Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 39 (1934)
- Issue
- Heft 38 (10.5.1934)
- Date
- 1934-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3B. 10, V. 1934 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 iiciemr «bj a׳r-r >ז י•"! '4-#' Mm ־rr H gry W'\J Treitschkes, Mommsens und E. v. Hartmanns Stellungnahme pio |i1'S(׳l1:i(li1;1111j: mit der < jescliiditc führt immer wieder (1,111 Kr .11lt.1t, <1,1 li es keinen Zeitpunkt j;U>t, den <11,111׳ nls 1| 1',ן:*,;i11n der MigcnnnnU’ii ״(iegenwart" bezeichnen könnte. «13׳ uns lieute nls ein erschütterndes und gleichsam uocli nie j.Voivcsciies (icsclu'licn erscheint, das ist in Wahrheit schon .״«t vorbereitet gewesen. ' '׳Wir lilhtlern zurück in den Annalen der Geschichte der ׳iulcu in nciitscliland mul finden, daß vor 5t Jahren, also!0r zwei Generationen, unsere I :1;0 äußerst kritisch war, NJCI1 dem deutsch-französischen Krieg war, wie bekannt, ';‘,,e Welle des Antisemitismus über Deutschland k'i'mvciigrbrau'd, die ihren ersten I jöbepunkt in den Uriimlcr• lsj,rE!1 um 1875 fand. Die Beruhigung, die danach cintrat, a3־r alu-r nur eine scheinbare. Unter der Oberfläche brodelte מ weiter, lind in mehr oder minder heftiger Weise nahmen (jele in der Ocffentiiclikcit stehende Persönlichkeiten St e 1111 » tt g e g e 11 die J u d e 11. ['s war im Jahre 1880,. als Bernhard Fürst c! im Deut- (,׳Inn Reichstag eine Petition mit 250 000 Unterschriften einbrachte, die die Verhinderung der jüdischen Einwanderung, Jjfii Aii'-srhl 11 (i von öffentlichen Acmtern und sonstige Bcätclirbrik 1111!;eit verlangte. Damals ließ in den ״Preußischen jilirbuchcin“ (kur/ vor. Udterreielumg der Petition) der liorluier Historiker Heinrich• von Trcitschkc seinen bcrühmten Aufsatz ״F.in Wort 11 her unser Judentum“ erscheinen, j;n dem er sich ׳/uniiehst 0״|jc11 die Formen der antisemitischen! ,v.utation wendet und daun die Fräste aufwirft, ob der ן׳ Instinkt der!Massen, der sieb gegen die Juden richtet, tatsächlich mir grundlos sei, oder ob nicht Tieferes dahinter | «(ecke, Das letzte hält er für richtig. ״Uebcr unsere Ost- I »ren/e aber dringt Jahr für Jahr aus der Unerschöpflichen } polnischen Wiege eine Selmr strebsamer bosenverkaufender 1111| ן!din!׳c herein, deren Kinder und Kindcskindcr dereinst t |)n1ischl.111׳ds Börsen und Zeitungen beherrschen sollen.“ j piese Einwanderung war fiir Trcitschkc der schweri«jf;;cml'te Anlaß für den Antisemitismus. Was aber hat er ihn deutschen Juden zu sagen? ״Was wir von unseren kraiiilisilien Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sic 10111:11 Deutsche werden.,., unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen,“ Und warum sind I die Juden in den Ampen Treitschkes noch keine vollgiiltt- | ־•nt Heut scheu geworden? ״Keine deutsche Handelsstadt, ן die nicht viele ehrenhafte, achtungswerte jüdische Firmen | 7:111110: aber unbestreitbar 11:1t das Semitentum an dem l ug | und Trug, an der frechen Gier des Grüudcrunwcscus einen ן;gißen Anteil, eine schwere Mitschuld an jenem schnöden | M.-trrialisiiius unserer, Tage, der jede Arbeit nur noch als | fit Hi,il't betrachtet und die alle gemütliche Arbeitsfreudig• I krit me eres Volkes zu ersticken droht,“ Und als zweiten (iriimt Itefia, htet er das ״unbillige Uebergewicht des Juden- } 111'us in der Ta׳:espresse“, die ihre■ iti innersten Wesen, 1 111״ m Ton und ihrer Haltung nach als imdeutsch emnfumlen 1, «.ul. Wieliti per noch ist sein Hinweis, wie tief die Abt ticinimp gegen uns i׳n Volke verwurzelt ist. ״Bis in die Kni e der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, flie jeden ז (itd.mhrii kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hoch- : 1m:ts mit Abscheu von sieh weisen würden, ertönt es heute «it ans einem Mumie: ״die Juden sind unser Unglückl“ j hiiircemiiß ergab sich im Zusammenhang hiermit die Notluniiii'kcit einer Stellungnahme zur E m n n z i p a I tio 11. Trcitschkc weist ihre Zurücknahme mit Entrüstung von 1 sieh: ״Wm einer Zurücknahme oder auch nur einer Schinä• kniiHi der voll׳ogenen Emanzipation kann unter Vcrständi- ::ui gar nicht die Rede sein; sie wäre ein offenbares , U!!recht, ein Abfall von den guten Traditionen unseres Staates mul würde den nationalen Gegensatz, der uns pci- 11M, eher verschärfen als mildern.“ Als Folgerung bleibt für ilui nur d'is restlose' Aufgehen der Juden int Volke : übrig. ״Die harten deutschen Köpfe jüdisch zu machen, ist 1M1 linmö ״lieh: so bleibt nur übrig, daß unsere jüdischen ( M1tlnV;;1'r sich rückhaltlos entschließen, Deutsche 711 sein,... II Die Aufgabe‘ kann niemals ganz!pe'öst werden. Eine Kluft I zwischen abendländischem und semitischem Wesen hat von j ic!1cr bestanden, seit Tacitus einst über das odiiuii geticris | hum,mi klagte: es wird immer Juden geben, die nichts sind | als deutsch 1׳e<lemle Orientalen; auch eine spezifisch jüdische | läldmup wird immer blühen, sic 111t als kosmonolitisehe | }bullt ihr gutes historisches Rocht. Aber der Gegensatz. I idit sich mildern, wenn die Juden, die so viel von Toleranz I feilen, wirklich tolerant werden mul einige Pietät zeigen f Cf;:cn den Glauben, die Sitten und Gefühle des deutschen f Volkes.... Daß diese Pietät einem Teile unseres kauftnänni- } Gii'ii und literarischen Judentums vollständig fehlt, das ist } }er Id de Grund der leidenschaftlichen Erbitterung von « beute.‘‘ ~ ln einer Fortsetzung des ersten Aufsatzes wendet * heb Trcitschkc gegen nationale jüdische Restre- } uun g c n;. der Rechtshoden, auf dem die Einnndnation ruht, ־ st' das einzig mögliche Lebensfundament. In einem dritten; ™i'M'dz weint stell Treitgehke gegen eine sogen. ״Misch- : kultur“. Er anerkennt, daß die deutsche Kultur aus. den; “re> großen Quellen des klassischen Altertums, des Christen- } tunis und des Germanentums geflossen ist. Aber ״wir wollen ־ n1f','F daß zu diesen drei Kulturmächtcn noch das neuj} ßidisclic Wesen als eine vierte hinzutrete.“ f \v 1*« ל’•tschkc in sehr rücksichtsloser und offener | },lsc יausgesprochen hatte, rief einen gewissen Widerspruch F ״d seinem l'akultätskollcgen Theodor Mommsen hervor,! einer Flugschrift, ״Auch ein Wort über unser Juden- ן timן!/ ,״ Treitschkes Veröffentlichungen sich in sehr zurückj. ״altcndcr Form äußerte. ,,So wenig wie die Nachkommen j!cr französischen Kolonie in Berlin in Deutschland geborene | ran/osen sind, so wenig sind ihre jüdischen Mitbürger etwas i nneres als Deutsche", sagt er an einer Stelle, und an , 1״fr anderen gegen Trcitschkc:!,Was heißt das,.... sic Deutsche werden? Sic sind es ja, so gut wie er und 5 ״;י• Fr mag tugendhafter sein als sie; aber machen die "gemlcn den Deutschen?“ Iden Gegensatz zwischen deuti: und jüdischem Wesen verkennt Mommsen keines- * •X.}• Aber er geht hier doch einen anderen Weg als * ,};,.״'1׳ץke.. ״Es muß in die Auffassung der Ungleichheit, : »v , zwischen den deutschen Okzidcntalcn und dem sc- '״sehen Blut allerdings besteht, größere Klarheit und Milde . ' "Wien. Wir, die eben erst geeinigte Nation, betreten mit /!" Jndenkrieg eine gefährliche Bahn.“ Demgegenüber aber ל ן' Mommsen, daß den Eigenschaften, die unangenehm am di«(■■ wir!(c"t Fähigkeiten und Vorzüge gcgeuübcrstündcn, ״,. . ןr die Entwicklung nicht ohne Bedeutung seien. Fr I 0י ,,',״:ן'* hier sein bekanntes Wort von der ״Dekotnposi- 1 1‘u1 ""d meint, die Juden seien ״in Deutschland ein I ׳\k,m!e,n1. der Dekomposition der Stämme.... Ein gewisses I ן'ן״ן den der Stämme aneinander.... ist durch die Ver- Rirlf'SSC ״״bedingt geboten.... Daß die Juden in dieser I Uj,'ll״K seit Generationen wirksam eingreifen, halte ich! 1H, ,'c?s fl׳r ein Unglück, und bin überhaupt der An* im״ :״aß die Vorsehung weit besser als Herr Stöcker be- W״ * ,*> warum dem germanischen Metall für seine Gestaltung einige Prozent Israel 'beizusetzen war.“ Als Ausweg empfiehlt Mommsen eine größere Toleranz t׳egcn ״die Jmli •ehe von ihren Trägern nicht verschuldete, ihnen als Schicksal auf die Welt mitgegehene Eigenartigkeit.... Auch das Niederhalten ries schlimmen Treibens gewisser jüdischer Elemente verträgt sich vollständig mit der Schoiimig und «ier Rücksicht, au( welche der unbescholtene jüdiselte Mitbürger genau so viel Anrecht hat wie der Christ» liehe.“ Aber bei allem «einem Wohlwollen und «einer Ob* icktivilät ist doch auch für Mommsen der letzte Ausweg!■ dos restlose Aufgohcn der Juden in der christlichen Umgehung, und er empfiehlt zum Schluß seiner Schrift die möglichste Beförderung des Uebertritts zum Christentum. Wo Ideologien sich auszuhrciten beginnen, pflegt auch die Farhphilosophic sich cinzustcllcn und ״wissenschaftlich“ zu verifizieren, was die Masse vorher nur dumpf empfunden hatte. So ließ im Jahre 1885 ,der Philosoph des Unbewußten, Eduard von fl ג r t in 11!111, ein Rudi erscheinen unter dem Titel: ״Das Judentum in Gegenwart und Zukunft“. Am Schluß dieses Buches findet sieh eine Zusammenfassung aller Erörterungen und Forderungen Ed. von Hartmanns, und man fühlt beim l esen dieser Worte, wie schon damals sjch zu entfalten begann, was wir selbst erfuhren. Das Schlußwort des Buches lautet wie folgt: 1״» Juden müssen Geduld haben mit demjenigen, was ihnen an ihrer Stellung im heutigen Belten noch nicht gehillt, und ein-clicu lernen, daß die nnrh l*• «.teilenden Reste der früheren Zurücksetzung ein I’iodukt nicht des böser! Willens, sondern geschichtlicher Verhältnisse sind, und daß es nicht in ihrem tnicressc liegt, diese Reste «-!melier beseitigt zu sehen, als daß der innere Umschwung im Judentum gleichen Schritt damit hält,!)ir N i c 11 t j u d e n müssen Geduld haben mit der konservativen Bang-iunkcit, mit welcher die Juden sich in die neuen Verhältnisse finden lernen. Die Juden müssen die Abneigung des Volkes gegen sie bis zu einem gewissen Grade als berechtigt anerkennen, und energisch Hand anlegen, um diese lirschwerdcn zu entkräften, also sich bemühen, erstens die schlechten erworlxncn Kigcnscliaften ihres Stammestypus ahziwchlrifen und denselben 7.u resiiluticrcn und zu veredeln, zweitens die seheidenden Unterschiede ihrer religiösen Sitte und die verletzende Ucber* hchung ihre* Stammcshewußtactn* »hzulcgcn, drittens ihren Gemoinsinn ganz in dem Nationalgefühl der Wirtsvölker aufgehen zu lassen, viertens sich den von den Wirtsvölkem bereits erreichten Grad gesellschaftlicher Bildung imzueignen, fünftens fiir die frühere Art ihres KapiiaVrwcrhcs Indemnität zu erlangen durch Vcrmeidüng jedes Mißbrauchs der Kapitalmncht im jüdischen Sonderinlrrcs-e und durch Aufgehen aller aiidrcutcndcn Tätigkeit, sechstens sich unter die Gcsamthcvolketung sowohl räumlich wie in bezug auf alle Hcn1fsn11cn, in«hcsontlerc solche der produktiven Arbeit zu verteilen, slchrnles sich der politischen Tätigkeit entweder ganz zu enthalten oder aber sich auf die bestehenden Fraktionen zu verteilen Die Nichtjuden dagegen müssen von jeder Maßregel der Gesetzgebung wie der Selbsthilfe Abstand nehmen, die *ich als eine AiMiahmerrgc! gegen die bereits Staatsangehörigen Juden charakterisieren würde, müssen in ihrer Abwehr sich lediglich gegen Tätigkeiten richten, die, ganz abgesehen von den sic aus. übenden Peromcn, als gcmcinsehndlich zu bekämpfen sind, (missen «len nach Hilduog und Nationalisierung strebenden Juden brüderlich die Hand reichen, durch solches Entgegenkommen das Judentum in seinem l'rziclmngs- und Umwnndlungsprozeß liebreich unterstützen und mit den troiz guten Willen* noch verbleibenden Resten und Schlacken freundliche Naehsicht iihen. Die Regierung endlich muß den Juden die Bossagung vom Judentum durch Austritt aus der jüdi chcn Religionsgemeinschaft in jeder Weise erleichtern, also erstens den Ausgetretenen auch ohne Ucbertritt zum Christentum in jeder Hinsicht ein gleiches Vertrauen wie den Christen schenken und zweitens eine bloß noch dem Namen nach christliche Rieh״ hing innerhalb des Proteslnnl 1׳mtis, welche den Juden ohne Gewis, chsbcdenkeu den nominellen t'ebertritt zum Christentum er• möglich!, nicht bloß dulden, sondern auch gegen die 5’erfo'gun(ps• sucht und Aussinßungsgelüslc der Orthodoxen in Schutz nehmen. Wenn diese Regeln befolgt werden, wenn jeder Teil im Verein mit dein Hinderen zunächst an *einer eigenen Selhstvervollkommnung arbeitet und sich die, Vorzüge des anderen zum Vorbild nimmt, dann kann aller Streit begraben und mit Geduld und Zuver'ichl der Zeitpunkt crwarlet werden, wo der letzte Anlaß zu gegenseitiger Beschwerde und Abneigung geschwunden »ein wird.“ Wozu sind solche .geschichtlichen Ausgrabungen gut? Sie sind gewiß nicht ganz unnütz, denn sic lassen deutlich erkennen, wie sehr die Generationen vor uns den Ernst der l äge verkannt und die Kräfte der Abneigung gegen die Juden unterschätzt haben, die auch in den anscheinend ״philosemitischen“ Aeußerungcn, die eine Assimilation der Juden befürworten, enthalten sind und die Cirundstimniung der Acußertiugcn bilden. Fine gute ökonomische Situation machte cs vor 50 Jahren den Menschen möglich, sich über den Albdruck des drohenden Antisemitismus hlmveg/utäuschcn. Heute haben wir erfahren, zu welchen Konsequenzen ges c 11 i c h 11 i c 11 c Leichtgläubigkeit führt. In ihren Erwiderungen auf die damaligen Angriffe beschränkten sich die Juden darauf, zu beteuern, daß sie restlos alle ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllten und in keiner Bczichung ihre!! nichtTidisehen Mitbürgern nachstöndcn. Aber sie fühlten nicht, daß die Diskussion in Wahrheit gar nicht tun diese Selbstverständlichkeit ging, sondern daß neue Kräfte aus dem Volke, daß eine neue Gcsinntin״, eine veränderte Einstellung zu nationalen Werten, /um Wert der Arbeit und zum Geiste emporwuchsen. Die Juden wollten cs nicht wahr haben, daß die Aufklärung tot war. Unsicherheit sich selbst gegenüber und nach außen zur Schau getragene Zutriedenheit: das war die Haltung der letzten beiden Generationen. Aus dieser Zerrissenheit heraus vermochten die A c 11 c r c n auch nicht, zum Z 1 o n i s m u s Ja zu sagen, weil sie immer noch auf eine Zurückdrehung des geschiehtliehen Rades hofften. _ , Dr. N. Einnahmen des jüdischen Nationailonds um Uber 28% gestiegen Jerusalem, 6. Mai, (j.T. A.) Wie aus den soeben vom Hauptbüro des Jüdischen Na'ionalfonds veröffentlichten Statistiken hervorgeht, sind die Eingänge des Fonds m den letzten vier Monaten gegenüber dem in demselben Zeitabschnitt des Vorjahres erzielten Ergebnis u in 28׳,״» gestiegen. Das Gesamtergebnis der Sammlungen in den letzten vier Monaten beträgt 58000 Pfund gegenüber 45 000 Pfund im entsprechenden Zeitabschnitt des Vorjahres. Bcmerkenswert ist, daß an der Spitze der Sammlungen Polen mit knapp 10000 Pfund steht. Es folgen England mit 9000, Südafrika mit 8000 und Amerika mit •1000 Pfund. Die Durchfiihrung der Sonderaktionen ״Minhal Arlosoroff“ und ״Miphal Ussischkin“ haben ebenso wie die Zuweisung eines Drittels aus den für die Ansiedlung deutscher juden ln Palästina gesammelten Geldern wesentlich zur Erhöhung der Eingänge des Keren Kajemcth beigetragen. Kunst tincl Leben Appell zu einer Aktion de* Zcntralausscliusse* für Hilfe *und Aufbau Von Dr. Leo B a eck Mittwoch, (Jen 9, Mai, fand im Theater den Jüdischen Kulturbunacn Berlin die Erstaufführung des Shake• spcarcschcn Lustspiels ״Was Ihr unllt“ statt. Die Auf• führung war zugleich als Auf’akt einer Aktion des Zentralausschusscs der deutschen Juden gedacht. Der Präsident der Reichsvertretung dar deutschen Juden, Dr. Leo Baeck> hielt vor derVorstelluno eine Ansprache an das Publikum. W,r müssen wegen des vorzciti en Redaktionsschlusses der vorliegenden Nummer (infolge des Himmclfahrts• tages) den Bericht über die Au'führung für die nächste . Nummer zurücks'el'en und veröffentlichen evie lediglich die Rede Dr. Baecks■ Red■■ Was bedeutet es, daß wir hier an diesem Abend zu diesen Stunden beisammen sind? Wir haben ja das innere Recht, zu diesem Abend zusammen z.u sein, nur wenn das altes hier auch seinen Sinn hat, der über diese Stunden hinausreicht. Dieser Abend will bedeuten, daß wir alle, von unserem jüdischen, Standorte, unserem jüdischen Platze aus in die Welt hmaushli ken, daß wir um unseres Jüdischen, um unseres Menschlichen willen in die Welt hintmssehen, in die Welt des Großen, diese Welt der Tragödie, und in die Welt des Kleinen, diese Welt der Komödie, um das Große in seiner Größe und das Kleine in seiner Kleinheit zu sehen. Es ist das Eigene, das Geniale, das Persönliche Shakespcarcs, daß er in der Kraft seines Denkens und Oestaltens den Menschen mit der Welt zu verbinden vermochte. Sein Genius hat die weite Fülle der Wirklichkeit, der Natur, der Geschichte und des Schicksals umfaßt und sic in Menschengestalt cingefügt, sie zu dem menschlichen Standpunkt und auch der menschlichen Verantwortung hingeführt. Er hat eine Synthese, eine Verknüpfung und Verwebung zur Einheit, zwischen Welt und Menschlichem zu gestalten vermoeht, mit allen den Problemen auch, die darin gegeben sind — er ist ja auch mehr ein Meister der Probleme als der Lösungen. Durch seine Kunst können wir in die Welt hinatissclien lernen. Wir Juden des vorigen Jahrhunderts, zumal wir deutsehen Juden, haben uns viel darum bemüht, und uns viel daran hingegeben und auch daran fortgejeben, die Welt durch die Kunst zu ei g c n zu ge w innen. Wir haben uns zu sehr und zu oft darin und daran fortgegeben, und wir haben dadurch zumeist unseren jüdischen Standort verloren — und nur vom jüdischen, durch die Jahrtausende gescliaffcnen Standort aus können wir wahr und zutiefst die Welt sollen. So viele von 11ns hatte eine Schausucht und Schaugier, eine Hörsucht und Hörgier erfaßt und hatte diese Menschen durch ihre Tage hindurch und in ihren Tagen umhcrgctricbcn. Wir kennen sie, um sie mit einem Worte des Arisfophancs zu benennen, diese ״zehntausend Männlein und Wcihlcin“, deren Lebensinhalt cs war, Kunst zu selten, Kunst zu hören, über Kunst zu sprechen, diese ästhetisch Verkleideten, die immer dem Modernen nachwandcltcn. Sie haben den jüdischen Standort verloren, und sic haben darum auch nie von der Welt etwas erlebt aus einem Grunde vor allem. Ihnen war das, was die Kunst zeigte, bloßer Stoff, Stoff der Schausucht und Hörsucht, des Verlangens nach Neuem und Wechselndem, nur Stoff, aber nicht Kraft, und es ist ihnen darum auch nicht zur Kraft geworden. Und es gibt nur eine Kraft im Menschlichen, die sittliche, die religiöse Kraft; alles andere Können ist nur Macht oder Talent, nur Gewalt oder Fertigkeit. Das Jüdisehe und Menschliche ist in jenem Treiben verzehrt worden. Eines kann hiervor retten, das 14t die Besinnung auf den Sinn des Lebens, und alles Lehen erschließt sich uns im eigenen, uns Juden im jüdischen Leben. Diese Besinnung auf uns, diese echte Selbsterkenntnis wird zur inneren Befreiung. Selbsterkenntnis ist nicht ein Blick in den glatten Spiegel, sondern ist der Blick zu der Pflicht, zu der ernsten, Opfer gebietenden Pflicht. So hat der Meister, der nach Shakespeare als Größter wieder Welt und Leben sah, Goethe es gesagt: ״Versuche deine Pflicht zu tun und du weißt gleich, was an dir ist. Was aber Ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.“ Im Opfer, das wir bringen, lernen wir wahrhaft in die Welt hinattsschcn, von unserem jüdischen Standort aus in sie hineinblicken. Das Opfer für Menschen befreit von ästhetischem Getriebe und Modernitätsgehabe. Der heutige Abetul ist der Kunst geweiht, diesem Blick in die Welt, und er ist zugleich einem Entschluß geweiht, diesem Wege zur Welt. Er will die Arbeit unsere* Zen• tralausschtisscs für Hilfe und Aufbau cinleiten, dessen zweites Jahr mit alten und neuen großen, unent• behrlichctt Aufgaben vor uns hintritt, und dazu aufrufen, daß jeder nach seinem Können für dieses große Werk ein• trete und beitrage. Wer das erfüllt, dem erschließt sich das Leben, der ist dann gereift und geprüft, die Kunst zu erleben, in ihr die Welt zu erfahren, als Jude die ■Weft mit ihren Fragen und Geboten. pir ״sfr.spr1■־'^!■״■ v ־׳!/■.*fr־■ •HAU D-E COLOGN-E T k ־1 / ■׳/ '\ 'X //׳, Im Das interessanteste, pikante Modcpänß *־TV ■ARTMU-CT TAta I SCH ««INC PAiO-Cl'. Mfc«lt n י ^.* .JÜ 'P1f1r*??wr* *,lliliüiii Po t 0 h 0 ok k 0 n 10: Borlln Nr. 104951 Bankkonto: Drtidmr Bank, Oaposltankasaa Ku rf Q rat« ndsmm