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Jüdische Rundschau · 1937-09-17 · Heft 74-75 (17.9.1937) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 74-75 (17.9.1937)
Date
1937-09-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 74/75, 17. IX 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 9 weilte — mit meinem Lehrer, dem Rabbiner und üaon, dem Haupte aller Söll 11 e des Exils Rabbi Akiba Eger — das An• denken des Gerechten sei zum Segen — gesprochen, der mir beigepllichtet hat.“ Auch in der Entgegnung gegen den Altonaer Oberrabbiner R. Jacob Ettlinger, der in seinem Rcsponscnwerk ״Binjan Zion“ sieh gegen die Darbringung von Opfern geäußert hatte, ist zu lesen: ״Bereits haben mir zugestimmt der üaon, das Haupt aller Söhne des Exils, R. Akiba Eger, und sein Schwiegersohn R. Moscheh Sofer...“ Schließlich weih auch ein Schüler des R. Chajiin Woloszyner, des Gründers und Leiters der Woloszyner Jeschiwah, zu berichten, dal! er begonnen habe, sich für den Jischuw unseres heiligen Landes ein/usetzen; ״sein Werk haben die Gerechten der Zeit fortgesetzt, der Gaon R. Akiba Eger, R. Moscheh Sofer und andere, die alle den Gedanken des Jischuw in unserem Lande, in dem unsere Kinder nicht sind, geweckt haben“. Rabb. Dr. A. Postier, Jerusalem Gedenken für Rabbi Akiba Eder In den Schulen. Der Schuldezernent im Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde, R.-A. Dr. Alfred Klee, hat an die Schulleiter und Religionslehrer der Schulen der Gemeinde ein Schreiben gcrichtet, in dem auf den 100. Todestag von Rabbi Akiba Eger hingewieseu und vorgeschlagcn wird, in den Schulen dieses Tages zu gedenken. Im Anschluß hieran hat der Preu- Bische Landesverband jüdischer Gemeinden unter Uebermittlung dieses Rundschreibens die Rabbiner und L.clirer der ihm »«geschlossenen Gemeinden gebeten, Wo nur immer die Möglichkeit sich biete♦, im Sinne der Anregung der Schulverwaltung der Berliner Jüdischen Gemeinde zu verfahren. Das A 11 f b r i n g u n g s w c r k der Berliner Jüdischen Gemeinde bereitet eine Plakette mit dem Bild von Rabbi Akiba Eget vor. Jüdische Kleinkunst Seit einigen Jahren wird über jüdische Kleinkunst ge- Schrieben und diskutiert. Bei einiger Aufmerksamkeit findet man das Wort Kleinkunst meistens mit einer gewissen Planlosigkeit und Verschwommenheit angewandt. Es ist nötig, sich Jiber den Begriff Kleinkunst klar zu werden, bevor tian ihre Verwendbarkeit für uns bestreitet oder verficht. Die Kleinkunst ist so wie das Theater ein ästhetischer lusdruck des Darstellungstriebes. Wie Theater den Sammelt|cgriff für verschiedene Spielarten bildet (Oper, Schauspiel t'sw.), bedient sich auch die Kleinkunst verschiedener Ausdrucksforinen. Während aber das Theatralische im Theater seine grolle Form gefunden hat, behauptet es sich in der Kleinkunst, wie schon das Wort besagt, in kleinen Formen. Der breitausladenden Wucht des Theaters stellt die Kleinkunst die durch Zeit und Raum bedingte scharfe Konzentration des Ausdrucks entgegen, der architektonischen Vollendung den unmittelbaren Reiz de? Fragments. Die Kleinkunst verhält sich zum Theater wie der Aphorismus zu einem philosophischen Satz. Die beiden Haupfspielarten der Kleinkunst sind Kabarett und Miniaturen. Kabarett ist ein kulinarischer Ausdruck, ln Skandinavien nennt man so ein Fricassd, das aus allerlei pikanten Dingen zusammengesetzt ist und in einer Muschel eingebacken serviert wird. Als es Ende des 19. Jahr¬ HeWnünh, Hfrfftn&M* 1Herrenu n a Daman-Autatattungen Berlin 51V, triedrichstraßc SO-Sl hunderts üblich wurde, Künstlerlokale durch improvisiertes Auftreten Einzelner zu beleben, und diese Improvisationen dann durch einen Ansager in einen losen Zusammenhang gebracht wurden, nannte man die Art der so neuentstandenen nterhaltiing Kabarett, eine Bezeichnung, die das Pikante, Bunte und Leichte des Genres aufs beste trifft. Die Form des Kabaretts ist der meistens humoristisch oder satirisch gefärbte Einzelvortra״, wobei die Persönlichkeit des Vortragenden durch ihre Einfälle, ihre Erscheinung, ihren Charme den Raum beherrscht. Der Kabarettist muß nicht aus der Sphäre des Theaters kommen, er braucht kein Schauspieler zu sein, er muß es nur verstehen, sein Publikum zu packen. Der Inhalt des Kabaretts ist in erster Linie aktuell. Die Tagesaktualität und die ewige Aktualität der Erotik sind oft in einem Vortragsstück verschmolzen, seine hauptsächlichen Nährstoffe. Das alles• natürlich verkleinert, aber auch verschärft. Das Kabarett beobachtet das Leben wie durch ein verkehrtes Opernglas. Unter demselben Aspekt arbeitet die Miniaturenbühne, aber ihr Objekt ist nicht das unmittelbare Leben, sondern dessen Gestaltung. Die Miniaturenbühne lebt von künstlerischen Reminiszenzen. Ein Lied, ein Bild, ein alter Stich, eine Vase imv. — alles das verdichtet sicli im Prisma der Bühne zu szenischen Aphorismen. Das Zusaminenspiel von Farben, Licht, Musik, singenden und tanzenden und mimenden Menschen ergibt die vorüberhuschenden Biilinen- Impressionen, wie wir sie im ״Blauen Vogel“, in der ״Gondel“ und zuletzt iin ״üestliehcn Bilderbogen“ gesehen haben. Die Miniaturenbühne ist im Gegensatz zum Kabarett, wo die Persönlichkeit eines Vortragenden im Mittelpunkt steht, die Kleinkunst des Ensembles. Die Wiege des Kabaretts war Montmartre, Stanislawskis Ensemblekunst regte die Ent- Stellung der Miniaturenbühne an. Selbstverständlich ging mit der Zeit die Eindeutigkeit der ursprünglich klaren Formen der beiden Kleinkunstarten verloren. Sie vermischten sich miteinander. Außerdem kam aus dem Theater auf dem Umweg über den Zirkus und das Varietd der Einakter in den verschärften Formen von Sketch und Groteske hinzu. Trotzdem ist man immer wieder gezwungen, auf die Ursprünge zuriiekztigchen. Denn auch hier bildet nur der Ursprung die Grundlage für Kritik und Produktivität. Was bedeutet für unseren Fall Kleinkunst? Die Antwort darauf mag recht primitiv klingen: Alles, was jüdischen Inhalt betrifft und den Juden in Deutschland verständlich ist oder werden kann und soll, und in die kleine Form gebracht werden kann und darf, ist für uns Stoff für jüdische Kleinkunst. Können aber alle diese Dinge in Kieinkimstform gebracht werden? Theoretisch ja: denn die beiden Spielarten der Kleinkunst können jeden Stoff aufnehmen und in ihrer Weise formen: das Kabarett den Stoff, den die Aktualität bietet, die Miniaturenbiihne Folklore. Praktisch kommt es dabei immer auf den Takt und das Können der Ausführenden an. Brauchen wir aber eine jüdische Kleinkunst? Bestimmt, solange bei uns ein Bedarf nach theatralischer Unterhaltung besteht. Wir brauchen sie in demselben Maße, wie wir das Theater brauchen, denn sie bildet in ihrer Beweglichkeit und Extensität, durch die an einem Abend immer wieder neue Fragen angeschnitten, Gedanken angeregt, Gefühle wachgerufen werden können, das Gegengewicht gegen das tiefergreifende, aber in seiner verhältnismäßigen Monumentaliiät viel weniger bewegliche Theater. Nikolai Eljaschoff GEDULD! / Ein Wort an die Kritiker Unsere Situation ist gezeichnet von Uebcreinpfindbchkeit, Ungeduld und Lethargie. Man befindet sich vielfach im Zustand eines Menschen, der, Jahrzehnte hindurch leidend, ohne es recht zu wissen, und darum fieberhaft tätig war, plötzlich das Grauen seiner Krankheit in schockartigein Ausbruch erfuhr, zugleich aber auch des Heilmittels gewahr wurde, das ihn wieder zu sich bringen könnte, und mm nach vierjähriger Benutzung des Mittels sich doch nicht geheilt fühlt. Diese Arznei hälfe noch so bitter sein mögen: hätte man sie auf einen Zug sich einverleiben können, so wäre alles gut gewesen. Aber wie das so geht, man gewöhnt sich auch an Krankheiten, man nimmt die Arznei zuerst gewissenhaft, ja begeistert, und allmählich, während man die tägliche Dosis vergrößern mußte, weil auch Arzneien sich an Krankheiten anpassen und mit ihrer Bitterkeit auch an Wirksamkeit cinbüßen, allmählich verliert sich die Begeisterung, dann die Gewissenhaftigkeit, rascher noch das Gefühl für die Zeichen der Besserung; das gar zu gern ausweichende Kraiikenbewußtsein macht Ausflüge in die gute, alte Zeit, da man noch nicht geahnt hatte, über welchem Abgrund von Krankheit mau vielleicht sinnlos, aber fieberhaft und erfolgreich tätig war; man wird des Heil mittels, der scheinbar nicht tortschreitenden Genesung müde, gegen jeden, besonders den noch ein wenig gewissenbafferen Mitkrankt'11 reizbar, man hat die Geduld verloren und ist zugleich ganz fatalistisch resigniert, mags kommen, wie es will, nur anders, nur ein Ende, — - kurzum, man ist in der Krisis, die zwar auch wieder nicht über Nacht endgültige Gesundheit oder Hoffnungslosigkeit bringen kann, aber doch bessere Nerven, mehr Geduld, Zuversicht und üewissenhaftigkeit denn je erfordert. Das ist unsere jüdische Situation hier, so ist unsere Kri* sis arn Judentum, das man sicli naturgemäß nicht aut einen Schluck hat ein ■verleiben können, als man den Mangel an Judentum als Krankheit begriff, und an dessen Mangel oder Unerreichbarkeit oder Heilungsgewißheit man nun verzweifelt oder resigniert weiterkrankt. Es sind mittlerweile Kritiker oder, um im Bilde zu bleiben, Aer/te aufgetreten, die zweifeln, ob der Patient überhaupt genesen könne und ob die einmal eingeschlagenen Heilmethoden geeignet seien. Was hat man denn getan, um des Judentums teilhaftig zu werden? Und was wurde unterlassen? Man überfüllte vor vier Jahren die Synagogen, horchte inbrünstig der Predigt zu, betete, so gut und persönlich mau es vermochte, und trat nicht nur zu dem Namenlosen in Beziehung, an den man seine Klagen, Wünsche und Hoffnungen richtete, sondern auch zu diesem oder jenem Prediger, der in klingende Worte umsetzte, was man seihst nur ungefähr bedacht hatte. Mittlerweile aber bröckelt die Verehrung der Prediger ab, die notgedrungenermaß011 sich wiederholen, und der Namenlose, zu dem man aus der Not betete, hat selten Wunder getan. Die Synagogen sind nicht mehr überfüllt, und die L e h r fl ä u - s e r werden leer. Die Vertragsgegenstände sind entweder zu absiraki oder 7u spezialisiert, all dies theoretische Judentum wiegt nicht die Hälfte der Mühseligkeiten auf, die einem das prakfische Judesein aulerlegf. Der Elan, eine Renaissance zu schaffen und sich regenerieren zu lassen, versickert längst, nur die einmal angekurbelte Renaissance-Maschinerie läuft noch weiter, der Betrieb, der Mechanismus.,, sagen die Kritiker. Judentum als Allheilmittel? Versuchen wir, dem Kern des Problems nüherzukommen, Alles bisher Festgestellte, Kritisierte und Gedeutete betrifft ja mir Symptome. Das, worauf es ankoipmt, ist nur unbestimmt gebullert worden, so verschwommen ineist, wie das Wort ״Weltschmerz“ einst vor mehr als hundert Jahren die europäische Problematik ausgcdrückt hat. Die Problematik unserer seelischen und geistigen Situation vor dem Umscliwung war viel komplizierter als damals die ״Weltschmerzliehe“, wir waren auf hunderterlei Art problematisch, lind es gab fiir jede solche Problematik andere Heilmethoden, also ihilosophische, psychologische, ethische, ästhetische, soziale, poitische tisw. Unser Judentum war nur ein Problem von vielen, für wenige das zentrale, und die Heilmethode dafür mußte nicht einmal im Einklang mit den sonstigen Heilmethoden stehen, wofür die verschiedenen Tendenzen innerhalb des Zionismus der beste Beweis sind. Das jüdische Verhalten dem Umschwung gegenüber aber schien spontan all diese ״Und“-Einstellungen erübrigen zu wollen, die Einstellung zum Judentum war nicht nur nach außen ausschlaggebend, sie schien auch den gesamten inneren Menschen zu erfassen, sie wurde das zentrale Lebensproblem. Alle übrigen Heilmethoden scliienen außer Kurs gesetzt, man war beglückt, fortan all sein Denken und Hoffen, alle Lcbcnsiingste und Aufgaben auf den jüdischen Generalnenner bringen zu können ,mit der Erfahrung dieses allgeincingiiltigen Gesichtspunktes die Weiträtsel zu erfassen und alles Weh und Ach so tausendfach aus diesem einen Punkt zu kurieren. Viele und nicht die Schlechtesten von uns haben so alles, sich selbst vorbehaltlos auf diese eine jüdische Karte gesetzt, es war etwas fast Messianisches, im Augenblick tiefster Vision der vollkommenen Heilung. Was Ist jüdisch? Heute ist es billig, die Vision für krankhaften Trug und Spuk zu erklären; sie war es nicht, und sie ist gewiß noch längst nicht so erloschen, wie mancher schnellfertige Betrachter annimmt. Es gab und gibt eine absolute Möglichkeit, diese Vision ins tägliche Leben zu übertragen und sich zu retten, die bedingungslos erfüllte ״orthodoxe“ Religiosität, sie ist die einzig vorgezeichnete totale Lösung. Unsere Krisis mußte eintreten, weil der Weg in die Orthodoxie — womit nicht die Dogmatik der Trrnnimgsorthodoxie, sondern die traditionsgläubige, praktische J(idischkeit gemeint ist — nur von verhältnismäßig wenigen begangen werden konnte. _ Es mußte geben und gibt einen anderen Weg, aber er ist nicht mit der gleichen Unbedingtheit bis ins Einzelne vorrezeichnet. Es sind Ansätze dazu vorgczeiclinet, bei Achad Haam, bei Rosenzweig, Bubcr und anderen. Aber der aus der Teilnahme am nichtjüdischen Leben Ausgeschlossene konnte nicht die gleiche Geistes macht und Fülle im jüdischen Bezirk vorfinden, die er verlassen hafte, wenn er nicht aus Eigenem das Fehlende zu ersetzen begeistert und imstande war. Also mußte mit den Ansätzen vorlieb genommen werden, und die waren gerade auf gesuchtesten Gebieten am spärlichsten. Philosophie, Geschichte, Moral, soziale Vorbilder: hier überall harrt die Fülle und Tiefe des gegebenen Materials teilweise nur der zwingenden Darstellung, aber gerade in der modernen Literatur, Musik, Malerei, Kunstpsychologie usw. sind allen* falls Anfänge zu finden. Hinzu kommt die Frage, die alles aufs neue problematisiert: was ist da jüdisch5 Und wer zuerst geneigt gewesen wäre, etwa nur jiddische Volkslieder und synagogale Liturgie als jüdisch zu akzeptieren, mußte sich bald so beengt fühlen, dafi er auch Meyerbeer, Mendel» sohn lind Mahler wieder für das musikalische Judentum tolerierte und mit der Grenzverwischung überhaupt den Horizont verlor. Auch diese Grenz- und Horizont!osigkeit ist ein Svmptom der Krisis, und sie ist von ungemein praktischer Bedeutung für Schulen, Lehrhäuser, SpielpUine, sie bedeutet aussichtslosere Diskussionen und vermehrteUnsjchcrheit innerhalb dessen, was man die bestmögliche allgemeine Ent- Wicklung vorwegnehmend jüdische Weltanschauung nennen könnte. Und trotzalledeni halten wir es für unbillig und unnötig, unsere Situation bereits für negativ entschieden, unsere Kräfte für erlahmt zu erklären. Das Selbstverständliche Faßt man diese Krisis als eine grundsätzliche auf, faßt man bei aller Beachtung und Nichtüberwertung der äußeren Lebensschwierigkeit die an den Anfang unseres inneren Umschwnngs gestellte Vision als großen Zug zur jüdischen Totalität auf, so wird man auch die vermeintlichen oder wirklichen Verfallserscheinungen ruhiger und positiver ansehen. Ini Anfang war die Begeisterung, sie war spontan und sie ist heute nicht mehr so zu finden. Aber wir können uns nicht verhehlen, daß unser Bekenntnis zunächst nur Antwort, trotziger Stolz, ein Demonstrationsjudentum war. Und jetzt ist es offenbar so, daß wir nicht mehr nötig haben, den Stolz auch nur uns selbst zu demonstrieren, weil wir ihn uns einverleibt haben. Wer vorher sich schämte, sein judesein auch nur sich allein einzugestehen, wer dann sich dagegen auf bäumte, wer schließlich sich trotzig dazu bekannte, dem dürfte es heute doch längst eine Selbstverständlichkeit sein. Scham wie Stolz sind nur die verschiedenen Aeußerungen auf Forderungen außer uns, sind nur Rückschläge, Reaktionen, die nun aber von einer bereits unverlierbar gewordenen Eigenschaft abgelöst sind: wir können nichts dafür, daß wir Juden sind, und wir können nichts dagegen tun, wir wissen endlich, daß wir Juden sind, wir wissen es so selbst v erst änd• lieh, wie daß wir essen und trinken müssen. Mit diesem uns natürlich gewordenen jüdischen Bewußtsein haben wir eine Lebcnsgrundlage, der erste Wert Ist gewonnen, ist Gemeingut, ist Eigenschaft. Judentum ohne Ziffern Daß damit so viel und so wenig getan ist wie mit irgendeiner menschlichen Eigenschaft, ist klar. Wir ]iahen mancherlei Eigenschaften oder Talente mit auf den Weg bekommen, und es liegt mir an uns, vr.eviei wir damit ausrichteu. Es liegt nur an uns, arid es ist dafür auch belanglos, ob diese Eigenschaften uns angeboren, also scheinbar vom Himmel in den Schoß gefallen oder uns von uns seihst anerzogen oder uns von außen auferiegt sind. Sogar Nöte kommen, im Grollen gesellen, erst in Betracht, wenn cs gelingt, Tugenden daraus zu machen. Wir waren also mit dem Umschwung und mit dem ihm abgewonnenen jüdischen Bewußtsein in den Stand und vor die Aufgabe gesetzt, nun nicht nur bewußtseins-, sondern auch leistungsmüßig Juden zu werden. Es kam alles an auf die Erhöhung und Vertiefung des Bewußtseins durch Lernen und Tun. Beides, Lernen und Tun, mußte öffentlich organisiert und privatim vollzogen werden. Es wäre lächerlich gewesen, sich das in der monumental phantastischen Form vorzustellen wie etwa die Rettung des geistigen Judentums beim Untergang des politischen durch den im Sarg aus Jerusalem entführten Rabbi Joch,man ben Sakkai. Und docli scheinen unsere Kritiker ähnliche Vorstellungen zu haben. Die Kritik, die uns lau und lahm geworden nennt, stützt sicli naturgemäß nur auf das öffentlich statierbare Material. Sie kann also statistisch nachweisen, daß 1934 doppelt so viele Lehrhauskurse besucht waren wie jetzt. Aber was gelernt wurde, entzieht sich der Statistik. Also hat sie hier wenig Sinn. Von Büchern läßt sich nachweisen, daß von den seit drei oder vier Jahren erschienenen — die alten, zumal im Famiiienbesitz, zählen also nicht mit? — soundsoviele Exemplare verkauft wurden, die Wirkung ist nicht erfaßbar. Schließlich kann man sehr wohl und im höchsten Sinne Jude sein, ohne es mit der Abonnenicntsquittung eines Lehrhauses, der Bücherveremigmig, des Kulturbundes oder sonstwie beweisen zu können. Zum Thema Lernen ist auch das zu bedenken. Daneben wäre es unmenschlich zu erwarten, daß aus uns allen, jüdischen Klein- und Großbürgem, Handwerkern und Rentnern, Konfektionären und Kultusbeamten, Wunderkindern und schlechten Schülern, Rechtsanwälten, Aerzten und Hausfrauen über Nacht Chaluzim, Heilige, Kunstseelen oder Gelehrte werden könnten. Aber wenn wir auch alle Heilige oder schöne Seelen oder Wissende geworden wären, so ließe sich das doch nicht s t a - tistisch festlegen. Dagegen stellen unsere kritisierenden Statistiken einen statistisch sehr wohl entscheidenden Faktor meistens nicht in Rechnung, nämlich daß wir um hunderttausend Seelen ärmer geworden sind. Und von einem bcträchtlichen Teil davon ist doch wohl auch nachweisbar, daß sie jüdische Begeisterung, daß sie gelernt und getan haben; sie wären sonst nicht, wo und was und wie sie sind. Betrieb muß nicht Iverlauf sein Es ist recht und billig, die Betriebsamkeit un« serer Organisationen zu rügen; sie ist aber nur die eine Seite der Medaille. Betrieb. Organisation, Mechanisierung sind ,Methoden, die gut oder übel sein mögen, aber ohne sie können wir in einer völlig betrieblichen, durchorganisierten, mechanisierten Welt nicht existieren, sie sind unentbehrliche Lebensformen auch für uns. Aber sie dürfen nicht die einzige Lebensform für uns sein. Und sie sind es nicht. Nach Darwin hielt inan den mörderischen Kampf ums Dasein für das entscheidende Prinzip in der Natur; bis man ihm den Ausgleich, das Prinzip der gegenseitigen Hilfe entgegenstellte. Unsere gegenseitige Hilfe ist natürlich nicht so statistisch belegbar wie unsere Hilflosigkeit, zumal Hilfe nicht nur öffentlich in barer Münze, sondern auch privatim und seelisch, moralisch, geistig und wirtschaftlich von Mensch zu Mensch geleistet wird. Aber sie wird geleistet. Wenn wir nachweisen können, daß soundso viel tausend Juden in Not leben, so haben wir, und das ist keineswegs nur tragische Ironie, damit auch nachgewiesen, daß sie noch leben. Betriebsamkeit ist grauenhaft, aber sie muß sein und sie muß nicht Leerlauf sein. Im übrigen wird die Tendenz zur Betriebsamkeit durch eine Gegenströmung ausgeglichen, die nicht übersehen werden darf. Die Tendenzen liegen beide in der Sache selbst. Kein Gruppenvorsitzender kann Betrieb machen, ohne dabei auch positive jüdische Arbeit zu leisten. Es ist sehr fraglich, ob unsere vorhandenen Institutionen mehr schaffen könnten. Daneben bleibt zu diskutieren, was sie anders machen könnten. Darüber hinaus gibt es ein grandioses Beispiel fiir unerwartet jüdische Entwicklung, wahrschein!ich eins für mancherlei, von denen wir nur nichts wissen; die Berliner Chewra Kadischa, eine Brüderschaft zur Besorgung der Toten, hat längst mehr für die Lebenden geleistet und leistet cs ständig. Was uns ,wirklich angeht Trotz allen solchen Gegenströmungen bleibt der Stirnmungseindruck: wir sind lau und lahm geworden. Wir sind es bestimmt, wenn man das erste Auf flau! men nach dem Um- Schwung als Norm nimmt, und wir haben keine bessere Norm. Aber wer ist das: wir? Diejenigen, die es feststellen, nehmen sich selbst gewiß nicht aus, und sie hatten ja die Aufgaben des Leiters, des Heimholcns und Lehrens. Oder haben nur die Führer, die Organisatoren, Rabbiner, Vorsteher, Lehrer, die Geistigen versagt? Es wäre gescheiter zu bedenken, wie man es nun besser machen könnte. Das wird nur dann möglich, wenn jeder sich sagt, daß alles an ihm gelegen ist, Leo Hirsch

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