״Jüdischen Rundschau" vom 1. Februar 1929 Unser hebräisches Schulwerk ... Objektiv wird durch die Geschichte die Idee des Volkes dargestcllt: subjektiv die Entwicklung des Selbstbewußtseins vollzogen; je mehr die Idee wächst, desto mehr wächst der Inhalt des Selbstbewußtseins, und je mehr der Inhalt des Selbstbewußtseins an Gehalt zunimmt, um so vollständiger wird die Idee realisiert. So wird jeder Einzelne in einem gesunden Volk ein Glied i!1 der geschichtlichen. Kette. Die Geburtsstätte des geistigen Individuums ist die Gemein- Schaft. Einer der tiefsten Gedanken einer klassischen Ideologie ist der, daß alles Wissen des Menschen Erinnerung sei. Wenn das Altertum diese Erinnerung aus dem vorzeitlichen Wandeln der Menschen mit den Ideen geschöpft sein läßt, so verliert es sich freilich dadurch in mythologische Darstellungen. Aber dieser Mythos birgt eine tiefe Wahrheit. Man lernt hier, wie die Verbindung der Glieder und die Bildung des einzelnen Gliedes vollzogen wird. Die Individualität wird durch das Eingehen in Andere gesetzt und erhalten. Das ist eben der Vorzug des geistigen Seins vor dem bloß Körperlichen, daß dort ein Eingehen des einen Individuums in das andere stattfinden kann, ohne daß die Einheit vernichtet wird. Sie wird vielmehr dadurch höher gesteigert. Eine dieser Hauptkriiftc ist die Sprache. Sie ist das kräftigste Mittel der Gemeinschaft. Denn sie ist das Vermögen des Menschen, sein Innerstes mitzutcilcn. Durch den fortwährenden sprachlichen Verkehr der Glieder eines Volkes entsteht eine Summe von Vorstellungen, die in der Tradition die geistige Substanz des Volkes ausmacht. Die Zusammengehörigkeit eines Wortes und eines Begriffes ist in der Tat eine genauere als die gemeine Ansicht zuzugeben geneigt scheint. Mit dem Wort wird mehr als der bloße Geist mitgeteilt; es wird damit auch der Gedanke des Einen in die Seele des Anderen übertragen. Unter diesem Gesichtspunkt ist dash c br ä i s c h e S c 1111 Iw e r k in P a 1 ä s t i n a nicht nur ein Gebiet des Unterriclits und der Erziehung, wie in jedem anderen Gemeinwesen, sondern es ist das eigentliche volksschöptcrische Element, die Sicherung der Zukunft, die Vorbereitung der Mensehen in einem nicht geringeren Grade ais die Bearbeitung des Bodens und die Schaffung der materiellen Bedingungen für Industrie und Gewerbe. Die Schulen sind nicht mir kulturspendende Lichtpunkte, sie schaffen hebräische Kultur, ohne die ein nationales Heim eine Fassade darstellen würde.... Aus ״Unser hebräisches Schulwerk", erschienen in der ,,J/ld. Rundschau“ vom 3. November 1931 Exzesse in Polen Warschau, 17. Mai. (JTA.) Aus Wilna wird gemeldet: Der junge Chaluz J. Feld mann wurde, als er mit Bekannten eine Straße in Wilna passierte, von zwei Nationaldemokraten überfallen, die mit Eisengewichten auf ihn losschlugen und mit Messern auf ihn einstachen. Sterbend wurde er ins Hospital überführt; eine sofortige Operation konnte ihn nicht mehr retten, kurz nach ihr erlag er seinen Verletzungen. Das Schicksal des jungen Chaluz, der unmittelbar vor der Alijah nach Palästina stand, hat auf die jüdischen Kreise einen erschütternden Eindruck gemacht. Die Mörder Fcldmanns konnten verhaftet werden. In Warschau wurde der jüdische Arbeiter Chaim Radz i m i 1! s k i niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Auf dem Muranow-PIatz, im Zentrum des Warschauer jiidischen N'alewki-Viertels, wurden jüdische Passanten niedergestochen. Die Polizei entdeckte in Warschau eine Instruktionsschule für antisemitische Terroristen, die von der nationalradikalcn Organisation (Nara) vor etwa einem Monat eingerichtet wurde. Die ״Schüler“, von denen ein Teil aus der Provinz stammt, wurden in der Ausführung von Terror* akten gegen die Juden systematisch geschult. Geleitet wurde die Schule von Ingenieur Taddeusz Picskiewicz und dem Studenten Victor Domanski. Die Polizei verhaftete 21 Personen, davon sechs aus Warschau und fünfzehn aus den Distrikten Lublin und Bialystok. Die Ueberfällc auf Juden in der Gegend von Otwock hören nicht auf. ln Otwock selbst wurde der Sohn des Ortsrabbiners Elia Schimm überfallen und erheblich verletzt. In dem Städtchen Karsznik bei Warschau wurden jüdische Einwohner schwer mißhandelt, die beiden jüdischen Arbeiter Hcnoch Orale utjd Israel Sukman wurden durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Jüdische Schüler aus Lodz, die nach Warschau gekommen waren, um im Belvedere-Schloß das Andenken des Marschall Pilsudski zu ehren, wurden durch Nationaldemokraten überfallen und zum Teil erheblich verletzt. IN ALLER KÜRZE König Eduard VIII. hat am 14. Mai den ehemaligen jüdischen Generalgouvcmeur von Australien, Sir Isaac I s a a c s, und Lady Isaaes empfangen. Nach dem Empfang fand zu Ehren des ehemaligen Generalgouverncurs ein 1 ruhstück statt, an dem auch die Königin-Mutter Marv teilnahm. Im Alter von 71 Jahren ist in London Dr. Moses U m a 11 s k i, einer der Gründer der Eiigüsh Zionist Federation, gestorben. In London verstarb Sir Felix Schuster, der 1111 englischen Bankleben eine bedeutende Rolle spielte, ein Mitglied der ursprünglich aus Frankfurt a. M. stammenden und nach England cingewanderten Familie Schuster. Im Hafen von Southampton nahm der Oberrabbiner des Britischen Reiches, Dr. J. H. Hertz, die Einweihung der an Bord des größten Ozeandampfers der Welt, der ״Queen Mar y“, eingerichteten Synagoge vor. Wie der ״Volksdeutsche Dienst“ erfährt, hat die tschechoslowakische Regierung den Professor für Völkerrecht in Genf, Dr. Hans Kelsen, zum Ordinarius für internationales Recht an der Deutschen Universität Prag ernannt. Kelsen lehrte von 1930 bis 1933, in Köln, wurde 1933 auf Grund des Arierparagraphen des Berufsbeamtengesetzes mit sofortiger Wirkung beurlaubt und dann in den Ruhestand versetzt, während er sich schon im Auslande befand. Die Ledergroßhandlung M. E. K r 0 in w e 11, Nürnberg, ging in arische Hände über. Die Firma Brasch ft Rot 11 enstein ist von Harry W. Hamacher übernommen worden. Die ausländischen Niederlassungen der Firma werden unter der bisherigen Leitung weitergeführt. Die bei der Berliner Firma ausgeschiedenen Herren Dr. H. Fürth und M. Roth werden vorwiegend in Amsterdam, Herr Paul Dreyfuß in London tätig sein. Der Widersadier des Todesengels Bericht von den Streitigkeiten um Rabbi Akiba Eger Von LEO HIRSCH 1. Fartsettuog Inzwischen merkte der Todesengel, wie langsam und Schwer das Gift des Westens auf die Juden im Gren/.land des Ostens wirkte, und er legte wiederum seine schwere Hand auf das Land Preußen, um soviel davon wie er nur greifen konnte, abzureißen und an den Osten anz.ufiigen. Und diesmal riß kein Seraph ihm das Land unter den Fingern weg. Das ganze Poscner Land war wieder polnisch, und für die Juden darin war wieder mehr Gefahr, dem Verfall der Chassidiin als dem Fortgang der Aufklärung anheimzufallen. Mittlerweile kehrten die seelisuntldreißig Gesandten mit den Seelen der sechsunddreißig Gerechten von der Erde zurück, und als der Engel des Todes durch die kaum ein Spaltchon geöffnete Pforte des Himmels blickte, da erkannte er sie auf den Stufen des himmlischen Gerichts zwischen Cherubim und Seraphim, wie sie ihre Weisungen demütig entgegennahmen. Um so mehr aber war er überrascht und ärgerlich, als er am Ende der Kriege Napoleons von seiner großen Ernte heimkam. In seinem Judensorgenland war wieder alles verändert. Hinter seinem Rücken war von neuem die Grenze zwischen Ost und West verschollen worden. Man hatte ihm einen Schabernack gespielt und das Posener Land wiederum dem westlichen Preußen angefügt. Und damit nicht genug, fand der Todesengel in des Landes Herzen und Hauptstadt noch dazu den leisen Rabbi wieder, den alten stillen Widersacher, den er in ein winziges Nest verbannt hatte und durch Amt und Armut klein zu bekommen hoffte. Da konnte der Todesengel vor Wut und Ohnmacht zuerst nichts tun als Verwirrung stiften. Als Rabbi Akiba Eger nach Posen kam, wurde er feierlich empfangen und als Oberlandesrabbiner des Herzogtums Posen begrüßt. Und doch war er noch nicht einmal endgültig dazu gewählt. Die Verwirrung, die um ihn entstanden war, erschütterte und entzweite die fünftausend Menschen seiner neuen Gemeinde. Kaum daß dies Land nun westlich geworden war, fraß sich das Gift des Westens auch hinein. Aber während die Aufklärung im Westen Freiheit und Entfaltung bringen konnte, erwirkte sie an der Grenze zunächst nur Selbslbcschränkung und Selbst betüubung. Der Partei der Aufklärung galt es erst allein die Zerstörung überkommener Bindungen, als deren leidenschaftlichster Fürsprach ihr der neue Rabbi erschien. Fast zehn Jahre kiinipften die Frommen und die Neuer-,r um Akiba Eger. Schließlieh wurden die Reformlustigen überstimmt, der Rabbi war gewählt. Da protestierten die Besiegten bei der preußischen Regierung und denunzierten Rabbi Akiba Eger als bigotten Fanatiker, der dem Zeitgeist entgegenarbeite. Prompt unterbrach di© Regierung den Ernennungsvorgang. Dagegen protestierte die Gemeinde zu drei Malen. F.in Schiedsgericht wurde unberufen, die Neuerer kapitulierten, aber sic diktierten die Friedensbedingungen: Rabbi Akiba Eger dürfe an seiner Jeschiwa nie mehr als sechs auswärtige Studenten dulden, keinem Unverheirateten einen Tnlmudisten- und Lehrtitel erteilen, in seinen Predigten nur allgemeine Moral ohne persönlichen Bezug vortragen und höchstens zehn Taler die Woche Lolin bekommen. Nach diesen Bedingungen schwieg auch dio Regierung. Als Rabbi Akiba F.ger die Bedingungen unterschrieb, sah der Todesengel ihm hämisch über die Schulter. Aber er konnte ihn keine Miene verziehen sehen und auch niclil einmal, als der llabbi in feierlichem Zuge in die Stadt geholt wurde. Doch soll der Todesengel selbst dio Miene verzogen haben vor Uebcrraschung, als er bei diesem Einzug eine unbeabsichtigte Ernte halten mußte: einen Fleischer, der den Zug bespöttelte, und einen Buchhalter, der in aufklärendem Eifer erklärt hatte, bei seinem Leben werde Rabbi Akiba Eger nicht nach Posen kommen, traf der Schlag. Der Rabbi aber verzog keine Miene, und man erzählte ihm kein Wort davon. Er wohnte nun in dem ehrwürdigen Hause nahe der Alten Schul, in dem einst der hohe Rabbi Löw gewohnt hatte, ehe er den Golem schuf. Er kümmerte sich um die Menschen, nicht um ihre Streitigkeiten. Er diente weder der Aufklärung noch der Orthodoxie, sondern Gott. Er lernte mit denen, die zu ihm lernen kamen, und sie bewunderten in seinen Gedanken die Fittiche zu großen Taten. Sie erkannten sein Gedächtnis, eine wolilvertünchte Kalkgrübe, die keinen Tropfen durchließ. Sie sahen die Qual seines schwachen Leibes, die seine starke Seele überwand. Sie empfanden seine schüchtern bescheidene Menschenfreundliehkeit, seine chrfUrchtende Höflichkeit. Sie hörten seine schwach© Stimme und nannten ihn einen von denen, die weniger zu reden, als zu sagen haben. Sie hörten seinen ungarischen Dialekt, wenn er sprach, und sie hörten sein Leiden am Amte heraus, wenn er Kolicietii lernte: Wer Steine bricht, tut sich weh daran, wer Holz spaltet, gef&hrdel sich. Er war nun ein guter Fünfziger, klein von Körper, der Bart fast grau, der Kopf verhältnismäßig stark, die Nase hoch und länglich, dio Augen voller Feuer, die Stirn hochgewölbt. Doch um seine Lippen war meist tiefe Schwermut. Nur wenn er lernte und im Singsang der unendlichen jüdischen Melodie manchmal innehiell, einen Gedanken nachschärfte oder eine Vorstellung weiter und immer weiter spann, wieder mit seinem inneren Sehen und Denken mitsummend, kam noch manchmal ein wenig Lächeln in sein Gesicht. Oder wenn er zu Kindern kam und alle Ehren ihrer Einverleibung in den Bund Gottes auf sich nahm. Ehe es tagte, erhob er sich und eilte ins Tauchbad, Sommer und Winter, bei Schnee und Regen, bei Hitze und Frost. Um vier L'lir früh begann er sein Mischna-Studium. Um sechs Uhr hielt er eine Talmud-Vorlesung vor Mitgliedern der Posener Gemeinde, die er dann auch zu bosondcren Wohltätigkeiten anhielt und würdigte. Dann gingen sie zum Morgengebet. Das Frühstück danach war das einzige Mahl, dom der Rabbi eine halbe Stunde opferte und das er im Kreis seiner Familie einnahm. Darauf ging er ein Stück aus der Bibel durch. Von zelm bis zwölf Uhr lief der Hauptlehrgang seiner Talmudschnle, der Rabbi lernte vor wenigstens fünfzig Schülern, denn jede Gemeinde des Herzogtums setzte ihren Ehrgeiz darein, wenigstens einen Schüler in Rabbi Akihns Jeschiwa zu haben. Diese beiden Stunden waren der Mittelpunkt seines Tages. Das Kapitel, das man durchnahm, schien er eben erst immer zu entdecken, »ein Geist sprühte Einfälle zur Klärung und Erläuterung, und sein Denken lag affen vor aller Welt. Von überall und allem zog er die Aufmerksamkeit auf die!.ehre und seihst die Toten schien er zum I.ehrlinus zu ziehen; er hatte nngeordnet, daß alle Loiehcnzüge 11m diese Stunde am Lchrhaus vorüber mußten, und erhob sich immer mit seinen Schülern, um die letzte Ehre zu erweisen. Und dann lernten sie weiter pnd diskutierten bis zur Mittagsstunde. Aber der Rabbi aß fast nichts zu Mittag, höchsten.* beiläufig etwas Leichtes, hielt seine Mittagsruhe auf einem Soplin liegend, las Neucrscheinungen und machte mit Bleistift immer gleich seine Randbemerkungen. Um zwei Uhr wiederholte er mit seinen Söhnen ׳and auserlesenen Schülern den Iwhrstoff des Vormittags, um drei Uhr leitete er die Sitzungen des Gerichts, das allmählich auch immer mehr von Nichtjuden nngcrufcn wurde, arbeitete mit den Vertretern der Gemeinde; um vier Uhr verrichtete er das Nachmittagsgebel im Gcbclmnnlcl und mit Gobctriemen, dann hielt er einen Lehrvortrag über den Ritualkodex, verrichtete das Abendgebet und täglich ein Gebet für die Kranken, und erst am Abend kam er zu seiner Arbeit, die seinen Namen in drei Erdteilen berühmt machte, zu seinen Schriften, Rcchlsgutachten und Briefen. Vor Mitternacht kam er kaum zu Belt. Nur an den Feiertagen und ihren Vortagen gab er sich ganz allein seiner persönlichen Andacht hil und lebte mit seiner Familie. Der Todesengel belauerte den Rabbi Tag und Nacht. Aber vom Aufgang der Sterne bis zu ihrem Untergang und vom Bade in der dunklen Morgenfrühe bis zum Nachtgebet auf 'dem harten Lager hatten die Zeit und der dienende Eifer des Rabbi keine Lücke, durch die der Tod ilim hätte ans Leben gehen können. Den Schmerzen, die er litt, gab er nicht nach. Die Schwäche seiner Glieder ließ er sich nicht zu Kopfe steigen. Er selbst unterbrach sich nicht, und 80 konnte auch kein Tod ihn unterbrechen. Der Engel des Todes stand vor dem Rabbi wie vor einer verschlossenen

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