Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 101-102 (24.12.1929)
- Date
- 1929-12-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 694 ‘ JUED15CHE RUNDSCHAU Nr. 10t?102» 24. XE 1929 Parteien nur als Interessenverbände politisch handeln woilen, bleibt dem Intellektuellen, ■weil er mit diesen Interessen doch nicht identisch ist, die Möglichkeit der freien Entscheidung, die ihn zu einer Mission befähigt, im Sinne des Ganzen zu denken. Die heutige Strukturlage der Intelligenz macht sie zu Leistungen geeignet, ״die für den Gesamtprozeß von unersetzbarer Bedeutung sind. Diese bestehen aber in erster Reihe darin, jeweils den Punkt zu finden, von wo aus Gesamtorientierung im Geschehen möglich ist, Wächter zu sein in einer sonst allzu finsteren Nacht. Gerade, weil der Intellektuelle zur Politik anders gelangt als die übrigen Schichten, Ist es fraglich, ob es so wünschenswert ist, alle jene Chancen, die in dieser spezifischen Lagerung liegen ohne weiteres zu verschütten. ... Es besteht hief ein viel breiterer Spielraum der Wahl und dementsprechend ein Bedürfnis der Gesamtorienficrung und Zusammen schau.“ (Diese Berner* kungen sind interessant auch im Hinblick auf die in der , J. R.“ jüngst geführte Diskussion im Anschluß an den Artikel von Calvarv und manche Aeußerungen palästinensischer Zeitungen über die ״entwurzelten Intellektuellen“. — A. d. Red.) Die Zersetzung alles Ideologischen, ihr ständiges Blamiertwerden im Liebte der heute so gesteigerten Rationalität schafft gerade den Raum für die Utopie. Träger dieser Utopie wären eben die Intellektuelle«. Diese wollen die Utopie aus einer Haltung heraus, für die alles Statische Ungeist und Sündec alle Bewegung im Geschichtlichen von vornherein Geist ist. Daß es sich dabei um eine religiöse Haltung handein könnte, wird von Mannheim nicht in Erwägung ge* zogen. Die Unterscheidung zwischen sinnerfüllter und sinnentleerter Zeit wird gemacht. Aber das Wort Messianismus fällt nicht, obwohl es naheliegend wäre, die verschiedenen Formen des modernen utopischen Bewußtseins — die liberalhumanitäre Idee, die konservative Idee, die sozialistisch-kommunistische Utopie, die alle von Mannheim meisterhaft dargestellt werden — einfach als Verweltlichung (Säkularisierung) des religiösen Messianismus anzusprechen. (Der Chiiiasmus eines Thomas Münzer erscheint uns mit Unrecht als ein besonderer Typ hingestellt. Er ist schon eine moderne Bewegung in noch nicht säkularisierter mittelalterlicher Umgebung und daher beschränkt durch die Ausdrucksformen dieser Zeit.) Die tiefsten Gedankengänge erfährt der Leser des Mannheitnschen Buches, das als bedeutsamste Neuerscheinung in der Soziologie seit Max Weber und Scheler gelten kann. Das Schlußwort Mannheims gipfelt in der kräftigen Forderung, nicht mit dem Aufgeben der verschiedenen Gestalten der Utopie den Willen zur Geschichte und damit den Blick in die Geschichte zu verlieren. Polnische Menschen Ueber ein neues Lassalle-Buch Von Manfred Sturmann. Es geschieht nicht oft, daß der Biograph mit wirklicher Objektivität seinen Helden zeichnet. Es ist menschlich, daß er sich in ihn verliebt, und seine Stärken mehr herauszustreichen bemüht ist, als seine Schwächen. So aber ist dem Leser wenig gedient, und in den meisten Fällen wird es darum ratsamer sein, sich an Briefe, Urkunden und Aufzeichnungen zu halten, als an ein später hieraus konstruiertes biographisches Gebilde, Daß dem aber nicht immer so ist, beweist die umfangreiche, klare Lassalle-Biographie Arno Schirokauers (Verlag Paul List, Leipzig), der er einen sehr glücklich gewählten Untertitel gibt: ״Die Macht der Illusion, die Illusion der Macht“. Mit diesem Untertitel sind wir nämlich schon mitten im Problem Lassalles, des Juden, und darum soll hier davon die Rede sein. Schirokauer unterstreicht immer wieder, daß man in Lassalle, will man ihn richtig verstehen, vor allem den Juden sehen muß. Und wahrhaftig, es gibt wohl kein zweites Judenschicksal, das in seiner Beweiskraft stärker wäre als das Lassalles. Er wird 1825 geboren, also ein Jahrzehnt nach der deutschen Judenemanzipation. Aber das will nicht viel heißen, denn dem kleinen Lassalie soll es sehr früh ins Bewußtsein kommen, daß die von Friedrich Wilhelm 111. inszenierte Reform eine Recht papierene war. ״Ferdinand kommt eines Tages mit *blutender Nase nach Hause“ — nämlich aus der Schule, wo die Mitschüler den kleinen, ganz wie ein Ghettojunge äussehenden Ferdinand verprügelt haben, weil sie sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen wollen, daß er zu ihnen gehört Man braucht nicht Psychoanalytiker za sein, um zu glauben, daß ein solches, an sich nicht tragisch zu nehmendes Erlebnis für ein ganzes Leben riehtungsbestimmend sein kann. Bei Lassalle war es das. Heymann Lassalle, der Vater, der noch die Zeit vom vor 1812 1« Erinnerung hat, ist naturgemäß ein guter Jude. Ihm nicht schwer, dem Glauben der Väter treu zu schreibt Schirokauer. Aber in dem Breslauer Hause wächst doch — wie überall — eine gewisse Indifferenz dem Judentum gegenüber. Gewiß, man hält noch alle Bräuche, aber man hält sie ängstlich hinter verschlossenen Türen und bemüht sich, sonst wenig aufzufallen. Der Assimilation sind alle Herzen geöffnet, man wartet auf sie, mau geht ihr entfegen. Wenige Jahre später sind die ersten Massentaufen 1 vollem Gange. In dieser Atmosphäre wächst Lassalle auf. Seine Entwicklung vollzieht sich auch für jene Zeit anz üblich: das Judentum wird blasser in ihm und verlaßt schließlich so sehr, daß er ihm mit geradezu erschreckender Indifferenz gegenübersteht. So innerlich entlastet von dem Hemmenden jüdischer Tradition, scheint ihm die Bahn für seinen Aufstieg frei zu sein, nun hat er den jüdischen Vatersnamen Lassal in Lassalle französisiert, nun unterscheidet ihn nur noch sein jüdisches Gesicht von seiner Umwelt, aber das kann vertuscht werden durch seine Beredsamkeit, in deren Bann ihm vieles verziehen wird. Wir brauchen an dieser Stelle gewiß nicht die unver* gänglichen Verdienste Lassalies aufzuzählen, nicht an sein feniales Lebenswerk, die Gründung der deutschen Sozialemokratie zu erinnern, nicht an seinen ungeheueren persönliehen Mut, nicht an den Zauber seiner Persönlichkeit, der es verstand, die Massen für ihre Freiheit zu entzünden, nicht an seine nahezu übermenschliche seelische Kraft, nicht an seine einzigartigen Gaben. Wenn aus dem Parteimann Lassalie ein Staatsmann geworden wäre — und daß er es nicht wurde, ist sein tragisches Schicksal —, die Entwicklung Deutschlands hätte einen anderen Weg und, wie wir alle glauben, einen besseren Weg genommen. Ich habe in anderem Zusammenhange versucht, eine Parallele zwischen Lassalie und Disraelt herzustellen, und dabei auf die geradezu verblüffende Aehnlichkeit zwischen diesen beiden großen Juden hingewiesen. Die Entwicklung beider war restlos gleichgerichtet, sie hatten den gleichen seelischen Impuls und in der ersten Hälfte ihres Lebens fast das gleiche Schicksal. Aber Disraeli hatte das Glück, ein hohes Alter zu erreichen und Engländer zu sein, während Lassalie in der dünnen Atmosphäre der Reaktion von nach 1818 gegen Windmühlen focht und schließlich, im Mittag seines Lebens, von irgendeinem Junker im Duell erschossen wurde. Doch im Grunde starb Lassalie an der inneren Glut seiner Impulse, die sich, damals gerade, rtffcht mehr auszuwirken vermochten. Nach der Verfeindung mit Karl Marx resignierte er, womit keineswegs gesagt werden darf, daß er sich nicht, hätte er weitergelebf, wieder aufgerafft hätte. Aber wie es zuweilen geschieht, kam ihm, gerade in dieser Zeit der inneren Erschlaffung, das Schicksal entgegen, und eine Kugel löste vorzeitig den Knoten. Es vollzog sicli in dem Augenblick, da Lassaile erkannte, daß ihn die ״Macht der Illusion“ vorwärtsgepeitscht und daß ihn die ״!Fusion der Macht“ genarrt hafte. Es wäre also an der Zeit gewesen, sein Leben zu realisieren, und er hätte die Kraft hierzu gefunden, aber es war seine Tragik, daß sein Leben in diesem Zustand der Depression imaginär wurde. Die Illusion, seine Zentrifugalkraft, hörte plötzlich auf, Lassalies Kardinalfehler war sein mangelnder Wirklichkeitssinn. Für ihn gab es nicht die Formel der Möglichkeit, er war ein Heros des Ehrgeizes, ein Berserker der Tat und nie ganz frei von Donquichoterie. Er war nicht geradlinig und klar zu erfassen, er strotzte geradezu von inneren Widersprüchen: als Arbeiterführer war er gleichzeitig einer der berühmtesten Dandys Berlins, und während er für die Befreiung des vierten Standes focht, ein- ]gekerkert und von allen Seiten als ״Fremdstämmling“ be- ״fiel es bleiben“. geifert wurde, gab er in seiner luxeriösen Wohnung rausehende Feste, bei denen sich die berühmtesten Geister trafen, Aufrührer und Staatsdiener: unter den! Zauber seiner Persönlichkeit schmolzen die Gegensätze. Als Freund von Karl Marx, dessen Ideen er durch Gründung des ersten deutsehen Arbeitervereins zu verwirklichen suchte, war er doch gleichzeitig ein leidcnschaftliccher Verehrer Hege's, des Verfechters eines starren Staatsprinzips auf reaktionärer Grundläge. Als Politiker, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das Elend der Masse zu beseitigen, war er doch gleichzeitig ein Dichter und Schwärmer, dessen Sehnsucht von den Realitäten des Lebens fortstrebte. Dieser elegante Lassalle ist dem Manne der Straße immer rätselhaft geblieben, man verehrte ihn um seiner Verdienste halber, aber man konnte nicht eigentlich an ihn heran, er stand wie ein Gott über der Masse, aber er war nicht Volksmann. Trotz seiner bewußten Abkehr konnte er innerlich nie von seinem Judentum los, nicht nur in Zeiten der Anfeindüngen, da man dem Hitzkopf nicht anders mehr beikommen konnte, als daß man auf sehr bequeme Art seine Abstammung beschimpfte. Der stets Ausgestoßene, der in furchtbarer innerer Einsamkeit fror, der sich immer wieder verraten sah von seinen Freunden, dessen Illusion unter dem Donner der Wirklichkeit zerbarst — er hatte schließlich doch die Sehnsucht nach Anklammerung an die große Mutterreligion, das Judentum. Vielleicht gestand er sich, daß dies keine Illusion war, und daß es ein Volk gab, dem er nach Blut und Ursprung zugehörte. Es ist mir nicht bekannt, ob er dem einmal direkt Ausdruck gab, aber in Schirokauers Buch finden wir eine zitierte Stelle, die uns das vermuten lassen könnte. Auf einer Orientreise, beim Anblick betender Derwische, wird er an die Riten des Judentums erinnert. Er glaubte, ״an einem Versöhnungstag in der großen Synagoge zu Breslau zu sein und dem ״Owinu Malkeimi“ beizuwohnen“. In dieser Reiseaufzeichnung spüren wir mehr als einen Bericht. Es ist die Sehnsucht nach dem Judentum, der Gemeinschaft schlechthin, die ihn das schreiben läßt. Lassalies Weg ist ein typisch jüdischer, wie wir ihn nach der Diaspora in ungezählten Variationen wiederfinden können: ein erstaunlicher Anschwung und doch die schiießliche Erschiaffutig, weil die organische Zugehörigkeit rar Umwelt nicht vorhanden ist. Schirokauers Buch gibt uns nicht nur die kühnen Kurven von Lassiles Leben. Der Verfasser hat es auch verstanden, die Psychologie Lassalies wirksam festzuhalten. Er schildert die Tragik eines großen Menschen, die Tragik eines Juden. Stefan Zweig: Joseph Foud16 Bildnis eines politischen Menschen (Insel-Verlag, Leipzig.) Joseph Fouche, Jakobiner und Royalist, Priester und Kirchenplünderer, Schweinehändier und Millionär, Polizeiminister, Herzog von Otranto: wer vermöchte den Film seines Lebens aufzunehmen, wer die Zeitlupe cinzuschalten, in das fliegende Geschehen seines Daseins, um die Verwandlungen seines Antlitzes uns deutlich zu machen? Das Bild eines großen Charakterlosen, einzig dastehend in der Geschichte durch die Konsequenz seiner Charakterlosigkeit: welches Maß menschlicher Vorurteilslosigkeit gehört dazu, sein Bild aufzuzeichnen, ohne es durch moralische Maßstäbe zu verzerren! Die Geschichtsschreiber der französischen Revolution sind dieser Aufgabe nicht gewachsen gew׳esen, keiner von ihnen hat die Dämonie der Leidenschaft erkannt, die das Leben dieses Mannes durchtobt hat, keiner mag ganz den ungeheuren Einfluß zugestehen, den Joseph Fouche, Mitrailleur de Lyon, auf den Gang seiner Zeit geübt hat. Von den wenigen Essayisten in deutscher Sprache, die das Können besitzen, ein solches Leben biographisch 7.u gestalten, würden fast alle vor dieser Aufgabe versagen müssen. Der Biograph Joseph Fouchös muß neben außerordentlicher Gestaltungskraft und psychologischer Durchleuchtungsgabe, neben profundem historischem Wissen mit letzter menschlicher Voreingenommenheit an diese Aufgabe herangelien, bei gut und böse darf das Herz ihm nicht schneller und nicht langsamer schlagen: der Mensch muß ihm das Maß der Dinge sein. Von den deutschen Essayisten, die über solche darstellerische Gewalt verfügen, ist nur einer, soweit ich zu sehen vermag, in Wahrheit ein großer Entwurzelter, nur einer in dieser ganzen Generation hat von je den Maßstab Balzacs zu seinem eigenen gemacht: S t e f a n Z w e i g. So ist es kein Zufall, daß er gerade durch Balzac auf Joseph Fouche liingewiesen wurde, und so hat Joseph Fouchä den einzigen deutschen Biographen gefunden, aus dessen Händen sein verschollenes Bild neues und ungeahntes Leben empfangen konnte. Es ist hier nicht der Ort, das Leben Joseph Fouchös zu utnreißen. Statt dessen soll hier die Rede sein von jenem merkwürdigen und lesenswerten Buche Stefan Zweigs, das er ״das Bildnis eines politischen Menschen“ genannt hat, und mit dem er einen Beitrag liefern will zur Psychologie der Diplomaten, ״jener gefährlichsten geistigen Rasse unserer Lebewelt“. Er beruft sich auf das Wort Mirabeaus, daß Jakobiner als Minister nicht mehr Jakobinische Minister sind. Er ruft auf das Gedächtnis und die Erfahrungen dieses unglücklichen Erdteils Europa, und aus jeder Zeile dieses Buches spricht die Lehre: Daß dieser Joseph Fouche Prototyp des politischen Menschen gewesen sei, daß der Lauf der Gcscfiichte nicht bestimmt werde von den großen heroischen Erscheinungen, sondern von den kleinen und flinken Kreaturen des Hintergrunds. Der Titel des Buches ist nicht ganz aufrichtig: Nicht Bildnis eines politischen Menschen, sondern Bildnis des politischen Menschen, müßte es heißen. Ein negatives Bekenntnis also, aber eines, das nicht zu übersehen ist, und das uns alle angeht. Ist es wirklich so? Wir alle, die wir an eine Bewegung glauben, die ihren Ursprung, ihre Maßstäbe und ihr Ziel aus einer ethischen, aus einer historisch-moralischen Ueber* zeugung herleiten, werden wir nicht getroffen von diesem Bildnis des politischen Menschen, werden wir nicht angerührt von dieser Lehre, daß die Ideen der Geschichte überspielt werden von den Kreaturen, die ihnen dienen? Müßten wir nicht verzweifeln an allem, was wir tun oder zu tun uns bemühen, wenn diese grausame, fatalistische Lehre Wahrheit wäre? Mir scheint, daß ein tiefer Irrtum sich durch dieses wichtige Buch hindurchziebt. Stefan Zweig spricht immer wieder davon, daß Joseph Fouche alle gewaltigen Gestalten seiner Zeit ״überspielt“ und überlebt hat. Und er nimmt das als Beweis und als Zeichen dafür, daß wirklich der Gang der Geschichte nicht von den Napoleons, sondern von den Fou-hds bestimmt ward. Ja, Joseph Fouchd hat sie alle überlebt, aber es ist kein Zufall, daß sein Bild verschollen ist vor der Geschichte, und daß Robespierre und Napoleon noch heute als Mythe« geschichtsbildend wirken. Ja, Napoleon ist verkommen auf St. Helena, während Joseph Fouche noch im Glanz stand. Aber was kommt es darauf an? Der Code Napoleon hat das Rechtsleben des 19. Jahrhunderts bestimmt, die Konzeption der Vereinigten Staaten von Europa, die ihm vorschwebte, war der erste gewaltige Vorstoß zu dem Ziel, dem Europa heute zustrebt. Mit einem Male soll es wichtig sein, daß Robespierre schon vermodert war, als Joseph Fouchd noch auf der Höhe des Lebens stand? Ja, er hat sie alle verraten, aber den Sieg im Irdischen hat er mit Recht mit dem Tod vor der Geschichte bezahlt, so wie jene für ihr historisches Werk ihr Leben gegeben haben. Darf ich Sie daran erinnern, Stefan Zweig, daß Sie noch vor wenigen Monaten einen Aufsatz über Theodor Herzl geschrieben haben, in dem aus jeder Zeile Ihr — vielleicht unbewußter — Glaube an die historische Gewalt dieses Mannes sprach? Und w׳as brauche ich Ihnen, der Sie es miterlebt haben, zu sagen, daß dieser Mensch sein Leben für sein Werk gegeben hat, und daß er immer ״überspielt“ und ״verraten“ gewesen ist. Der letzte Satz des ״Jeremias“ lautet: ״Man kann ein Volk bezwingen, aber nie seinen Geist.“ fch glaube, daß dieses Buch symptomatisch ist für die Haltung vieler geistiger Menschen gegenüber der Politik. Die Scheu vor der Arena, der Ekel vor der Intrige läßt einen großen Teil der wirklich geistigen Menschen außerhalb der Politik stehen. Stefan Zweig sagt in diesem Buche von den Diplomaten, man müsse sie erkennen, um sie zu überwinden, ich glaube, daß dieses Buch nicht nur ein Beitrag zur Psychologie des Diplomaten ist, was es sein will, sondern auch ein Beitrag zur Psychologie jener Gattung geistiger Menschen, die noch immer glauben, sich von aller Bemühung um die Gestaltung der Realität ausschließen zu dürfen. Dieser unfreiwillige Beitrag ist an diesem Buch vielleicht der wichtigere. Denn er zeigt die Ursache dafür auf, daß wirklich in der Geschichte so oft die Joseph Fouchös den Ausschlag gegeben haben. Die zionistische Bewegung hat das Glück, in den Reihen ihres politischen Kampfes mehr Männer aus dem Lager des Geistes zu haben, als vielleicht irgendeine andere politische Bewegung unserer Zeit. Um so mehr ist dies Buch für uns alle — auch als Mahnung, unsere Reihen rein zu halten — wichtig; denn es ist nicht nur ein Beitrag zur Erkenntnis jener ״gefährlichen geistigen Rasse“, der Diplomaten, sondern es ist ein unfreiwilliger und desto überzeugenderer Mahnruf dafür, dieser Kategorie die Entscheidung über Schicksal und Zukunft der Völker aus den Händen zu winden. Hans Rosenkranz. Ludwig Strauß, Der Reiter. (Rütten & loening Verlag, Frankfurt a. M., geb. M. 2,—.) Es geht ein großer Zug durch diese Geschichte, die in straffer Führung die Gestalt des Helden erstehen läßt ״Lernen“ ist die inbrünstige Sehnsucht des Knaben Naftali Hakohen, wenn er die Rinder seines Vaters in den ukrainischen Steppen hütet. Sie zehrt an ihm weiter, als er an den Rücken eines Pferdes gefesselt von einer räuberischen Kosakenhorde entführt wird. Nach mehrjähriger Gefangenschaft kehrt er in rasender Flucht auf verendendem Pferde in die Heimat zurück. Dieser Ritt wird zum Symbol seines Lebens, das ein nie endender Wettlauf utn Erlangung alles rabbinischen Wissens wird. Die Sehnsucht wird zur Besessenheit, die ihn auch umfängt, als er längst zu Ruhm und Ansehen gelangt ist Die Welt des Erforschbaren und Deutbaren gibt ihm kein Genagen; in die Geheimnisse der Zauberei einzudringen, magische Heilkraft zu gewinnen, den Lichtgeist zu beschwören, wird ihm Sinn und Ziel seines Lebens. Selbst die Gefahr des eigenen Todes hemmt nicht die Gier, die letzte Wahrheit zu erschauen. Aber er ist nicht der Berufene und durch falsche Ucbung der Beschwörungsformel bringt er Unheil über sein Haus, seine Gemeinde und führt den eigenen Untergang herbei. Sterbend wird ihm offenbar, daß Wissen nicht die Erlösung bringe und daß die Wahrheit auf dem Wege Abrahams deS Maggids liege. In dieser reinen, stillen Gestalt verkörpert sich in künstlerischer Darstellung der Gegensatz zum starren engen, vom Leben abgekehrten Menschen der rabbinischen Lehre. Abraham ist der Chassid, der Fromme, in Bubers Worten ״begrenzt im Wissen, ursprünglich im Glauben und stark in seinem Traum4 von Gott“. Das Buch ist von visionärer Kraft der Gestaltung und wird in Zukunft dem stärksten jüdischen Er- Zählungen unserer Zeit ziigerechnet werden müssen. (Der ״Reiter“ ist vor einiger Zeit in der ״Jüd. Rundschau“ erschienen). Ina Britschgi-Schimmer. Aufführung Mordechaj Sandberg. Am 15. Dezember fand im Hause der Musikschriftstellerin Frau Dr. Lotte Kallenbach auf Anregung der Berliner Ortsgruppe der ״Internationalen Gesellschaft für neue Musik“ ein musikalischer Tee statt Wir können an dieser Steile leider nur auf die Werke Mordecha j Sandbergs eingehen, die einer Schar von Berliner Musikern und Kritikern vorgeführt wurden. Zunächst wurde das erste Rezitativ aus ״Koheieth“ von Leo Riasanzew gesungen und von dem Komponisten Herbert Eckertz begleitet. (Es ist vor etwa einem Jahr in einem ״Konzert jüdlscher Musik“. der ״Berliner Zionistischen Vereinigung“ uraufgeführt worden.) — Dann folgte das Adagio aus Sandbergs Klaviersonate, gespielt von Marga Neugebauer. An dritter Stelle stand der 51. Psalm, eigentlich für fünf Streichinstrumente und eine hohe Stimme gedacht, in diesem Fall von Rahel Kaufmann gesungen und von Eckertz am Klavier begleitet. Es wäre sicher verfrüht, nach dieser etwas skizzenhaften Aufführung, die noch dazu für fast alle Anwesenden die Bekanntschaft mit einem ganz neuen und eigenartigen Musik- Phänomen vermittelte, in irgendeiner Weise wertend zu berichten. Trotz alledem hat wohl jeder Hörer, der unbefangen und ohne die konventionellen Kriterien der Zukunft genaht war, starke Eindrücke empfangen und die wesentlichen und origineiien Perspektiven und Erfüllungen ahnt, die hier durch die Verbindung von orientalischer Klangwelt und okzidentaier Musikforschung für eine künftige Kompositionskunst zu erwarten sind. Die Interpreten entledigten sich ihrer überaus schwierigen Aufgaben mit Geist, Temperament und Hingabe. Alice Jacob-Loewenson.