Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 40 (19.5.1936)
- Date
- 1936-05-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JO DI SC H E RUNDSCHAU Nr, 40 19. V. 1936 Wie ״e>»ial(e ieii tleu Neli»I»l»al? Für Schabbai, 23. Mai Wochenabschnitt: ״Bamldbar“ (IV, B. M. 1,1 — 4, 21) I. Scliabbat ״Baniidbar“ ist immer der Schabbat vor Schawuot. Wir werden also auf diesem Oncg Schabbat in den Mittelpunkt die Vorbereitung /um Schawuot-Feste stellen, Fine!) umfangreiclien Plan mit wertvollen Anregungen hat Dr. L. Ebrni.mn im Aufträge der Heichsvertretung herausgegeben. (Arbeitsplan für Lag b'omer und Schawuot; Rundschreiben 11)3 1־, zu beziehen durch die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Berii'i-Charlottenblirg, Kantstr. 158III.) II. Am Schawuot wird das Buch Ruth gelesen, wobei häufig als (iruml angegeben wird, daß der Geburts- und Todestag des Königs David am Schawuot gewesen ist und David bekanntlich von Ruth abstammt. Wir werden daher auf dem Oneg Scliabbat das Buch Ruth lesen, am besten in Hebräisch. W'ir werden dabei insbesondere das bäuerliche Leben im alten Israel herauszuarbeiten suchen und sehen, welche Züge im neuen I re/ Israel beim (.!tag habikkurim auftauchen, die sich im Buche ״Ruth" wiederfinden. III. Schawuot ist ״Seman matan toratenu“. Welch zentrale Bedeutung die ״Asseret Hadibrot“ und die Offenbarung am Sinai für das gesamte Judentum haben, ersieht man aus der Fülle der Agadot, die es zur Offenbarung gibt. Wir verweisen hier insbesondere auf ״Ssefer Haagadah“ Bd. 1 Seite (18 ff. und 11(1 ff. Für Jüngere, für die das Lernen der Agadot in hebräischer Sprache Schwierigkeiten bereiten sollte, gebe man eien Stinunungsgehalt der Agadot dadurch wieder, daß man sie aus dem Buche ״Moses“ von Edmond Fleg vorliest, wo sie vor allem in dem Kapitel ״Die Stimme auf dem Berge“ gesammelt -i!ul. Die Dobersct/ung trifft den Ton der hebr.v, ־,chen Agadot ausgezeichnet. Im übrigen verweisen wir wiederum auf den ״Plan für die Behandlung der Schawuot in Heimabenden“ von B. S, Jacobsöhn, Hamburg, der bei der Hanhala des Zeire Misraehi für Deutschland, Hamburg Fl, Grlnddhof 66, zu beziehen ist. J.E. Das Schawuot-Fest Den nächsten Ouog Schabbat werden wir dem Schawuot- Feste widmen, das nach biblischer Vorschrift (III. B. M. 23, 15 ff.) aut den fünfzigsten Tag nach der ersten Darbringung des Omers am!0 Nh-.;,an fallt. Neben Prdach und Sukkot war dieses F'est in aber Zeit eines der drei Walifahrtsfcste, an denen ein Frseheinen vor (lott int Heiligtum und in späterer Zeit im '1 empel von Jerusalem vorgesehricben war. Man lese hierzu die entsprechenden biblischen Stellen im II. B. M. 23, 17; 31, 23 mul V. 10, |f! und bespreche sie. Man brachte im Tempel zwei Wei/enhrote der neuen Ernte auf dem Altar dar, da Schawuot das Fest der beendeten Wei/enernte war. Festliche Pilgerschami zogen mit Liedern und Gesang aus allen Teilen des 1 attdes nach Jerusalem und führten mit sich reiche (iahen au Erstlingen von Feld und Garten, die ebenfalls im Tempel dargebracht worden sind. Recht anschaulich schildert die Mischna (Rikkurim III, 2 ff.) das festliche Hinatifziehen der Pilger nach Jerusalem, wie sie sich zuerst in den umliegenden größeren Städten gesammelt und dann genieiusam die Wallfahrt angetreten haben. An der Spitze dieser Wallfahrtszüge zogen Spielleute und Flötenblaser und, sobald sie nahe an Jerusalem herangekommen waren, schickten sie Boten vor sich her und bekränzten ihre Erstlinge. Die Vornehmsten Jerusalems und alle Handwerker der Stadt zogen ihnen entgegen und entboten ihnen den Friedensgruß: ״Briider, Leute von dem und den! Ort, seid uns willkommen!“ Fas wäre gut, wenn wir uns anschließend hieran über die ähnlichen Formen der W a 1 1 f a h r t s z ii g e in dem orientalisehen Kulttirkreis, besonders noch im heutigen Islam, unterhalten würden. Viele Parallelen ließen sich hier zum Vergleich anführen. Audi das jüdische Palästina hat das alte Fest der Erstlinge, .,Ghag Habikkurim“', in neuen Formen und mit neuen Inhalten aufieben lassen. Die Broschüre des KKL ״Zählet die Tage . . .“ hat auf 8. 62 ff. Material zusammengestellt, das wir gemeinsam lesen. Den Jüngeren werden wir dje in dem Büchlein aufgenommene hübsche Geschichte ״Das' Gärtchen auf dem Dache“ (S. 70 ff.) vorlesen und ein Gespräch über die Rolle der Jugend in der Landwirtschaft anknüpfen. Wir werden uns noch über manche Riten, die am Schawuot beobachtet werden, zu unterhalten haben, besonders über manche Liturgien, die die Krönung des Festes bilden. Dabei ist das etwa seit dem 16. Jahrhundert bestehende Ritual hervorzuheben, wonach in der ersten Schawuot-Nacht fromme Juden in den Lehr- und Gebethäusern in mystischen Gebeten und stiller Andacht bis zum Morgengrauen verharren. Diese Nachtwache soll gewissermaßen dazu dienen, die innere Vorbereitung und die weihevolle Stimmung für den anbrechenden Tag der Sinai-Offenbarung, der bekanntlich auf den 6. Ssiwan fällt, zu sch affen. — Zu Ehren der erhaltenen Thora wird gleichfalls am ersten Schawuottage während des Gottesebenstes ein in glühenden Farben gehaltener Hymnus ״Akdamut“ rezitiert, der in aramäischer Sprache die Größe des Schöpfers preist und das zukünftige Heil Israels und der Frommen schildert. Ueber den Verfasser und die geheimnisvolle Entstehung dieser liturgischen Dichtung weiß eine weit verbreitete Legende manches zu berichten. Den heutigen Oneg Schabbat, sowie die kommenden Festtage beschließen wir mit Tanz und Liedern, wobei die in Palästina beliebten Chag-Habikkurim-Lieder im Chor gesungen werden. Zwei dieser Lieder finden wir in der Broschüre des KKL auf S. 66 f. Literatur: Neben der bereits erwähnten Broschüre ״Zählet die Tage“ werden wir uns noch des Buches von Zobel ״Das Jahr der Juden“ S. 189 ff. und der Anthologie ״Israel, Volk und Land“ (Verlag Kedem, 1935) (S. 20) bedienen. Zahlreiches Material bietet die ״J. R.“ in ihrer Schawuot-Nummer von 1935 (Nr. 46-47 vom 6. Juni) u. a. auch von Dr. Meitlis über ״Der Schawuot-Hymnus ״Akdamut“ und seine Ent- Stellung.“ Für die nächsten Besprechungen: Heine, Gedicht und Gedanke (Schocken-Bücherei 57) und Flavius Josephus ״Das Haus Herodes“ (Schocken-Bücherei 58). J. M. Budapester Brief Von unserem Berichterstatter Budapest, 17. Mai Ueber die Judenfrage hörten wir in letzter Woche wieder zwei Reden im Abgeordnetenhause. Abg. Karl von W o I f f, der Führer der hauptstädtischen christlich-sozialen Partei, verlangte statt des kontemplativen Katholizismus ein streitbares Christentum. Er wünsche die nationale Suprematie der Christliehen Majorität des Landes, für deren Jugend auch Handel und Gewerbe zugänglich gemacht werden müssen. Wie jetzt die Reform der Latifundien in Angriff genommen worden sei, so müsse auch die Reform der finanziellen Latifundien durchgeführt werden. — Abg. Dr. Johann Vazsonyi verwies auf die Agitation in Debrecen und in Westungarn. Alle diese Bewegungen beginnen bei dem jüdischen Dorfbewohner, setzen sich fort beim Pfarrer, um sich endlich gegen jeden Bürger zu wenden. Demgegenüber vertrete er den Standpunkt, daß die gemeinsame Front sämtlicher KonfcssIonen zu bilden sei. Anläßlich der jüngst stattgefundenen Stiftungsfeier der Budapester Pazmanv-Universität wurde eine Reihe der von der medizinischen und juristischen Fakultät gestellten Preisfragen durch jüdische Studenten gelöst, die vom Rektor in feierlicher Form mit den Preisen ausgezeichnet wurden. — Mehrere jüdfsche Offiziere wurden vom Reichsverweser ״als Anerkennung für überdurchschnittliche Leistungen im Kriege“ zu Hauptleuten und Generalstabsoffizieren befördert. F>er Rat der Gemeindedistriktspräsidenten Ungarns, derzeit das höchste Forum der ungarischen Judenheit, hielt dieser Tage seine Generalversammlung ah, bei der Hofrat Samuel Stern, Präsident der Poster fsr. Gemeinde, neuerdings zum Vorsitzenden der Landeskanzlei gewählt wurde. Ein Antrag von Dr. F. K a u d e r s, der die Begründung einer jüdischen landwirtscha'tlicFen Fachschule bezwe 'kte, wurde he’uifs Sammlung von statistischen Daten einem Ausschuß überwiesen. Dr. A. F. Zum Tode von Lord Allenby ln London ist am 14. Mai im Alter von 75 Jahren Feldmarschall Lord Allenby gestorben, der das englische Expeditionskorps in Palästina in den Jahren 1917 bis 1919 befehligte, das von Aegypten aus nach Palästina cinrücktc, und dem es gelang, Palästina zu erobern. Unter seiner Führung rückte die Armee am Vorabend des Clianukkah-Festes 1917 in Jerusalem ein. Unter ihm diente auch die jüdische Legion unter dem Kommando des Obersten^ Patterson, und nahm an der Eroberung Palästinas teil. General Allenby blieb bis 1919 in Palästina und stand der durch die Balfour- Deklaration cingeleitcten Politik zunächst mit erheblicher Reserve gegenüber. Seine Proklamation an die Bevölkerung Palästinas gab zu erheblichen Diskussionen Anlaß. Später änderte Lord Allenby, der für seine Verdienste zum Feldmarschall befördert worden war, seine Ansicht und hat bei mehrfachen Gelegenheiten seiner Anerkennung und Sympathie für den zionistischen Aufbau Palästinas Ausdruck gegeben, so bei der Eröffnung der Hebräischen Uni־ v c r s i t ä t und bei späteren Besuchen in Palästina, wo er zuletzt im Jahre 1933 weilte und wo ihm in den jüdischen Foto: Archiv Siedlungen ein herzlicher Empfang bereitet wurde. Bekannt ist seine Ansprache bei einer großen ihm zu Ehren voranstalteten Feier in London im Jahre 1926, in der er sich gegen die Behauptung wandte, daß er mangelnde Sym־ pathie für die zionistische Sache gehabt habe. Er schilderte damals den Eindruck, den auf ihn der Enthusiasmus und der Glaube der Zionisten an ihre Sache gemacht habe. Lord Allenby wurde im Jahre 1919 von Palästina nach Aegypten berufen und dort zum High Commissioner ernannt. Er blieb bis zum Jahre 1925 in diesem Lande. Seitdem trat er politisch in der Oeffentlichkeit nur noch seiten hervor, wurde aber in maßgebenden Kreisen Englands als erfahrener Ratgeber geschätzt. Für das jüdische Volk und insbesondere den Jischuw wird mit seinem Namen die Eroberung Palästinas und damit die Ermöglichung der Ein- Wanderung und der jüdischen Kolonisationsarbeit für alle Zeit verbunden bleiben. Ein Denkmal des Feldmarschalls wurde vor einiger Zeit in einer Siedlung ehemaliger jüdischer Legionäre in Palästina aufgestellt. Die Einwanderung nach Südafrika Das Parlament der Südafrikanischen Union beschäftigte sich nach einer Meldung der ״Frankf. Ztg.“ vom 17. Mai kürzlich mit der Frage der wachsenden Einwanderung aus Deutschland nach Südafrika. Auf eine Anfrage eines Mitgliedes der National-Partei gab der Minister des Innern, Hofmeyr, die Ziffern für die letzten Jahre bekannt. Danach schwankte die Zahl der Einwanderer aus Deutschland von 1925 bis 1932 ungefähr zwischen 250 und 400 im Jahr. Dann stieg sie 1933 auf 5% und 1934 auf 865, während sie sich für 1935 auf 763 belief. Diese Steigerung, so erklärte der Minister, könne keineswegs als unge* 1 wohnlich betrachtet werden, wenn man sie mit Einwanderungs-׳ Ziffern aus anderen europäischen Ländern vergleiche. Unter diesen Umständen sehe die Regierung der Südafrikanischen Union keine Veranlassung, gegen die Einwanderung aus Deutschland v o r 7. u g e 11 e n. Gebt MAUS-VERWALTUNGEN Tür, lief 11m ihn herum wie um ein vermauertes Haus und fand keinen Einlaß und wollte doch nicht von ihm al>- lassen, de länger der Rabbi sieh verschloß, desto bitterer wurde er (׳egen diesen Menschen. Je weniger der Rabbi mit den Jahres des Todes achtete, desto wilder achtete der T odcsengel des Rabbis. Je länger das Judengift des Todesengels brauchte, um zu wirken, desto deutlicher glaubte er zu wissen, wobt r das Gegengift kam. und je weniger er dem Mann uns Leben konnte, desto widerspenstiger machte er seine Gemeinde. Kaum ein Jahr nachdem Akiba F.ger Oberlandesrabbiner des Großherzogtunis Posen geworden war, gründete der eifervolle Führer der Aufklärer eine Schule, worin jüdische Kinder für die nicht jüdischen liehen Schulen vorbereitet wurden. Kaum daß die ersten Schüler diese Anstalt absolviert. hatten, änderte man das Wesen dieser und;jeder jüdischen Schule in Posen, indem man sie immer mehr ent judete. Fs wurde auch noch Jüdisches darin gelehrt, aber immer weniger. Als Rabbi Akiba F.ger zehn Jahre im Amt war, gingen die Aufklärer wieder zur Regierung, und plötzlich verbot die Regierung überhaupt, den Talmud-Unterrieht an den Schulen. Es war der stärkste Schlag, der dem Rabbi zuteil wurde. Doch der Rabbi widerstand und zuckte nicht zurück. Während die Erregung seiner Anhänger sieh überschlug, blieb er selbst still wie immer und ging unbekümmert seinen Weg. Er ließ ein Sendschreiben Uber die Autorität der rabbinischen Schriften verfassen, das die Regierung und die Aufklärer über den Talmud nufklärle, und der Talmud-Unterricht wurde wieder freigegeben. Er fragte, wer denn gegen den Talmud auftreten wollte. Und da niemand mit seinem Namen und mit seiner Person gegen den Talmud aufzutreten wagte, bedauerte die Regierung, den ungenannten und namenlosen Gegnern des Talmud nicht beistehen zu können. Diesmal waren die Aufklärer geschlagen, ohne der! Frieden diktieren zu können, und darum führten sie weiter Krieg. Sie kämpften auf anderen Gebieten und wieder mit Masken, in Schriften ohne Namen. Sie verlangten, daß der jüdische Gottesdienst aus seiner althergebrachten, seltsamen und strengen Form in eine neumodische, gefällige und unverbindliche gebracht und dem christlichen leicht angeglichen werde. Alter in dieser Frage erwies sielt der immer demütige und gern nachgiebige Akiba F.ger ganz kräftig und unerbittlich. Deutsch statt Hebräisch im ־Gotteshaus? Er bewies die Fehlerhaftigkeit aller bisherigen Ucbersetz.ungcn. Er wies nach, daß es unmöglich ungchc, die entscheidenden Gebete und das Glaubensbekenntnis in einer anderen Sprache als der Sprache der Gebete und des Glaubensbekenntnisses zu beten. Die Reformer wollten die Worte der Bitte um Erlösung aus der Verbannung mit Hinblick auf das deutsche Vaterland fortlassen; mußte man erst noch nachweisen, daß die mcssianischc Erlösung noch nicht stattgefunden hatte? Und was blieb für das Judenleben, wenn man ihm diese Hoffnung wegriß? Mußte man sich noch in einen Streit darüber cinlassen, daß es unzulässig ist, den Gottesnamen auszusprechen und am Schabbat in der Synagoge Orgel zu spielen? Darüber also, daß es unsinnig ist, aus der Uebertretung von Gpttosgoboten einen Gotlesdienst z.u machen? Und doch wirkte das Gift und griff immer weiter. Mit eiserner Geduld und stiller Beharrlichkeit schrieb Rabbi Akiba Eger seine Verteidigung des alten Glaubens und fler überkommenen Zeremonien. Hinter jedem der alten Worte, hinter jedem der alten Bräuche stand wie ein Wachtposten einer der ewigen Märtyrer und Propheten der blutgetränkten Geschichte Israels oder einer von den heiligen Lehrern des Anfangs. Und hinter jedes Wort stellte sich der stille, leise, unermüdliche, sanfte Rabbi Akiba F.ger mit seinen Schmerzen, der das Gedächtnis seines Volkes trug. Unmerklich war er beim Verteidigen alter Bräuche ins Kämpfen gekommen, das ihm immer fremd und unlieb gewesen war. Unmerklich war er wie ein Heerführer und Feldlierr geworden, der Truppen befahl und Verbündete aufrief. Er wandte sich an die Großrabbinen Deutschlands und Oesterreichs, und sie folgten ihm wider die Reform. Und er befehligte in seinem Kampfe nicht bloß die Buchstaben seiner Schrift und der alten Schriften, sondern, weil seine Seele und die Seele der Propheten, Märtyrer und Lehrer des Volkes wie Wachtposten hinter jedem Buchstaben standen, folgten ihm auch die Seelen seiner Mitmenschen. Der Todesengel war froh, wie sein Gift auch schon an der Grenze des Westens zum Osten wirkte. Aber wie unfroh wurde er, als er sab, wie sein Gift den leisen Rabbi streitbar machte und welche Macht es ihm über die Menschen gab. Die Menschen folgten ihm, weil nichts Befehlshaberisches an ihm war. Sie folgten dem Wachtposten, der hinter dem Rabbi stand. Er war sanft geblieben und doch zum Führer geworden. Die ihm folgten, kamen bedingungslos, und es waren noch die meisten. Und die gegen ihn wühlten, wagten es nicht offen, denn er hatte aus seiner Sanftheit und Demut noch über seine Feinde soviel Macht, gezogen, daß sie sich schämten, ihre Absichten mit ihrem Namen zu decken. Sie waren wie gelähmt vor Scham. In diesen Tagen mußte der greise Rabbi über Land fahren zu einer Beschneidung. Es war Nacht, herbstlich kalt, es goß in Strömen, und der Weg war unwegsam. Da der Wagen immer mehr in Gefahr kam timzustürzen, stieg der Diener aus und ging nebenher. Bis über die Knie versank er im aufgewcichlen Boden. Als sie nun auf die ebene Straße kamen, sagte der Rabbi seinem Famulus: Eure Füße werden naß und kalt sein, zieht doch Eure Schuhe aus und legt diese trockenen an. Damit reichte ihm der Rabbi ein Paar trockener Schuhe, der Famulus zog sie an und war wie neu belebt. Als es nach einer Stunde zu tagen begann, sah der Famulus, daß sein greiser Herr barfuß im Wagen saß. Er hatte ihm seine eigenen Schuhe gegeben. In dieser Nacht hätte der Todesengel zugreifen können, al>er ein Seraph sah, daß selbst er sich vor dem Rabbi schämte. DRITTES KAPITEL Der Todesenget trat vor das himmlische Gericht und führte Klage gegen Rabbi Akiba Eger von Posen. Es sind nicht viel mehr als zweihundert Jahre vergangen, unterbrach ihn die göttliche Stimme, seit du gegen einen anderen Rabbi von Posen Klage geführt hast? Und die Seraphim und Cherubim erinnerten sieh, wie damals der Tatbestand gewesen war. Da hatte der Rabbi L ö w von Posen in einer Nacht des Monats Elul in seiner Arbeitsstelle noch über der Knbbalah wach gesessen, als er, aufbiiekend, in der Alten Schul gegenüber seinem Fenster Licht gewahrte. Er ging leise hinüber, öffnete behutsam die Tür und erstarrte fast vor Schrecken, als er ein unheimliches Wesen mitten im Betraum fand. Das Wesen hatte in einer Hand eine lange beschriebene Liste, mit der anderen schärfte es ein Messer. Der Rabbi ahnte, daß niemand als der Todesengel dieses Gespenst sein und daß nichts als die Namen derjenigen, die damals an der Pest sterben sollten, auf der Liste stehen konnte. Da beherzte der Rabhi seinen Mut, entriß dem Unhold die Liste und brachte sie eilends, noch zitternd vor Erregung, in sein Zimmer. Und tatsächlich fand er auf der Liste die besten Namen der Posener Gemeinde. Und er fand noch viel Grauenhafteres: ein Ende des Blattes war in der Hand des Engels geblieben. Kurz darauf starb der Rabbi. Es war sein Name, den es■ dem Engel des Todes nicht hatte entreißen können. Darin bestand die Genugtuung, die das himmlische Gericht dem Todesengel für den Raub der anderen Namen gewahrt hatte. Und nun nach zweihundert Jahren führst du die gleiche Klage? fragte der eine Seraph. Nicht die gleiche, sagte der Engel des Todes, schwerere) viel schwerere. Er erzählte, wie er von der Pest abgekommen sei und sich neuerdings der Cholera zugewendet habe. Wie er mit der Cholera eine Gastspielreise über die Erde mache und überall die besten Erfolge zu buchen habe. Und wie nur bei den Juden von Posen seine ganze Kunst und Mühe vergeudet und verschwendet sei. Und dies alles nur durch den greisen, leisen Rabbi Akiba Eger. Hat auch er dir deine Liste entrissen? wurde der Todesengel gefragt. Er achtet meiner nicht. Wenn ich nachts in der Alten Schul mein Wesen treibe, achtet er nicht darauf. Er fürchtet sich nicht einmal. Er glaubt an keinen Spuk. Er kommt nicht einmal nachsehen, ob etwas nicht geheuer ist. Er schickt nicht einmal jemand anders. Er schickt ja nie jemand anders, er läßt sich ja nicht einmal ein Buch reichen. Er hält seine Tagesordnung ein, und nichts hält ihn ab ln der Nacht des Monats Elul, da ich nach Posen kam, blickte er nicht einmal von seinem Folianten auf. Er betete für die Kranken wie immer mit Inbrunst und ging nach seiner Arbeit zu Bett. Ich kam am anderen Tag wieder — <Schluß folgt)