Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVIII (1933)
- Issue
- Heft 61 (1.8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 61, 1. VIII. 1933 jüdische Rundschau Seite 387 us dem jüdischen Legendenschatz Wir gehen anläßlich das Tischa V Aw-Tages unseren f.sern eine Frohe am dem jüdischen Legendenschatz, den unserer neuen Leser und vielen Juden, die sich |sher mit jüdischen Angelegenheiten wenig befaßt haben, das Wesen der jüdischen Legende etwas fremdartig ein. Um ihren Sinn zu erkennen, bedarf cs einer gewisen Einfühlung, eines Verständnisses für den innigen Ton Ind die kindliche Lust am Fabulieren, die sich in diesen Produkten der jüdischen Volksphaniasie offenbart. Es st eine Welt voll Poesie, die bisher dam westeuropäi- \chen■ Leser nur zum Teil bekannt geworden ist. Jüdisehe Legendensammlungen in deutscher Sprache wurden vor einigen Jahren von Micha Josef Bin Gurion (Bcrdgtsekewski) veröffentlicht. Jüdische Legenden aus einer viel späteren Zeit sammelte und veröffentlichte Marlin Bttber in seinen ,,Chassidisch.cn Büchern“. Die jüdische Legende ist — darin vor altem besieht, ihre Eigenart — von einer rührenden Xaicität. Sie setzt Gott und Israel in eine solche Unmittelbarkeit der Beziehung, daß sie Gott gleichsam Israels Schicksal, das er selbst webt, als eigenes mitcrlebcn läßt. Sie gibt den Gestalten der Geschichte ein Leben über Zeit und Raum hinaus, so daß sie immer und überall gegenwärlig sind. Dank ihr leben sie mit jedem Geschlecht, und jedes Geschlecht lebt mit ihnen. Alle Legende ist darum immer aktuell. —־ Jüdische Legende gibt sich im Gewand einer Erläuterung der Bibel, solche Erläuterung heißt ,,Midrasch". Eine der geläufigsten Sammhing solcher Erläuterungen heißt Midrasch rabbah. Die hier folgende Legende stammt aus der Einleitung zu dem das biblische Buch der Klagelieder um die Zer- Störung Jerusalems (nach ihrem hebräischen Anfangswort ״Echa“ genannt) begleitenden Midrasch. tum me seht! Ku■ and :njri 1 sic rklic 1 de t de ailti jure nau d i! zeln de! icha sch! ihr r VO aba :isch ralut rtike Werl r di radi ״Os‘;ozii mge;ebei iemo eine eine seng! iiden llunj nti g«:!eine vor eine! ehen tig »bus WUtlj Pa hunf dir .iniei 1 da iotfes Trauer um das zerstörte Heiligtum und )er Kampf der Väter und Mütter um Israel Legende aas dem Midrasch rabbah zu Echah Uebersetzt von Max Dienemann, In der Stunde, da der Heilige, gelobt sei er, das Heiligzerstören lassen wollte, sprach er: solange ich in ihm eite, können die Völker der weit es nicht mit ihren Streichen reffen; ich muß mein Auge von ihm abziehen und schwören, ,16 ich mich ihm nicht mehr verbinde bis zur Endzeit; dann (innen die Feinde kommen und es zerstören. So erhob der Heilige, gelobt sei er, seine Rechte zum Schwur und wandte sie zurück; das ists, was geschrieben stellt!Klagelieder 2, 3) ״er wandte rückwärts seine Rechte wegen des Feindes“. Jetzt drangen die Feinde in den Tempel ein und verbrannten ihn; und als er nun verbrannt war, sprach Ooit: Nun habe ich kein Weilen mehr auf der Frde, ich hebe meine Wohnung von ihr auf und steige hinauf zu meiner eisten Stätte; das ists was geschrieben steht (Fiosea 5, 15) ״ich will gehen und zurückkehren au meinen Ort, bis daß sie ihre Schuld spüren und mein Antlitz aufsuchen“. In dieser Stunde weinte der Heilige, gelobt sei er, und sprach: wehe, was habe ich getan? ich hafte meine Herrlichkeit drunten nehmen lassen, um Israels willen, und nun, da sie in Sünde verharrten, bin ich zurückgekehrt an meinen ersten Ort; zinn Gespött bin Ich geworden den Heiden. Da kam Metatron und fiel auf sein Angesicht und sprach vor ihm: Herr der Welt, laß mich weinen, Du darfst nicht weinen. Sprach Gott zu ihm: wenn du mich nicht weinen läßt, so gehe ich ein in einen Ort, in den du einzugehen keine Erlaubnis hast und weine dort. So heißt es (Jeremia 13, 17): ״und wenn ihr nicht auf ihn höret, im Verborgenen wird meine Seele weinen“. Nun sprach der Heilige, gelobt sei er, zu den Engeln des Dienstes: Kommt, wir wollen gehen, ich und ihr, wir wollen nach meinem Hause sehen, was die Feinde mit ihm getan haben. So ging der Heilige, gelobt sei er, und Jeremia ihm vorauf; und als der Heilige, gelobt sei er, den Ort des Heiligtums sah, sagte er: ja, hier war niein Haus. Meine Kinder, wo seid ihr? Was aber hätte ich mit euch tun können? Ich habe euch gewarnt und ihr kehrtet nicht büßfertig zurück. Es sprach der Heilige, gelobt sei er, zu Jeremia: ich bin heute gleich einem, der einen einzigen Sohn hatte, er richtete ihm das Trauzelt, und jener starb unter dem Trauzeit. Hast du denn nicht Schmerz um mich und meine Kinder? Geh und hole Abraham, Isak, Jakob und Mose aus ihrem Grab; sie verstehen zu weinen. Sagte Jeremia: ich weiß aber nicht, wo Mose begraben ist. Da erwiderte ihm der Heilige, gelobt sei er, geh, stell dich ans Ufer des Jordan, erhebe deine Stimme und rufe: Sohn Amrams, Sohn Amrams, steh auf, sieh deine Schafe, die Feinde haben sie verschlungen. So ging denn Jeremia an die Höhle Machpeiah und rief die Väter der Weit: Steht auf, die Zeit ist gekommen, da ihr ׳or den Heiligen, gelobt sei er, gerufen werdet. Da fragten sie: warum? Er antwortete: ich weiß nicht. Denn er fürchtete sich, sie würden sagen: in deinen Tagen ist solches mit unseren Kindern geschehen! Jetzt ließ sie Jeremia und stellte sich an das Ufer des Jordans und rief: Sohn Amrams, Sohn Amrams, steh auf, die Zeit ist da, daß du vor Gott gerufen wirst. Antwortete er: was ist dieser Tag anders als andere Tage, daß ich vor Gott befohlen werde? Wieder gab Jeremia zurück: ich weiß es nicht. Da ließ ihn Mose und ging zu den Engeln des Dienstes, die er von der Stunde der Verleihung der Thora kannte. End er sprach zu ihnen: Ihr Diener des Höchsten, wißt Ihr nicht, warum ich vor Gott gerufen bin? Sie antworteten ihm: Sohn Amrams, weißt du denn nicht, daß das Heiligtum zerstört Ist und Israel in die Verbannung mußte? Da schrie er auf und weinte, bis er wieder zu den Vätern der Veit kam. Nun zerrissen auch sie ihre Kleider und hoben die Hände . _ auf ihr Haupt und weinten, bis sie dorthin kamen, wo die ,ab!« Tore des Heiligtums gestanden hatten. Pfeif Zeit• >glict Rab Samuel bar Nachman erzählte: in der Stunde, da das Heiligtum zerstört worden war, kam Abraham vor den Heiligen, gelobt sei er, weinend, den Bart sich raufend, die Haare sich ausreißend, er schlug sich ins Gesicht, zerriß seine Kleider, streute Asche auf sein Haupt; so ging er einher in den Trümmern des Heiligtums, klagend und jammernd. Er sprach '׳or dem Heiligen, gelobt sei er; warum sind meine Kinder so gezeichnet vor allen Völkern und Nationen, daß wir in solche Schande und Schmach geraten sind? Als ihn die Engel des Dienstes sahen, häufte« auch sie reihenweis Trauergesänge und sprachen, wie der Prophet es gekündet hat, ״daß die Engel des Friedens bitterlich weinend rufen (Jesaia 33, 7): Verödet sind die Straßen, kein Wan- ,״,״ derer zieht mehr des Weges; gebrochen hat man den Bund ,a j verabscheut hat er die Städte, für nichts achtet er Enosch‘ (d. h. den Menschen). Was bedeutet: verödet sind die Straßen? Es sagten die Engel des Dienstes vor dem Heiligen, gelobt sei er: die Straßen, die Du für Jerusalem hergerichtet hast, daß sie nie leer seien von Wanderern, wie sind sie nun verödet! was bedeutet: kein Wanderer zieht mehr des Weges? Es sagten die Engel des Dienstes vor dem Heiligen, gelobt sei *r: wie sind die Wege leer, auf denen Israel sonst zum Feste pilgerte und wieder heimkehrte? Was bedeutet: gebrochen «at man den Bund? Es sagten die Engel des Dienstes vor 811 dem Heiligen, gelobt sei er; Herr der Welt, gestört ist jetzt der Bund ihres Vaters Abraham, durch den die Welt bevölkert worden ist und dank dem man Dich in der Welt erkannt hat, daß Du der Hohe Gott bist, der Himmel und Erde geschaffen hat. Was bedeutet: verabscheut hat er die t di! enhei v zu t I« uni< anlai!aff« ■un! ästin n Ar» Orte jeh e un unte Ru! Au! mm t je< Städte? Es sprachen die Engel des Dienstes vor dem Hel• Half Ugea, gelobt sei er: Verabscheut hast Du Jerusalem und Zion, obgleich Du sie erwählt hattest, das ist’s, was geschrieben steht: ״Hast Du verabscheut Juda, ekelts Deine Seele Zions?“ (Jerem. 14, 19). Und was bedeutet: für nichts achtet er Enosch? Es sagten die Engel des Dienstes vor dem Heiligen, gelobt sei er: Du hast Israel noch geringer erachtet als das Geschlecht Enoschs, der der erste der Götzendiener auf der Welt war. ln dieser Stunde fuhr der Heilige, gelobt sei er, die Engel des Dienstes hart an und sprach zu ihnen: was häuft ihr reihenweis Trauergesänge um dies Geschehen? Antworteten sie: Herr der Welt, um Deines Dieners Abraham willen, der in Dein Haus kam und klagte und weinte; warum hast Du ihn nicht beachtet? Sagte Gott: von dem Tage an, da mein Freund von mir abschied in seine Ruhestatt, kam er nicht in mein Haus und jetzt ״was hat mein Freund noch in meinem Haus zu tun“ (Jerem. 11, 15)? Da sprach Abraham vor dem Heiligen, gelobt sei er: Herr der Welt, warum hast Du meine Kinder vertrieben und iiast sic in die Fiand der Völker der Welt gegeben, sie schlagen sie tot mit allen ungewöhnlichen Todespeinigungen, warum hast Du das Heiligtum zerstört, den Ort, an dem ich einst meinen Sohn Isak zum Opfer Dir brachte? Sagte der Heilige, gelobt sei er, zu Abraham: Deine Kinder haben gesündigt und haben die ganze Thora überireten und getan wider alle zweiundzwanzig Buchstaben, aus denen sie zusammengesetzt ist, das ist’s, was geschrieben sieht (Daniel 9, 11): ״ganz Israel hat Deine Thora übertreten“. Sprach Abraham vor dem Heiligen, gelobt sei er: Herr der Welt, wer wird Zeugnis abiegen wider 1srael, daß es die Thora übertreten hat? Sagte Oott: die Thora selbst wird kommen und Zeugin sein wider Israel. Und schon kam die Thora und wollte Zeugnis abiegen wider Israel. Da aber sagte Abraham zu ihr: Meine Tochter, du willst Zeugin sein wider Israel, daß es deine Gebote übertreten hat, und du schämst dich nicht vor mir! Denke doch des Tages, da Gott mit dir herumging von Volk zu Volk und keines wollte dich annehmen, bis meine Kinder an den Sinai kamen und dich annahmen und ehrten und jetzt willst du hertreten am Tage, da sie in Not sind, und wider sie Zeugnis abiegen? Als die Thora diese Worte hörte, trat sie zur Seite und wollte nicht mehr Zeuge sein. Sprach nun der Heilige, gelobt sei er, zu Abraham: dann sollen die 22 Buchstaben kommen und ihr Zeugnis wider Israel Vorbringen. Kam zuerst das ״Aleph“ und wollte zeugen wider Israel, daß es die Thora übertreten habe. Sagte Abraham zu ihm: Aleph, du, das erste aller Zeichen, willst wider Israel zeugen am Tage seiner Not, denke nur des Tages, da der Heilige, gelobt sei er, am Sinai sich offenbart hat und mit dir begann. ״Anochi, ich bin Adonaj, dein Gott“, und kein Volk und keine Nation hat dich annchmen wollen, nur meine Kinder nahmen dich an und d u willst gegen meine Kinder zeugen? Und schon trat das Aleph zur Seite und wollte nicht mehr Zeuge sein. Kam das Beth, um sein Zeugnis vorzubringen wider Israel. Aber Abraham sagte zu ihm: Beth, du willst Zeuge sein wider meine Kinder, die so sorgsam die fünf Bücher der Thora bewahren, du, das erste Zeichen der ganzen Thora, denn so hebt sie an: Bereschit, im Anfang schuf Gott Himmel und Erde? Und schon trat das Beth zur Seite und wollte nicht fürder Zeuge sein. Jetzt trat das Gimel vor, um sein Zeugnis wider Israel zu geben. Auch zu ihm sprach Abraham: Gimel, willst du Zeuge sein wider Israel, gibt es außer meinen Kindern sonst ein Volk, das das Gebot der Schaufäden hält, und mit dir beginnt dies Gebot: Gedilim, Fäden sollst du dir machen an den vier Ecken deines Gewandes. Und auch das Gimel trat rasch beiseite und wollte kein Zeugnis mehr abiegen. Und als nun all die anderen Buchstaben sahen, wie Abraham diese zum Schweigen gebracht hatte, schämten sie sich, blieben still und wollten nicht zu Zeugen aufgerufen werden. Und nun begann Abraham vor dem Heiligen, gelobt sei er, und sprach: Herr der Welt: als ich IOC Jahre alt war, schenktest Du mir einen Sohn, und als er zum Denken herangereift war und 37 Jahre alt war, sprachst Du zu mir, bring ihn mir zum Opfer, und Ich machte mich hart und grausam gegen ihn, hatte kein Erbarmen mit ihm, sondern ich selbst band ihn; und Du, Du willst mir dessen nicht gedenken und Dich nicht meiner Kinder erbarmen? Jetzt hub Isak an und sprach: Herr der Welt, als der Vater zu mir sagte, Gott wird sich das Lamm zum Opfer ausersehen, mein Sohn, widerstrebte ich nicht Deinem Geheiß, Heß mich freudigen Herzens auf den Altar binden und streckte meinen Hais hin unter das Messer und Du willst mir dessen jetzt nicht gedenken und Dich nicht meiner Kinder erbarmen! Daraut begann Jakob: Herr der Weit, hielt ich nicht 20 Jahre 1m Hause Labans stand? Und als ich aus seinem Hause fortging, stieß Esau, der Bösewicht, auf mich und gedachte, meine Kinder zu töten, und ich setzte mich selbst dem Tode aus um ihretwillen, und nun sind sie in die Hand ihrer Feinde gegeben wie Schafe, die man zum Schlachten führt, nachdem ich sie großgezogen wie Küken und um sie alle Küinmernisse des Erziehens erduldet habe, denn meiner Tage Mehrzahl war ich in großem Kummer um sie; und jetzt willst Du mir dessen nicht gedenken und Dich meiner Kinder nicht erbarmen? Danach begann Mose und sprach: Herr der Welt, war ich nicht ein treuer Hirte für Israel vierzig Jahre lang und lief vor ihm her in der Wüste gleich einem Roß, und als die Zeit kam, da sie einziehen durften iit das Land, fälltest Du über mich das Verhängnis, daß meine Gebeine in der Wüste fallen sollten; und nun, da sie in die Verbannung gehen sollen, schickst Du um mich, über sie zu klagen und zu weinen? So das Sprichwort, das die Menschen haben; am Guten meines Herrn habe ich keinen Anteil, aber an seinem Schlimmen habe ich meinen Teil. ln dieser Stunde sprach Mose zu Jeremia: geh vor mir her, daß ich gehe und zu ihnen gelange und sehen kann, wer seine Hand auf sie legt. Sagte Jeremia zu ihm: man kann den Weg nicht gehen, er ist voll von Erschlagenen. Sagte Mose: trotzdem! So ging Mose und Jeremia vor ihm her, bis sie zu den Strömen Babels kamen. Da sahen ihn die Verbannten und sprachen einer zurrt andern: Heraufgekommen ist Amrams Sohn aus seinem Grabe, uns zu befreien aus der Hand unserer Feinde. Da erscholl eine Stimme aus der Höhe, die sprach: unabänderliches Urteil ist's, das von Mir ergangen ist, Sofort sprach Mose zu ihnen: meine Kinder, euch jetzt zurückzuführen ist unmöglich, denn schon ist das Urteil verhängt; aber bald kommt die Zeit, da wird Gott euch heimführen; so verließ er sie, sie aber weinten mit lauter Stimme, und ihr Weinen stieg auf zu des Himmels Höhen, das ist’s, was geschrieben steht, ״an den Strömen Babels saßen wir und weinten“ (Ps. 137). Als Mose nun zu den Vätern der Welt kam, sagten sie zu ihm: was haben die Feinde mit unsern Kindern getan? Anfwortete er: die einen haben sie erschlagen, anderen haben sie die Hände auf den Rücken gebunden, manche sind mit eisernen Ketten gefesselt, andere sind nackt ausgezogen, manche sind auf dem Wege gestorben, und ihr Leichnam liegt da zum Fraß für die Vögel am Himmel und die Tiere des Feldes, wieder andere liegen hingestreckt in Sonnenglut, gequält von Hunger und Durst. Da hüben sie alle an zu weinen und zu klagen: wehe, was ist über unsere Kinder gekommen! Wie Waisen seid ihr geworden, die keinen Vater mehr haben! In der Mittagsglut des Sommers müßt ihr liegen ohne Gewand und ohne Decke! Ach, über Berge und spitze Kiesel müßt ihr gehen ohne Schuh, ohne Sandale! Beladen wart ihr mit schweren Lasten von Sand, die Hände bat man euch auf den Rücken gehundert, nicht einmal den Speichel in eurem Munde konntet ihr hinunterwürgen. Aufs neue hub Mose an: verflucht seist du, Sonne! warum hast du dich nicht verfinstert, als der Feind ins Heiligtum drang! Antwortete ihm die Sonne: bei deinem Leben, Mose, du treuer Hirt! wie hätte ich mich verfinstern können? man ließ mich ja nicht; mit sechzig feurigen Ruten peitschte man mich und sprach zu mir: zieh aus und laß dein Licht leuchten. Und wiederum begann Mose und sprach: wehe um deinen strahlenden Glanz, o Heiligtum, wie ist er verdunkelt! nun ist der Tempel verbrannt, die Kinder in der Schule erschlagen, uncl ihre Väter gehen unter dem Schwert in Gefangenschaft und Verbannung. Weiter sprach Mose: ihr wilden Räuber, bei eurem Leben beschwöre ich euch, tötet sie nicht eines grausamen Todes, vernichtet sie nicht ganz und gar, erschlaget nicht den Sohn vor den Augen des Vaters oder die Tochter vor dem Angesicht der Mutter; sonst kommt die Stunde, da Gott dafür euch strafen wird. Aber die Chaldäer, die Böscwichter, taten nicht also; vielmehr legten sie den Sohn in den Arni der Mutter und sagten zum Vater: auf und töte ihn; es weinte die Mutter, und die Tränen rannen über ihn hin, und sein Vater erhängte sich selbst. Da sprach Mose vor Gott: in Deiner Thora hast Ou geschrieben: .,Ochs oder Lamm, ein Tier und ein Junges dürft ihr nicht schlachten an einem Tage (3. B. M. 22, 28)״ und hier tötet man Kinder mit ihren Müttern einmal übers andere und Du schweigst? In diesem Augenblick sprang unsere Mutter Rahe! vor und trat vor den Heiligen, gelobt sei er, und sprach: Herr der Welt, vor Dir ist offenbar, daß Jakob mich mit übergroßer Liebe liebte und um meinetwillen meinem Vater stehen Jahre diente. Als diese sieben Jahre um waren und die Zeit gekommen war, für meinen Herrn die Hochzeit zu rüstet!, faßte mein Vater den Entschluß, statt meiner meinem Herrn meine Schwester zuzuführen. Schwer über alle Maßen fiel das mir aut die Seele, denn kund ward mir jener Entschluß. Ich gab meinem Herrn Kunde davon und verabredete ein Zeichen mit ihm, daß er zu unterscheiden wisse zwischen mir und meiner Schwester, damit mein Vater nicht sie statt meiner ihm zuführen könnte. Danach, aber packte mich Reue über mein Tun, und ich bezwang mein Begehren und hatte Mitleid mit meiner Schwester, daß sie nicht in Beschämung komme. Ani Abend führten sie meine Schwester statt meiner 111 einem Herrn zu, da gab ich ihr all die Zeichen, die icli mit meinem Herrn verabredet hatte, auf daß er meine, sic sei Rahe!. Nicht genug damit, ich zwängte mich unter das Bett, auf dem er mit meiner Schwester lag, er sprach mit ihr, sie schwieg, und icli gab jedesmal Antwort, daß er nicht an der Stimme erkenne, daß es meine Schwester ist und nicht ich. So erwies ich ihr Liebe, war nicht eifersüchtig auf sie und ließ nicht zu, daß sie in Schande und Beschämung käme. Ich, ein Geschöpf aus Fleisch und Blut, Staub und Asche, war nicht eifersüchtig auf meine Nebenbuhlerin, ließ sie nicht in Schmach und Beschämung kommen, und Du, der König, der cv.:״ bleibt und lebt in Barmherzigkeit, wie kannst Du eifersüchtig sein auf Götzen, an denen' keine Wirklichkeit ist und konntest darum meine Kinder in die Verbannung schicken, durchs Schwert sind sic erschlagen worden und die Feinde haben ihre Lust an ihnen getan? Da brach hoch auf das Erbarmen des Heiligen, gelobt sei er, und er sprach: um deinetwillen, Rahe], führe ich Israel wieder heim an seinen Ort. Das ist’s, was geschrieben steht (Jeremia 3i): ״So spricht Gott, eine Stimme ist in Rama zu hören, ein Wehgesang, ein Weinen der Bitternis. Rahe! weint um ihre Kinder, weigert, sich trösten zu lassen um ihre Kinder, denn es gibt keinen Trost“. Und weiter heißt es dann: ״So spricht Oott, halt ein deine Stimme und weine nimmer, denn ein Lohn ist gesetzt deinem Werke, Hoffnung ist für deine Zukunft, spricht Gott, Kinder kehren zurück in ihre Gemarkung“. Pilichowski gestorben. Der jüdische Maler Leopold Pilichowski ist im Alter von 64 Jahren in London gestorben. Pilichowski, der in Polen geboren ist und seit 1915 in Paris und London lebte, studierte in München und Paris, hat eine große Zahl von Bildern aus dem osteuropäischen jüdischen Leben gemalt. Auch viele führende jüdische Persönlichkeiten sind von ihm porträtiert, darunter Hcrzl, Nordau, Welzmann, Sokoiow, Bialik u. a. Von ihm stammt auch ein Monumentalbild des Eröffnungsaktes der Hebräischen Universität in Jerusalem durch Lord Balfour. Die Kunst Pilichowskis ist freilieh über die Mittelmäßigkeit nie hinausgekommen. Viele Freunde werden den liebenswürdigen Menschen und warmherzigen Juden betrauern.