Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 74-75 (17.9.1937)
- Date
- 1937-09-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 74/75, 17. IX. 1937 Judenstaatsprojekt eines Schah Von Dr, Walter Fischei, Jerusalem Die Reise des persischen Schah Nasr ad-Din (1848 bis 1896) nach Europa im Jahre 1873 bot den damaligen Vertretern der europäischen Judcnheit eine willkommene Gelegenheit, eine Aktion bei dem Oberhaupt des persischen Reiches zugunsten der persischen Juden einzuleiten. Was bis dahin von der Lage der persischen •Juden nach Europa gedrungen war, waren meist Hilferufe und Schreckeusbriefc, Berichte von Pogromen, Verfolgungen und Zwangsbekehrungen. Ihre Situation war in jeder Be- Ziehung entsetzlich, sie waren damals noch entrechtet und verachtet, und der Willkür der schiitischcn Geistlichkeit ausgeliefert, ohne Schutz und Protektion und auch ohne Einfluß und Macht. Voller Sorge blickten schon lange die Führer des europäischen Judentums auf das Schicksal ihrer Brüder in dem fernen Persien und überlegten die Schritte, die zu einer Besserung fuhren könnten. Materielle Hilfe allein hätte nicht genügt, ihr trauriges Los zu bessern; als Voraussetzung einer aut die Verbesserung ihrer sozialen, ökonomischen und kulturellen Lage hinzielemlcn Hilfsaktion von seiten der jüdischen Institutionen Europas mußten erst gewisse politische Garantien erlangt werden. In dem damaligen, konstitutionsloscn. autokraüsch regierten Persien — erst 190fr erhielt Persien eine Verfassung — konnten also nur durch Beeinflussung der leitenden Kreise irgendwelche Kon- Zessionen zugunsten der jüdischen Untertanen Persiens erreicht werden. Es war deshalb ein durchaus richtiger Instinkt der Führer der Alliance Israeilte Universelle und der Anglo- Jcwish Association, mit C r e in i e 11 x und Moses Montefiore an der Spitze, durch eine großzügige Aktion dem Schah hei seinem Besuch in Europa die ganze Bedeutung des europäischen Judentums vor Augen zu fuhren, tim so aut ihn Eindruck zu machen und auf ihn einen Einfluß auszuüben. In allen I lauptsläilten Europas wurden besondere jiidisclie Komitees gegründet, zu denen die bekanntesten und repräsentativsten Juden gehörten und die dem Schah Petitionen zugunsten der persischen Juden überreichen sollten. Diese Aktion war uni so angebrachter, als man sehr genau wußte, daß der Schah ein großes Gewicht aut die öffentliche Meinung Europas legte, also auch das Eintreten jüdischer Persönlichkeiten von Namen und Rang für seine iidisclten Untertanen gewiß keine geringe Wirkung hinterassi'11 wurde. Andererseits war der Schah, dessen Ver* folgungcn der Anhänger der in seiner Regienmgszeit entstandeuen Sekte der Babistcn noch in aller Erinnerung war, jetzt auf seiner ersten Europareise sehr bedacht, als zivilisierter und fortschrittlich gesinnter Herrscher zu erscheinen. Die jüdische Aktion funktionierte glänzend. In den vom Schah besuchten Hauptstädten, wie London, Paris, Berlin, Wien, Rom, Amsterdam, Konstantinopel wurde eine jiid i s c h e Deputation empfangen, die vor dem Schah oder seinem Minister Fürsprache fiir die verfolgten und entrechteten Glaubensbrüder im Perserreiche ei 11 legte und in einer Petition konkrete Wünsche und Vorschläge formulierte. Der Schah gab auf die Petitionen feierliche und wohlklingende Versprechungen ab — ״er wolle Bedacht nehmen, daß keine Ungerechtigkeit und unverdiente Strenge geübt werde“, ״er habe zu allen Zeiten die Sorge für die Wohlfahrt seiner Untertanen ohne Unterschied des Standes oder Glaubens erwiesen“ usw. — Erklärungen, an denen, wie sich allerdings nach kurzer Zeit herausstellte, nur eines zu wünschen übrig blieb: die Ausführung. Denn die folgenden Jahre bedeuteten für die persischen Juden genau dieselbe Leidensgeschichte wie die Zeit vor der Europareise des Schah, und wenn auch die Regierungskreise Persiens zuweilen scharf eingriffen, gegen den überragenden Einfluß der Geistlichkeit konnte ein auch noch so fortschriftlich gesinnter Herrscher damals nicht aufkommen. Erst 25 Jahre später mit der Gründung der ersten jüdischen Schule der Alliance in Teheran begann sich die Lage der Juden langsam zu bessern. Wenn also, nach ihren eigentlichen Ergebnissen beurteilt, die jüdische Aktion nicht die erhoffte Besserung des Loses der persischen Juden herbeizuführen vermochte, so war sie doch, inner jüdisch betrachtet, eine machtvolle Kundgebung der Juden ganz Europas für ihre Brüder in Persien. Wer die in den Bulletins der Alliance des Jahres 1873 veröffentlichten Petitionen der einzelnen jüdischen Komitees unbefangen liest, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier alle Glieder des jüdischen Volkes in nationaler Verbundenheit zusammenstanden. Welchen Eindruck hinterließ nun die jüdische Bewegung bei dem Schah selbst? Wir können diese Frage deshalb stellen und beantworten, weil Nasr ad-Din ein ausführliches Tagebuch über seine Europareise geführt hat, in dem er — übrigens in einem 50 klaren und ungekünstelten Prosastil, daß er damit Schule machte und sich einen Platz in der persischen Literaturgeschichte eroberte — seine Eindrücke von Land und Leuten niederlcgte. Und in diesem königlichen Reisetagebuch des Jahres 1873 finden wir auch einige cltarakteristisehc Eintragungen über seine Begegnungen mit einzelnen jüdischen Deputationen, vor allein über seine Unterredung mit Cremienx und Rothschild in Paris. Unter dem 12. Juli 1873 lesen wir nun folgende höchst kuriose Notiz des Schah (ich übersetze wörtlich aus dem persischen Original): ״Der bekannte Rothschild'), auch2 3) ein Jude, der außergewöhnlich reich ist, kam zu einer Audienz und eine Unterhaltung fand statt. Er verteidigte sehr eifrig die Sache der Juden, sprach von den Juden Irans (Persiens) und bat, ihnen Ruhe zu gewähren. Ich sprach zu ihm: Ich habe gehört'), daß ihr, Brüder, 1000 Kurur4) Geld besitzt. Ich hielte es für das beste, wenn Sie 50 Kurur einem großen oder kleinen Staat geben würden, um dafür eine Provinz (tnam- Iakat) zu kaufen, um die Juden der ganzen Welt dort zu sammeln. Sie selbst würden das Oberhaupt werden und sie alle friedlich regieren, damit sie nicht länger so verstreut und umhergetrieben werden.“ Hier haben wir also nichts Geringeres vor uns als ein Judenstaatsprojekt, dem Kopfe eines mohammedanischen Herrschers entsprungen, ein in der Geschichte der Judenstaatsidee wohl einzig dastehendes Phänomen. Wie konnte der persische Schah auf einen solchen Gedanken kommen? Daß der persische König vor seiner Europareise von der J) Eis handelt sich hier um Baron Gustav de Rothschild, den Sohn von James Mayer de Rothschild, der zu jener Zeit Vorsitzender des jüdischen Konsistoriums in Paris war, auch eine führende Rolle im französischen Wirtschaftsleben spielte. Er gründete 1866 u. a. eine hebräische Elementarschule in Paris. *) Dieses ״auch“ bezieht sich auf die kurz zuvor stattgefundene Audienz der jüdischen Deputation unter Führung von Cremieux. 3) Wohl von dem persischen Gesandten in Paris, der diese Privataudienz vermittelte. *) 'Ein Kurur ist etwa eine halbe Million Mark. Judenfrage nicht viel wußte, ist bekannt. Zwar hatte er als Professor an die medizinische Schule in Teheran und als seinen Leibarzt den österreichischen Juden Dr. Polak berufen, der bis 1860 in persischen Diensten stand, doch dürfte er trotz der guten Beziehungen zu seinem Leibarzt dadurch ein tieferes Verständnis vom jüdischen Volk, seiner Geschichte und Zerstreuung nicht erlangt haben. Erst in Europa lernte er persönlich das Judenproblem kennen. Hier trat er mit jüdischen Ministern, Gelehrten, Finanziers und anderen einflußreichen Persönlichkeiten zusammen, die ihn an allen Ecken und Enden des Weltalls mit Petitionen bedachten und um Besserstellung der persischen Juden nachsuchten. Er mußte durch diese jüdische Bewegung den Eindruck erlangen, daß die Juden Europas ein einflußreiches Element darstellen, mit dem zu rechnen sei. Ihm mußte aber auch eine aridere Erkenntnis klar geworden sein, daß nämlieh die Juden sonderbarerweise über die ganze Welt zerstreut sind. In jener denkwürdigen Unterredung des Schah mit dem Zentralkomitee der Alliance in Paris, die der' Privataudienz mit Rothschild vorangittg, fragte der Schah auch ganz ausdrücklich nach der Zahl der Juden in Frankreich, in England und in den anderen Staaten Europas. Wenn also die Juden einerseits so einflußreich, andererseits Verfolgungen ausgesetzt, verstreut und versprengt sind — wie es dem Schah auf seiner Europareise richtig zum Bewußtsein kam —, warum kaufen die Juden sich nicht ein Territorium, aut welchem sie friedlich und unbehelligt leben können? Nichts ist natürlicher und einfacher als diese Konzeption der Lösung des Judenproblems für eine unbefangene, von den äußeren Bedingungen allein ausgehende Betrachtung. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß irgendwelche literarische Beeinfiussung (weicher Art hätte diese auch im Jahre 1873 sein können?) den Schah zu diesem Gedanken führte, sondern allein die reale jüdische Wirklichkeit, mit der er in Europa zusammentraf. Und verständlicherweise schlägt er diesen Plan dem Manne vor, von dessen Reichtum er so viel gehört hat und der also allein imstande gewesen wäre, den Gedanken auszuführen. Aber noch von einer anderen Seite her können wir die psychologische Wurzel dieses ״Judenstaatsprojektes“ aufdecken. Wir erwähnten schon die Fülle der Petitionen, die dem Schah von jüdischer Seite zugingen. Wenn diese auch stilistisch und formell voneinander differieren, so sind sie doch inhaltlich im wesentlichen nach einem Schema verfaßt worden. In einem, gerade für unsere Betrachtung wicfitigen Punkt, fällt die Einheitlichkeit dieser jüdischen Aktion besonders auf: ln ai! diesen Petitionen wird nämlich stets aut Cyrus, den großen Vorgänger von Nasr ad-Din Bezug genommen und dessen Befreiungsakt für das jüdische Volk betont. In den verschiedensten Variationen wird Cyrus geriesen, er, ״der die Ketten der jüdischen Gefangenen gerochen“, er, der den Juden volle bürgerliche und religiöse Freiheit gewährte, er, der, wie Cremieux sagte, ״ratnena les juifs dans leur chere Palestine“ (der die Juden in ihr geiiebtes Palästina zurückführte) usw. Der Zweck dieser historischen Reininiscenz war klar. Es war der Appell an Nasr ad-Din, gleich seinem großen Vorgänger ein Befreier und Helfer seiner jüdischen Untertanen zu werden — am deutlichsten ausgedriiekt in der Rede Crömieux’j und in dem Appell der Wiener Juden: ,,Majestät, seien Sie der Cyrus unserer Tage!“ Es kann mit Recht vermutet werden, daß diese A.rt der Einflußnahme aut den Schmeicheleien und Verherrlichungen zugänglichen orientalischen Herrscher keine geringe Wirkung ausgeübt hat. Und in dieser durch die jüdische Aktion geschaffenen Atmosphäre, in der so viel von Cyrus, Messias, Palästina, Zerstreuung und Befreiung gesprochen wurde, muß sich jenes Judenstaatsprojekt gebildet haben, das er Rothschild vorschiug. Vielleicht dachte Nasr ed-Din daran, aut diese Weise die Rolle eines Cyrus spielen zu können, vielleicht wollte er sich wirklich als der Cyrus seiner Tage erweisen, indem er im Verwirklichungsfalle seine jüdischen Untertanen freigeben und sie in den unter Rothschilds Führung stehenden jüdischen Staat (an Palästina dachte der Schah wohl nicht) geschickt hätte, ״damit die Juden nicht länger so zerstreut und urnhergetrieben werden“. Nochmals Kalenderreform. Wie erinnerlich, hatte kürzlich Chief Rabbi Hertz in einem Brief an die ״Times“ (siche ״J. R.“ Nr. 70/71) religiöse Bedenken gegen die geplante Kalenderreform geäußert. Obwohl die Frage durch die Ab- Setzung von der Tagesordnung des Völkerbundes inzwischen an Aktualität verloren hat, ist es doch interessant, in der ״Times“ vom 9. 9. eine Antwort von Mr. Moses B. Cotsworth an den Chief Rabbi zu lesen, und zwar spricht der Verfasser offenbar für die Londoner ״international Fixed Calendar League“. Der Vorschlag von Dr. Hertz, alle sechs Jahre eine volle Schaltwoche einztiiegen, wurde von dem Ausschuß des Völkerbundes im Jahre 1926 mit den Worten abgewiesen: ״Der Ausschuß konnte verschiedene Vorschläge zur Festsetzung eines ,Normaljahres‘, das aus einer vollständigen Anzahl von Wochen besteht, nicht annehmen; ein Wechsel, der von Zeit zu Zeit eine Schaltwoche oder einen Schaltmonat notwendig machen würde... Die Wiederkehr von Jahren, die steh in der Länge vom ,Normaljahr‘ unterscheiden, würde ernsthafte Schwierigkeiten bei der Fest- Setzung religiöser und anderer Feste, Geburtstage usw. bereiten.‘ Es sei klar, so schreibt der ׳Autor, daß keine Regierung einen solchen Kalender annehmen würde, der wohl den Juden genehm wäre, aber den übrigen 99 0״ der Menschheit viele Schwierigkeiten verursachen würde. Im Jahre 1931 habe er dem Vorsitzenden des Verbandes für die Sicherung des feststehenden Schahbat, Dr. Hyamson, den Vorschlag gemacht, daß der Plan eines Jahrestages und Schalttages zur Einfügung in der Woche zurückgezogen und die Reform auf die Einführung von vier Wochen für den Monat beschränkt werden solle. Dies würde alle Gründe für eine religiöse Opposition beseitigen. Alexander Silßkind Rabinowitz’ Gesammelte Werke. Der alte, heute 83jährige, nimmt in der hebräischen Literatur und im öffentlichen Leben Palästinas eine Sonderstellung ein. Wurzelnd in der Welt der Tradition, durchschritt Asar, wie er genannt wird, die Haskalah-Zeit, die in seiner Jugend in Rußland noch ein lebendiger Faktor war, und die zionistisehe Epoche, in der er sich zur Arbeiterschaft als dem Träger des Chaltizgedankens bekannte. Vor einiger Zeit gab das Jubiläumslcomitee im Stybel-Verlag die Gesammelten Schriften dieses im Lande überall beliebten Volksschriftsteilere, der in seiner Person die Idee der Vereinbarkeit von Thora und Arbeit verkörperte, in drei Bänden heraus. Die ersten beiden Bände umfassen die belletristischen Arbeiten Asars, der dritte Band enthält publizistische Aufzeichnungen. Der erste Band bringt eine größere historische Erzählung aus den Tagen Chmelnitzkys, die letzten Blätter aus den Tagebüchern Uriel Acostas und eine Reihe von Volkslegenden, die durch die Hand Asars eine neue Fassung erhielten. Das Jubiläumskomitee hat sich durch die Nettausgabe und Sammhing der verstreut in Zeitschriften abgedmekten Geschichten Asars ein Verdienst erworben. ft j•■, ( *HA 411*1 ":Ml0a J/&. 7' . ל,v /. / . > c«, j ■J, ytpy /׳יל‘׳ <w 'sf ■־'׳ X V׳■ 3 yt 'V. -o>־.'VV ',/ס־'* י«"* \•׳, /-.HG! י׳■״ /׳■ .׳ ■ j «jjjwj ן• כל ׳״!-";• iS'K 4” ***.'; r ./ ß in ft-rn m4Midi«Z Zl/rVpWtm dmi ■nßuAs/i idiSßdlk tjZmttf,■/ f! 'i/. km mdk. naß ft*?* /trtßa V Qif/ Dj J1'Sfd? ץ־׳ *da/ n ׳Z/!ß1ß!7m$*)> ׳AWl'Ml, emdu/ßa tüzfy 0 tdum Zf a‘ ' u'mßw4t^ ,kdn Zi&jt 0Aatat4iußt m *//•ל"; ■ZMytaftj Z/fiff/JZf yeu jtt Ufr. ZZtt'fZ intim Ln! itatt 1t& /!, Jf Will ■i fHt Akdrrn ■ ■)it'HtifuI ״ f V!ft ■1(41 ' f •׳ /^“ %■לי <׳״• יי ~ \ w/7i /I jm ׳. 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