Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 38-39 (14.5.1937)
- Date
- 1937-05-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife ö JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 38/39, 14. V. 1937 Ueber jüdische historische Romane / Von Leo 111™* In der noch zu schreibenden jüdischen Literaturgeschichte wird das Kapitel über unsere historischen Romane eine große Verlegenheit sein. Ueber die eigenwüchsigen jud!:,dien Literaturgaitungcn von der Bibel bis zum Midrasch, über Rabbinica und Moralbücher wird sehr viel, über die Lyrik der Juden in allen Sprachen sehr Schönes, über Prosa im europäischen Sinne, über Epik grollen nationalen Stils aus den letzten Jahrhunderten wird wenig 7.11 berichten sein. Line Aufzahlung der vorhandenen historischen Romane ist wohl notwendig; sic ergibt nicht eben viele Titel. An der Spitze mat־'(liiert Saul Saphir, ein fleißiger Mann in New York, der in jiddischer Sprache mit mehr als zwanzig Roinanen die Bibel und die jüdische Geschichte in Familien- Zeitungen verarbeitet hat, ein Rekordschreiber, dem König Salomos letzte Liebe ebenso romanrecht ist wie die Abenteuer des Maimonidcs, dessen Kunst flach ist und dessen jüdische Gesinnung über allen Zweifel erhaben ist. Und dennoch steht Berlhold Auerbach hoch über ihm ... wenn nur Auerbachs ״Dichter und Kaufmann“ halbwegs historisch oder so etwas wie ein Roman wäre und wenn nur sein ״Spinoza“ wirklich gesehen wäre und mit dem wirklichen Spinoza das mindeste gemein hatte! Ls ist von einer merkwürdigen Seltsamkeit, daß diejenigen, die schon sich tierablassen, unsere Geschichte zu romaiitizieren, immer wieder die jüdisch oder menschlich b e U e n k 1 i c 11 s t e n Gestalte n bevorzugen wie den Jud Süß, Jo'cphus, Sabbatai Zwi, Uriel Acosta. Woran liegt das? Psychologisch: Auerbachs Spinozaroman ist als ein Wunschträum aii/u.-ehen, Auerbach identifiziert sich mit Spinoza ,und rechifeitigt seine eman/ipatorische Tendenz, vor seinem sch'erhten Judenceu Rsen. Romantechnisch: Charaktere wie Jud Snli und!Tavius josephus sind belletristisch von erstaunlich-tcr 1 r:־U־hi,;kci1. I listorisch: Der Reiz der Aktualität ist inr.wiuK gr'.!k׳r als in der Darstellung von Abtrünnigkeit in prekären Siiuatio'itii: von Glanz und Elend weltlicher um 1 gi 1 ׳bgi.r Macht. Arbeitstechnisch: Das historische Ma- 1 e 1 i d 1-t 1:1 allen!)chaudelten Lallen gut vorbearbeitet und pn dl .!r \ ■ r! 1:1 mir Tt, bevor die Romanciers an die Arbeit gcln n:!in!;:!.״!! riizl sogar bereits romanartige Behandlungen des Sv!,, s bekannt und erfolgreich gewesen. Anderseits sind die v .du״!;:!ft g ro II e n h i s t r> r i s c 11 e n Judengesialtrn, wie ',1-1׳׳., diu großen Propheten und Könige, fiir die klumci ■, b.rizbendi'11 Nachfahren entweder ihrer Monument.!!.' ,t kaliwr zu liedeutend oder ihrer antiken Geschlossenheit lnlb ■r zu wem ' meiroelilich und geistig zugänglich, weder tlu;״!! ׳:!׳zh nocli filnistarmidlig ergiebig genug und überdies Int 11h :!!.!(:■! ttimr sie entsprechend romanhaft vorgearbeitet. Und e:e׳:w,׳■wenig wie sie ist Maimonidcs, Jehuda Halewi oder - ezd ein mir geistig Großer ,,aktuell“. V!1׳ lud׳,en einige po s i t i v c Anfänge! m kleinen, wo;!ko /w,;r nicht das Judentum par exccllence in einem 1׳י:,יז1'0;!0;>1.;ה,!:en Au-selinitt für unser!! Makrokosmos steht wie dm״ rim-welH׳ in ״Krii g und Frieden“ und der niederlündiwke in ״Tvll t,lcr.sjiiegel“, aber immerhin ein kleiner Sektor des Oc.-chichte Gewordenen zum treuen, gültigen Bilde wird: der Sahhatoi-Zwi-Mintergnmtl in Wassermanns ״Juden von Zirmlorr, eine spiitcliassidische Gestalt und Welt in Az dis ״Trust des Volkes“, der Anteil der Juden am Polenschickfal in Opatosclnis ״Letztem Wuhljuden“ und ,,Aufstand״, Sinsheimcrs ״Maria Nunnez“, Sterns ״Weg ohne rnde“, Brotis ״RGibeni“... Iti solchen Romanen ist das Historische gewahrt, es herrscht wenigstens eine Anschauung des geschichtlichen Vorgangs vor, und es soll hier nicht erörtert werden, wieweit sie durchgebildet, Gestalt, Roman geworden ist. In anderen Fällen ist die Historie nur Vorwand, nur Kostüm, atn schönsten in Heines Fragment vom L’nbbi von Bacharad!, am effektvollsten in Jabotinskis Simson- Roman. Aus alledem wird die Problematik des jüdischen historischen Romans immer deutlicher, es wird klar, daß wir mit der Betrachtung der spärlichen Bestände über das Nur-Kntroeren nicht liinauskommen, und wir wollen nun von der Betracht 11 n g des M ״glichen ausgehen. Zueliclrot: ist der jüdische historische Roman überhaupt mögüdU Versuchen wir, uns die i atsache, daß er nicht vot banden ist, historisch zu erklären. Der Roman, das :!!<׳.!, ri’c Prowi-Fipr ״ ist eine europäische Ausdrucksform des natioii.den BewihlroGiw:, also konnten wir keinen haben, bevor wir uns europ.droli orientiert haben, und also werden wir vow!>׳ iziu’vh keine׳! schaffen, sofern wir uns wieder orien-!ס'!-"! <w;׳witiemi. Fest seit etwa hundert Jahren ist es für jt:׳,h׳t nh'ihro■׳,(!M'n'hdi, Romane zu schreiben und zu lesen. Foi ■: . I׳,'. ״•ti hi:׳!.! — auf diesen Blickwinkel überfragen — zu:. t!י,.־:; ttf'db, in di r eben gewonnenen europäischen 1 «•!:;! d ■■ iw.w:1!1s die tibeistandene Vergangenheit romanti- 1■ww, ■w• n״. hnärtigen, ihr den letzten Stoß versetzen, die Vwz . : ׳!;h: 11;d'i 1 u! allen Kutis!formen tiberwinden; Heine iw i i’w <;'::.׳t'ii-K’iuiirmtiker taten das wie die östlichen t.. .!;«■-׳- fs 1!• nnd die ihnen fiilgcinieii, reaktiven Romant'hzr: sji aib•, :he Kompert. Franzos, Georg Hermann, die zh׳:z hu IVre/, A,c!1 waren dabei durchaus nicht historisch im uwiH׳ von r1vid'!!:׳l;cml gerichtet, sie blickten bestenfalls v. c zu 1 uww letzt 1!1 Ab-ehied zuruck; sie sahen mit Wehmut oder 1!1.־:■׳'׳ rtmg ,auf die mehr oder weniger gute alte Zeit /;::׳׳:׳ k. mit Teiuk׳!!/ oder Ressentiment, und der wirkliche r :!.׳:•׳ de R.>!!:׳!!! sti llt tibcr beiden. Andere wiederum sahen iiberl! ■unt nicht die ..Zeit“, also das Allgemein-Jüdische, sonder׳! ds.-ח oder jenen .,Helden“; das ist die letzte Phase des vcrvrwroViviilen (ienieinhewußtseins, das Volksganze ist dem llcti ׳..׳hti-r a?11׳ amlon gekommen, nur seine Außenstitcr exu-turen noch fnr ihn, der selber Außenseiter wurde. In der Vorotellimg mamhen Schreibers und Lesers mag das etwa so atsgeselii’ii habet! wie im Gehirn eines sonst höchst wcb'vwatulteii und wohlgebildeten Hellenen, dem von seinem ganzen llr li e!1 ent tun nur eine Vorstellung des Herostrat geblieben wäre. Also wurde mit dem historischen Volksbewtißtscin die Möglichkeit, ein historisches Nationalwerk zu schaffen, zersetzt. Das Volksbewußtsein aber hat jetzt angefangen w iederauf/tileben. Nehmen wir darum an, die Möglichkeit einer entsprechenden Dichtung sei vorhanden. Welche Stoffgebiete kommen in Frage? Wer sich wirklich mit jüdischer Ueberlieferung vollgesogen hat, für den kommt das biblische Stoffgebiet nicht in Betracht, weil es eben in der Bibel etil für alle Male gestaltet ist. Es gibt einige Versuche, diesen Stoffen ohne Vergewaltigung rotnan- Haft und jüdisch gerecht zu werden: Fürstenthals ״Abraham“ ist ein wohl zu lesendes Buch, dessen Atmosphäre weder im rechten Sinn romanhaft noch historisch ist, obwohl das in Bibel und!Midrasch vorgestaltcte Material im höchsten Sinn romantisch und historisch ist, auch hier noch, aber wie ein Berauschter siebt hier der Leser mindestens drei Abrahams siel! gefronseitig verwischen und überschneiden, den hiblisehen, den midraschischcn und den Fürstenthalschen Abraham. In Fdtnond Lieg« ,,Moses“ und ,.Salomo“ ist das noch verwirrender: die Stileinheit wird zwar gewahrt, aber die Einheit zwischen Buch und Leser kommt nicht zustande; Bibel und Midrasch können gar nicht wie ein Roman gelesen, sondern nur ״gelernt“ werden, hier gibt’s nur Perlen aus beiden, und von der Strahlenfülle geblendet bleibt der Leser am Ende eindruckslos. Saul Saphir versimpelt das, womit uns ebensowenig gedient ist, Aber vielleicht ist unsere Skepsis deshalb unbegründet, weil sie sich nur auf das Vorhandene gründet. — Es gibt ferner eine Menge Makkabäer- und Bar-Kochba- Darstellungen. Sie erfüllen offensichtlich das gleiche nationalheroische Bedürfnis, das zeitweise zahllose Primaner zu Römerdramen anspornte. Aber obwohl auch Shakespeare sozusagen Römerdramen geschrieben hat, meinen wir doch, daß ein Bar-Kochba- oder ein Makkabäer-Roman schwerlich das werden könnte, was wir uns unter einem nationalen Epos vorstellen. Und noch weniger dürfte das bei einem mittelalterlichen Judenroman der Fall sein, so stark das Ghetto-Schicksal auch nach Romantik schreit. Aber zum Beispiel ein jüdischer Napoleon-Roman wäre eine Möglichkeit. Wir sagen ״Napoleon-Roman“ und meinen das so, daß hier alles jüdische aus dem Bannkreis des napoleonischen Lebens darzustellen wäre. Wenn der Vergleich mit dem russischen Napoleon-Roman ״Krieg und Frieden“ auch nahcticgl, so würde Napoleon doch von uns aus anders vorgestellt werden müssen, menschlicher und grundanders schicksalhaft als bei Tolstoj. In Napoleons Schatten, als seine Zionslied von Jehude Halevi (Na*dl*tun8) Meine Seele Ui tm Osten, und ich bin im Abendland. Meine Sinne sind verschlossen, und mein Herz isi ausgebrannt. Wohin bring ich meine Gaben — Zion liegt in Schmerz und Wunden, Und ich bin mit fremden Banden an die fremde Welt gebunden. Ach, wie wollt’ Ich Reichtum, Ehren, all die fremden Güter geben. Könnt' ich an der hellgen Statte In dem Staub der Trümmer leben. Rcrha Freier (Pas bekannte und mehrmals — z. li. von Franz Roronzweig wortgeireu — übertragene Gedicht ist hier in freier Nachdichtung wiedergegeben. — Red.) Mit- und Gegenspieler hat es Juden so verschiedener Art und Größe gegeben, daß man versucht ist zu glauben, liier am Schnittpunkt von Ghetto und Emanzipation, Kosmopolitismus und Nationalismus, Religionsverbindlichkeit und -freiheit habe das jüdische Volk alle seine Kräfte angespannt, um entschiedener und entscheidender denn je all seine Möglichkeiten der Charakterprägung sichtbar zu erweisen. Zürn erstenmal tritt das jüdische Volk in Napoleons Gesichtskreis, als Napoleon von Aegypten nach Palästina vorstößt. Es ist bezeichnend, daß das Weltgeschichtskapitel ״Napoleon nnd die Juden“ eben im Judenland anlängt. Napoleon erläßt einen Aufruf an die orientalischen Juden, er bittet sie um Hilfe für seinen Alexanderzug, der dann vor Akko so tmheimlicii zusammenbricht, und verspricht ihnen die Wiederherstellung Jerusalems; die messianisch-politisclie Doppelrolle, die er hier beginnt, wird er sein Leben lang spielen. (Eine Monographie über Napoleon in Palästina schrieb der englisch-jüdische Essayist Philipp Guedalla.) Und zur gleichen Zeit ist Rabbi Nachnian von Braziaw in Palästina. Welch ein gigantischer Anfang für einen Roman! — Die orientalischen Juden sind türkentreu, der syrische Feldzug endet so katastrophal wie 1S12 der russische, Napoleon wird Konsul, Kaiser und beruft das große Sanhedrin zur Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung. Die Folge davon ist die Emanzipation nicht nur in Frankreichs Vasallenstaaten, die Reaktion der ungeheuerliebsten Diffamierungen nicht nur im Elsaß, die Identifizierung des Judentums mit den! ״Antichrist“ in den Maßnahmen des Zaren und des russischen Synods. Um diese Zeit erblickt den Kaiser ein jüdischer Knabe in Düsseldorf: Heinrich Heine. — Napoleon erobert und ordnet Europa um. Er hat die Gleichberechtigung unter vielen Wirrnissen wieder eingeschränkt, aber die Lawine rollt, überall wird verhandelt, die Streitigkeiten der Juden untereinander für und gegen die Assimilation erschweren die Lage, und zu den Konferenzen in Warschau erscheint als großpolnischer Delegierter: Rabbi Akiba Eger. — Im Krieg zwischen Napoleon und Rußland wirken Juden mit ungeheurer Aktivität. Von Anfang an hat es auf beiden Seiten jüdische Soldaten gegeben, von denen Heldentaten berichtet werden, auf preußischer u. a. sogar eine als Soldat verkleidete Heldin, auf polnischer Kavallerie- Offiziere, auf russischer waren Juden die Seele des Kundschafterdienstes, und die jüdischen Marketender waren ein im guten und bösen Sinne bedeutender Faktor. All diese Figuren wären in einem Roman aber nur die Masse, das Volk, und im Vordergründe stehen einige der größten ehassidischen Rabbis, deren Einfluß beträchtlich war: Rabbi Salman Schneur, der große, bis ins Prophezeien aktive Napoleongegner, der Gastfreund Bagrations, der Rynianower, der Kosnitzer Maggid, der Lubliner... Die namhaften westjüdischen Zeitgenossen Napoleons verblassen in diesem Zusammenhang zu Statisten, welche jüdisch- oder europäischa"tische oder geistesgeschichtliche Rolle sie auch gespielt en. Der Jude in Deutschland war bislang gewohnt, sie als Vorkämpfer der Menschenrechte, der Reform oder der eigenen Geistesgeltung zu heroisieren. Von der jüdischen Perspektive gibt Salman Schneur eine Ahnung in seinem Roman ״Der Kaiser und der Rabbi“. Für das grandiose Finale, das wir ״unserem“ Napoleon-Roman wünschen müßten, sprechen einige Sätze von Buber: Der Kosnitzer Maggid ״soll Napoleons Triumph, danach dessen Sturz geweissagt haben, ja der Beginn dieses Sturzes — der Ausgang des russischen Feldz.ugs — wird auf die Kraft seines Betons zurückgeführt: der Todkranke stand an einem Sonntag von der zweiten Stunde nach Mitternacht bis zur dritten Stunde nach Mittag im Gebet. Kurz vorher von einem Besucher befragt, wie es ihm ergehe, gab er zur Antwort: ״Ich bin jetzt ein Kriegsmann. Die fünf Bachkiesel des jungen David habe ich für meine Schleuder aufgesammelt.“ und über den Lubliner: ״Unablässig der lösenden Stunde harrend, wurde er endlich Urheber und Mitte jener geheimnisvollen Handlung, zu der er sich mit etlichen anderen Zaddikim, darunter dem Napoleongegner Israel von Kosnitz und dem Napoleonanhänger Mendel von Rvmanow verband, um die napoleonisehen Kriege in den vormessianischen Endkampf der Oog und Magog zu verwandeln, und in deren Verlauf die drei Führer in einem Jahr zum Tode kamen. Sie hatten das Ende bedrängt; sie verbrannten in seinem Anhauch.“ So großartig dieser Stoff für einen jüdischen Roman ist, so schwierig ist er auch. Das Material ist schwer zu beschaffen. Ueber Napoleon selbst und seine Feldzüge ist zwar französisch, englisch, deutsch (von Kircheisen) bewunderiiswert vorgearbeitet worden, eine Napoleon-Bibliothek würde weit mehr als tausend Bände enthalten, aber über ״Napoleon und die Juden'* gibt es nicht einmal eine Bibliographie. In der Napoleon-Literatur nehmen die Judenbezüglicher! Angaben über den syrischen und den russischen Feldzug zusammen noch keine zwanzig Seiten ein. Von jüdischer Seite ist fast nichts Bemerkenswertes publiziert. Graetz zitiert in einer Note die Souvenirs du baron de Barante, J. Levy hat einiges über ״le gratul sanhedrin“ geschrieben, und, ebenfalls in französischen Zeitschriftenbeiträgen, haben Eauchille, Kahn, Halphen und M. Uber die Materialien über die Notabclnversammlung beigebracht. Ebenso ist das Matcrial über die emanzipatorisclicii Bemühungen in ganz Europa zwar in zahllosen kleinen und größeren Arbeiten verstreut, aber doch greifbar. Ueber die innerliche Ein- Stellung der Chassidim ist in jiddischer und hebräischer Sprache sehr viel, über ihr politisches Verhalten tatsachenmäßig nicht sehr viel, über Rabbi Nachnian in Palästina wenig, über Rabbi Akiba Eger in Warschau so gut wie nichts gedruckt. Ueber die jüdischen Teilnehmer der napoleonischcn Feldzüge ist einiges publiziert und in mancherlei Memoiren und Familiengeschichten wie in Briden zu finden, über die Marketender gibt es nur die einseitigen napoleonischeu Informationen. Ueber die beiden ständigen jüdischen Delegierten im russischen Generalstab und über das Verhalten der Juden Rußlands 1812 informieren Aufsätze in der russischen Jevvreiskaja Stariua. Die Erfahrungen des Partisanenführers Dawidow, der den Juden von Grodno die Polizeigcwalt verlieh, sind in einem russischen Gedächtnisbuch verzeichnet. Ueber die jüdische Hilfeleistung für Kriegsgefangene und über einzelne jüdische Soldaten enthalten Bemerkenswertes die Aufzeichnungen des deutschen Försters Fleck, die Memoiren des Sergeanten Bourgogne, des Freiwilligen Koilmann, des ״juif fournisseur militaire du Napoleon I.“ Max Grunwalds und des westfälischen Artillerie- Wachtmeisters Jakob Meyer. Dazu die russischen, polnischen, österreichischen, deutschen und französischen Geschichtswcrke. Alles übrige indessen ist der Gestaltungskraft und dem Elan des Autors überantwortet. Brief an eine Dichterin Else Lasker-Schüler: Das Hebräerland. Zürich 1937. Verlag Oprecht. Jerusalem, Im Mal Verehrte, liebe Dichterin! Mit den malkosch-feuchten Frühlingsvvinden, die durch die Straßen Jerusalems brausen, kam auch Ihr schönes Buch ״Das Hcbräerland“, auf das wir uns alle schon seit langem freuten. Jerusalem ״und sein Rehavia“ haben die Herzens• iahne zum Willkomm gehißt. In den Buchläden liegt der schöne Band, den Ihr Züricher Verleger Oprecht so liebevoll ausgestattet hat, geschmückt mit Ihren anmutigen, springlebendigen Bilderschrift-Zeichnungen. Und da ereignet sien ein seltener Fall: das Buch steht im Schaufenster der Buchhandlang und die Buchhandlung — im Buche. Und viele von den neugierigen Jerusalemitcrn, die ihre Nase in das Buch stecken, werden dabei auf ihre eigene Nase stoßen. Denn Sie haben das ganze ״Hebräerland“ zwischen die weißen Lein• wand-Wände Ihres Buches gepackt. Freilich, mancher von uns, dem das festliche Jerusalem zum Alltag geworden, wird seine Welt in Ihrem ״Hebräerland“ nicht sogleich erkennen. Aber wessen Schura ist das? Ein ewiges Problem der Erkenntnistheorie wird in ihrem Dichterhuclie Ereignis: ist es möglich, daß zwei Menschen ein und denselben Vorgang in gleicher Weise sehen, hören, riechen, schmecken — kurz — erleben? Wir antworten: nein, und nochmals und gottlob: Nein! ihre goldenen Märchenäugen haben ein urverheißenes Hebräerland gescharrt, das so mancher niemals sah und niemals sehen wird. Der ״Bibel- Stern*‘ verbirgt sein gottgeküßtes Antlitz vor den _ Nichtswürdigen. Aber den Lieblingen Gottes entschleiert sich Sein erstgeborenes Land Erez Israel. Sie haben unzweifelhaft recht, wenn Sie sagen: ״Nur der dichtende Mensch, der sich bis auf den Grund der Welt Versenkende, zu gleicher Zeit sich zum Himmel Emporrichtende, erfaßt, inspiriert von begnadeter Perspektive aus, Palästina, das Hebräerland!“ Adonai, von dessen Engel am kindlichen Hügel Sie so trostreich-süß berichten, ist ein strenger Wächter über das Land Seines unermeßlichen Weltherzens: Palästina. Wer Ihn nicht sucht, findet das Hcbräerland nicht — da nützt ihm kein Lloyd der Welt; und deshalb wird es mich nicht wundernehmen, wenn viele sagen, daß Ihr Buch unwahr und falsch sei. Früher einmal, ich glaube im ״Prinz von Theben“, haben Sie geschrieben: ״Zum gelobten Land passen nur gelobte Leute“. Es sind in den letzten Jahren viele Juden zur ״Mutter Palästina“ gekommen ... ob’s immer die ״gelobten Leute“ waren? Gleichviel, das Land wurde davon nicht weniger ״gelobt“ und immer noch ist der Schatten Gottes groß genug über Jerusalem, daß alle, die Ihn suchen, sich in ihm bergen. Ich habe im Zusammenhang mit der Lektüre des ״Hebräerlandes“ einen Traum gehabt (es geht mir oft so, daß ich von Büchern, die ich lese, träume), den ich Ihnen er■ zählen will, aber — nichts für ungut! Mein verehrter Uni• versitätsiehrer, der Münchener Professor für semitische Philo• logie, Bergsträsser, erschien mir ״im Traum der Nacht“, gebeugt über ein Buch, und einen roten Bleistift in der feinglicdrigen Hand. Er las und strich, las und strich an. Und als ich ihm über die Schulter sah, war es Ihr ״Hebräer• land“, das er mit seinem Stift bearbeitete. Mit philologischer Akribie verbesserte er Oderett in Osereth, Kajemed m Kajemeth, Balchem in Baal-Schem, Mischra in Mischnah, strich den Singular Chaluzim und ersetzte ihn durch Chaluz, bis ich ihn in seiner Arbeit störte, indem ich ihm zurief: ״Lieber Professor! Sie haben ja bestimmt (philologisch gesehen) recht, aber was verschlägt derlei im Buch einer Dichterin, die ein wenig schwankend zwar (eingestandenermaßen) in der hebräischen Grammatik, aber sattelfest ist auf dem weißen Kamel, das sie durch das innere Reich der Hebräer und (ahnungsweise) ihrer wüstenrauhen Sprache trägt. Lesen sie nur die herrlichen hebräischen Balladen, alte Freunde, die in diesem Buche wieder neu aufglitzernden Diamanten in der Krone Jussufs, des Prinzen von Theben.“ Da legte der Gelehrte den streitbaren Bleistift beiseite und las und er und ich verloren uns in die beiden Gottes• reiche Ihres Buches: in das Hebräerland Palästina und in das Kinderland Ihrer Träume, die ״maschentausendabertausendweit“ ineinander verknüpft sind in Ihrem kostbaren Teppich. Ihr SchalomBen-Chorin Ihre Umzüge und Transporte jeder Art nach allen Teilen der Welt Gepäckbeförderung / Lagerung Verpackung / Versicherung durch BRASCH & ROTHENSTEIN INHABER HARRY W. HAMACHER Hauptgeschäft! 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