Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 23 (22.3.1938)
- Date
- 1938-03-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 23, 22. III. 1938 VERGANGENHEIT XVII. Salomo ibn Gabirol Die Renaissance In Spanien. Um die Mitte des 10. Jahrhunderts verlor die babylonische Judenheit ihre weitlich-politische Autonomie (Ende des Exilarchats 910) und ein Jahrhundert später ihre religiöse Hegemonie in der Diaspora (Ende des Ciaonats 10-10). Aber um diese Zeit war im!Vesten bereits ein neues Zentrum entstanden. Im maurischen Süd Spanien — in Andalusien — hatte Anfang tles 10. Jahrhunderts eine der glänzendsten Derioden der jüdischen Geistesgeschichte begonnen (um 000—1250). Die innige Berührung mit der aufblühenden arabisch-maurischen Kultur bewirkte eine Selhsterneuerung des Judentums, deren Frucht eint• harmonische Synthese des talmudisch-rahbinischen Wissens mit der allgemeinen weltlichen Bildung war. Dieses goldene Zeitalter der spanischen Judenheit war sowohl durch die politische Machtstellung einzelner führender Juden (Chasdai ibn Schapnit um 050, Samuel ha-Naggid um 1050) als auch durch den Aufschwung der Dichtung und der Philo- Sophie, der hebräischen Sprachwissenschaft und des Talmud- Studiums gekennzeichnet. Die geistige Renaissance griff über die Pyrenäen hinüber und befruchtete durch Vermittlung des sudfranzösischen Judentums die jüdische und christliche Welt des Mittelalters. Die für diese Epoche charakteristisehe Universalität der geistigen Tätigkeit trat am stärksten in den Schöpfungen des Dreigestirns Salomo bei! Jchuda itm (iabirnl (mri 1020 bis 1058), |ehuda ben Samuel ha- Eevi (um lit'O Ins! kB) ״ml Abraham hen Mcir ihn Esra (1093 bis 1 167) zutage. Gabirols Persönlichkeit und Wirken. Die geistige Gegalt und das Letn.11 Salomo ibn Gabirol, des ersten Iföh'e'brmdne,1 1:mi ‘ von' einem''düsteren Schicksal' beschattet, in Meli:.;;] g 11)01 eit, wohin Seine Eltern aus Cordova infolge der Verv, 11 -11111g ila-wr Stadt durch die Berberstämmc (1013) flüchten m ulheu, s״ll er in zartem Alter Vater und Mutter vtileren hallen. Von einer Krankheit — vermutlich der Sch« iinlsueiit -״— schwer geplagt, auf die Unterstützung von Ercun-len nml Mäzenen angewiesen, war der genial-frühreife, mit allen Wissenszweigen seiner Zeit gründlich vertraute Jüngling bereits am Ausgang der Kindheit ein vollendeter Meister der Dichtkunst mit einer von Trauer und bitterer Enttäuschung und 7!!g!rch von religiös-metaphysischem Erdem Herzen eines Achtzigjährigen'‘. Eine kurze Zeit 'genoß Gabirol in Saragos-a die Gunst eines am Hofe des Emirs hoch angesehenen und gebildeten Juden — Jckutie! Hassan, der aber' bald einer Palastrevolution 71m1 Opfer fiel (1030). Durch sein kritisches Urteil und seinen beißenden Spott zog sich der junge Dichter die Feindschaft vieler, darunter der Machthaber der jüdischen Gemeinde Saragossas zu, die ihn aus der Stadt vertrieben. Auch sein späteres freundschafilichcs Verhältnis zum Mäzen und Gelehrten Samuelha-Xaggid in Granada wurde oft getrübt und ging schließlieh, in dir Brüche. Sein rast- und freudloses Lenen fand ein frühzeitiges Ende (er starb in Valencia noch vor dem vierzigsfen Lebensjahr, nach anderen als kaum Fünfzigjähriger). Eicie in Heines ״fehuda ben Halevi‘‘ benutzte Legende schreibt seinen Tod der Mordtat eines neidischen Mauren zu. Briefe an die Redaktion Megillath Esther - abgelehnt Frankfurt a. M., den 20. 3. 1933 Redaktion der ,,Jüdischen Rundschau“. t ■( t ׳ •■ n Ci, n!ז זt-, HetLeiter Schriü zum Ksthcr Buch, erschienen ist. Ihr Rezensent schreibt in Sperrdruck: ,,Ein gro- 6er Teil der modernen Juden lehnt das Esther-Buch als re’.:• giöses Buch ab.“ Ohne auf das 1 hemu seihst eingehen zu wo!־ len, scheint mir diese Art der Formu'ierung sehr ungeeignetzu sein. Es gibt sogar einen großen Teil moderner Juden, die die ganze jüdische Religion ablehnen. Von der Mcgßlah ist jedoch zu Jahren dem Kanon der Heiligen Schrift angehört, vielleicht ebensolange in den Synagogen öffentlieh als Hauptstück des Purimfestes vorgeleseri wird. Einer krituchen Betrachtung des Esther- Buches, sowie der Bibelkritik überhaupt, alle Ehre! Was jedoch die ״Ablehnung“ betrifft, so wird mit diesem Ausdruck bei uns — von den Jugendbünden beginnend bis in die Kreise uuserer höchsten Intelligenz — ein erschreckender Mißbrauch ge- Sektion!! Dr. Abraham Rand In unserem Artikel war nur die Behauptung enthalten, daß ein großer Teil der mo• dornen Juden das Esther-Buch nicht als religiös anerkennt, d. h. also deutlich, daß ein an derer Teil anderer Meinung ist. Wenn also der verehrte Einsender anderer Meinung •ist, bcweist das nur, daß er zu dieser Gruppe gehört, widerlegt aber nicht unsere durch eine reiche Erfahrung bestätigte Behauptung. Bei den Ablchnern handelte es sich vielfach gerade nicht um antireligiöse Menschen, sondern uni solche, denen an der Ernc-uerung der jüdischen Religiös!- tat viel gelegen ist. — Damit müssen wir die Diskussion über das Thema, zu dem sich auch einige andere Einsender geäußert haben, abschließen. (Red.) und der große jüdische Dichter ein und dieselbe Person waren. Das Eigentümliche an diesem auf aristotelisch-neuplatonischer Grundlage errichteten Gedankengebäude ist, daß es gar keine Berührungspunkte mit den Quellen der jüdischen Tradition aufzeigt: Gabirol ist der erste und im Mittelalter einzig gebliebene jüdische Denker, der ein allgemeines, völlig selbständiges, an die Lehre des Judentums nicht gebundenes philosophisches System schuf. Literatur. Uebersetzungen der Dichtungen Gabirols: ״Die Königskrone“ wurde vielfach ins Deutsche übersetzt, unter anderem von Micha! Sachs in seiner ,,Religiösen Poesie der Juden in Spanien (1901), einzelne Gedichte wurden übertragen von L. Zunz (״Synagogale Poesie der Juden“), L. Dukes (in ״Ehrensäulen“, 1837), A. Geiger (in ״Jüdische Dichtung der spanischen und italienischen Schule“, 1867; Salomo Gabirol und seine Dichtungen, 1867); S. Heller in ״Echte hebräische Melodien“ (1890). — Einen Auszug aus dem ,,Lebensquell“ gab Jakob Guttmann in seiner ״Philo- Sophie des Salomo ibn Gabirol“ (1889). — Ueber Gabirols Persönlichkeit und Wirken: A. Geiger, Das Judentum und seine Geschichte (1010); derselbe, Salomo Gabirol (1867); M. Eisler, Vorlesungen über die jüdische Geschichte des Mittelalters (1876); D. Stössel, Salomo ben Gabirol (1881); David Neumark, Geschichte der jüdischen Philosophie des Mittelalters I (1007); (. Elbogen, Der jüdische Gottesdienst, S. 311 f.; K. Dreycr, Die religiöse Gedankenwelt des Salomo ibn Gabirol (1930); Julius Guttmann, Philosophie des Judentums .(1933). Dr. J. Fi. Post nach Uebersee Vom 22. bis 30. März (ohne Gewähr) Die angegebenen Zeiten sind die A b g a n g s Zeiten der Züge bzw. Flugzeuge aus Berlin. Die Sendungen müssen X—lt/j Stunden vor Abgang bei der zuständigen Bahnhofspostanstalt (Flugpost beim Postamt SW 11) vorliegen oder unmittelbar zu den angegebenen Zügen oder Flugzeugen gebracht werden. Anschluß im Reich entweder bei Durchgang der Züge bzw. Flugzeuge oder durch Sendung nach Berlin oder direkt an die Zwischenstaiionen. Bei der Aufschrift empfiehlt »ich die Anbringung von Leitvermerken. Palästina (ab Anh. Bhf. 22.55, Sonntags 22.45; Abgang München ca. 12 Stunden später): 22. via Brindisi mit ״Gcrusalemme“; 28. Haifa. — 23. via Belgrad; 29. Haifa. — 25. via Belgrad; 30. Haifa. — 27. via Belgrad; 1. Haifa. — 29. via Brindisi mit ״Galilea“; 4. Haifa. — 30. via Belgrad; 5. Haifa. Luftpost (alle Flüge außer Linie Berlin—Athen: ab Berlin 8.30; München 11.25). Di. (Linie Amsterdam—Bandoeng über Neapel); Do. Lvclda. — Mi. (Linie London—Kalkutta über Brindisi); Fr. Tiberias. — Fr. 0.30 (Linie Berlin—Athen—Bagdad); Sbd. I.vdda. — Fr. (Linie London-—Kalkutta über Brindisi); Stg. Tiberias. — Sbd. (Linie Amsterdam—Bandoeng über Neapel); Mo. Lydda. — Stg. (Linie Brindisi—Haifa): Di. Haifa. U. S. A. (ab Bhf. Charlottenburg 11.20): 22. via Le Havre mit ״Normandie“; 28. New York. — 25. via Cherbourg mit ״Bremen1‘; 31. New York. -. 29. via Cherbourg mit ״Queen Mary“; 5. New York. Südamerika: 24. (22.55 Anh. Bhf.) via Neapel mit ״Occania“; 7. Rio; 11. Buenos Aires. — 27. (11.20 Bhf. Charlbg,) via Lissabon mit ״Ilighl. Monarch“; 11. Ri:); 15. Buenos Aires. Luftpost (auch nach Mittelamerika und Westindien): Mi. (Deutsche Luftp.) Postschi. 21.00; Do. 5.00 Frankf./M.; Sbd. Rio; Stg. Buenos Aires. — Jeden Sbd. (Frz. Luftp.) I’ostschl. 9.30; 14.55 Köln; Di. Rio; Mi. Buenos Aires (nicht nach Bolivien). Südafrika: 24. (13.58 Bhf. Fricdrichstr.) via Southampton mit ״Baimoral C“: 11. Kapstadt. Luftpost: Mi. und Sbd. (8.30); 11.25 München; an Kapstadt nach 7 Tagen (Linie London—Kapstadt über Brindisi). Australien: 24. (9.20 Anh. Bhf.) via Marseille mit ״StrathnUan“; 23. 5. Melbourne; 24. 5. Sydney. Luftpost: Di. und Sbd. (8.30); 11.25 München; an Sydney und Melbourne nach ca. lt/3 Wochen (Linie Amsterdam—Bandoeng über Juden und Jüdisches im Rundfunk. X Mittwoch, 23. März: Warschau (1339), 22: Konzert unter Leitung von G. Fitclbcrg. — Donnerstag, 24. März! Luxemburg (1304), 15.05: Auszüge aus dem 9. Vortrag von Andrö Mauroß, gehalten in der Socictc des Conförences am 23. März: ״Chateaubriand und seine Zeit“. Erneuter Aufenthalt in Rom. Madame R&ainier — 1830. ANTWORTEN DER REDAKTION Berliner Leser. Leider ist es uns nicht möglich, über die Veranstaltung der Jüdischen Winterhilfe der Jüdischen Gemeinde zugunsten ihrer Altersheime am 17. März im Brüdervereinshaus eine״ Bericht zu bringen, da das für die Veranstaltung verantwortliche Vorstandsmitglied der Berliner Jüdischen Gemeinde, Herr Moritz Rosenthal, es ablehnte, den Vertretern der jüdischen Presse, die zu der Veranstaltung eingeladen waren, angemessene Plätze anzuweisen und dabei u. a. äußerte: ״Ich brauche die Presse nicht. Üb die ,Jüdische Rundschau‘ und die ,C.-V.-Zeitung‘ schreibt oder nicht, ist mir ganz egal.“ Die in so unhöflicher Weise ausgesprochenen Vertreter der Presse zogen daraus selbstverständlich ihre Konsequenzen und verließen die Veranstaltung. Der Dichter. Gabirols Dichtung zeichnet sich aus durch herbes, oft bitteres Pathos, Gewalt der Bilder und sprachlicli-intirische Virtuosität. Lyrische Oefiililsinnigkeit paart sich bei ihm mit scharfem Humor, tiefe Gottessehnsucht mit dem hollen Schwung philosophischer Betrachtung. Seine Bullgebete und religiösen Hymnen gehören zu den schönsten und <)־roBärtigsten ihrer Art und fanden zum Teil Eingang in die Liturgie, unter ihnen ragen hervor das ״Lied der Einung" (Scliir haliehud) und das ״Lied der Herrlichkeit“ (Schir ’ita-Kabod), die die Einzigkeit und Erhabenheit Gottes preisen, wie auch (las umfangreiche Lehrgedicht ״Königs- Krön׳•“ (Köder Malcluit), das aus spekulativ, mystischen und thciwoph:sehen Elementen ein farbenprächtiges Weltbild entwirft. Der Philosoph. Die Ideen, die Gabirol in seiner ״Königskroni■׳'• verwertet, sucht er dialektisch zu entwickeln in ״ü u e'l 1 1 111s' h|. fl) c’lwlYiK-brl 1׳Mekor' Chajim), das in 111׳ hä \ \ 11 n n ״d1"'\ ’״״ ItL 11 ״S h' 1 t'ik Ireeiiiliulliu; er•-־ Milte des vorigen Jahrhunderts hat der jüdWl 1 Gelehrte Salomon Munk entdeckt, daß Aviccbron Kammergerichtsrat L R. Leo Wolff, Vorsitzender des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, zu 5״ Jahre Hilfe und Aufbau“: ״Der Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die materiellen Mittel at1f7ubringen, die den Juden in Deutschland in ihrer schicksalhaften Lage zur Verfügung stehen müssen. Wer sich vor Augen hält, von wie gewaltigem Ausmaß die Aufgaben sind, die auf allen Gebieten des jüdischen Lehens erwachsen, wird sich der Verpflichtung nicht entziehen dürfen, nach seinen besten Kräften zu ihrer Erfüllung beizutragen. Niemand schließe sich aus, denn alle Mittel werden dringend gebraucht und helfen mit zur Linderung der Not und zur Ermög- Heining weiterer aufbauender Tätigkeit.“ Berichtigung. In dem Bericht über die neuen Einwanderungsbestimmungen für April bis September in Nr. 22 ist ein Druckfehler unterlaufen. Es muß in Kategorie A bei den Pensionsempfängern (Kategorie A4) heißen: Zehn PensiOnsempf.linger. — Die Mitnahme von Kindern, die ohne Zertifikatc möglich ist, bzw. das unbeschränkte Nachforderungsrecht von Kindern, bezieht sich nur auf Kinder unter IS Jahren. JUbzte. Waldlaufmeislerschaften des Makkabi. Die Waldlaufmeisterschaft des Makkabi gewann Wert hen, Berlin, vor Petzall, Berlin. KKL-Turnier. Vor 3500 Zuschauern wurde in Berlin ein Turnier im Handball und Fußball unter Beteiligung der Makkabivereine in Berlin, Frankfurt und Leipzig misgetragen. Der Makkahimeister im Handball und im Fußball, Bar Kochba Frankfurt, erlitt überraschende Niederlagen durch Berliner Mannschaften; Berlin siegte im Gesamtergebnis mit 12:1 Punkten vor Frankfurt mit 9:7 Punkten. Breslau. Beim reichsoffenen Tischtennisfurnier des Schild Breslau konnte die Makkabi-Meistermannschaft des Bar Kochba-Hakoah Berlin die Mannschaft des Veranstalters mit 7:2 Punkten besiegen und so die Ehrenpreise gewinnen. Das Herreneinzel gewann der Makkabi-Meistcr Sprung überlegen im Endspiel gegen Cohn, Schild Breslau, mit 3:0, und das Herrendoppel sah das Paar Sprung-Langsam mit 3:1 über Cohn-Lustig, Breslau, siegreich.• galt zu mir heraus. Kürzlich fiel nun euer Name. Baruch Thoraschreibt•״ heißt ihr wohl? Erweist mir einen kleinen Dienst, Herr Scltreilwr: das ZechenbiId an meinem Kahn ist arg verwittert, kaum liest man noch die Inschrift bei Laternenschein. Fertigt mir ein neues Schild; einen Lohn ״ ill ich euch nicht versprechen, alter glaubt mir, es ist noch keinem Mann in: llundegatt zum Schaden gewesen, dem Hafenwirt Ezechiel gefällig zu sein. Laßt euch Zeit mit dieser Arbeit, habt ihr sie geschafft, so kommt zu mir in den Hafen und liefert mir das Schild in meinen Kahn. Ich will euch dann wahrlich den besten Trank vorsetzen, den ich in meiner Schänke habe,“ ,,Zu Diensten, Zeelienwirt, 7m Diensten“, sagte der kleine Baruch Thoraschrciber ganz erleichtert; über einer solchen ilm ehrenden Gefälligkeit wollte er an seine hohen Pflichten nicht vergessen. Der Wirt bedankte sich gemessen und wandte sich zum Gehen. ,,Welches ist die Inschrift, Wirt?“ fragte Baruch Thora- Schreiber zuvorkommend. Der Fremde hielt schon die Tilr in der Hand. ,,,Hafenkneipe zum kleinen Vergessen‘“, sagte er gleichmutig, ״diesen Namen hat mir ein alter Matrose aus .Schanghai mitgebraeht; kehrt euch weiter nicht daran. In Ircmäen Ländern nennen sie den Ilnfcnsprit ״den guten Trank Mm kleinen Vergessen“, und so habe ich es einfach übet-־ ״״:;;men für das Schild an meinem schwimmenden Kahn. Schreibt die Inschrift gut und deutlich, und nehmt heute schon allen Dank von mir.“ Damit zog er hinter sich die Kammer lür ins Schloß und ging; aber Baruch Thorasehreiber hörte seine Schritte nicht über die Stiegen schallen. Da wußte er, woran er war. F.r verrichtete mit Inbrunst ein Gel •t, schrieb den heiligsten Namen auf einen Pergamentstreben, den er von dem Deckblatt seiner Wunderthorn trennte, und legte das Blättchen in seinen Mund unter die Zunge, wie es vorzeiten der Hohe Rabbi Löw zu Prag dem Golein getan hat, um in ihm den Geist des Herrn zu beschwören. Damit fühlte er sich lief gesichert und bereit, seiner großen Prüfung zu begegnen. Ob, er war klug, der kleine Baruch Thoruschreiber; andere als er hätten vielleicht den Auftrag abgelehnt und sich gewahrt vor der .Versuchung; Baruch aber wußte, daß man dem Versucher nie entflieht. Nein, man muß ihn überwinden, eher wird nicht Ruhe im Gemüt, und je rascher man sich diesem Zweikampf stellt, dieser Schickung aus der höchsten Hand, um so ungcsehwüchler darf man ihr begegnen. Baruch Thoraschreiher holte sich auf Borg vom nächsten Krämer im llundegatt ein Stück gefirnister Leinwand, eiserne Klammerstifte und Oelpapier; man gab es ihm iin nämlichen Augenblick ohne Zögern, da er den Namen des Ezechiel verlauten ließ, in dessen Auftrag er die Dinge an sich nahm. In seiner Kammer droben angelangt, machte er sich unverzüglich an die Arbeit, und der Name des Herrn brannte wie Feuer unter seiner Zunge, 80 daß er des Allmächtigen nicht vergaß. Er schnitt, nachdem er die Buchstaben sauberlieh entworfen hatte, die Inschrift aus dem Oelpapier, zweckte sie mit seinen Stiften auf die Leinewand, rollte das Ganze zusammen wie er des Abends aulseufzend seine Thora zusammenrollte und machte sich um Vesper auf den schweren Weg zum Hafen. Welche Freiheit wartete nun seiner hinter den Grenzen des Ilundegatls! Der Fluß, der dort beengt vom Diesseits- und vom Jenseitskai, gelblich und mit Abfall, Unrat und Kehricht beladen, träge fließend seinen Gang zum Seekanal vollführte, dumpf und fad und übelriechend, und an dessen Lenden nur alte Kühne lagerten, während die Dampferchen mit den unheimlichen Stimmen vevheiserter Sirenen schnaufend und japsend und in möglichster Eile die sieben Brücken dieser Stadt durchzogen, — hier, im freien Hafen hinter der letzten Brücke, brach das Wunder des aufgcdchnlen Himmels, brach die Herrlichkeit des Sommersonnenlichts, brach die breite, rauschende Pracht des Flusses in die Blicke des kleinen Juden. Silos, Kräne und Fabriken waren wie ins hellste Licht getaucht. Pfeifen schrillten gleich Gesang, in der Ferne schwebte blinkend ein Frachtdampfer in die Bläue der See hinein, am Heck mit flatternden Fahnen winkend wie mit bunten, fremden, wilden Händen; gegen die zur Freiheit der Meere strebende Gewalt des Windes lehnte sich der Abschiedsschrei des Schiffes, und bis er den!,eilten im Halen zu Ohren kam, war sein jubelnder Brunstschrei schon zerrisse« und rührte nur noch schwellend und versinkend das menschliche Ohr. Wagen, Pferde, Menschen und Motore, alles atmete und zitterte vor Leben — und die Kinder gar im Sonnenschein, spielend, jauchzend, ihre Netze ins Wasser tauchend und voll Unbeschwertheit diesen hellen Sommertag genießend, während die Mütter alle in lichten Küchen um das Essen waren und die Väter alle mit entblößter Brust und singend am Tagewerk im Hafen schafften. Dieses alles mußte Baruch Thoraschreiber schauen, und sein Herz ging auf in Sehnsucht, teilzuhaben an der freien Sicht und dem Treiben fern vom Hundegatt. Aber ach, des Herrn Name brannte unter seiner Zunge, und der Rausch des Hafens konnte keine Macht gewinnen über sein verdüstertes Gemüt, in dessen Grund die Gluten der Erwähltheit lagen, überdeckt und leise schwelend. Träumend, rniisehdurchwoben und den weißen Armen der Sehnsucht ausgeliefert, taumelte er wegvoran; aber nicht im Willen zu erliegen, sondern rasen zu überstehen, dem Ezechiel die Inschrift abzuliefern und dann frei den Hafen zu verlassen, frei in jenem anderen Sinn, frei ins llundegatt zurückzufliehen ... Es ist nicht viel mehr zu berichten. Baruch Thoraschrei• her schwankte wie ein Trunkener den bebend-glatten Steg hinab in des Versuchers schwimmende Zeche. Wir wissen nicht, was dort mit ihm geschah: ob er lange drinnen blieb, ob er rang mit dem Ezechiel, ob er schon das Glas in Händen hielt, das der Wirt ihm zum Vergessen füllte, ob er schwankte, und wie er entkam — wer könnte das sagen. Wir sind ja nicht die Versuchten, nein; wir liegen nur wie Schatten horchend und wittern im Hafen vor dem letzten Stege des Vergessens und belauern, ohne mitzuschwanken. Und nun da! Es geht die Türe drunten auf, und die Tiefe speit den kleinen Prüfling aus. Baruch Thoraschreiber hat bestanden; der Name brannte unter seiner Zunge; er hat an seine Pflichten nicht vergessen, ist geblieben was er war. Das freie Licht des Hafens hat das In-ihn-Eingegrabene nicht überstimmt, und Pfliclitvcrgcssenheil ist nicht sein Herr geworden. Ruhig gehl, er seinen Weg zurück, mitten durch den weilen Hafen, bis zur Grenze, hinter der das llundegatt beginnt. liier ist seine Wohnst att seit jeher, zwischen schweigenden Speichern und Düsternis, die das tiefe Geheimnis der Berufung hütet — bis es reift und selbst s־׳'• klärt im engen Raume ...