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Jüdische Rundschau · 1933-09-12 · Heft 73 (12.9.1933) · p. Seite 513

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXVIII (1933)
Issue
Heft 73 (12.9.1933)
Date
1933-09-12
Page
Seite 513 (sequence 3)
Language
German
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33 Nr. 73, 12. IX. 1933 Jüdische r ü ktö’s üh ä'»; Seite 511 ן des ne an : am r Oeszüge 1t der 1t ge- ״Chahnun- 1c jüzerimmer ußert, erden, jhetto 1, daß 1 und die er e aus, 1 m e n zuge• den in Friedn den er Oelischen seiner tachellangen! Vorr Polirte, er ch sei, :ennen. tn, die :a des hervor, umlung m Pro- Polizei?gehen, rwähnt ührung;en der g war. luldigte . heißt, ■, Mord;1 gebe laß au!!ie Juler von laltegat, ina! La jen den icht zuer Fran•;röffnet, lestimml und zu ße Zahl jüdisch* 1 los? ungsher- Jahren 1 getriean die;erichtet,;Ismus ton der lehrmals h durch schleind- 1 Telen. Was uwarten. rechnen AUIer“ Nichtvorberei- ^eifcprüiten, die können rhin zu־ List 1928 eine der ung als ird jetzt ben. Id“ m Titel 1e ganze 'hotograes Jüdi- Die Art werden im Bild ie KKLjgen geruf» z»|r en, eins j sicher, rhiH i,n־ fort von jeder hl*, len unter Ein Wort an die Einwanderer aus Deutschland Von M- Y. Be 11-ga vr i 6 1, Jerusalem. Wenn tvir der nachstehenden Einsendung Raum geben, so tun wir es, weil darin eine Stimmung zum Ausdruck kommt, die uns auch aus anderen Quellen bezeugt ist. Natßrlieh muß man sich auch in diesem Falle vor jeder Vcrallgemeinerung hüten. Aber die Erwägung, daß solche, die nicht gemeint sind, sich getroffen fühlen könnten, darf uns nicht daran hindern, öffentliche Kritik an Mißständen zuzulassen. Red» Gestaltet einem alten Palästinenser, daß er an Euch, verehrte Freunde, die ihr nun in unser Land kommt, ein paar Worte richte, die ausnahmsweise nichts mit Eurer Wirtschaftliehen Einschichtting und auch nichts mit der Wohnungsfrage und dergleichen zu tun haben. Gestattet ihm ein offenes Wort über die, sagen wir moralische oder ethische oder noch besser: seelische Seife jener Angelegenheit, die einst in der Geschichte als die große deutsche Alijah von 1933 bezeichnet werden wird, ein Wort, das, wie ich gleich vorwegnehmen will, kritisch ist und an gewisse Bezirke rührt, die man bisnun umging, wie die Katze den gewissen heißen Brei. Ihr kommt in unser Land, Ihr kommt in eine Gemeinschaft, die unter unsäglichen Opfern an Blut, Gesundheit und Hoffnungen und unter Verzicht auf viele Annehmlichkeiten des Lebens allmählich aufgebaut wurde und allmählich einen gewissen, ihr, dem Land und den Idealen ihrer Bauer entsprechenden Lebensstil herausbildete. Diese Gemeinschaft empfängt Euch im Bewußtsein ihrer brüderlichen Solidarität mit offenen Armen und ist bereit, Euch alle die Rechte zu geben, die ihre alten Mitglieder genießen. Ihr habt nun die große, im Leben eines erwachsenen Menschen so unerhört seltene Chance, ein neues Leben beginnen zu können, ein Leben, das anders ist als das bisher gelebte, anders im Sinn seiner Aufgabe wie im Sinn «einer Erfüllung. Ihr habt nun die Gelegenheit, aus einer über, feinerten Zivilisation zu einer Kultur zu kommen, die einfacher, naturgemäß und normal aus den Erfordernissen und aus dem Denkstil von Pionieren Eures eigenen Volkes gewachsen ist, Ihr habt nun die Möglichkeit, zu Eurem Volk zu kommen, auch wenn Ihr von diesem Volk bislang nichts oder nicht allzu viel gemißt habt. Ihr habt also die wunderbare Chance, konstruktiver Teil einer konstruktiven Masse zu werden, deren Aufbauziele im einzelnen wie in ihrer Gesamtheit die Ziele Eures Blutes, Eurer Rasse, Eures Volkes sind. Eure erste Aufgäbe ist es daher, mit dem ersten Schritt, den Ihr in unser Land setzt, die Tatsache dieser Chance und alle sich daraus ergebenden Folgerungen zur Kenntnis zu nehmen. Dies ist die Bitte eines alten Palästinensers, der sicherlich im Namen der großen Masse spricht, und der in dem Land, das Euch nun als gleichberechtigte Genossen aufnimmt, schon lebte, als es all die tausend Kleinigkeiten des Tages noch nicht gab, ohne die Ihr Euch ein Leben wohl nicht gut mehr vorstellen könnt. Diese Bitte will aber noch mehr: sie will auch sagen, daß wir von Euch eine gewisse seelische Haltung erwarten, die zweifellos notwendig ist, wenn der Weiterbau unseres, als auch Eures Landes reibungslos vor sich gehen soll: was wir erwarten, ist, daß Ihr mit einer gewissen Demut hierher kommt. Wir verlangen natürlich keine Art von Dankbarkeit für die Aufnahme, aber wir‘wollen, daß Ihr einseht, daß Eure bisherigen Lehens- : »•setze nicht die unseren sind, daß Ihr erkennt, daß Eure!,Übersiedlung nach Palästina kein Herabsteigen bedeutet, auch, wenn Ihr zufällig ein, zwei Wochen mal ohne elekirisehen Strom sitzen müßt, oder wenn es mit der Wasserversorgurig nicht immer klappt oder wenn ein Haver aus einer Kwrut- |7al1 über den neuen Rehaviah-Snobismus ein wenig lächelt. Sie, [verehrter Freund, und noch mehr Sie, verehrte Freundin, Ihr iißt überdies verstehen, daß wir uns hier eine uns gemäße md zwar hebräische Kultur gebaut haben und daß Ihr, wenn!Ihr auch nicht über Nacht Hebräisch erlernen könnt, dennoch icht nach dem Takt eines Berliner Operettenschlagers durch as nächtliche Jerusalem ziehen müßt, wie Ihr auch nicht tutedingt voraussetzen müßt, daß Mer jeder Mensch Euer Deutsch erstehen muß und wie Ihr auch nicht aus dieser falschen Vor-!!Setzung die ebenso falsche Berechtigung ableiten dürft, nicht .0 schnell als nur möglich Hebräisch zu lernen. Darüber hinaus her müßt Ihr erkennen, daß wir unter keiner Bedingung gecigt sind, unsere hebräische Kultur und unsere hebräische Limangssprache auch nur einen einzigen Schritt zuriiekdrängen u lassen. Andererseits — wir wollen ja in tiefster Freundschaft nd Brüderlichkeit vollkommen offen sprechen — andererseits dien wir es nicht gern, wenn man versucht, bei uns Sitten nd Gebräuche einzuführen, die liier nicht 1'm Umlauf sind, aß, zum Beispiel, um nur ein Beispiel zu nennen, die Hatischilfin — (die vielleicht sogar aus der gleichen Sphäre wie ir kommt) — an den Küchentisch verwiesen wird. Nein, liebe reundin, bei uns ist es Sitte, daß die Hausgehilfin Mitglied er Familie ist, daß sie am Familientisch ißt, und daß auch ür sie der Sabbath arbeitsfrei ist, wie für Sie, gnädige Frau,!ie Sie in der Woche weit weniger arbeiten als die Kameradin iausgehilfin. Und wenn ich gerade Sie, gnädige Frau, apostroihicre, möchte ich bescheiden darauf aufmerksam machen, daß;ie mm die Gelegenheit haben, den hier nicht sehr erwünschen Typ der Kurfürstendamm-Dame — Sie wissen ja, was ich ine, da Sie ja gerade ihren Lippenstift aus irgendeinem nicht her die Schwelle des Bewußtseins getretenen Schamgefühl in io zu Ihrem Tea-Gown fabelhaft passende Tasche versenken aß auch Sie, will ich sagen, die Chance haben, aus der geo raphischen Umschichtung eine seelische zu machen. Sie, und!r Herr Gemahl, das möchte ich Ihnen noch sagen, stehen Izt vor einer Gelegenheit, für die Millionen Menschen vieler knerationen ihrem Gott danken werden, vor der Möglichit, auch Ihren Beruf, dessen soziologische Unhaltbarkcit mmer klarer wurde, aufzugeben und zum Boden, zur Arbeit am den zurückzukehrcn, woher Ihre Väter, deren Sie im Beich der letzten Jahrtausende vergaßen, kamen. Wenn nun uch schon ein Teil von Ihnen diese historisch einzigartige jWglichkeit nicht mit beiden Händen ergreift, aus diesem oder us jenem Grund, möge doch dieser Teil — dies eine weitere itte des allen Palästinensers — der in städtischen Berufen cibt, stets die Tatsache sich vor Augen halten, daß Palästina •oder Klondike ist, noch Amerika noch Australien, sondern jben Palästina, dieses eigenartige Land, das wir in unserem Sinn n Sinn von opferbereiten Pionieren bauten, soweit bauten, daß überhaupt fähig ist, Euch, Freunde, heute aufzunehmen• Dankt hm, indem Ihr den Unterschied von einem Goldgräber-Klonwo man nichts anderes will, als schneit reich zu werden, Kenntnis nehmt, indem Dir erkennt, daß wir alten PaläsSnenser keine unzivilisierten Goldgräber und Cowboys oder Halbbeduinen sind, daß wir es ablehnen, unsere Kultur und unseren Lebensstil verfälschen zu lassen, in eine Richtung drängen zu lassen, die unseren noch vorhandenen Idealen fremd ist und welche der Geschichte der letzten dreißig Jahre dieses Landes nicht entspricht. Dies, verehrte Freunde, bitte ich Euch, nicht zu vergessen, wenn Ihr vollberechtigte Bürger unserer Gemeinschaft werden wollt. Unsere Gemeinschaft ist eine kämpferische, unser Aufbau ist noch lange nicht abgeschlossen, aber die Linie und das Ziel ist gegeben. An dieser Linie und an diesem Ziel dürft Ihr nicht rütteln, weder aus Willen noch aus Trägheit der Herzen noch aus der Bequemlichkeit des Verharrens in einem für Euch in dem Augenblick abgelaufenen Lebensstil, da Ihr den historischen Augenblick Eures Lebens in dem Zusammenstoß mit Eurem Volk erlebt. Eure Aufgabe ist es, in Demut dem großen Ziel zu dienen, indem Ihr Euch schnell an die Besten von uns assimiliert, wie Ihr Euch an die Frerndvölker Europas zu assimilieren verstandet. Dann wird Euer Leben und unser Leben das Leben einer Gemeinschaft der Freien, frei Schaffenden, ihres Zieles gewissen Juden auf jüdischem Boden sein. Das Motto Eurer nachdenklichen Stunden in unserem Land sei jener Vers aus dem fünften Buch Mosis: ki 10 ‘alhallehem l’vadö yihye ha-adam: nicht um des Brotes allein lebt der Mensch. Der Arierparagraph in der Kirche ln der ״Deutschen Allgemeinen Zeitung“ vom 10. September veröffentlicht Oberkonsistorialrat Albert Freitag einen Aufsatz ״Neueste Kirchengeschichte“, worin er über die Anwendung des Arierparagraplicn in der Kirche folgende Darlegungen macht: ״Wir Deutschen Christen bejahen den Rassengedanken, für unser deutsches Volk also den Arierparagraphen. Bekanntlich stand der nationalsozialistische Parteitag in Nürnberg ganz unter der Begründung dieser Staat- und Volkliehen Grundüherzeugung. Gerade auch als Christen müssen wir ihr bcipflichten, — ja auch für das Christentum und besonders für das evangelische Christentum. Wir lassen jeder Rasse ihre Eigenart und lassen jeder für skh ihre ihr fingeborene Weise der Verbundenheit snit Gott. Wir Deutschen Christen aber sind allerdings der Ueberzeugung, daß die Reformation Luthers in ihrer Tiefe und Reinheit des Schuldgefühls und in ihrer Höhe, Kraft und Freudigkeit des Glaubens nur in einer deutschen Seele geboren werden konnte. Jeder Blick in die Kirchengeschichte vergangener und heutiger Zeit beweist das jedem unvoreingenommenen Auge aufs klarste. Darum wollen wir auch die deutsche evangelische Kirche nur von deutschen Männern geführt sehen und erheben diesen Anspruch auf Grund des Glaubens, daß die Rassen Schöpfungsgedanken Gottes, des Herrn der Welt, sind. Damit verneinen wir keinesfalls das Gotteskindschafts- Verhältnis anderer Rassen, so rein sie es in ihren Seelen zu tragen vermögen, — für uns Deutsche des deutschen Reformators nehmen wir aber unsere Art, fromm und heldisch zugleich, in Ansprticii. Dem trägt die von uns vorgeschlagene und zum Gesetz erhobene Bestimmung Rechnung: ,Wer nichtarischer Abstammung oder mit einer Person nichtarischer Abstammung verheiratet ist, darf nicht als Geistlicher und Beamter in der Kirche berufen werden.‘ Das bezieht sich also auf den, vor allem den theologischen, Nachwuchs. Für die Gegenwart schon giit das grundsätzlich natürlich auch; darum lautet das Gesetz: alle Nichtarier ,sind 1'n den Ruhestand zu versetzen‘. Eine Berufung auf die Taufe oder auf das Ordinationsgelübdc der Geistlichen kann man darum gegen diese Bestimmung nicht anführen, weil beide ja, — etwas in einer magischen oder mystischen Art und Weise — den rassischen Grundcharakter der Seele nicht verändern.“ * Der badische evangelische Oberkirchenrat hat veranlaßt, daß das Gesetz zur Wiederherstellung des Beruf«,beamtentums auf die staatlichen kirchlichen und rein kirchlichen Beamten Anwendung findet. Somit ist der Arier- Paragraph, wie ihn die altpreußische Generalsynode beschlossen hat, auch in der Landeskirche Badens eingeführt. Juden als Erfinder Die Abendausgabe der ״Vossischen Zeitung“ vom 5. 9. berichtet über das Erlöschen des am 4. September 1910 auf Robert von Lieben und seine Mitarbeiter ausgestellte Rcichspatents Nr. 236 716 über die Verstärkerröhre. Die ״Voss. Zeitung“ schreibt hierzu weiter: ״Robert von Lieben, der an» 5. Sept. seinen 55. Geburtstag begehen würde (er starb bereits 1913), war der Sohn des Präsidenten der Wiener Börsenkammer und wuchs in einem feinsinnigen, von hoher "Kultur getragenen Vaterhause auf. Frühzeitig entriß er sich dem Zwang der Schule und gab sich 1899 physikalischen und chemischen Studien an der Universität Göttingen hin, wo er ein eifriger Schüler von ProfCvSsor Nernst wurde. Von seinem großen Lehrer empfing er auch die ersten Anregungen zum Studium der Sprachverslärkung, die ihn schließlich zu den Bemühungen um die Schaffung eines trägheitslosen Relais’ führten. Als 1903 Artur Wehnelt die Entdeckung von der Ablenkbarkeit von Kathodenstrahlen durch magnetische und elektrostatische Felder machte, arbeitete Lieben in seinem Wiener Lahorstorium viele Jahre an der praktischen Ausnutzung dieser Erscheinung für die Sprachverstürkung. Mit Hilfe von Tugen Reiß und Siegmund Strauß, seinen beiden engeren Mit- Arbeitern in Wien, gelang ihm im Jahre 1910 die Ilerstellung einer praktisch brauchbaren Verstärkerröhre, auf die er das jetzt erloschene Patent erhielt.“ . , . ״Die Erfindung Lichens, das Ergebnis einer jahrelangen wissenschaftlichen Forschung, war für die Technik «in Ereignis und brachte die Umwälzung der gesamten Fernmeldetechnik mit sich. Sie hatte auch zur Folge, daß alle anderen bis dahin bekannten Verstärkungseinrichtungen verschwanden und durch di« Lieben-Röhre ersetzt wurden...“ ״Das Verdienst, die Röhre zu einem wichtigen Instrument der Technik gemacht zu haben, kommt dem Inhaber des Reichspatentes 236 716 zu, womit dokumentiert wird, daß die Radioröhre eine deutsche Erfindung ist.“ Soweit die ״Voss. Zeitung“. Es ist nur hinzuzufügen, daß sowohl Robert von Lieben wie auch Eugen Reiß und Siegtnund Strauß Jaden sind bzw. waren. Am 27. September findet im Haus der Walther Rathenau- Stiftung eine Mitgliederversammlung statt, auf der der Vorstand der Walther Rathenau-Gesellschaft die Auflösung beantragen wird. Das Vermögen der Gesellschaft soll — abgesehen von den Beträgen, die sic noch zur Herausgabe der von der vorigen Hauptversammlung beschlössenen einbändigen Gesamtausgabe und ähnlichen Zwecken benötigt — zur Unterstützung in Not Geratener verwendet werden. Besuch im Palästina ״Amt Rer Drang des deutschen Judentums nach Palä־! stina hat naturgemäß die Arbeit des Berliner Palästina• Amtes and aller seiner Zweigstellen in der Provinz sehr gesteigert. Es treffen sich hier auch Kreise, die bisher noch kaum mit dem Aufbauwerk des Zionismus verbunden waren und daher weniger gut über die in Frage kommenden Verhältnisse informiert sind, als es bei alten Zionisten der Fall ist. Der nachstehende Berieht über einen Besuch des Berliner Palästina-Amtes gibt ein anschauliches Bild von dem dort herrschenden rreiben und von einzelnen beobachteten Szenen. (Die Red.) Als ich um halb zehn ins Palästina-Amt komme, ist der Betrieb im vollen Gang. Der Mann an der Eingangstür gibt Auskunft und beweist eine unermüdliche Geduld. ״Wo ist hier die Pa . . .“ Er zeigt mit dem Arm die Treppe hinauf und sagt: ״Eine Treppe“. Das Wort Palästina-Beratung braucht man gar nicht auszusprechen, bei der ersten Silbe weiß er Bescheid. Ich gelle die Treppe hinauf, durch die Tür in einen Gang, um die Ecke herum und bin iin Wartezimmer. Halb zehn ist für mich früh. Hier ist es spät. Ich bin nicht, wie erwartet, die fünfte oder achte. Das Zimmer ist voller Menschen. Ich setze mich auf den einzigen noch freien Stuhl neben einen alten, gut aussehenden Juden. Es ist ein dauerndes Kommen und Gehen, Mir dämmert so langsam, was für eine Unsumme von Arbeit hier geleistet wird. Ich betrachte die Menschen, die hier warten, doch mein Nachbar läßt mir dazu nicht viel Zeit. Er stoßt mich sacht an und erkundigt sich, welche Nummer ich habe. ״Nummer? Gar keine.“ Er faßt mich am Arm, zeigt mir einen jungen Menschen. ״Dort holen Sie sich eine.“ Aber ich will nicht, denn ich kam doch nur her, um mir den Betrieb anzusehen. Doch das nützt gar nichts. Man ist machtlos bei_ soviel Hilfsbereitschaft. Er zieht mich vom Stuhl, legt seinen Hut darauf, und ich gehe hin, erzähle was von Auskunft holen und bekomme die Nummer 120. Man bedenke, frühmorgens gegen 10 Uhr! Dann kehre ich zurück. Der Nachbar hat inzwischen um meinen Stuhl gekämpft und zieht mich aut meinen Platz, wie eine alle Bekannte. Inzwischen beginnt mein Magen zu knurren, und da ich nichts zu essen habe, zünde ich mir eine Zigarette an. Der Mann neben mir rückt die Brille die Nase abwärts und sieht mich mißbilligend an. ״Ich habe Hunger,“ sage ich entschuldigend. Nun ist das Eis gebrochen, und ich erfahre, daß er zu seinem Enkel nach Tel-Awiw will. ״Sie müssen wissen, meine Dame, das ist der Sohn meiner Tochter selig, ein Staatsjunge.“ Er wiegt den Kopf hin und her und hat ein glückliches Gesicht ,,Ein tüchtiger Junge.“ ״Und was wolle» Sie hier auf dem Amt?“ frage ich ihn. ״Ein Zertifikat/' Er muß meinen zweifelnden Blick gesehen haben, denn er setzt sehr eifrig hinzu: ״Und wenn ich das hier nicht bekomme, dann hilft mir der jüdische Generalkonsul in Tel- Awiw. Zu dem hat mein Enkel die besten Beziehungen.“ Immer wenn er von dem Enkel spricht, geht ein glückliches Leuchten über sein Gesicht. Mir wird etwas schwer ums Herz. Wer hat diesem Mann die Existenz eines jüdischen Generalkonsuls in Tel-Awiw eingeredet? Vielleicht liest er mir etwas vorn Gesicht, denn er setzt mit dem Eifer eines Menschen, der alle Schwierigkeiten wegreden möchte, hinzu: ״Ich habe auch sonst noch große Beziehungen, meine Familie stammt von Rabbi Akiba Eger ab und da , . 2 Ich unterbreche ihn, ״na, es wird schon werden,“ drücke ihm die Hand und gehe ans andere Ende des Wartezimmers. Dort steht B., der Mitbegründer der zionistischen Jugendbewegung_ meiner Heimatstadt im Jahre 1916. Seit fünf Monaten ist er erwerbslos. Wovon spricht man? Von der Schwere der Zeit, von der Hoffnung, ein Zertifikat zu erhalten, von den Aussichten in trez, zwischendurch schimpft er fürchterlich auf die Nichtziouisten. Das hat er schon 1916 getan. Darin ist er sich treu geblieben. Seine Nummer wird aufgerufen, und ich setze mich an einen anderen Tisclr. Nun will ich mir nral den Betrieb im Parterre arischen. Vor mir gehen ein alter und ein junger Mann; sie wollen zu Dr. S. ״Sag mal, Hans was bedeutet ,Hechaluz‘?“ fragt der Alte und deutet aut die Aufschrift. _ ״Na, Erdgeschoß!“ meint Hans und springt die letzten drei Stufen herab. Der Alte sieht ihn zweifelnd an, doch das selbstsichere Gesicht des jungen scheint ihn zu überzeugen. Ich beiße mir auf die Lippen, um nicht!osztilachen. Vor der Tür des Dr. S. ist großer Andrang, (ch warte mit den Wartenden und nach einer Viertelstunde bin ich zu dem Entschluß gekommen, weiterzugehen. Doch da stellt ein junges Mädchen mit einem Schwung einen Stuhl vor mich hin. Nun überlege ich, was ich eigentlich hier will, außer meine Neugierde zu befriedigen. Ich bin bereits vornotiert, meint der jung« Mann, der streng, aber gerecht die Tür verteidigt. Er behandelt mich milde, weil ich Dr. S. nicht sprechen will: die einzige im großen Kreis. Dann werde ich hineingelassen und zu einer sympathischen Dame gewiesen, der ich einen Auftrag meiner Freundin aus Tel-Awiw weitergebe. Ich gehe weiter durch den Gang. Eine Tür wird geöffnet und ich höre, wie ein Herr im Herausgehen sagt: ״. . . und schicken Sie mir auch eine Hachscharah!“ Dann macht er nachdrücklich die Tür von draußen zu und geht mit Riesenschritten davon. — Ich Weibe verdutzt stehen und denke, ich habe falsch gehört. Doch ein Lachen jenseits der Tür beweist mir, daß ich falsch denke. — Zu gern wüßte ich, was der Mann sich unter ״Hachscharah“ vorstcIH. Alice Oelsner. Das schönste Geschenk su Rosch hasdianah ist ein Exemplar des Buches ״Ja-Sagen zum Judentum“ Dieses Buch enthält die •wichtigsten Leit- Artikel der ״Jüdischen Rundschau״ seit den» 5. März 1933. Es ist das wichtigste jüdische Dokument unserer aufwühlenden Zelt. Prell Hk. 2.85 Zu belieben durch Jede Buchhnndlunß oder direkt vom Verlag ״)üd. Rundschau", Berlin W 15, Mcinekesir, 10. Auslieferung für den Buchhandel: «Jüdischer Verleg",BerVnWSO, Ekxl«Msier Singet«.,

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