Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXVI (1931)
- Issue
- Heft 11 (10.2.1931)
- Date
- 1931-02-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 72 IUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 11, 10. II. 1031 Historische Werke Münz, J.: Jüdisches Leben im Mittelalter. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte der deutschen Juden. Mit Illustrationen. Leipzig, M. W. Kaufmann 1930. 95 S. 8°. Baer, Fritz: Die Juden im christlichen Spanien. Teil 1. Urkunden und Regesten. I. Aragonien und Navarra. 1929. XXVIII, 1173 S. 8“. Berlin, Akademie-Verlag 1929. (Ver- Öffentlichungen der Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Historische Sektion. Reihe Band 4.) Zwei Bücher sollen hier erwähnt werden, die grundverschieden sind. Das eine befaßt sich mit Deutschland, das andere mit der Pyrenäenhalbinsel. So verschieden, wie diese beiden Landgebiele im Mittelalter waren, sind sie heute nicht mehr, trotz der immerhin noch großen Unterschiede. Und so verschieden äußerte sich auch das Leben der Juden, fast mehr noch das innere als seine äußere Gestaltung. Deshalb müssen Bücher, die das!..eben der Juden in diesen Ländern behandeln, schon durch den Stoff von Grund aus sich unterscheiden. Und das ist der Fall bei den beiden hier vorliegenden Büchern. Da,s eine ist ein nicht sehr großes Buch von Dr. J. Münz und behandelt ״Jüdisches Leben im Mitteltalter“ als einen Beitrag zur Kulturgeschichte der deutschen Juden. Man merkt es dem nicht anspruchsvollen Buche nicht an, daß ein Mann, ein Rabbiner es geschrieben hat, der die Grenze des biblischen Alters überschritten hat. Es ist ein Buch geistiger Frische und eines fast jugendlichen Gemütslebens. Wären nicht am Schlüsse die Anmerkungen gesammelt, mit denen der Stoff belegt wird, der ans den Quellen geschöpft und im Zusammenhange dargestellt ist, so würde man kaum aut den Gedanken kommen, ein wissenschaftliches Buch vor sich zu haben. So leicht liest es sich, so einfach und doch so eindringlich ist es bei aller bescheidenen Zurückhaltung geschrieben. Es führt in das jüdische Haus, wie es im Mittelalter• in Deutschland aussah. Das Familienleben, der Sabbat und die Festtage, Erziehung und Studium der Männer, das Leben der Frauen und Mädchen, aber auch das Berufs- und Wirtschaftsleben, das soziale Wirken, der moralische Stand und die ethische Auffassung werden ebenso wie Geburt und Verlobung, Hochzeit und Begräbnis behandelt. Wer sich mit Familiengeschichte deutscher Juden abgegeben hat, wird gern bemerken, daß der gelehrte Verfasser mit Vorliebe aus seiner eigenen Familiengeschichte, die weit in das deutsche Mittelalter hinaufragt, geschöpft hat, und daß wir dadurch gleichzeitig fiuch ein persönliches Dokument aus einer hervorragenden. Gelehrtenfamilie besitzen, das der Verfasser mit Recht seinen Kindern gewidmet hat. Denn auf dem engen Zusammenhange zwischen Vätern und Söhnen beruht die Fortfünrtmg der jüdischen Stammesgeschichte und des jüdischen Volkes. Ganz anders ist das andere Buch, das uns der rühmlichst bekannte Akademie-Verlag vorlegt. Fritz Baer» der durch sein persönliches Wirken an der Jerusalemer Universität lebendjge Anregungen gegeben und methodisches Forschen auf historischem Gebiete eingeführt hat, hat schon früher der Geschichte der Juden in den christlichen Ländern der Pyrenäenhalbinsel seine Aufmerksamkeit gewidmet. Sanitätsrat Dr. Gustav Bradt, der viel zu irüh dahingegangene Vorder ״Gesellschaft der Freunde der Jerusalem-Bibliothek » hat als Führer des Vortrupps der ״Akademie für die Wissenschaft des Judentums״ dahin gewirkt, daß Fritz Baer die Möglichkeit hatte, im Aufträge dieser Akademie m Spanien selbst das urkundliche Material zu erforschen, das dort in Archiven und Klöstern ruht, und das von der reichen , Geschichte der spanischen Juden Kunde gibt. Es galt, vor allem auch die Sammlung der großen Privilegien der Judengertiefnden zusammenzubringen. Die hat Baer für das vierzehnte Jahrhundert geradezu vollständig beschaffen können. Viel schwieriger war es, den Stoff zur Kultur- und Rechtsgeschichte der Juden, zur Wirtschaft und Wissenschaft des jüdischen Stammes beizubringen, wenn auch wichtige Vorarbeiten vorhanden sind. einem fast zwölfhundert Seiten großen Bande legt nun Fritz Baer erst einmal das Urkunaenmaterial vor, das er aus und über Navarra und Aragonien mitgebracht hat, d. h. den Stoff, der die östliche Hälfte der Halbinsel betrifft. Noch tenlt ganz Castilien und erst recht Portugal, aber natürlich auch der ganze Süden, der ja nicht zum christlichen Spanien gehörte, sondern für die Berichtszeit noch in den Händen der Muslimen war. ... f'n übepeiches Material liegt vor. Freilich einstweilen nur für den Gelehrten und eigentlich nur für den Fachgelehrten fenießbar. Aber schon sieht man, wie sich daraus die lebenige Geschichte formen wird. Die Beilagen, die die auf die Juden in Aragonien und Navarra bezüglichen Oesetze behandein und dann erst die Ausführungen, die zum Urkundenwesen una Pnvatrecht der Juden in Spanien gemacht werden, zeigen hier im Zusammenhänge interessante Entwicklungen. Von nesonderem Werte sind auch die Register von Personennamen, die allein etwa fünfzig Seiten einnehmen. Sie sind für eine Namensgeschichte der Juden unentbehrlich. Und daß wir endlich ein großes jüdisches Namenbuch nötig haben, das alles sammelt und bearbeitet, was über Judennamen aller Zeiten existiert, darüber sollte man eigentlich kein Wort mehr verlieren dürfen. Fritz Baer hat mit großer Gründlichkeit, die man um so mehr bewundern muß, wenn man weiß, wie geringe Zeit ihm für seine Forschungen an Ort und Stelle zur Verfügung stand, das Urkundenmaterial für die östlichen spanischen Länder gesammelt und mit methodischer Akribie zum Abdruck gebracht, so daß man sich schon jetzt aut die Publikation der castilischen Urkunden und erst recht auf die dann toigende systematische Darstellung und Verarbeitung des Riesen- Stoffes freuen darf. _ Es wird eine Bereicherung des jüdischen Wissens im allgemeinen, die Kenntnis von dem, mit den deutsehen Juden zusammen, wichtigsten Zweige des mittelalterliehen Judentums überhaupt sein. Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums, die das Werk veranlaßt hat, erwirbt sich damit ein weiteres Verdienst um che Kenntnis der jüdischen Volksgeschichte. Heinrich Loewe. Heinrich Schmidt, Philosophisches Wörterbuch. (Mit Zeit- Mel und 32 Bildnissen.) Verlag Alfred Kröner, Leipzig 1930. 3,50 M. In Kröners bewährten Taschenausgaben ist hier in einem handlichen Band eine Erklärung der wichtigsten philosophischen FachauSdrücke und Namen in gemeinverständlicher Form gegeben. Auch Schlagwörter jüdischen Interesses wie Kabbala, Phiion, jüdisch-griechische Philosophie usw. finden sich vor. Bei Cohen sind leider die jüdischen Werke gar nicht erwähnt. Noch mehr überrascht die Erklärung des Wortes ״Pharisäer": ״Ein Mensch, der am Wahnsinn der Selbstgerechtigkeit leidet (Lukas 18,1 Off.)“ — dies ist vielleicht Erklärung eines Sprachgebrauchs, keineswegs philosophische Erkenntnis des Pharisäismus als ethischer Lehre (8. darüber bei T. Herford). In derselben Einseitigkelt wird In dem Artikel ״Christentum" (einen Artikel ״Judentum" gibt es nicht) unter völliger Ignorierung der Propheten (auch sie haben keinen Artikel) der Judengott als Schutzherr nur des jüdischen Volkes und als ״grausamer Despot" bezeichnet. Das sonst sehr brauchbare Buch bedarf also im ״Juden- Punkt“ einer gewissen .Revision. sch, Ein jüdischer Beitrag zur deutschen <1eistesgeschid1te (Ernst Simon: Ranke und Hegel.) Die jüdische Generation, die als Jugend staunend den Zusammenbruch einer Welt erlebte und fn diesem Zusammenbruch die neuen Perspektiven erhielt, die die Nachkriegssituatioit der jüdischen Gemeinschaft schenkte, lenkte Ihr Interesse aut das Theater der Geschichte. Ist sie ein Theater, das menschliche Kleinheit und Bosheit und das ewige Versagen des Edlen vorführt? Ist sie das Weiheschauspiel, das im fünften Akt der Tragödie den Sieg des gerechten Gottes proklamiert? Und wenn von diesem Sieg die Rede ist, können wir ihn sehen, oder müssen wir ihn glauben? Ernst Simon, Repräsentant der neuen, durch solche Fragen berührten jüdischen Generation, die nun mutig und energisch einen Weg geht, der für sie nicht ihre private Anelegenheit, sondern ihre Volk und Schicksal gestaltende Arbeit edeutet, hat ein Buch über das geistesgeschichtliche Verhältnis von Ranke und Hegel geschrieben. (ErnstSimon: Ranke und Hegel Beiheft 15 der Historischen Zeitschrift, Verlag R. Oldenbourg.) Also eine Angelegenheit des deutschen Geisteslebens? Gewiß, auch das. Wir können mit Genugtuung feststellen: eine wichtige Arbeit, die auf dem Gebiete der neueren deutschen Geschichte und der Philosophie von keinem unberücksichtigt gelassen werden kann, der diesen Abschnitt deutsehen Geistes in seiner Tiefe kennen lernen will, wurde liier von einem der Unseren geleistet. Die Untersuchung, wie weit oder wie wenig der Historiker Ranke in seiner Arbeit von dem Systematiker Hegel abhängig ist, wie er in seiner eigentlichen Arbeit, die ihn als betrachtenden Erzähler und Schilderer charakterisiert, doch ganz unabhängig ist, das ist, man kann es nicht anders sagen, in seinem abwäg enden Hin und Her direkt spannend geschrieben. Die eben angedeuteten Fragen sind restlos geklärt und machen die'Arbeit zu einer endgültigen Lösung dieser Problemstellung. Männern wie Tröitsch, Meineke, Oncken und Haym gegenüber tritt der Verfasser durchaus selbständig auf und argumentiert Im einzelnen durchaus überzeugend gegen sie. Wenn es sich also auch um eine Arbeit handelt, die das deutsche Geistesleben betrifft, so wird den Freunden des Autors doch der für religiöse Dinge mit feinem Verständnis begabte Jude sichtbar, der hier schreibt Zur Unterscheidung des religiösen Denkens vom utopischen (Hegel) findet Simon die schöne Formulierung, daß beim religiösen Denken nicht jede Grenzüberschreitung der Transzendenz logisch geahndet, aber keine systematisch erzwungen wird (S. 129). — ״Gibt es wohl etwas Weltliches auf der Welt, etwas Gottloses?“ tragt der junge Ranke. Simon fügt hinzu: Ranke antwortet mit der ewigen Antwort aller tiefen Zweifler, daß alles göttlich sei (S. 10). Wenn Ranke das Gottwlssen der Systematiker, das Götterleben der Mystiker ablehnt und das Gottahnen, das die Betrachtung der Geschichte gewährt, wählt, bemerkt der Leser, daß der Verfasser von der Seite Hegels auf die Rankes tritt. Wenn wir ln der Oeschlchte Gott nur ahnen können, so bedeutet das nicht, ״daß Gott nur zuweilen die Hand aufhebe“, sondern nur, daß der Betrachter der Geschichte Gottes Leitung nur zuweilen erkennen könne (S. 96/97). Der Gott, den Simon bei Ranke feststellt, ist der Gott Jesajas, der es ״von fern her bildete״ (Je®. 22, 11b), der aber nicht einfach ״Immenu losdrischt“ (Jes. 28, 28). Simon unterscheidet davon streng die utopische Haltung Hegels, die im eigenen Plan das Kommen des Messias garantiert sieht, und er charakterisiert solche Ein- Stellung als Selbstvergottung, denn hier wird nicht Gott geopfert, sondern der Utopie, und diese ist der Herren eigener Geist, nicht von Gott empfangener Auftrag. Demgemäß steBt -, der Verfasser dem FortschrftSchliiasiims eines Hegel di« Ansicht Rankes gegenüber, daß jede Zeit Gott unmittelbar gegenübersteht. — Diese wenigen Andeutungen sollen zeigen, daß Simon sich auch in diesem wissenschaftlichen Buch als der bewährt, als der er seinen Freunden bekannt ist: als einer, dessen Interpretation religiöser Gedanken ebenso von Geist wie von Blut zeugt. Simons Buch besitzt ein kurzes Vorwort, das einige Bemerkungen, enthält, von denen hier nicht gesprochen zu werden braucht. Trotzdem muß hier auf dieses Vorwort aufmerksam gemacht werden. Es trägt das Datum: ״Jerusalem, den Dieses Buch, das eine große Zeit des deutschen Geisteslebens darstellt, — lebendig und plastisch läßt Simon die Heroen vor uns treten: Ranke, Hegel, Schleiermacher, Savigny und die ganze Berliner Universitätsgeschichte aus der Zeit dieser Männer — hat unter seinem Vorwort stehen: ״Jerusalem, den....“ Man unterschätze diese Aeußerlichkeit nicht. Simons Buch ist jedem unentbehrlich, der die Bewegung des deutschen Idealismus in der Zeit nach Kant bis zum Zusammenbruch nach Hegels Tode kennen lernen will. Viele werden diese® Buch in die Hand bekommen. Die jüdische und die nichtjüdische studierende Jugend, von welchem Spezialgebiet auch immer sie an dieses Stück glänzend geschriebener deutscher Geistesgeschichte herantreten wird, sie alle werden einen Augenblick innehalten und sich Oe* danken machen über das Vorwort dieses deutschen Buches: ״Jerusalem. den.. .״ Hier sei erinnert an Hermann Cohen, der seine Liehe zu Deutschland unter anderem durch folgenden Gedanken ideologisierte: ״Seit der Blüte des jüdischen Geistes in der arabisch-spanischen Periode hat der jüdische Stamm erst in dem deutschen Volke wieder ein universales Kulturleben entfaltet.“ (Jüdische Schriften II, S. 79 ) Diese deutsch-jüdische Kulturgemeinschaft hat sich Cohen in anderer Weise vargestellt, als sie das an Palästina orientierte Judentum Simons darstellt. Daß aber sein Buch ein schönes und eindringliches Dokument einer auch so möglichen deutsch-jüdischen Kulturunion ist, darf auch im Sinne Cohens behauptet werden. Rabbiner Dr. Ignaz Maybaum (Frankfurt/Oder.) Thesaurus phüosophicus linguae hebralcae et veteris et recentioris — Auctore Jac. Klatzkin, Operis collaboratorc M. Zobel pars tertia, Lipslae 1930. Der dritte, vorletzte Band des in der ״Jüdischen Rundschau“ anläßlich des Erscheinens der ersten zwei Binde ausführlich gewürdigten philosophischen Lexikons der hebräischen Sprache. Diesem Bande kommt insofern eine besondere wissenschaftliche Bedeutung zu, als in ihm die Buchstaben Nun—Kat bearbeitet sind, die bisher akademisch-lexikographisch überhaupt noch nicht erfaßt waren. Denn das erste umfassende hebräische Lexikon, dasjenige von Ben Jehuda, liegt bis jetzt noch immer als Torso vor. Muß der Thesaurus Phüosophicus, der von Jacob Klatzkin unter Mitwirkung von Zobel herausgegeben wird, an sich als Ergänzung zu jedem hebräischen Wörterbuch betrachtet werden, da ja die philosophische Sprache nur ein Teil der Gesamtsprache ist, so ist es von diesem Bande ab das einzige vorhandene Nachschlagewerk gerade für den schwierigsten Teil des Hebräischen. Wir finden in diesem Bande unter anderem seitenlange Darstellungen der Terminologien zu Nefesch (Seele), Nosse (Subjekt und Objekt), Sibba auch lila (Grund), Ezem (Substanz), Zura (Form), Kaw (Linie), die eine reiche Synonymik enthalten. Man darf auf den vierten, abschließenden Band gespannt sein, der auch eine umgekehrte, deutsch-hebräische philosophische Terminologie bringen soll. K. Baruch. Kleine Nachrichten Auf einer Keren Hajessod-Kundgebung in Novisad (Jugoslawien) sprach der Generaldirektor der jugoslawischen Staatliehen Postsparkasse, Universitätsprofessor Dr. Müorad Nedeljkovlc, über Probleme der jüdischen Kolonisation in Palästina, die er anläßlich seiner Palästinareise kennengelernt hat. Hierauf gab der serbisch-orthodoxe Bischof von Backa, Dr. Irene] Ciric, eine Sympathieerklärung für das jüdische Palästinaideal ab. Zwischen der Hadassah, der Stadtverwaltung von Tel- Awiw und der Regierung ist nach langen una schwierigen Verhandlungen ein Abkommen über die Uebertragung des Krankenhauses aus der Kompetenz der Hadassah in die der Stadtverwaltung zustandegekommen. Die Abmachung soll (laut ״Dawar“) vom 1. Februar 1931 an in Kraft treten. Die jüdischen Arbeiter, die wegen der Unruhen in Ness-Ziona zu je einem Monat Gefängnis bzw. einer Geldstrafe von 20 Pfund verurteilt wurden, haben gegen dieses Urteil Berufung eingelegt. Obwohl den Verurteilten eine einjährige Bewährungsfrist zugebilligt worden ist, haben sie es vorgezogen, die Urteilsrevision im Gefängnis abzuwarten. Dieser Tage empfing der Gouverneur des Norddistrikts, Mr. C o 1 v i f I e, eine Delegation der jüdischen Bevölkerung von Haifa, an der Vertreter der Handelskammer, der Gemeinde, der Arbeiterschaft usw. teilnahmen. Die Delegation verlangte, daß die Regierung die Lage auf dem jüdischen Arbeitsmarkt in Haifa durch eine stärkere Heranziehung von jüdischen Arbeitern zu öffentlichen Arbeiten erleichtere. Der Oouverneur erwiderte, die Finanzlage der Regierung habe sich verschlechter!, die Regierung müsse sich in London O e ld 1 ei h en und dürfe daher das festgesetzte Budget in keiner Weise überschreiten. Er werde jedoch mit dem Leiter des Hafenbaus, Mr. Thompson, sprechen und hoffe, daß bei den demnächst beginnenden Betonarbeiten eine größere Anzahl jüdischer Arbeiter eingestellt werden könne. Der Oouverneur drückte sein Erstaunen aus, daß bei dem Bau der neuen Eisenbahnwerkstatten, der jüdischen Unternehmern übertragen wurde, nur 40 jüdische Arbeiter beschäftigt seien. (Zlko.) Bei dem Prozeß gegen elf Hakenkreuzier in Würzburg, die im November eine Aufführung der Habima im Würzburger Stadttheater gestört haben, wurden zwei Angeklagte zu sechs Monaten Gefängnis und einer zu 3>/a Monaten, ferner zwei zu 100 M. und zwei zu je 50 M. Geldstrafe verurteilt. In der Urteilsbegründung wird befremdlicherweise ausgeführt, es müsse dahingestellt bleiben, ob im jetzigen Augenblick eine Theateraufführung durch eine ausländische jüdische Truppe am Platze war; dies ןמ beurteilen sei nicht Aufgabe des Gerieht*. Diese Bemerkung ist freilich bereits eine Stellungnahme. Es ist bezeichnend, daß das Gericht in einer Frage der Kunst eine Anschauung vertritt, die wohl keinem anderen ausländischen Gastspiel gegenüber vertreten worden wäre. Im Hessischen Landtag wurde der Beschluß der Gießener ״Asta“ auf Einführung des Numerus clausus egenüber jüdischen Studenten auf Grund einer Interpellation er Demokraten behandelt. Die Regierung versprach, nach den Verurteilungen dieses ״Asta"-Beschlusses durch die linken Parteien die Vorgänge zu untersuchen und im Falle, daß es sich um eine Ueberschreitung der Befugnisse der ״Asta“ handelt, die gebotenen Maßnahmen zu ergreifen. Im Alter von 67 Jahren verstarb J. Ch. Zagorodski, Mitglied der Redaktion der Tageszeitung ״Moment“, einer der angesehensten hebräischen und jiddischen Publizisten. Er war in früheren Jahren einer der engsten Mitarbeiter Nahum . Sokolows in der Redaktion der ״H ai e ph.i r ‘ Die amerikanische ״Nation“ schreibt über den verstorbenen Nathan Straus u. a., er habe in der vordersten Reihe der zionistischen Führer gestanden und seine aggressive Entgegnung auf Fords Angriff gegen die jüdischen internationalen Bankiers sei wohl eine der Hauptursachen dafür gewesen, daß Ford seine Beschuldigungen zurücknahm. Bei der Jahresfeier des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau zum Gedächtnis seines Stifters, Kommerzienrats Jonas FraenkeL erstattete der bisherige Vorsitzende des Dozentenkollegiums, Dr. R abi n, den Bericht über das abgelaufene Jahr. Professor Dr. MichaelOuttmann wurde Vorsitzender für das kommende Jahr. Die französische Regierung hat ein die Klagemauer darsteliendes Gemälde des palästinensischen Malers Schmuei Levin für das Musee de Luxembourg erworben. Minister Becker über Panarabische Bewegung• Am 6. d. M. hielt der Staatsminister Prof. Becker, bekanntlich Präsidiumsmitglied des Deutschen Komitees Pro Palästina, in der Deutsehen Weltwirtschaftlichen Gesellschaft einen Vortrag über ״D i e panarablsche Bewegung“. Der Vortragende, ein genauer Kenner der islamischen Welt, verstand durch seine kuitivierte und elegante Vortragskunst und durch die aus dem Born einer profunden Bildung schöpfende Darstellung den zahlreichen Zuhörerkreis außerordentlich zu fesseln. Prot. Becker stellte gleich an den Anfang seiner Ausführungen die These, die das Ergebnis seiner Betrachtung ist: daß es eine ״panarabische“ Bewegung nicht gebe. Man könne höchstens von einem panislamischen Gefühl sprechen, das sich aber nirgends zu einer olitischen Kraft verdichte. Die ganzen nordafrikanischen Geiete müssen von vornherein aus jeder panarabischen Kombination ausgeschaltet werden. Man könne also höchstens von einer ״großarabischen“ Bewegung sprechen, die lediglich Syrien, Irak und die arabische Halbinsel umfaßt. Der Redner charakterisierte die dort entstandenen staatlichen Gebilde und die großarabischen Tendenzen, deren Entstehung in der Vorkriegszeit vor allem aus der Abneigung gegen die türkische Herrschaft zu erklären ist. Heute ist durch das Verschwinden der Türkei das Band ein viel lockereres geworden, auch sind die strukturellen Unterschiede und die Sonderinteressen der einzelnen Länder stärker als ihre Solidarität. Man müsse daher, meinte der Redner zum Schluß, mindestens für ein Jahrhundert die großarabischen Träume für eine Utopie halten. — Obwohl eine Diskussion nicht stattfand, ergriff General Böhme das Wort, um dem Vortragenden in einigen wichtigen Punkten entgegenzutreten. Er wies auf die Interessengemeinschaft Deutschlands mit der arabischen Welt hin, nämlich die gemeinsame Gegnerschaft gegen den französischen und englischen Imperialismus. Deutschland dürfe solche Fragen nicht lediglich vom Gesichtspunkt wirtschaftlicher Betäiigungsmöglicbkeiten betrachten, sondern die Politik über die Wirtschaft stellen. Die gegenwärtige Machtkonstellation müsse geändert werden, war es ganz Interessant, diese weltpolitischen Perspektiven eines deutschnationalen Redners, der übrigens auch die Chancen des Zionismus weit ungünstiger beurteilte als Professor Becker, kennenzulernen, so konnte man der Bemerkung des Debattenredners, daß der Vortragende die Tiefe der großarabischen Bewegung unterschätzt habe, nicht ganz unrecht geben. Insbesondere nahm es wunder, daß Prof. Becker, der aus der Spannung gegen die Türkei den arabischen Nationalemus ableitete, dem heutigen Gegensatz gegen Europa keine derartige Wirkung beimißt; und daß der Gedanke einer arabischen Föderation — im Gegensatz zu dem großarabischen Einheitsreich — in Beckers Betrachtungen gar keine Erwähnung fand, obwohl gerade dieser Gedanke heute die arabische lnteßigenz in alka neuen Staaten stark bewegt, W*