Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 101-102 (24.12.1929)
- Date
- 1929-12-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 902 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 101/102. 24 XII. 1029 den jungen russischen Zionisten Wladimir Jabotinsky, der von IJ s s i s c h k i n in Vorschlag gebracht worden war, zum Chef dieses Pressezentrums ernannt. Jabotlnsky suchte rednerisch und Journalistisch, insbesondere auch durch Einflußnähme auf die!1; fmnzösiscner Sprache erscheinende türkische Zeitung ״Le Jeune Turc", Verständnis für den Zionismus zu wecken, stieß aber auf ein kaum überwindllches Hindernis: auf Jakob ns Kanns oben zitiertes Buch ״Erez-Israei“ mit seinen judenstaatüchen Darlegungen, das zwar vor der Jungtürkischen Revolution erschienen war, nun aber, um das Unglück vollzumacheti, in einer französischen Uebersetzung neu heraus kam und vom Verfasser selbst an zahlreiche Persönlichkeiten in der Türkei verschickt wurde. Wie aus einem Artikel der hebräischen, von Dr. Josef Klausner redigierten Monatsschrift ״Haschiloach“ (Januar 1911, S. 83 ff.) hervorgeht, verlangte Jabotinsky vom Engeren Aktionskomitee, ״alles zu tun, um die Veröffentlichung des Buches noch zu verhindern, oder aber, wenn dies nicht möglich sei, eine Kundgebung zu veröffentliehen, die auf das energischste die Verantwortung für den Inhalt des Buches allein auf seinen Verfasser abwälze, der selbstverstündlich von seinem Posten demissionieren muß. Nur dadurch kann deutlich werden, daß die Ansichten des Herrn Kann im vollkommenen Gegensatz zu denen der gesamten zionistisehen Partei stehen, nur dies kann die Anklagen entkräften.“ Wol ffsohn, der sicherlich die Anschauungen Kanns nicht billigte und die französische Ausgabe seines Buches wohl kaum sehr gerne gesehen hat, wollte trotzdem nicht durch eine so augenfällige Protestaktion die Aufmerksamkeit erst recht auf das Buch lenken und weigerte sich deshalb, die sehr energisch vorgetragenen Forderungen Jabotinskyszu erfüllen. Darauf wandte sich dieser an den Zentralrat der russischen Zionisten, dessen Vorsitzender damals Jizchak Grünbaum war, und fand dort zwar vollkommene Zustimmung zu seinen Ansichten, aber, aus formal-konstitutionellen Bedenken, keine durchgängige Unterstützung seiner auf Desavouierung und Demission Kanns gerichteten Forderungen. So sah sich Jabotinsky veranlaßt, seinerseits zu demissionieren, da — nach der Formulierung des ,,Haschiioaeh“ in Kanns Buch ein Judenstaatsbegriff zu schädlichem Ausdruck gelangt war, der vielleicht ״zu dem Judenstaatsgedanken am Anfang seiner Entwicklung in der Westjudenheit paßte, dem aber schon damals die Mehrheit der Zionisten nicht zustimmte und der jetzt der zionistischen Weitanschauung, wie sie so oft auf Kongressen und in Volksver- Sammlungen 0 f f i 7.1 e I f erläutert wurde, vollkommen widerspricht‘. Es sollte sich zeigen, daß Jabotinskys Befürchtungen nicht ohne g[uten Grund waren. Zionistische Vorschläge, die ein eigenes jüdisches Heer und eine eigene jüdische Polizeitruppe enthielten, konnten unmöglich, selbst wenn die Vorrede zur französischen Ausgabe des Kann'schen Buches sie etwas abschwächte, das Wohlwollen der jungtürkischen Machthaber finden und mußten den jüdisch-türkischen Assimilanten willkommenen Agitationsstoff liefern. Einer ihrer publizistischen Vertreter, der aus dem Schulwerk Alliance hervorgegangene David Fresco, begann denn auch, in seiner spaniolischen Zeitung yII Tiempo", den Zionismus heftig anzugreifen und scheute sich nicht einmal, in einem Prozeß gegen den Turnverein Maccabi die staatsfeindlichen und separatistischen Absichten der zionistischen Bewegung vor Gericht zu behaupten. Bald darauf (Anfang März 1911) benutzten die Gegner des tür- Irischen Finanzministers Dschavid Bey dessen jüdische Abstammung zu einer Kammerinterpellation, in der sie ihm Be- Ziehungen zu 'dem staatsfeindlichen Zionismus vorwerfen. Der Großwesir leugnete diese Beziehungen, gab aber zugleich den Zionismus preis, den er als das Bestreben definierte, ״durch die Emigration zahlreicher fremder Juden in der Zukunft ein Israelitisches Königreich in Palästina zu gründen“. (Die Welt, XV, 10, vom 10. März 1911.) Woiffsolin erklärte demgegenüber in der ,,Daily News“ (Nummer vom 6. März 1911), daß zwar unge- Zählte Millionen gläubiger Juden und Christen an ein dereinsti- §es jüdisches Königreich in Palästina glauben, daß aber die iomstisebe Organisation ״von dieser religiösen Idee unabhängif£‘ sei. Im gleichen Sinne äußerte sich wiederum die gesamte national-jüdische Presse, einschließlich der palästinensischen, von der wir diesmal ein Beispiel aus dem Arbciterlager geben wollen: der ״Hapoei Hazair“ (IV, 13, vom 12 April 1911) nannte die Behauptung, der Zionismus erstrebe ״die politische Besetzung eines Teiles der Türkei“ — ״ein schädliches Märchen“ und machte der Zionistischen Exekutive den Vorwurf mangelnder Aufklärungsarbeit, die allein solche unsinnigen Vorstellungen aus der Welt schaffen könne. Trotzdem hörten nun die ,Judenstaatlichen“ Verdächtigungen des Zionismus nicht auf; ja, sie fanden sogar einen Weg in die Londoner ״Times“ (vom 14. April 1911), wo sie sich seltsam mit der Behauptung mischten, der Zionismus erstrebe zugleich eine Stärkung des deutschen und eine Schwächung des englischen Einflusses in Palästina. Am 10. Mai brachte das gleiche Blatt Wolffsohns Antwort, in der er auf seine Kougreßerklärungen zuriiekgriff. Eine zweite Debatte in der türkischen Kammer, die am 16. und 17. Mai stattfand, brachte Insofern ein Novum, als sich nun auch der jüdischarabische Gegensatz. 2eigte: unter den Angreifern des Zionismus war auch Said Bej, der Abgeordnete Jerusalems, der allerdings sich nur gegen den politischen Zionismus wandte und im übrigen die Arbeit der Juden, falls sie die ottomanisdie Staatsangehörigkeit erwerben würden, warm begrüßte (Die Welt, XV, 21, vom 26. Mai 1911). Immerhin war die Lage erheblich verschlechtert, als der JC. Zionistenkongreß am 9. August 1911 zu seinen Beratungen in Basel zusammentrat. Wolffsohns Eröffnungsrede hatte sich wiederum vor allem mit dem türkischen Problem auseinanderzuset2en, wobei er in außerordentlich bedeutungsvoller Weise die pseudo-messianische Grundlage der Judenstaats- Ideologie aufzeigte. ״Auch unsere grenzenlose Liebe für Palästina verdankt diesem (dem messianischen) Glauben ihren Ursprung, aber niemals ist es uns modernen, praktischen Zionisten eingefallen, messianische Tendenzen in unsere Bewegung hineinzutragen. Niemals haben wir mit den religiösen Gefühlen der vielen Millionen Gläubigen ein solches frevelhaftes Spiel zu treiben uns unterfangen.“ Weiterhin setzt sich der Präsident dann mit Herzls ״Judenstaat“ aufs neue auseinander, den dieser sofort fallen gelassen habe, als er ״mit uns Zionisten in Fühlung trat, als er den Zionismus kennen gelernt hatte, und wir unter seiner Leitung den ersten Zionistenkongreß hier in Basel abhielten....“ ״Nicht einen Judenstaat, sondern eine Heimstätte auf dem alten Boden unserer Väfßr, in der wir uns als Juden, ohne verfolgt und bedrückt zu werden, national ausleben können.“ Das Protokoll (S. 10 f.) verzeichnet bei diesen Worten: ״Erneuter stürmischer Beifall“. Aber vielleicht beweist ein kleiner, unscheinbarer Vorfall noch mehr als diese offiziehen Erklärungen: zu einem misrachistischen Antrag: ״Die Leitung des N.-F. hat dafür zu sorgen, daß auf allen seinen Be- Sitzungen das jüdische Gesetz respektiert wird“, bemerkte Wolrfsohn: ״Sagen Sie nicht jüdisches Gesetz, sagen Sie jüdisches Gebot, sonst gibt es Mißverständnisse.“ Der Antragsteiler, He rm an n Str uck, ging auf diesen Abänderungsvorschlag ein, offenbar weil er sofort verstand, woraut sich die Möglichkeit von ״Mißverständnissen" bezog: auf den Argwohn der türkisdien Regierung, daß die Juden ihr eigenes Staatsgesetz hätten, das sie in Palästina einführen wollen (Protokoll S. 125). Wenige Monate nach Schluß des Kongresses, schon Anfang Oktober 1911, stand die Türkei vor einer neuen Gefahr: vor dem Kriege um Tripolis, den Italiens kolonisatorische Absichten In Nordafrika entfesselt hatten. Trotz aller Rückschläge, die der Zionismus in der jungtürkischen Aera erleiden mußte, wandten sich seine Sympathien eindeutig der türkischen Sache zu (vgl. Weit, XV, 40, vom 6. Oktober 1911), Es kam 2u phantastischen Plänen: die Lodzer Zionisten beschlossen, eine jüdisehe Freiwiiiigengnippe zur Unterstützung der Türkei zu bilden (Die Welt, XV, 41, vom 13. Oktober 1911) und die Leitung selbst erwog die Entsendung einer Sanltitskolonne. Trotz des natürlichen Widerspruches der, allerdings wenig einflußreichen, italienischen Zionisten änderte sich diese Haltung auch nach der tripolitanischen Niederlage und während der Baikankriege nicht wesentlich. So berichtete z. B. die Welt In sympathischer Weise über die von Chacham Baschi in Konstantinopel, Chajim Nach um, angeregte Gründung eines ״jüdischen Zweiges des allgemeinen türkischen Flottenvereines“ (Welt, XV, 44, vom 3. November 1911). Auch die tripolitanischen Juden beteiligten sich aktiv an den Feindseligkeiten, während in Jaffa und Safed große jüdisch-patriotische Demonstrationen stattfanden, die einen ״ausgezeichneten Eindruck“ machten (Die Weit, XV, 45, vom 10. November 1911). Die außenpolitischen Rückschläge wirkten insofern auch aut die innertürkische Politik, als gegen Ende des Unglücksjahres 1911 der bisher alleinherrschenden jungtürkischen Partei eine Konkurrenz in der ,,Union liberale“ erstand. Der Hauptunterscheidungspunkt zwischen den beiden, im übrigen mehr personal als sachlich abgegrenzten Gruppen war wohl die Steilung zu der Nationalitäten frage, in der die Jungtürken einen mehr zentralistisch-unifizierenden Standpunkt wahrten, während die Liberalen sich aus Armeniern, Bulgaren und bald auch Griechen zusammensetzten — diese hatten sich Ursprunglieh zurückgehalten und schlossen sich erst später an —, so daß sie von vornherein auf ein mehr dezentralistisch-föderatives Programm eingeschworen waren. In dieser neuen Kombination trat für den Zionismus auch die Araberfrage in ein anderes Lieht. Zunächst bestand die Möglichkeit, daß die Araber Syriens und Palästinas sich der liberalen Gruppe anschlössen, ohne aber den Juden die gleichen föderativen Rechte einräumen zu wollen, die sie für sich selbst von der neuen Partei erhofften. So kam es, daß vor den Wahlen zur neuen Kammer Im Jahre 1912 der Plan auftauchte, eine besondere jüdische Gruppe innerhalb der jungtürkischen Partei zu gründen, der ein Bundesgenosse erwünscht sein konnte. Aber auch dazu kam es schon deshalb nicht, weil die Araber Syriens schließlich doch jungtürkische Kandidaten aufstellten, die aber gleichfalls nicht ziomstenfreundlich waren. Es scheint das Bemühen des Jaffaer Palästinaamtes gewesen zu sein, das damals die zionistische Landespolitik leitete, die Juden nicht in einen Gegensatz zur arabischen Bevölkerung zu bringen. Immerhin wurde diesmal ein eigener jüdischer Kandidat, nicht nur, wie auch 1908, aufgestellt, sondern bis zur Wahl durchgehalten: David Jellin erhielt die Stimmen von 16 Wahlmännern, obgleich nur 13 jüdische Wahlmänner vorhanden waren — ein interessantes Symptom für eine gewisse jüdisch-arabische Annäherung. Immerhin blieb bei der Beurteilung der Balkankriege, 'die das Jahr 1913 erfüllten, der Gesichtspunkt maßgebend, daß jede Schwächung der Türkei eine Stärkung der Araber bedeuten und daher die jüdische Position im Lande schwächen müsse. So blieb es bei der loyalen türkenfreundlichen Haltung, die auch auf dem 11. Wiener Kongreß des Jahres 1913 in den Reden Prof. Warburgs und Dr. Hantkes erneut zum Ausdruck kam, und es ergab sich die paradoxe Lage, daß der Zionismus seine im Grunde doch föderalistischen Bestrebungen gerade von der zentralistischen jungtürkischen Partei immer noch eher glaubte gefördert zu sehen, als Von der vielnationalen liberalen Gruppe. Wir sahen, wie sich mit der unerbittlichen Logik geschieht• liehen Werdens die arabische Frage allmählich durch die jung• türkische hindurch in den Vordergrund geschoben hat. Dies erkannte auch, wenn auch zögernd und spät, die offizielle zionistische Leitung, die im Frühjahr des Jahres 1914 ihr Mitglied Nahum Sokolow nach Aegypten und Palästina sandte, um das arabische Problem zu studieren und evtl, gewisse Verhand- Iungen anzubahnen. Das arabische Blatt ״Muckattam", das in Kairo erscheint, brachte in der Nummer vom 10. April 191( ein sehr aufschlußreiches Interview mit Sokolow, in dem dieser das Ziel des Zionismus harmonistisch dahin definiert: ״Wenn also diese beiden Nationen (Juden und Araber), wie dies sehr leicht ist, sich wieder vereinigen, so werden sie zu einem Körper werden, der Palästina unter dem Schutz des Haibmondes verteidigen wird.“ Er bezeichnete es als sein ״Hauptideal, in unserem alten Vaterlande alles zu tun, um sich in jeder Be• Ziehung der arabischen Kultur zu nähern“. Als Arbeitsprogramm für die nächste Zeit gab er an: ״Erstens, Erlernung der arabi• sehen Sprache und Pflege der arabischen Sprache und Literatur in den jüdischen Schulen, zweitens Bekämpfung der Trachom- Krankheit, besonders in islamitischen Schulen, drittens Schaffung von allgemeinen Herbergen für Arme, besonders für Ara• her. Außerdem kündigte Sokolow an, daß die A. P.C. in den meisten Städten Palästinas Filialen eröffnen werde, ״um den Einheimischen langfristige Kredite zu geringen Zinsen zu ge• währen“. Am 14. April brachte dieselbe Zeitung eine Stellungnähme zu diesem Interview von Nafik Bey Ilasim, dem Vorsitzenden der arabischen Partei für Dezentralisation, der beklagte, daß sich die Juden, im Gegensatz zu Sokolows trefflichen Worten, völlig von den Arabern abzuschließen und einen Staat im Staate zu bilden suchen. ״Diese Absonderung hat bereits dazu geführt, daß die öffentliche Meinung der Araber in Syrien gegen die Juden ist. Die palästinensische Jugend ist bereits von der Idee beseelt, sich zu sammeln, um den Kampf gegen die zionistische Bewegung aufzunehmen. Wir glauben, daß die gebildeten Juden und Zionisten über diese Abvvehrbewegung der arabischen Jugend und Intelligenz nicht spotten werden.“ In Erwägung solcher Stimmungen war eine arabisch-jüdische Notabeln-Konferenz für den Friihsommer des Jahres 1914 geplant. Sie kam, nachdem bereits alles verabredet war, nicht zustande, da die Verstricktheit der arabischen Frage mit dem jungtürkischen Problem wieder ihren unseligen Einfluß übte. Im Vertrauen auf das verhältnismäßige Wohlwollen der Zentralbehörde in Konstantinopel ließen einige der zionistischen Unterhändler im letzten Augenblick die Konferenz fallen. Einer der Araber quittierte dies mit einem zukunftsträchtigen Worte, das die jungtürkische Epoche des Zionismus abschließt und eine neue Epoche, die des Weltkrieges und der Balfour-Deklaration, gleichsam einleitete. Er sagte nämlich: ״Eine Regierung geht, ein Volk bleibt.“ Regierungspublikationen in Palästina. Mr. G. S. Blake, der Geologe der palästinensischen Regierung, hat kürzlich einen Bericht über die Wasserverhäitnisse Palästinas und seine Geologie veröffentlicht. In der Reihe der Broschüren des Departements für Landwirtschaft und Aufforstung erscheint als Nummer 7 in Serie I ein Bericht des Regierungs-Entomologen G. E. Bodkin über die Heuschrecken-Invasion in Palästina im Jahre 1928. Der Bericht, der mit interessanten Abbildungen ausgestattet ist, enthält Einzelheiten über das Auftreten der Heuschreckenschwärme und über die Organisation der Abwehrmaßnahmen. (Ziko.) Der Dlstriktskommisslr von Jerusalem gibt auf Anfragen verschiedener Reisegesellschaften bekannt, daß nach Meinung der Regierung trotz der letzten Unruhen Touristen i n Sicherheit nach Palästina kommen können. Die Regierung hat indessen Mrs. Aime McPherson, der amerikanischen Evangelistin, geraten, den in Aussicht genommenen .,Kreuzzug“ von 750 Personen in dieser Form zu unterlassen. — Die Mitteltneerreisegesellschaften haben, soweit bekannt, keine Aenderungen in dem üblichen Fahrplan vergenommen. Das Judentum ah politischer Faktor in den Vorkrteplsliren Aus Paris wird uns geschrieben: Die französische Regierung hat mit Veröffentlichung ihrer Urkunden zur Entstehungsgeschichte des Krieges begonnen. Die Sammlung wird auch in einer deutschen Ausgabe, von Dr. Artur Rosenberg (Parisl besorgt, bei R. Hobbing, Berlin, erscheinen. In dem erstvortiegenden Band der Publikation findet sich ein Dokument, das ein in mehrfacher Beziehung interessantes Schlaglicht auf die Bedeutung des Judentums als politischer Faktor in der Weltpolitik wirft. Die Kenntnis der Situation, die damit aufgezeigt wird, gewährt Verständnis für die Voraussetzungen jener Verknüpfungen britischer mit jüdischer und zionistischer Politik, die im Gedanken des Jüdischen Nationalheims unter britischem Protektorat Ausdruck gefunden haben. Um die Stelle richtig zu würdigen, ist eine Uebersicht über die damalige politische Lage erforderlich: Im Sommer 1911 Ms spät in den Herbst, herrschte, Marokkos wegen, eine Spannung zwischen Deutschland und Frankreich, die jeden Augenblick in einen Krieg auszuarten drohte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtete man in Frankreich das Funkttonieren der Entente. Während die englische Regierung mit einer nicht erwarteten Bestimmtheit für die französischen Interessen eintrat, drohte der Wirksamkeit der Entente eine andere Gefahr: Die öffentliche Meinung in England wandte sich gegen das Bündnis mit Rußland; damit war aber auch der gesamte Zusammenhalt ln der Mächtegruppe in Frage gestellt. Voll Besorgnis berichtet der französische Botschafter in London, Jules Cambon in einem Geheimbericht vom 2. Dezember 1911 über die Gründe des britisch-russischen Mißverhältnisses: ״So freundlich hier die Entente mit Frankreich aufgenommen wurde, ebensosehr haben die Abkommen mit Rußland Mißtrauen erweckt. Der fortschrittlichste Teil der liberalen Partei widerstrebte einem Abkommen mit dem nordischen Autokraten; die Israeliten, so einflußreich in der City, sahen ungern eine Näherung an eine Mac ht, deren jüdische Untertanen, vertriebe n und verfolgt, ganze Stadtviertel von London bevölkern; die Konservativen, erfüllt von alten Ueberlieferungen der britischen Politik und stets mißtrauisch gegen die moskowitischen Absichten in Asien, wollten nichts davon wissen, den Russen eine Tür nach Persien und damit nach dem Persischen Golf und den Grenzen Indiens zu öffnen.“ — Nach Feststellung dieser drei Ursachen der in England herrschenden Abneigung gegen die Entente mit Rußland, fährt Cambon fort: ״Lord Lansdowne vorerst, Sir Ed. Grey später, mußten ein beträchtliches Maß an geistiger Unabhängigkeit und ein starkes Empfinden für die höheren Interessen des Landes aufbringen, um die Verhandlungen für ein Abkommen mit Rußland zu beginnen, fortzuführen und zu Ende zu bringen.“ — ״Leider wird das Oberhaus die Debatte eröffnen ... Sir Ed. Orey ist äußerst beunruhigt . . . und hat mir die Schwierigkeit der Situation nicht verborgen.“ Dieser Beurteilung der Situation kommt besondere Bedeutung zu, weil Paul Cambon neben seinem Bruder Jules Cambon, Botschafter in Berlin, als der fähigste Diplomat Frankreichs galt. ״Ba-schanah babaali . . Von Georg Herz, Haifa. Die Zeitereignisse lenken unseren Bück von Zukunft*- aufgaben ab. Gedanken über Aufgaben, die nicht unmittelbar mit den jetzigen Geschehnissen Zusammenhängen, sind 11npopulär. — Und doch wurde der Grundstein zur Universität fast noch während der Wirren des Weltkrieges gelegt . . . Es wäre vielleicht jetzt an der Zeit — ungeachtet aller zionistischen Tagesarbeit — Vorbereitungen zu treffen für jene freundlicheren Tage, deren Kommen wfr alle sehnlichst herbeiwünschen. Meine Vorschläge bezienen sich aut ein Gebiet, auf dem jeder von uns mithelfen und mitarbeiten kann: Touristik. 1. Es ist von jedem Zionisten zu fordern, daß er zumindest einmal in seinem Leben eine Reise nach Erez-Israei unternimmt. Dies ist zunächst eine Forderung an die Zionisten der ganzen Welt. Die ״Aufnahme der Uebersiedelung in sein Lebensprogramm“ wird für so manchen eine unerfällbare Lieblingsiaee bleiben müssen — diese Pflicht, zumindest einmal in seinem Leben das Land zu sehen, für das er wirkt, diese Pflicht ist bei den heutigen Verkehrsverhältnissen normalerweise für jeden Zionisten erfüllbar. Jede Zionistische Organisation — von der Ortsgruppe bis zum Kongreß — sollte diese Forderung für seine Mitglieder aufstellen. Darüber hinaus müßte sie zu einer allgemein-jüdischen Forderung erhoben werden: ״Jeder Jude soll mindestens einmal 1'n seinem Leben in Erez-Israei gewesen sein.“ Der mohammedanische Mekkapilger ist von weitem erkennbar an seinem Tarbusch. Die ״Erez-israel-Nadel“ kann zum verehrungswürdigen Symbol derer werden, die zu erkennen geben: ״Ich war schon da.“ 2. Alle, die das Land schon gesehen haben, sind voll der Eindrücke — aber auch voll der Wünsche, Beschwerden, Vor- Schläge und Anregungen. Ihnen allen fehlt eine Stelle, eine Organisation, die sich ihrer Desiderata annimmt Ich denke hier an Vorbilder wie die Alpenvereine und Harzklubs mit all ihren Einrichtungen; Organisationen, die einesteils die touristische Erschließung des Landes betreiben, andererseits die Touristik selbst fördern. Es bestehen ja in dieser Hinsicht schon beachtliche Anfänge: das zionistische Informationsbüro in Jerusalem, der Palestine Touring Club in Berlin, die Pro Carmel Society in Haifa usw. Aber das sind eben nur Anfange. Sie wären zu einer starken Organisation auszubauen, die Träger einer jüdischen touristischen Palästina-Bewegung würde. Die touristischen Aufgaben, die es hier im Lande selbst zu bewältigen gibt, sind zu vielseitig, als daß sie in einem nichtpalästinensisclien Organ behandelt werden könnten. Stehen wir doch erst am Beginn einer touristischen Entwicklung des Landes. 3. In Verfolg obiger Gedankengänge müßte die Veranstaltung von offiziellen Peßachfahrten nach Jerusalem erstrebt werden. Es kämen hierfür zunächst die jüdischen Gemeinden der Levante in Betracht: Cairo, Alexandrien, Beirut, Damaskus, Saloniki. Es wäre aber denkbar, daß dieser zunächst kleine Kreis sich später noch erheblich erweiterte. In diesem Zusammenhänge sei der geplanten ״Makkabiade“ des Turn- und Sportverbandes gedacht. Diese Veranstaltung dürfte auch für andere Verbände beispielgebend werden. Alle diese Bestrebungen — hier zunächst kurz angeführt — bedürfen der zielbewußten Förderung von seiten der Organisation wie von seiten jedes einzelnen Zionisten. Ungeahnte Energien können hierdurch lebendig gemacht werden, denn auch dies ist eine Verknüpfung von Land und "Volk.