Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 23 (22.3.1938)
- Date
- 1938-03-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23, 22. III. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU 5e?te 3 Enttäuschte und Zufriedene Von Moses Katz, Buenos Aires Je größer eine Stadt, desto kleiner der Wirkungskreis eines Emigranten. Das Gigantische ermüdet, lähmt den Geist des Neuankömmlings. Die Weiten verkürzen seine Wege, bedrücken und beengen ihn. Die Menschenmassen vereinsamen ihn. Der rauschende Verkehr Buenos Aires, das fremde, unbekannte Durcheinander beängstigt uns alle. Mensehen, die in europäischen Hauptstädten wie bische im Wasser sich fühlen, werden hier in der ersten Zeit von seltsamen Einsamkeitsgefiihlen beschlichen. Jeden Tag nimmt sich der Neuankömmling etwas für den andern vor und es bleibt beim alten. Irgend etwas hält ihn zurück und er hütet die Straße, in der er abgesetzt wurde. Nach und nach erst wagt man sich etwas weiter hinaus und man bringt den beruhigenden Beweis zurück, daß man eigentlieh nichts versäumt hat. Und so vergehen einige Tage, mitunter auch eine ganze Woche, bis man weiß, auf svekher Welt man ist. In keinem andern Lande spricht man soviel von Glück und Masel wie in Argentinien. Und von Jahr zu Jahr scheinen diese relativen Begriffe einen anderen Inhalt zu bekommen. Vor zehn Jahren zum Beispiel mußte jemand schon 10—15 Pesos den Tag verdienen, um vom ״Glück“ begünstigt zu heißen; heute genügen schon 4—6 Pesos, obwohl die Preise der wichtigsten Gebrauchsartikel viel teurer sind als damals. Während ein Teil der Einwanderer sich mit diesen und ähnlichen Zahlen und Statistiken beschäftigen; während sie sich über den ״komischen“ Maßstab und das unbegreifliehe, unsoziale Verhältnis zwischen Lohn und Arbeit wundern und als ״Grüne“ auf die passende Stelle, auf einen Posten in ihrem Beruf warten, packen die andern zu, was sich ihnen bietet, was sich besser lohnt, ungeachtet dessen, ob sie in ihrem Fach Unterkommen oder nicht. Ich kenne zum Beispiel einen erstklassigen Scliäftcmacher aus Lodz, der bei der Untergrundbahn in Buenos Aires arbeitet, weil er hier zwei Pesos den Tag mehr verdienen kann als in seinem Fach, und 15 Pesos monatlich für die Pension weniger ausgibt, als viele andere Immigranten, die auf alte Gewohnheiten und Bequemlichkeiten nicht verzichten wollen. Die Absichten des scheinbar ״Geizigen“ liegen klar auf der Hand. Wörtlich sagte er mir: ״Ich werde mich ein Jahr quälen, die andern aber das ganze Leben. Ich verlasse mich nicht auf Zufall und Glück. Mir fehlen 500 Pesos, um mich selbständig zu machen. Inzwischen lerne ich spanisch und schone meine guten Sachen, die ich später gebrauchen werde.“ Das ist die einfachste, praktischste — und für Unerfahrene, Unbeholfene zugleich die verblüffendste Plandurchführung eines zielbewußfen Menschen, der sich weder von Statistiken noch von andern Zahlen beeinflussen läßt. Er ist zufrieden. Die schwere Arbeit stählt seine Muskeln. Er kann hier frei leben und — mehr Fleisch essen, als in Polen Brot. Er geht für einen halben Peso einmal in der Woche in ein jüdisches Theater. An freien Abenden besucht er die Sprachkurse oder die jüdischen Vereine und Heime, wo er die jüdische Presse liest, eine Schachpartie spielt und dabei einen verschämten Blick auf eine ״Chawerte“ wirft. Ja, nicht allein Geld verdienen ist der Sinn des Lebens. Gewiß, er hat Stücke seines Herzens in Polen verloren, aber er weiß nicht, wie das Leben sich entwickeln wird. Würde er das Glück haben, alles nach einem Jahr in Erfüllung zu bringen, was er sich vorgenommen bat, dann natürlich kommt nur Esther in Frage, und wenn er ihr eine Schiffskarte 1. Klasse schicken müßte. Das ist etwa kein Beispiel eines Einzelnen. Junge Juden aus Deutschland sagen dazu: ״Ja — aber....“ Manche kommen erst dann zur Einsicht, wenn sie vergebens alles andere versucht und dabei dem Hilfsverein große Unkosten verursacht haben. Ihre Enttäuschung und Unzufriedenheit ist begreiflich. Man hat diese sonst sehr tüchtigen, intelligenten Menschen für Buenos Aires nicht vorbereitet. Die meisten Berichte — und selbst die offiziellen der Auswandererstellen in Berlin — sind sehr subjektiv, so daß der Ein- Wanderer vor einer erschreckenden Wirklichkeit steht, die mit dem Gelesenen nicht übereinstimmt. Andererseits sind die Zahlen und Preise der wichtigsten Gebrauchsartikel und -Gegenstände sehr übertrieben. Man hat mehr der eleganten Welt Rechnung getragen als dem Arbeiter und Handwerker, der schon für 50 Pesos den Monat auskommen kann, wenn er für die erste Zeit mit Kleidern und Wäsche versorgt ist. Arbeiter und Handwerker können sich nirgends Anzüge für die in manchen Berichten genannten Preise erlauben. Manche wundern sich, warum man sie über die wahren Arbeitsverhältnisse und -Zustände nicht aufgeklärt hat. Man hört im allgemeinen: ״Wenn ich das gewußt hätte....“ Niemand wußte, daß man zuerst drei Monate auf einer Stelle arbeiten muß, bis man fest engagiert wird; daß mancher nach zwei Monaten und 28 Tagen entlassen wird, weil man ihn nicht fest engagieren will. Seihst belanglose Dinge, die man erst hier erfährt, enttäuschen, wie schlechte Eigenschaften eines Ehe- Partners, die man erst nach der Heirat feststellt. Der Ein- Wanderer muß alles wissen, was in dem betreffenden Lande vorgeht, dann findet er sich mit allem ab. Jüdische Bauern in Amerika Ansiedlungsversuche und ihre Erfolge Die Jewish Agricultural Society (Jüdische Landwirtschaftsgcsellschaft) in New York legt soeben ihren 33. Jahresbericht (1937) vor, aus dem ersichtlich ist, daß sie 10(1000 auf dem Lande lebende Juden in Amerika unterstützt. Die Gcsellschaft setzte ihre Arbeit zur Ansiedlpng von Juden auf dem Lande ■ VT Ein jüdischer Bauernhof im Staate Connecticut (USA./ fort, sie gibt Ratschläge und Informationen, sucht Landwirtschaftliche Arbeit für junge Juden und entfaltet eine lebhafte Aktivität, durch die sie zu einem bedeutenden Faktor in der jüdisehen ״Zurück-aufs-Land“-Bcwcgung geworden ist. Ein ernstes Problem stellt die zweite Generation jüdischer junger Leute dar, die aut dem Lande geboren sind. In dem Wunsche vorwärtszukommen und sich zu verheiraten, sehen sie in dem väterlichen Gehöft wenig Aussicht für die Zukunft, und sie geraten in Schwierigkeiten, weil sie keine Er- Ziehung für die Stadt genossen haben; und doch gibt es für sie nur sehr entfernte Möglichkeiten, unabhängige Gutsbesitzer zu werden, ״Je mehr sie heranwachsen“, so heißt es im Berieht, ״um so größeren Umfang wird das Problem armchmcn. Viel gutes Material ist bereits verlorengegangen. Bauern, die sich von unten heraufarbeiten, stärken die jüdische Bauernbewegung." In bezug auf die Hilfe für Einwanderer aus Deutschland versah die Gesellschaft diese mit Fnformaiionen, korrespondierte mit vielen in Europa und konnte schließlich eine Anzahl von Juden aus Deutschland aut dem Lande ansiedeln. Seit ihrer Begründung hat die Gesellschaft 12313 Anleihen in Höhe von 8 7 513 000 an jüdische Bauern in den 48 Staaten der USA. gegeben. Die BeschnitigungsaMeilung vermittelte seit ihrer Linrielming 18 2()! Landwirtschaftliehe Stellen. Einbürgerung in USA. Die Mehrzahl der Juden aus Deutsehland, die gegenwärtig nach den Vereinigten Staaten auswandern, tut es in der Absicht, sich dort für dauernd nicder/ulnsson und die a m e r i - k a n i s c 11 c Staatsbürgerschaft zu erwerben. Seit 1024 hat sich der ״National Council of Jewish Women“ (Verein amerikanischer Jüdinnen), 1810 Broadway, New York City, zur Aufgabe gemacht, jüdischen Ausländern bei ihrer Einbürgerung in den Vereinigten Staaten in jeder Weise behilflich zu sein. In Verfolg dieses Zieles hat Miss Cecilia Ra zovsky, die verdienstvolle Vize-Präsidentin dieser Organisation, eine kleine Broschüre mit dem Titel ״Making Ainericans“ (״Wie tnan Amerikaner wird“) verlaßt, in der alle betroffenen Fragen klar und ausführlich behandelt sind. Die Broschüre, die zum Preise von 8 0.25 bei der genannten Organisation erhältlich ist, sollte von jedem jüdischen Emigranten schon vor seiner Reise nach den Vereinigten Staaten sorgfältig gelesen werden. Von ganz besonderem Nutzen ist die Schrift für Organisationen, die mit Auswanderern zu tun und sie insbesondere in formellen Fragen zu beraten haben. Es ist empfehlenswert, daß diese Organisationen jedem einzelnen Auswanderer die Bedeutung der Einbürgerung erklären und nahelegen, sich — zum Beispiel in den Vereinigten Staaten — mit dem ״National Council of Jewish Woincn“ unverzüglich nach der Einwanderung in Verbindung zu setzen. Miss Ra zovsky führt uns die zahlreichen und iiberzeugenden Gründe vor, die unter den gegenwärtigen Umständen die Einbürgerung der Immigranten empfehlen. Jeder in den Vereinigten Staaten ansässige Ausländer hat ein Beeilt auf Einbürgerung, insofern er rechtmäßig cingcwamlert und wenigstens Akte 1. Fs ist rittlic (Declaration of Inten Antrag kann zu jeder Zeit, insbesondere also am bar nach der Einwanderung, gestellt werden, f sind zwei Photographien bestimmter Grüß!׳, da tionsvisum und ein Betrag von 8 2.50 beizufügen 2. Es ist ein schriftlicher ״Zweiter Antrau“ ( Naturalization — Second Paper) erforderlich. Di Vereinigten Staaten und nach Ablaut von wenij (und höchstens sieben) Jahren nach dem Ersten stellt werden. Auch diesem Anträge sind zwei Ph und ein Betrag von 8 5.00 bcizitfügen. Es mag in diesem Zusammenhänge von Int daß der Antragsteller nach dem zwe in englischer Sprache und amerikar abzulcgen hat. Eine ausgezeichnete von Miss Razovskys Broschüre v! Examen des neuen Bürgers. Prof. Philipp W e i eh. Di teil Antrag eine Prüfung scher Staatsbürgerkunde Bibliographie am Ende rhilft zum erfolgreichen itraub, Geneva (USA.) Für konstruktive Maßnahmen Von unserem Wiener Korrespondenten J. R., Wien, 20. Marz Die Ereignisse hier nehmen in raschestem Tempo ihre zwangsläufige Entwicklung. Auf den jüdischen Menschen dieses Landes liegt ein Gefühl der Ungewißheit über die Gestaltung ihrer nächsten Zukunft, und zwar sowohl hinsichtlich der Abgrenzung ihres äußeren Lebensraumes als auch bezüglich der neuen Struktur des i n n e r j ii d i s c h c n Lebens. Trotzdem bereits eine Woche der neuen Entwicklung verstrichen ist, sind von innerjüdischer Seite noch keinerlei Maßnahmen oder Verfügungen getroffen, resp. eingeleitet, um eine seelische Entspannung herbeizuführen. Noch weiß man nichts über eine Neugestaltung in formaler Beziehung. Analog der Einverleibung der allgemeinen österreichischen Körperschaften und Institutionen in das Gefüge des Reiches liegt die Auffassung nahe, daß die Reichs- Vertretung der Juden in Deutschland nunmehr auch für die österreichischen Juden die Repräsentanz darstellt. Hierüber ist von keiner Seite etwas verlauthart worden. Die jüdische Bevölkerung erwartet jedoch, daß nach der ersten seelischen Erschütterung eine baldige Klarstellung und in ihrem Gefolge die nüchterne dringende Alltagsarbeit kommen werde, die bei aller Schwere des Augenblicks in sich die Elemente eines konstruktiven Neuaufbaus der österreichischen jüdischen Gemeinschaft tragen muß. _ Zionistisches Leben in der Schweiz Von unserem Berichterstatter Zürich, 18. März Auch in der kongreßfreien Zeit ist die zionistische Bewegung in der Schweiz tätig. So begann ein Seminar zu Beginn des Winters seine Arbeit mit einer Vortragsreihe ״Zionismus — gelernt am Peel-Bericht“. Darüber hinaus aber erhielt das zionistische Leben in den letzten Monaten eine Aktivierung durch die Besuche Nathan ßistritzkys und Dr. Olsvangers (beide Jerusalem). Ristritzky hielt auch einen Vortrag vor den jüdischen Studierenden der beider! Züricher Hochschulen und leitete ein mehrtägiges Jugend* seminar. Höhepunkte der Vortragstätigkeit Bistritzkys stellteil seine Referate auf der Tagung der Präsidenten aller zionistischen Ortsgruppen der Schweiz dar, in denen er sich eingehend mit den Fragen einer jüdischen Kultur auseinandersetzte. Eine treffliche Ergänzung der von Bistritzky und Olsvanger vorgetragenen Postulate bildete ein gut besuchter Vortragsabend von Prof. Harry Torczvner (Jerusalem), auf Einladung der Freunde der Universität Jerusalem. -!:!. D er Hafen Von MALA LA ÄSER Heute will ich euch in meine Stadt führen, in die Stadt mit den sieben alten Brücken überm Fluß, den ansestrickten Kähnen, die schaukelnd gegen die Kaimauern stoßen, den kleinen Dampfern, die voll Holz und Aepfel und Fische geladen sind, den Möwen, die in weiten Bögen über das lehmige und schmutzige Wasser ziehen. In dieser Stadt liegt, eingeklemmt zwischen der letzten und der vorletzten Brücke, das Speicherviertel Hundegatt, ein düsterer und altersgrauer Stadtteil mit engen, schlechtgepflasterten Gassen, in denen sich verbogene und niedere Häuser nahe an die Fachwerkspeicher drängen. An manchen Tagen, wenn nirgends im Hundegatt verladen wird, zeigen nur die windzerrissenen Rauchfahnen über den Schloten der hinsinkenden Häuserchen an, daß Leben hinter den Mauern in diesen Gassen herrscht. Selten begegnet inan Kindern zwischen den hohen Speichern, und die Frauen schlurfen gesenkten Kopfes und eilig über den Kai zum Wochenmarkt, feilschen nie und schwatzen nie; sie wählen ihre Waren rasch, füllen die Körbe und Henkeltaschen schweigend und kehren hastig schlurfend und gesenkten Kopfes ins Hundegatt zurück, fest eingesponnen in die bedrückenden Unheimlichkeiten der Speieher aort. Das Ohr des Ilundegatts scheint längst ertaubt von dem dumpfen Sirenengeheul der vorüberziehenden Dampferchen; das wahre Leben liebt erst hinter der letzten Brücke an in dieser Stadt; die letzte Brücke ist die Grenze zwischen dem Hundegatt und dem freien Hafen, wo die großen Ucbcr- Seeschiffe vor den Silos und Fabriken liegen, wo täglich Tätigkeit und Helle ist, wo Krähne knarrend ihre Arbeit tun, wo Männer Kisten schleppen, Kohlen schaufeln, Säcke leeren, wo Trimmer singen und Matrosen pfeiferauchend die Deckplanken scheuern und platschend mit den Strickeimern Wasser aus dem Fluß Uber die Reeling schöpfen. Ihr könnt euch denken, daß in meiner Stadt nur arme und verstoßene Leute im Ilundcgatt wohnen, Bettler, Ladenrbciler und Juden, all solche, für die in den hohen, festen Häusern der Innenstadt und in den übergrünten Straßen der Vororte kein Raum ist, und ihr könnt euch ferner denken, daß ich hier nicht ein Bild vom Hundegatt und dem weitgestreckten Hafen entworfen habe, dem Hafen, der sich gleich einer Zunge zwischen dem Flußlauf und dem grasig-freien Wiesenland bis zum Seekanal hindurchstößt, um zu plauschen von den Dingen, die mir lieb sind; nein, ich habe euch nur den Raum und die Luft und das Wirkliche genannt, wohinein ihr mir nun folgen sollt, um vom Baruch Thoraschreiber zu erfahren ... Baruch Thoraschreiber, ein Männchen mit riesiger Stirn und verhungerten Händen, mit wirrem Bart und einem abgetragenen Bratenrock am Leibe, wohnt in einem elenden Stübchen im Hundegatt. Vom Osten her ist er gekommen und mitten in die Hafenstadt geweht. Fr ist einmal, in längst vergangener Zeit, ein Schreiner in seiner Heimat gewesen; als ihn dann aber an einem Morgen bei der Arbeit die wunderbare Berufung ereilte, legte er sein Werkzeug aus der Hand. Wozu soll ein solcher wohl berufen sein, werdet ihr fragen? Nun, das ging recht sonderlich: ein Bote kam und sagte ״Baruch Schreiner, geh und suche; in einer Stadt — den Namen mußt du selber finden — wird man dich in Güte halten; sieben reiche Juden werden sich zusammensehließen und deinen Lebensunterhalt bestreiten, damit du eine Wunderthora schreiben kannst; das soll dir eine Arbeit sein fürs ganze Leben; das Werk ist mit dem letzten Federstrich vollbracht. Die Thora, die du schreiben sollst, ist vom höchsten Herrn gesegnet; wo immer ein Mensch die Lippen auf die Zeichen deiner Feder drücken wird, soll ihm Frömmigkeit und Güte werden. W'enn du aber nur für eine Stunde deine heilige Pflicht vergissest, soll der f Aller in deinem Sinn deine Hand, die ewig schreibende, verzaubern, daß sie ein falsches Zeichen in die Rolle malen muß. Dann sollst du neu beginnen mit der Arbeit, denn es darf an jener Wunderthora nicht der kleinste Makel sein. Baruch, Baruch — hüte dich! Nicht eher wirst du deine Augen schließen dürfen zum langen Ausrnhen, als du deine Arbeit rein und mnkclfrei vollendet hast, und solltest du gleich hunderttausend Jahre schreiben.“ Baruch Schreiner ging und suchte, bis er in der Hafenstadt die sieben reichen Juden fand; zwar, sie glaubten nicht an ihn und seine himmlische Berufung und sorgten nur in lächelnder Barmherzigkeit für ihn, nicht eben so, wie «3 sich für einen Gottgei■ufenen ziemt, — aber Baruch wußte sich trotzdem am Ziel und begann mit Eifer seine Arbeit:; die Reichen zahlten sein Quartier im Hundegatt, schenkten ihm Kleider, die sie selber nicht mehr brauchen konnten und ließen ihn reihum an ihren Tischen essen. Sie hießen ihn mit leisem Spott den alten Baruch Tiiorasehreiber; die Jahre gingen, und er schrieb und schrieb... An einem schonen Sommermorgen dieses Jahres — Baruch Thoraschreiber saß schon lange bei seinem Werk am Kammertischchen im Hundegatt ■— klopfte ein Gast an seine Tür; dieses war dem Alten ungewöhnlich, an fremde Türen pflegte seit Jahren nur e r zu pochen, und die Leute in diesem düsteren Viertel der Stadt machten nicht Besuche bei den Nachbarn. Ein Grauen durchfuhr den kleinen Mann, und ihm war, als stände die Versuchung leibhaftig vor seiner Kammer und pochte, um ihn zu verführen. ״Tretet näher“, sagte er beklommen. Die Tür ging auf; mit schweren Schritten trat ein Fremder über seine arme Schwelle. Der Fremde hatte sein Gesicht mit einem Tellerhut verdeckt, dessen Schlappe ihm fast auf die Nase fiel. Ein wirrer grauer Bart umrahmte die Wangen, und gekleidet cvar er in einen schwarzen und wallenden Iladmnntcl aus Urväter- Zeiten, der seine Gestalt und seine Gliedmaßen so verhüllte, daß er wie ein Hexenmeister nussah. ״Ihr seid ein Schreiber, höre ich“, sagte er mit dunkler Stimme. ״Zuviel Ehre, zuviel Ehre“, stieß der Jude verstört hervor, ״aber sagt, womit kann ich euch dienen, Herr? Mir scheint, daß ihr gekommen seid, etwas von mir zu fordern, das ich euch nicht erfüllen kann und darf .. ״Schreiber“, sagte der Fremde verwundert, ״was redet ihr da seltsame Worte zu mir? Ich bin von draußen aus dem Hafen zu euch gekommen, um eine winzige Gefälligkeil von euch zu erbitten. J edermann im Spcichervierfel kennt mich, ich bin Ezechiel, der Schankwirt, Freund. Ihr wart noch nie in meiner schwimmenden Zeche, sonst würde ich mich eurer wohl erinnern. Die Matrosen und die Trimmer trinken in den Nächten ihren Grog bei mir und lärmen, und hier und da wagen sich auch ein paar Leute aus dem Hunde-