Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 31 (19.4.1929)
- Date
- 1929-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 3t, 19. IV. 1929 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 193 Literatur-Blatt Jabotinskis Legionenbuch Von Sch. Gorelik. Im Verlag ״Rasswjet" (Paris) sind die Erinnerungen Jabotinsids über aie jüdische Legion, welche in Palästina während des Weltkrieges mitwirkte, in russischer Sprache erschienen. Wenn auch manche Stellen geeignet sind, Kritik und Wider* spruch hervorzurufen, so überwiegt im allgemeinen doch das Oute, das Positive. Es ist vor allem ein ehrliches, gerades, mit viel Talent geschriebenes Buch. Jabotinski erzählt die Oe» schichte der jüdischen Legion, er erzählt von der Rolle, die er, der eigentliche Urheber der Legionsidee, gespielt hat und von dem schweren Kampf, den er und einige seiner Getreuen zu bestehen hatten, um bei den jüdischen Volksmasscn den höchst unpopulären Legionsgedanken zum Durchbruch zu verhelfen. Die erlittenen Mißerfolge in der ersten Zeit verhehlt er nicht, und er berichtet darüber mit anerkennenswerter Aufrichtigkeit. Und wenn er auch den errungenen Sieg überschätzt, so liegt eine solche Ueberschätzung im Wesen eines jeden, der stark an seine Sache glaubt. Von alten diesen wechselvollen Episoden vor der Entstehung und nach dem endgültigen Zustandekommen der jüdischen Legion, wie auch während seines kurzen Wirkens an der transjordanischen Front (wo Jabotinski als englischer Offizier eine Abteilung kommandierte) erzählt er in einer ruhigen Sprache, die von verhaltenem Pathos und leidenschädlicher Ueberzeugung betreffs der historischen Wichtigkeit seines Werkes durchdrungen ist Da er in der Legion-Angclegenheit mit einer großen Anzahl führender englischer Per■ sönlichkeiten zu tun hatte, so entstehen gelegentlich ganz her* vorragende Charakteristiken, und gerade weil es gelegentlich und wie unbeabsichtigt geschieht, wird der Genuß des Lesers nur erhöht. Jabotinski will in seinem Buche am wenigsten als Schriftsteller glänzen; worauf es ihm ankommt, ist, die Geschichte der jüdischen Legion zu erzählen und dabei den günstigen Moment, für den Oedanken des Selbstschutzes, für seinen Lieblingsgedanken zu werben, nicht außer acht zu lassen. Beides tut er mit großem Ernst. Wenn aber bei diesem Anlaß eine prachtvolle Seite, manchmal sogar eine sehr humorvolle Seite, entsteht und in knappen Sätzen ein Mensch, eine Gruppe von Menschen, eine Situation gezeichnet wird, so ist es so, als wollte er sagen: ״Ich kann nichts dafür“. Die Schil* derung der Unterredung, die Jabotinski und Trumpeldor mit dem englisciten Kriegsminister Derby hatten, ist nur eine von vielen solcher Szenen Schilderungen, die sein Buch zu einer der spannendsten Lektüren macht. Amety (damals nur Abgcordneier des Unterhauses), Oberst Patterson, Steed, Londoner jüdische Notabein aus den Assimilantenkreisen, alle passieren sie hier vor uns Revue. Von seinem Freund, dem Oberst Patterson, erzählt Jabo* tinski viele Abenteuer und Heldentaten mit der unverhohlenen und löblichen Absicht — uns für diesen Zionsfreund wann zu stimmen. Schwerlich wird ihm das gelingen, wenigstens bei dem Leser, der Patterson aus Trumpeldors Erinnerungen kennt. Immer wenn ich auf diesen Namen stoße, muß ich an jene gräßliche Szene denken, von der Trumpeldors Oallipoli-Chronik berichtet. (Jabotinski, von dem die Legion-Idee stammt, hat die erste, dramatischste Phase der jüdischen Legion in Gallipoll — Zion Mull Corps — nicht mitgemacht und miterlebt, denn er war nur für den Kampf auf der palästinensischen Front.) Die Exekutions-Szene an jüdischen Legionären, die sich gegen die Disziplin vergingen: ״Die Peitschen sausten nieder, und die Schreie der Gezüchtigten ertönten.Im gleichen Augenblick wurden auch aus den Reihen der anderen Schreie laut und ein paar Mann sprangen hervor und stürzten zu ihren Kameraden. Nur der gezückte Degen des Obersten zwang sie, zurückzutreten .... und die Hiebe fielen unaufhörlich nieder auf die entblößten Rücken. Es zeigten sich rote Streifen, dann Mutige Striemen“. Den gezückten Degen, der die zu Hilfe Eilenden abschreckte und verjagte, schwenkte nämlich der Oberst Patterson. Es ist nicht leicht also, für ihn besonders warm zu werden, wie es auch nicht leicht fällt, Sir Herbert Samuel, den wir in Jabotinskis Legionsbuch als den damaligen englischen Minister des inneren zum erstenmal kennen lernen, ins Herz zu schließen. Samuel befand sich zu jener Zeit mit den Emigranten, den jüdischen Schneidern in Whitechapel, in bitterem und wenig rühmlichen Kampf. Diese Schneider von Whitechapel! Von ihnen ist sehr viel im Buche die Rede. Als der Krieg tobte, nützten sie ihre besondere Lage aus und eilten nicht als Freiwillige zu den Fahnen. An Rußland, ״ihr ehemaliges Vaterland , band sie nichts, nur schreckliche Erinnerungen hatten sie daran, für England konnten sie noch nichts empfinden, denn sie waren Fremde, sie waren nur geduldet in Whitechapel. Vielleicht jvar es kein besonders erhebender An- Mick, gesunde, junge Schneider in Whitechapel in zivilen Kleidern nach der Arbeitszeit spazieren gehen zu sehen, während Englands Jugend den Soidatenrock trug. Aber das war Englands Jugend, der niemals eingefallen wäre, jene Schneider als Mitbürger zu betrachten. In den Zeitungen Londons machte man auf die jüdischen jungen Leute des Ghetto aufmerksam. Den jüdischen Notabein erschienen diese Zeitungsnotizen a!s der Ausdruck eines flammenden Volkszoms. Sie erschraken, sie stürzten sich auf die Schneider von Whitechapel, die merkwürdigerweise in dieser Zeit des Mordens und Massensterbens einen besonders starken Willen zum Leben bekundeten, und forderten von ihnen unverzüglichen Opfermut. Herbert Samuel, in seiner Eigenschaft als Minister des Inneren, stellte die Schneider vor die Wahl: Nach Rußland zurückgeschickt zu werden oder zu den englischen Fahnen zu eilen. Die Schneider von Whitechapel wurden in den Soldatenrock gesteckt. Man gab ihnen nur das Privileg, für eine jüdisehe Sache zu kämpfen, man bildete sie aus und schickte sie an die palästinensische Front. Die ganze Tätigkeit Jabotinskis in London bestand darin, diese Schneider zu überzeugten Legionären zu machen. Das gelang ihm aber nicht im geringsten. Sie gingen, sie standen an der transjordanischen Front, sie waren die besten Soldaten, aber sie taten alles aus Pflicht, ohne das kleinste Interesse für Palästina zu haben. Leidenschaftlich haßten sie den Krieg, sie waren der Meinung, daß es besser sei, als gut verdienende Schneider in Whitechapel zu leben und waren überzeugt, daß man ihnen schweres, bitteres Unrecht angetan hat. Jabotinslri steht selbst vor diesen Leuten wie vor einem Rätsel. Sie kamen als die Ersten, gingen nach Hause als die Letzten, ertrugen mit bewundernswerter Ausdauer, ohne jemals' zu murren, zu klagen, alle Strapazen des Fronflebens, aber als man sie nach dem Waffen- Stillstand einlud, eine Rundreise durch das Land, eine Vergnügungsreise durch Erez-Israel zu machen, lehnten sie ab, keiner wollte mit. ״Wir brauchen dergleichen nicht“, lautete ihr Kollektivbrief an ihren Obersten — ״wir sind nicht hierher gekommen, um uns Landschaften anzusehen, wir sind des Dienstes wegen gekommen, haben anx'nndi׳־ gedient und Euch, Sir. kein einziges Mal blamiert; und jetzt ist an Ihnen die Reihe, bemüht Euch, damit man uns schnellstens nach Hause zurückschickt“. Ais Legionäre, da man doch mit diesem Begriff einen Akt der Freiwilligkeit verbindet, darf man sie nicht bezeichnen. Und indem Jabotinski ausführlich von dem grausamen, kalten Verhalten der Schneider von Whitechapel erzählt, gesteht er gleichzeitig die ganze Niederlage, die er im Londoner iüd>- Ischen Viertel erlitten hat Sie sind nicht bekehrt worden, sie haben auf ihre Welse eine grausame Rache genommen. Man bedenke nur: Juden kämpfen an der palästinenrischen Front und wollen nicht einmal — als man sie dazu einlädf, — sich das Land, das Land der jüdischen Träume anschen. Das Schneider-Kapitel ist das traurigste, erstaunlichste Kapitel in Jabotinskis Legionenbuch. * Sehr schön sind jene Stellen, die sich mit der außerordentliehen Persönlichkeit Trumpeldors befassen. Viel ist Jabotinski mit ihm nicht zusammen gewesen. Sie wirkten an verschiedenen Stellen und zu verschiedenen Zeiten. Aber das Bild, das Jabotinski von ihm entwirft, prägt sich stark in unser Gedächtnis ein. Neu und überraschend^ bleibt die Wiedergabe einer Aeußerung Trumpeldors über das Wesen der Cbaluzim: Cbaluz heißt: ״Avant-Garde“, fragte ich (Jabotinski) in welchem Sinne ״Avant-Gardc“, Arbeiter? ״Nein, das ist viel mehr. Gewiß, es sind auch Arbeiter notwendig, aber das ist es nicht. Wir werden Menschen brauchen, die bereit sein werden, für alles da zu sein. Für alles, was Palästina brauchen wird. Der Arbeiter hat seine Arbeiter-Interessen, die Soldaten ihren Esprit de Corps; der Arzt, der Ingenieur, jeder seine Besonderheiten. Wir müssen aber eine Generation erziehen, die keine Interessen, keine Besonderheiten hat. Ein Stück Eisen. Biegsam, aber Eisen. Ein Metall, aus dem man alles, was für die nationale Maschine notwendig ist, schmieden kann. Räder fehlen? Ich bin ein Rad. Ein Nagel? Nehmt mich. Man muß Erde graben? Ich grabe. Man muß schießen, Soldat werden? Ich gehe. Polizei? Äerztc? Anwälte? Lehrer? Wasserträger? Bitte schön, ich bin für alles. Ich habe kein Gesicht, keine Psychologie, keine Gefühle, sogar der Name fehlt mir. Ich Irin der reine Begriff des Dieners, bin zu allem bereit, bin an nichts gebunden; kenne nur einen Imperativ: Bauen.“ So stammt also diese unheimliche Konsequenz, dieser strengste, unerbittliche zionistische Monismus, den sich Jabotinski besonders in der letzten Zeit in seiner Agitation zu eigen gemacht hat, von dem Helden von Tel-Chai, von Trumpeldor. Jabotinski glaubte damals selbst nicht an die Möglichkeit soleher Menschen. Sie werden kommen, erwiderte auf seine Zweifel Trumpeldor, der einer von diesen zu allem Bereiten war. Sehr einnehmend wirkt die große Wärme, mit welcher Jabotinski die Mitarbeit jener wenigen Getreuen schildert, die zusammen mit ihm für die Legionsidee gekämpft haben. Er spart nicht mit dankbaren Worten, und diese Worte sind sehr aufrichtig. Aber auch für seine Gegner hat er diesmal Ver- Standnis. Wenn Jabotinski in seinen Zeitungsartikeln eine scharfe, angriffslustige Feder führt, hier in dem Legionenbuche ist er maßvoll, und wenn wir ab und zu eine lyrische Stelle finden, worin Jabotinski sich leise über Einsamkeit, Verkanntsein, Ungerechtigkeit seitens ehemaliger Freunde und Weggenossen beklagt, die ihm nach seiner Meinung während seiner nationalen Tätigkeit widerfuhren, so ist es nicht schwer, für diese Klagen Verständnis aufzubringen. * ״*•׳■• Von dem -Lebe»* und Treiben an der transiordanisdien Front, wo das jüdische Bataillon stand, gibt Jabotinski ein sehr anschauliches Bild. Kriegserinnerungen in üblichem Sinne sind das nicht, und der Leser, der aufregende Beschreibungen von Schlachten, von Heldentaten und von allerhand Abenteuerhaftem erwartet, wird schwerlich auf seine Kosten kommen. Jabotinski, der als Offizier mit seinem Bataillon an der transjordanischen Front stand, ist zwar sehr stolz auf die must ergültige Disziplin, auf die Kraft zur Ausdauer und auf die Opfer (die Malaria hat Opfer gefordert) der jüdischen Soldaten, aber zum offenen Kampfe ist es niemals gekommen. Einmal sah er sich gezwungen, den Befehl zum Feuern zu geben, aber er selbst sagt, daß es höchstwahrscheinlich überflüssig war, denn die Türken waren schon längst geflohen. Bedeutender als jede kriegerische Heldentat ist nach meinem Dafürhalten die Tatsache, daß Scharen dieser türkischen Soldaten immer versuchten, zum jüdischen Bataillon zu gelangen, da sich das Gerücht verbreitete, daß hier Gefangene besonders menschlich behandelt würden. Jabotinski, der vielleicht mehr aus erzieherischen Gründen, als aus wirklicher Ueberzeugung seinen großen Respekt vor Feldherren und dem Soldatenwesen immer hervorhebt, benahm sich bei einer Gelegenheit, wo er militärische Strenge hätte üben müssen, so unmilitärisch, so jüdisch, daß man beim Lesen dieser Episode nicht umhin kann, ihm aus vollem Herzen Beifall zu spenden. Als nämlich während des Marsches ein Beduine beim Stehlen von Munition erwischt wurde (die die fliehenden Türken zurückgelassen hatten), verfuhr Jabotinski mit dem Dieb!licht nach der üblichen Strenge des Kriegsgesetzes, die dafür Todesstrafe vorsah. Er zwang ihn, die Munition zurückzugeben, ließ ihn ruhig laufen, und aie einzige Strafe bestand darin, daß er ihm seinen Esel wegnahm und diesen dem sehr ermüdeten Feldrabbiner, dem Misrachisfen Falk, übergab. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich lese solche Soldatenberichte viel lieber, als die Berichte vom Erstürmen einer Festung. Der neue Bau der Universitäts-Bibliothek in Jerusalem wird während der Pessachvvoche zur Berichtigung offen stehen. Die für den gleichen Zeitpunkt geplante Eröffnung des Baus verzögert sich infolge des verspäteten Eintreffens der Büchergestelle, die von der deutschen Gesellschaft ״Freunde der Hebräischen Universität“ gestiftetwurden. Die endgültige Einweihung des Gebäudes soll daher Mitte Juni stattfinaen. (Ziko.) Nach einer Bibliographie, die in der Jüdischen National- Bibliothek in Jerusalem bearbeitet wurde und im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom l. März erschienen ist, wurde im Laufe der letzten Zeit eine größere Reihe von Schriften aus dem Deutschen ins Hebräische übersetzt, darunter Werke von: Bacher, Joseph Haydn, Theodor Herzl, David Hoffmann, Gottfried Keller, Graf keyserling, Walter Lehmann, F. W. Mader, Karl Marx, Friedrich Engels, Max Mell, A. Neuburger, J. H. Pestalozzi, Arthur Schnitzler u. a. Die hauptsächliebsten Verleger für die hebräischen Ausgaben sind: Achduth, Dwir, Tarbutn, Darom, Mizpeh, Omanuth, Haarez. In der gleichen Ausgabe des Börsenblattes findet sich auch eine Zusammensteiluug von aus dem Deutschen ins Jiddische übersetzter Literatur. Vertreten sind Herzls Schriften und Dichtungen von Marcus Lehmann und Emst Toller. Warschau, 16. April. (J.T.A.) Die Mitglieder des polnischen Pen-Klubs, in welchem die Repräsentanten der polnischen Literatur vereinigt sind, folgten einer Einladung des jiddischen Pen-Klubs zu einem 5-Uhr- Tee. Es herrschte eine freundschaftliche Atmosphäre. Man unterhielt sich über polnische und jiddische Literatur. ft Z. Feierberg (Zar 30. Wiederkehr seines Todestages.) Von S. Gomelski (Paris). I. Das Problem, das diesen weiblich-lyrische», sentimentalen Mann quälte, zu einem Märtyrer seiner Ideen-Welt machte, war: der Konflikt zwischen dem ״Alten“ und dem ״Neuen“. Die Tragik eines feinfühlenden Menschen, der sich an der Schwelle zweier Epochen befand: die eine, die schon zu dammern begann, war ihm tief verwandt, innerlich nahe — und sie bedrückte ihn gleichzeitig. Ungeachtet aber dieses bedrückenden Gefühls — ja, vielleicht deswegen — war Ihm diese alte Epoche so teuer, so lieb. Und die neue Epoche? Er kannte sie noch nicht; er ahnte sie aber schon, er wollte sie schon. Sic war für ihn schon unvermeidlich. Der Gedanke der Unentbehrlichkeit dieser zweiten Epoche, des ״Neuen“, markiert wie ein roter Faden sämtliche Erzählungen Feierbergs (״Talisman“, ״Die Schatten“ usw.): ״Ein mächtiger Strom zog mich in diese verdammte Welt trotz meines Unwillens und unwillkürlich denke ich nach“ (״Schatten“) — äußert sich sein Held. Feierberg spürte, daß diese beiden Welten ״verschiedene und einander fremd sind — und mein Herz leidet an beiden“ Ob.). ln der alten Welt begnügte man sich mit dem Nachdenken, wie man eigentlich ״das Schreckliche, was Leben genannt wird, aufs rascheste verjagen könnte“ (״Frühlingsnacht“). Feierberg ist ein lebendiger Protest gegen derartige Seelenversteinerung: er, der soviel Liebe zum Menschen und soviel tiefes Empfinden für die Natur und das Lebet! äußerte, konnte seine heftigen Proteste gegen das, was für ihn ein Verbrechen an seinem eigenen Volke war, nicht unterdrücken. Des Menschen Seele war für ihn ein ״Maajan Haschira“ — ״eine Quelle der Poesie“ (״Jaco der Wächter“) und an Gott richtete er nur die eine Bitte ״Leben, Leben, Leben, o du Gott“ (״Frühlingsnacbt“). Aber in seiner Proteststimme wird niemand eine Anklage vernehmen: wenn auch unsere Väter, die aus der ״alten“ Welt, die Seele ihrer Nachkömmlinge ,versteinerten, so waren doch auch sic selbst Opfer dieser Versteinerung. Deshalb ist sein Protest der eines liebenden Sohnes, der die Größe und den Add seiner Abstammung nicht verkennt. So lebte Feierberg in der Welt der Widersprüche: Liebe und Angst vor den beiden Weiten. Das Neue Wßr für ihn keineswegs der Feind des Alten. Und deshalb woHte er es so kommen sehen. Aber für Feierberg wurde dem Neuen eine ganz andere Rolle beschieden als die, wie sie die Vertreter unserer ersten Maskilim auffaßten: sie, die Ersten, die Kinder der sechziger und siebziger Jahre des verflossenen Jahrhunderte, schüttelten von sich das ״Alte" ab —* als ob das wirklich möglieh wäre. Sie ״wurden ganz neu“ — und glaubten in ihrer Pionier-Naivetät, daß sie schon eo ipso wirklich neue Mensehen geworden wären, daß sie sich wirklich dem neuen Leben bereite angeschlossen hätten. Für Feierberg war es ganz andern: er fühlte die ihm innewohnende Kraft der alten Welt. Uno war — wie erwähnt — eng, zu eng in der begrenzten Welt des Ghetto: des physischen wie des geistigen. Hinaus wollte auch er. Aber gleichzeitig fühlte er das Monolite, das Schöne, den Reichtum und das Grandiose dieser alten Weh. Ihm war deshalb fremd, ja prekär die Art und Weise, in der die junge Generation dann dieses Problem löste: es war für ihn eine moralisch unannehmbare Lösung ebenso wie das Desertieren vom Schlachtfelde. Sein, Feierbergs, einziger Wille war: zu vermitteln, Frieden zwischen diesen beiden weiten zu schließen und er sagte: ״Und nun kommt es mir vor, daß mein Beth• Hamidrasen im Mittelpunkte der Welt aufgerichtet ist — und Lichtstrahlen für alle hinausströmen“ (״Schatten“). Das wollte er: einen echt-jüdischen, prophetischen Uuiversalismus, der aber nur durch eine Harmonie im Innern Israels selbst voll verwirklicht werden kann. Deshalb auch seine durchaus negative Haltung zu den Postuiaten von Dr. Berditschewski: nicht der Einzelne, nicht der jüdische Intelligenzler, sondern die Gemeinschaft, das jüdische Volk leidet unter diesem Konflikte und lauscht nach einem Auswege, nach einem Frieden. Feierberg, der die Flucht zwischen den beiden Welten picht, übersah, glaubte aber an die Möglichkeit einer Harmonie zwischen ihnen: er spürte diese Harmonie in seinem Innern. Ihm fehlte aber das Talent, die Formel für diese Harmonie zu finden. Ihm fehlten die passenden Ausdrucksformen, die ihn von seiner ihn verzehrenden Tragik befreien sollten. Es war noch vor der Geburt der Synthese zwischen dem ״Judentum“ und ״Menschheit“, die sich später in der neuen hebräischen Literatur äußerte und die allein die natürliche Befriedigung für die Suchenden, Sich-Sehnenden bedeuten konnte. Feierberg ahnte es voraus, daß diese Synthese möglich sei. Was ist sie aber? Worin besteht sie? Diese Frage quälte Ihn. Die Leiden Feierbergs waren nicht die Leiden eines einzelnen Juden, der seinen Weg suchte. Seine Leiden und sein Weg waren die der Gesamtheit seines Volkes: nicht er, der Intellektuelle der Einzelne, sondern das ganze jüdische Volk befand sich damals auf dem ״Scheidewege“ — ״Al Paraschath Hadrachim“. Und Feierberg war vor allem ein Kind dieser Scheidewegs-Epoche. Er schuf keine Generation; wohl war er aber der deutlichste Repräsentant seiner jungen jüdischen Generation, er war der Künder der Leiden seiner jüngeren Zeitgenossen. Es waren die ״Leiden des jüdischen Weither“, die er proklamiert« —. und sein Weither ist deshalb kein anderer als Nachman, der Verrückte, der Hauptheld seiner berühmten Novelle ״Wohin“? Es ist eine Beichte des jüdischen Werther. Nachman als Einzelner, als Individuum, war nur das Kind dieser Umgebung, die so fürchterlich drückte und die man so leidenschaftlich liebte, der Umgebung, die genötigt war, ihren Platz aufzugeben und am Scheidewege die Frage aufzuwerfen: ״Wohin?“ Die ganze Gedanken- und Gefühls-Welt Nachmans dreht sich um diese einzige Tatsache: das Volk — wohin? Er, das Individuum, der Intellektuelle, war nur der Fahnenträger; das Subjekt aber ist Es, das Volk. Nicht darunter leidet Nachman, weil es ihm, dem Einzelnen, zu eng war, well er für sich einen Ausweg, einen Wendepunkt suchte, — wie es mit den Werthers eines Berditschewski der Fall war. Er, Nachman, ist ja nur ein Bruchteil des Ganzen, der Gesamtheit, der er angehört, und er hat das Gefühl, daß etwas im Leben dieses Ganzen geschehen muß und wird, denn es kann nicht so weiter existieren. Eine Aenderung muß ja eintreten. In diesem Falle kommt es ja gar nicht darauf an, ob Nachman, der Fragesteller, auch die Antwort finden wird. Für jene Generation war es nötig, die Frage aufzurollen. Es war auch deshalb nötig, weil die Antworten der früheren Generationen nicht mehr befriedigend waren, weil dann ein Achad- Haam kam und feierlich und mutig ausrief: ״Lo suh haderech“ ״Nicht das ist der Weg“. — Einen Weg mußte man finden. Ja, es ist auch möglich — Feierberg glaubte an diesen Ausweg nicht — es kann aber möglich sein, daß der Weg eines Berditscheivski den Ausweg für mich, den Einzelnen, den lebendigen Menschen, das Individuum jüdischer Abstammung, be-