Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 101-102 (24.12.1929)
- Date
- 1929-12-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- Thomas Mann 2× ep/1025357
- Armin T. Wegner 1× ep/1025744
- Baku 1× ep/1000527
- Fritz Kahn 1× ep/1009829
- Hans Kohn 1× ep/1000025
- Ignaz Maybaum 1× ep/1002573
- Judah Leib Gordon 1× ep/1005501
- Martin Buber 1× ep/1009258
- Max Scheler 1× ep/1005987
- Odesa 1× ep/1000834
- Romain Rolland 1× ep/1025528
- Walter Trier 1× ep/1025702
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Wf.!01/102, 24. XU. 1029 JUED1SCHE RUNDSCHAU Säte 093 1 Literatur-Blatt Zehn Jahre Hablmah (Festaufführung des Dybuk. — Empfang ln der Berliner Jüdischen Gemeinde.) Der Zufall wollte es, daß die *ehnte Wiederkehr des I Gründungsdatums der Habimah gerade in die Zeit fiel, da die Hablmah in Berlin gastierte. So gestaltete sich denn die Aufführung des ״Dybuk“ am 19. Dezember zugleich zu einer Feier des zehnjährigen Jubiläums. AeuBerlich kam das darin zum Ausdruck, daß vor dem dritten Akt namens der Freunde der Habimah Dr. Nahuin Go Id mann von der Bühne aus an das versammelte, festlich gestimmte Publikum eine An- Sprache hielt, in der er die Bedeutung der Habimah würdigte. Die Aufführung selbst war der Gipfelpunkt der diesjährigen Leistungen der Habimah in Berlin. Gegenüber den Aufführungen des Dybuk während der früheren Gastspiele in Berlin ist zu bemerken, daß sowohl der Arme-Leute-Tanz im 2. Akt wie auch der Chassidim-Tanz im 3. Akt uns viel gehaltener und darum noch wirksamer erschienen sei als in früheren Jahren. Die Berliner Kritik — vor allem das B. T. und die B. Z. —- quittierten diese Aufführung mit der Feststellung, daß sie v 011 - endet war. Tatsächlich kann man sich nichts Adeligeres vorstellen als die Lea der Rowina, den Chanan des F ried־ 1 and und den Rabbi Asriel des Tschereminski. Mtsk in als blinder Bettler, der Meschulach und alle anderen — unvergleichlich! Nach Schluß der Vorstellung gab es Blumenspenden, Geschenkkörbe und unzählige Hervorrufe. Der Jubel Wollte kein Ende nehmen. Sonntag vormittag, am 22. d. M,, wurde die Hablmah im Sitzungssaal der Berliner Jüdischen Gemeinde vom Gemeindevorstand empfangen. Der Sitzungssaal war festlich dekoriert und die vielen Freunde der Habimah feierten die lieben Gäste. Unter den Anwesenden befanden sich u. a. Fritzi Massary und Irene Tri esc h. Der Vorsitzende der Geineinde, Direktor Kareski, begrüßte die Hablmah-Leute. Dann sprach Dr. Joachim Prinz Worte des Dankes für die L eistungen der Habimah, die Zehntausenden von Westjuden das Gefühl für jüdische Realität wiedergegeben haben. Jüdische Schulkinder profitieren bei einem Besuch einer Habimah-Vor- Stellung mehr an jüdischem Erlebnisinhalt als von hundert Lehrstunden. Künstlerische Darbietungen umrahmten die Ansprachen. Die Brüder Schwarz brachten ein Violinstück zUm Vortrag. Das Mitglied der Staatsoper, ehemaliger Schauspieler der Habimah, Iso G oll and, trug Lieder vor. Irene Trietsch sprach das Kapitel 37 aus Ezechiel. Tseherem f n s k i dankte im Namen der Habimah für den Empfang. Vorträge und Reden schufen eine weihevolle Stimmung. Die Nachrieht, daß der Stadtrat von T e 1 - A w i w der Habimah anläßlieh ihres zehnjährigen Bestandes einen Bauplatz für ein eigenes Theater geschwenkt hat, erregte Freude. Es wäre ein sinnfälliger Aüsdruck des Dankes, wenn die Berliner Jüdische Oemeinde, deren Vorsitzender den Habimah-Leuten für die Befruchtung des jüdischen Lebens in Berlin dankte, als erste Geineinde in der Weit, dem Beispiele Tel-Awiws folgend, zumindest die Kosten •der ersten Bausteine für das Theater! als Zeichen der Anerkennung spenden würde. Unter den anwesenden Gästen sah man auch Liberale, führende Personen des Zentralvereins und der großen jüdischen Organisationen. Mit der Nachtvorstellung des Dybuk vom 22. auf den 23. beschloß die Habimah ihr diesjähriges Berliner Gastspiel. Am 26. Dezember wird sie in Dresden ihre Kunst dem dortigen Publikum darbieten. nt. w. Engels Musik zum ״Dybuk'*. Von den drei Stücken der ״Habimah“ ist der ״Dybuk“ zweifellos das mtis'.kh-ifteste und Joel Engels Musik dazu die beste der drei Bühnenmusiken. — Trotz der Fortschritte, die die Theatermusik — und die Musik über haupt — seit damals gemacht hat, liegt ln ihr der erste ernst■ dische Theatermusik zu schaffen; und zwar eine wirklich Volks• tümliche Thcaterniusik, deren ״Nigunim" bekanntlich in kurzer Zeit weiteste Verbreitung gefunden haben. Partien wie das ,,Minne mah“ am Anfang, das später zu einem echten chassidischen Tanzrh) tlimus ausgewertet und bei der ״Bedeckung“ und in der Todesszene variiert wird, ebenso wie der Summchor der Chassiditn sind wahre Perlen jüdischer Musik. — Habimah sollte diesen, von Engel begonnenen Weg weitergehen und moderne jüdische Musik in ihre Gestaltungsprinzipien einbeziehen, denn jüdisches Theater und jüdische Musik sind von jeher untrennbar miteinander verknüpft gewesen und dieses Theater hat ja das seltene Glück, ein Ensemble von außergewöhnliche!׳ Musikalität zu besitzen. Alice Jacob-LoeWensohn. Ein Buch Ober Martin Bnber Soeben erschien im Verlag Jacob Hegner, Hellerau, ein Buch von Hans Kohn unter dem Titel: ״Martin Büber. Sein Werk und seine Zeit. Ein Versuch über Religion und Politik.“ Das Buch ist mehr als eine Biographie. Es gibt eine umfassende Analyse der Gedankenweit Martin Bubers In allen Stadien ihrer Entwicklung und Wandlung und in allen ihren Elementen; so wird das Buch die Darstellung eines Stückes europäischer Geistesgeschichtc des ersten Viertels dieses Jahrhunderts, zugleich eine geschichtsphilosophische und philosophiegeschichtiiche Deutung. Für die Leser dieses Blattes aber ist vor allem wichtig, daß der Verfasser ein wichtiges Kapitel der zionistischen Bewegung und ihrer Geschiente zum erstenmal mit aller Ausführlichkeit schildert, mit all den geistigen Tendenzen und Strömungen, die hier von innerhalb und außerhalb des Judentums zusammenllefen. Der Weg Bubers zum Zionismus und seine Tätigkeit innerhalb der Zionistischen Organisation, seine Erforschung ejes Chassidismus, die Entstehung der Bücher über Chassidismus und der weiteren Bücher, Bubers Beziehungen zu bedeutenden Persönlichkeiten der Zeit und endlich sein denkerisches Werk, dies alles wird hier zu einem großen Bild zeitgenössischer Geschichte und modernen Judentums. Es sei noch bemerkt, daß das Buch außer den vier Kapiteln (Ursprünge“, ״Der Durchbruch“, ״Die Sammlung“, ״Die Reife“) ein außerordentlich interessantes Material in ״Anmerkungen“, die nicht weniger als 100 von den 409 Seiten des Buches in Anspruch nehmen, sowie eine wohl vollständige Buber-Bibliographie enthält. Wir werden auf das Buch, das in der vornehmen Ausstattung und dem gewohnten schönen Druck von Hegner sich sehr gut darbietet (Preis 11) M., geb. 14 M.), noch ausführlicher zurückkommen. Hebräische Uterator Der Verlag A. J. Stybel, der bekanntlich jetzt seinen Sitz in Berlin hat, veröffentlicht soeben sein Verlagsprogramm für das nächste Jahr. Das Jahr 5690 ist das erste Jahr einer neuen umfassenden und systematischen Tätigkeit, die in vier Abteilungen zerfällt, und zwar 1. klassisches Schrifttum, 2. Wissenschaft, 3. Originalwerke der schönen Literatur, 4. übersetzte Belletristik. Die erste Abteilung kündigt folgende Werke an: Die Ilias, übersetzt von Tschernichowsky; Soptiokles’ König Oedipus, gleichfalls übersetzt von Tschernichowsky, sodann drei Dramen von Shake- 8 p care und zwar der Kaufmann von Venedig, Hamlet und Julius Cäsar (Uebersetzer: Halkin, Ephrat und Lisitzky). Der Verlag teilt mit, daß auch das Erscheinen der Odyssee (von Tschernichowsky) und daß eine Gesamtausgabe von Shakespeare geplant ist. In der zweiten Abteilung werden folgende Werke in hebräischer Sprache erscheinen: An-ski, Der Untergang des polnischen Judentums; Dubnow, Briefe über das alte und neue Judentum; Horodetzky, Jüdische Mystik; F. A. Lange, Geschichte des Materialismus; Rahbiner Mast, Erinnerungen; Spencer Ethik; König Die Poesie des Alten Testaments; Klausner, Jesus (neue Auflage); Rousseau, Emile; Spinoza II. Band, ln der dritten Abteilung werden Romane von Blank, J. Horowitz, Hasas, Halkin, Kabak, Reubeni, Schofmann und Steinmann erscheinen, ferner Jabotinskys Simson. In der vierten Abteilung endlich sind Bücher von G a 1 sworthy, Sinclair Lewis, Romain Rolland, Thomas Mann usw. angekündigt. Außer dem erwähnten Verlags- Programm wird die Zeitschift ״Hatekufah“ weitergeführt. Die Bände 26 und 27 liegen bereits druckfertig vor. Der Verlag Stybel gibt seinen Subskribenten erhebliche materielle Vergünstigungen. Die Preise der Bücher ermäßigen sich für Subskribenten um 35 bis 45 Prozent Es ist bemerkenswert, daß hier in Berlin ein hebräisches Kulturwerk von bedeutenden Dimensionen geschaffen wird. Der Prospekt des Verlags enthält alle näheren Angaben. (Adresse: Berlin W30, Bayreuther Straße 32.) Von der großen hebräischen Literatur-Geschichte von F. Lachowe r, deren erster Band wir vor einiger Zeit hier angezeigt haben, legt nun der Verlag Dwir (Tel-Awiw) den zweiten Band vor, der auf mehr als 300 Seiten den Zeitraum der Haskalah von den Anfängen in Galizien bis zum Ausklang in Jehuda Leib Gordon und seinen Zeitgenossen. Der Wert der zusanunenfassenden Darstellung wird auch in diesem Band wesentlich erhöht durch die zahlreichen Literaturbeispiele. Darüber hinaus zeigt gerade dieser Abschnitt die eigentümliche Verflechtung der jüdischen Entwicklung inOstundWest und die großen geistesgeschichtliehen Zusammenhänge, ohne die die heutige Situation aes Judentums und auch der Zionismus in seinen geistigen Wurzeln gar nicht zu verstehen ist So wird jede hebräische Literaturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts, besonders da Werke von künstlerlscher Vollendung In dieser Zeit nicht vorliegen, vor allem eine Geistesgeschichte, die tiefe Einblicke gewährt in den in diesem Zeitraum sich vollziehenden Gestaltwandel des Judentums. — Es ist zu begrüßen, daß der Verlag Dwir in seinen geradezu vorbildlichen Ausgapen die Werke der bedeutenderen wieder zugänglich macht. So z. B. erschienen soeben 2 Bände der Schriften von J. L. Oordon. Von anderen neuen Büchern des Verlags Dwir erwähnen wir eine Uebersetzung der Memoiren der Glücke! von Hameln (von A. S. Rabinowicz). Thomas Mann las am 19. d. M. zum Besten der ״Jüdischen Altershilfe“ im Hause von Herrn Hugo Simon aus seinem noch unveröffentlichten Roman ״Josef und seine Brüder“ einige Abschnitte. Dr. Fritz Kahn eröffnete die Veranstaltung mit herzlichen BegrülSungsworten. Thomas Manns Roman ist zweifellos für die jüdische Leserschaft von besonderem Interesse. Der Dichter las einige Abschnitte, deren Held Jakob ist. Die Gestalt Jakobs tritt hier in der wahren Größe seiner Seildüng vor uns. Er erscheint als der Gottesstreiter, und selbst die menschliche Unzulänglichkeit, die bis ins grellste Licht gestellt wird, vermag nicht, dieser Größe Abbruch zu tun, ja sie Wird nur um 80 wirklicher, als sie auf vorstellbarem Grund sich aufbaut. Eine bis zum letzten Augenblick gespannt lausehende Zuhörerschaft dankte וייי׳יי Dichter durch reichen Beifall. — Die gastfreundlichen Wirte luden dann Ihre Gäste zu einem gemütlichen Beisammensein, bei dem noch Ansprachen gehalten wurden. m. Armin T. Wegner, Fünf Finger über Dir. Bekenntnis eines Menschen in der Zeit Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1929. Dieses ist eines der schönsten neuen Rußlandbücher. Es setzt sich zusammen aus Briefen und Tagebüchern eines empfindsamen, weltlichenden und aufgeschlossenen Menschen von reiner Gesinnung und tiefer Schau. Wegner hat die Seele Rußlands, von der uns schon Rilke gekündet hat, mit tiefem Erschauern erlebt; indem er das Land durchreist von Moskau bis Eriwan, Baku und Odessa, und über die Grenze bis Teheran, lernt er das Leben und den Geist der Völker kennen und den schöpferischen Drang einer neuen Zeit. In Jasnaja Poljana verbringt er einige Tage tiefer Ergriffenheit. Juden hat Wegner nur vereinzelt getroffen, über das russische Judentum berichtet er nicht. Aber Rußland verstehen heißt auch russische Juden verstehen. Dieses Buch von fast mystischer Kraft läßt uns dem bevorstehenden Palästina-Buch des Dichters, der dieses Frühjahr Palästina besucht hat, mit besonderer Freude entgegensehen. (In der ״Grünen Post“ hat gerade jetzt Wegner auf die Rundfrage ״Wo leben die glücklichsten Menschen?“ geantwortet, die glücklichsten Menschen seien die jüdischen Siedler in Palästina, denn trotz kärglichen Lebens haben sie ״die große Illusion der Liebe, die allein uns glücklich macht“) Kinderbücher. Zu den bereits erwähnten Kinderbüchern sei noch auf drei hingewiesen: Alice B e r e n d schrieb ein Märchen ״Die kleine Perle‘ (mit Bildern von Karl Mühlmeister, Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 3,80 M.), das voll Zartheit und Poesie ist, ein wohlgelutigener Versuch von Verschmelzung dichterischer und kindlicher Elemente. — Für Kinder von 8—12 Jahren ist ״Bibis große Reise“ von Karin Michaelis (8 Bilder und über 1(M) Zeichnungen von Hedwig Callin, Verlag Herbert Stuffer, Berlin, 6,50 M.), das beste Geschenk, ein Buch von kindlichem Humor und gleichzeitig weitem Horizont das auch Fremdes und Neues aufnehmen lehrt und so Wirklichkeit mit Dichtung glücklich verbindet. — Und schließlich das entzückende Tiergeschichten-Buch ״Das kommt davon“ von Rudyard Ky p 1 i n g (Deutsch von Hans Rothe, farbige Bilder von Walter Trier, Verlag Paul List, Leipzig, 7,50 M.), das Werk eines wirklichen Dichters, der die köstlichsten Tier-Individualitäten geschaffen hat Eine der Geschichten handelt vom König Salomon, für jüdische Kinder also besonder* interessant Und die Bilder Triers sind wahrhaft congeniaL Ideologie und Utopie Rabbiner Dr. Ignaz Maybaum, Frankfurt/Oder. Ideologie und Utopie! Wie oft bekommt der Zionist diese beiden Worte entgegengeschleudert. Das zionistische Wollen soll Uaduich der Lebensfremdheit geziehen werden. Um 80 mehr interessiert es, daß nun eine bedeutende Arbeit vorliegt, die vom Standpunkt einer wissenschaftlichen Soziologie den Geschichtsvorgang durchleuchtet und, zwischen Ideologie und Utopie wohl unterscheidend, zum Resultat gelangt: der Geist der Utopie — das ist der Wille zur Oeschichte. (״Ideologie tind Utopie“. Von Karl Mannheim. Friedrich Cohen, Bonn 1929. 3. Band der Schriften zur Philosophie und Soziologie, begründet von Max Scheler, herausgegeben von Dr. phil Karl Mannheim, Privatdozent an der Universität Heidelberg). Die ״Utopie“ ist streng zu trennen von der ״Ideologie“. Die Ideologie rückt aus dem Bereich der Illusion nicht heraus. Die Utopie dagegen ist als Ziel zunächst der Wirklichkeit tränszendent, deckt sich also mit der Wirklichkeit ebensowenig wie die Ideologie, aber im Stadium der Verwirklichung zeigt es sich, daß es der Utopie gelungen ist, die Wirklichkeit zu sprengen, und sich diese ihrem Inhalt gemäß um zuformen. Es wären dann die Utopien von heute die Wahrheiten von morgen. Da es aber ein anderes Kriterium als das nachträgliche der Verwirklichung nicht gibt, ist die Frage die, wie im Flusse der noch laufenden Geschichte Ideologien und Utopien voneinander unterschieden werden können. Die einzelnen Parteien brandmarken ihre gegenzeitigen Utopien als Ideologien. Ideologie heißt dann einfach: ״falsches Bewußtsein“ (Karl Marx): Gefangen durch die wirtschaftüche Existenz glaubt man, bestimmte Ideen und Ziele objektiv, nur wegen der ihnen zugehörigen Wertgehalte zu vertreten, und tut doch nichts anderes, als mit diesen Ideen und Zielen in einem vitalen Egoismus die eigene geschiehtliehe und wirtschaftliche Basis konsolidieren. Das ist ale Marxsehe These: die verschiedenen Wirtschaftsformen schaffen sich Jeweilig den Himmel ihrer Ideen, der aber durchaus kein Himmel ist. Das Wort Idee verliert den hehren Glanz, den es von der Zeit des deutschen Idealismus her hatte. Es tritt zurück, und man spricht von einem Bewußtsein, das durchaus nichts allgemein Gültiges ist, sondern sich je nach der Massenläge, durch die es bedingt ist, ändert: man spricht von Ideologie. Diese Methode der materialistischen Geschichtsauffassung — um sie handelt es sich hier — ist heute nicht mehr das Privileg sozialistischer Denker, die damit begannen, die ,,bürgerlichen“ Ideen auf ihre Ideologiehaftigkeit zu sichten. Heute ist das Wort Max Webers Wahrheit geworden: ״Die materialistische Geschichtsauffassung ist kein beliebig zu besteigender Fiaker und macht auch vor den Trägern der Revolution nicht halt.“ In allen Lagern wird vielmehr diese Methode angewandt, und auch die wissenschaftliche Soziofcgie bedient sich ihrer. Unbekümmert um Parteigesichtspunkle untersucht sie jegliches geschfchtliche Wollen und fragt erstens: Weiche Programme sind nur Ausdruck der geltenden Ordnung und Wirtschaft und dienen als verdeckende, dem Geschichtsvorgang sich entgegenstemmende Vorstellungen der nutznießenden Teil«? (Ideologien). Die wissenschaftliche Soziologie geht aber über diese Fragestellung der materialistischen Geschicntsauffassunjf hinaus 1 ׳«wd'-.ffigt'zvrefteniT’Wefc!« •habe»־־die-(&*#,'־׳ tMe bestehende historische Ordnung zu sprengen, und 6 c h ö p - ferisch die neue Ordnung, die im Sinne des Geschichtsganges liegt, zu gestalten? (Utopien). Mannheim führt nun eine ganze Reihe anschaulicher gesehichtlieher Beispiele an. Es gibt eine ganze Skala möglicher Typen ideologischen Bewußtseins. Der erste Typus wäre der, bei dem die Kluft zwischen Idee und Wirklichkeit noch nicht sichtbar geworden ist, wo wirklich gutgläubig die Meinung herrscht, daß die Idee noch lebendig ist. Der zweite Typus wäre das sogenannte ״cant"-Bewußtsein, das historisch di« Möglichkeit hätte, die Inkongruenz der eigenen Ideen mit dem vollzogenen Handeln zu entdecken, das aber aus vitalen Instinkten heraus diese Einsichten verdeckt. Der letzte Typus wäre der, bei dem die Ideologie direkt mit Lüge (״Lügenideologie“) zu identifizieren ist, wo es sich nicht mehr um Selbsttäuschung sondern um Fremdtfiuschung handelt. Zwischen diesen drei Haupttypen gibt es natürlich unzählige Uebergänge. , Es sei gestattet, zur Verdeutlichung der Mannhelmschen Gedanken zur jüdischen Politik überzugehen. Es gäbe nämlich ein aufhellendes Wort Baecks über das Zusammenstrei- Chen des Judentums auf den Humanitätsidealismus des jüdischen Bürgertums ein gutes Beispiel. Mannheim analysiert die deutschen Verhältnisse. Ein ähnliChes Ineinander von Utopischen״!, von wirklicher, auf Transformation der Geschichte gerichteter Kraft, und von Ideologischem, von der das Wirkliche verdeckenden Phrase, kann auch an der jüdische n Situation gezeigt werden. Das deutsche Judentum kämpfte im Emanzipationskampfe den Kampf des deutschen Bürgertums mit. Die Freiheit wurde allerdings nicht gefordert, wie aufstrebende Schichten ihre Freiheit fordem, ohne andere Begründung als die ihrer eigenen Mündigkeit; die Freiheit wurde gefordert auf Grund der Gerechtigkeit. Die Humanität wurde der Garant der jüdischen Emanzipation, und mit dieser Utopie der Humanität wurde ein Stück deutsch-jüdischer Geschichte durdigekämpft, bis der Sieg des deutschen Bürgertums auch für das deutsche Judentum den Erfolg brachte. Das Ideologische nun, das in dieser Humanität«- idee, wiewohl sie sich als schöpferische Utopie bewährte, doch noch mitenthalten ist, hat Baeck jüngst enthüllt. Es zeigt sich heute, daß diese Gerechtigkeit, die für die jüdische Gemeinschaft gefordert wurde, nur als Gerechtigkeit für eine bestimmte Schicht innerhalb des Judentums gemeint war. ״Der Kampf für das gleiche Recht, den wir im alten Staate führten, hatte, weil er vorerst ein Kampf für die äußeren Rechte und Freiheiten sein mußte, bisweilen, man möchte sagen, ein gewisses plutokratisches Gepräge. Es war oft ein Kampf.... um den Reserveleutnant, um den Oberlandesgerichtsrat, um den Regierungsral, ein Kampf um Ziele einer besitzenden Oberschicht. Gewiß, in den Besten hatte auch das seine starke sittliche Kraft und seine sittliche Glut. Es war der Kampf ums Recht, den sie führten. Aber die einzelnen Ziele waren die eines engeren Kreises.“ (23. Sitzung der Großloge für Deutschland U. O. B. B. S. 36/37.) Die Gerechtigkeit für die jüdische Gemeinschaft, nicht für einzelne Teile dieser Gemeinschaft, sondern für die Gemeinschaft in ihrer solidarischen Ganzheit, hat dann erst der Zionismus mit allem Ernst gefordert und so die ״U to p i e“ der Humanität von den ideologischen Verdeckungen des deutsch -jüdischen Bürgertums befreit. Das Gegeneinander und auch das ineinander von Utopien und Ideologien im Zeitbewußtsein gilt es zu übersehen. Man sah bisher nur die negative Seite im Freischweben der Intellektuellen, die imstande waren, Parteien zu folgen, ohne Rücksicht auf die Interessen ihrer Klassen, ja im Gegensatz zu wirklich vitalen Interessen. Während die