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Jüdische Rundschau · 1928-05-04 · Heft 35 (4.5.1928) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 35 (4.5.1928)
Date
1928-05-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 35, 4. V. 1928 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 251 '! Keren Hajessod * Kundgebungen t Martin Buber in München und Nürnberg Aas Nürnberg wird uns berichtet: Der Keren Hajessod, Ortsgruppe Nürnberg, hatte am Mittwoch, den 25. April, abends, zu einem Vortrag von Dr. Martin Buber über: ״Ein Land und ein Werk“ einen Kreis interessierter eingeladen. Herr Dr. Meinhold Nußbaum eröffnete die Versammlung, die ers'e Versammlung des Keren Hajessod nach dem Tode seines eifrigen Anhängers und Förderers Dr. David Grünbautn, indem er den Redner als den Mittler zwischen östlichem und westiichem Judentum willkommen hieß. Buber begann seine Rede mit einem Gleichnis aus dem Midrasch: Zwei Thoragelehrte wollen aus dem Lande ihrer Väter auswandern, um in einem anderen Lande ihrem Gotte zu dienen. Aber am Tore der letzten Stadt kehren sie wieder am, denn: ״Das Wohnen im Lande Israel wiegt alle Gebote der Thora auf.“ Nicht im volkstümlichen Sinne will das Wort ״wohnen“ hier verstanden sein, es bedeutet Gottesdienst, Verwachsensein des Volkes mit seinem Lande und seinem Gotte, denn nur dieses Land ist imstande, sein Volk, das Volk Gottes, das Volk der Botschaft, in Wahrheit zu formen, und nur dieses Volk heiligt den Boden dieses Landes. Es ist das Gefühl der Einzigkeit Israels, das in jedem Besucher beim Betreten des Landes erwacht. Man kann diese Dinge nur andeuten, nicht sagen, aber es handelt sich hier nicht um ,,Ideologien“, sondern um wirkliches Land und wirk* lieh es Volk, ln vorchristlicher Zeit war Palästina eingeengt in zwei Kulturen, die babylonische und die Nil-Kultur, die ägyptische Kultur. Die babylonische Kultur ist eine Raum* kultur, charakterisiert durch den Sternengiauben und die Wissen- Schaft, die ägyptische eine Kultur der Zeit, bestimmt von dem einen Hinblick auf den Tod, auf die Unsterblichkeits- Sicherung, auf die Kunst. Beide Kulturen waren im Grunde Magie. Und eingekeilt zwischen diesen beiden Kolossen wuchs ein seltsames Völkchen auf, das eine neue Botschaft der Welt brachte: Die Botschaft von dem Leben im Angesicht des einzigen Gottes. Nicht der Gedanke des re'nen Monotheismus war das Wesent'iche dieser neuen Bots ha t, sondern die betonte Nähe des Menschen zu Gott, das Du-sagen zu ihm, das Zwiegespräch mit Gott, das keines Mittlers bedurfte. Eine geschehene Erlösung der Welt gibt es für uns nicht, die Weit ist noch immer unerlöst und wartet auf uns. Und immer wieder versuchen Menschen in diesem ihrem Lande eine neue Menschengemeinschaft aufzubauen, die messianischen Verheißungen zu erfüllen. Denn ech e Menschengemeinschaft wächst nur in der Sammlung und nicht in der Zerstreuung. Die größte Errungenschaft der Emanzipation ist die Ermöglichung dieses gemeinsamen Werkes, das erst in unserer Zeit geschehen kann. Mag sich manches in Erez-Jisrael noch so irreligiös gebärden, es ist doch der uralte religiöse Kern, der darin steckt, es ist die Wiederaufnahme der Botschaft. Diese Irreligiösen sind die besten Elemente des Judentums, sie geben sich nicht zufrieden mit dem Seienden, sie ziehen den Mangel der falschen Sattheit vor und sie sind auf* geschlossen für das Kommende. Sie, die Empörer, sind die Träger der wahren Kultur, während die technische Zivilisation nur eine moderne Magie ist. Nach Buber ergriff das Mitglied der Keren Haje^sod-Kommission, Rabbiner Dr. Max Freudenthal das Wort, um die Gemeinsamkeit der Keren Ha'essod-Arbeit zwischen Nichtzionisten und Zionisten zu betonen. Dr. Buber knüpfte in seinem Schlußwort an diese Worte cn..j1n4' führt*. aus,■daß das Judentum mir;äftrdr Schaffung, einer organischen Mitte zu erneuern sei, durch bloße Konservierung zerbröckie es. Beweis hierfür sei das große furchtbare Schauspiel in Sowjetrußland. Das russisch; Judentum ist nicht mehr das unerschöpfliche Reservoir, das immer wieder neue Kräfte nach dem Westen snüle. es droht seinem völligen Untergang entgegenzugehen. Es gibt für die Juden der gesamten Welt nur e i n gemeinsames werk, und das ist Palästina. Dr. N u ß bäum machte von der Konstituierung eines erweiterten Keren Hajessod-Komitees in München und Nürnberg Mitteilung, dem fahrende Mitglieder der Gemeinde beigetreten seien, und schloß die Versammlung mit herzlichen Dankesworten für Dr. Buber. * Im Rahmen der Münchener Kundgebung im Cherubinpalast am Donnerstag, den 26. April, sprachen Herr Direktor Oskar Wassermann, Berlin, der Präsident des deutschen Keren Hajessod und Herr Dr. Martin Buber, die zunächst von Herrn J.-R. Dr. Elias Straus mit herzlichen Worten begrüßt wurden. Herr Oskar Wassermann führte etwa folgendes aus: Es freut uns, auch hier im Süden des Reiches einen lebhaften Widerhall der Bestrebungen zu finden, die wir seit Jahren vertreten, in denen wir uns auch durch Widerstand nicht irre machen lassen. Der neutrale Keren Hajessod Ist der Ueberzeugung, daß der Aufbau Palästinas die Erfüllung der zweitausendjährigen Sehnsucht unserer Vorfahren, die Erfüllung dessen, wofür unsere Großväter, unsere Väter und manche von uns selbst dreimal des Tages gebetet haben, nicht einer Partei Im Judentum zufallen darf, daß es eine jüdische Angelegenheit Ist, Palästina aufzubauen und daß jeder Jude verpflichtet und berechtigt ist, daran teilzuhaben. Wir wollen nicht, daß eine jüdische Partei eines Tages sich das Verdienst zuschreiben kann, das getan zu haben für das Judentum, was die Judenheit hätte tun sollen, und wir wollen noch weniger, daß durch unsere Nichtmitarbeit diese Partei Schiffbruch erleidet Daher sind wir der Ansicht, daß jeder deutsche Jude am Keren Hajessod mitwirken soll, um in Palästina eine jüdische Siedlung, ein jüdisches Gemeinwesen zu errichten und zu festigen, das in geschlossener Siedlung jüdisches Leben lebt und jüdische Lebensformen schafft, von denen wir uns weit mehr, als uns zuträglich ist, entfernt haben. Wenn aus diesem jüdischen Leben sich noch mehr entwickelt, wenn sich dort wieder Gedanken und Erkenntnisse bilden, die vielleicht ebenso gut und ebenso neu sind wie die Gedenken, die früher von Pa.äs Ina ausgegangen sind, und die der Welt, der Menschheit neues Denken und Fühlen brachten, so werden wir alle dies mit größter Genugtuung als Leistung, als jüdische Leistung uns zuschreiben dürfen. Auch heute ja, nicht nur vor Tausenden von Jahren und in der Zwischenzeit haben wir Juden der Welt Erkenntnisse und Mehrung des Wissens und Fühlens gebracht, aber nicht als Juden, häufig nicht als Juden. Wenn wir wieder einen Mittelnunkt für die Gesamtheit schaffen, so ist es das, was das Judentum bitter nötig braucht; denn für viele beginnt ja das Judentum eigentlieh erst da, wo es endet, auf der Totenbahre. Wandlung kann Palästina bringen, aber auch nur Palästina. Dazu ist es nicht nötig, einen jüdischen Staat, eine jüdische Nation im modernen Sinne zu haben; dazu ist es insbesondere nicht nötig, materielle Machtmittel zu haben. Tatsächlich ist es so, daß diese Dinge unmöglich sind wegen der Begrenztheit Palästinas. Palästina ist ein kleines Land, das hat nie gehindert, daß große Ideen dort wachsen; a^er im materiellen muß man der Kleinheit Rechnung tragen. In Pa'ästina muß vor allem die Landwirtschaft entwickelt werden und diese Entwicklung wird infolge der bewundernswerten Energie der Bevölkerung über Erwarten gut gehen. Das Herz geht einem auf, wenn man die Juden bei der Arbeit sieht, donpelt, wenn man die Jugend sieht. Das Land hat Raum für eine landwirtsehaft'rhe Bevölkerung von 103 000 bis 603003 Köpfen. Da die landwirtschaftliche Bevölkerung •10 ״/״ der Bevö'keru־'g sein muß, so kann sich die Zahl der Juden, Wenn ihr Anteil auf ein Viertel wächst, auf 375 030 bis 400 000 steigern. Damit sind die Möglichkeiten nirlrt erschöpft, nur die Entwicklung des nächsten Jahrzehnts. Es ist zu wenig für einen jüdisehen Staat, aber viel für die Entwicklung jüdischen Lebens, viel, sehr viel für uns selbst. Wir sehen daraus, daß wir keine Bedenken tragen müssen, uns für Paläs'ina einzusetzen. 13 bis 15 Millionen Juden gibt es in der Welt, eine davon kann Pa’ästina aufnehmen. Wer kann und will uns da e’nreden, daß wir_ hier ״Fremde“ werden, wenn wir für diese Besiedlung Pa'Is'inas arbeiten? Wir bleiben Deuts ־׳he, auch wenn wir für Palästina nicht nur geben, sondern uns dafür einsetzen. Seit länger als tausend Jahren ist die Münchener Bevölkerung gut bayerisch, aber auch gut katho'isch, ohne daß daraus ernstliehe Differenzen en's'enen würden. Auch bei den Juden werden sie nicht entstehen. Ob wir national emoinden, das haben wir seihst zu bestimmen, das kann uns kein Zionist n’hmen und auch kein Antisemit Was die anderen darüber denken? ״Der eine fragt: Was kommt danach? der andere: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“ (Starker Beifall.) Das Münchner Komitee. Nachdem J.-R. Dr. Straus Herrn Wassermann den Dank der Versammlung ausgesprochen hatte, erteilte er das Wort Herrn Dr. Martin Buber zu seinem Vortrage über ״E1 n Land und ein Werk“. (Den Gedankengang dieses Vortrag haben wir in unserem Nürnberger Berichte wiedergegeben.) Nachdem der Beifall verklungen war, gab J.-R. Elias Straus die Namen derer bekannt, die sich der Münchener Ortsgruppe des neutralen Keren Hajessod angeschlossen hatten. Es sind u. a. die Herren: Karl Adler, Rabbiner Dr. Leo B a e rwald, Julius Basch, Dr. Wladimir Eliasberg, Bankier Angela Feuchtwanger, Dr. August Feuchtwanger, lustizrat Dr. Emil Frankel, Geh. Justizrat Prof. Dr. Franicenburger, Paul Grünbaum, Dr. M. J. Gutmann, Bankier Max Krämer, Justin Lichtenauer, Karl Löwenthal, Bernhard Lustig, Ober'andesgerkh'.srat Dr. Alfred Neumeyer, R.-A. Dr. Alfred Perlmutter, R.-A. Dr. Ludwig Regensteiner, R.-A. Dr. Julius Siegel,. Generaldirektor S. Weiß, Dr. Karl W o 1 f s k e h 1. Darauf sprach Herr Rabb. Baerwald nochmals den beiden Referenten den Dank aller Anwesenden aus und J.-R. Dr. Straus schloß die Versammlung mit den Worten: Wenn ihr Palästina aufbaut, beweist ihr den Glauben an euch selbst und de» Glauben an eure Zukunft. Das Roekeieller-Ilosemii in Jerusalem Jerusalem, 27. April. (J. T. A.) Das Departeme t für öffentliche Arbeiten der Palästina-Regierung hat c Pläne für das in Jerusalem aus der bekannten Rockefc.ler-Spt e zu erbauende Museum in Anlehnung an die in De!.' land bestehenden Museen entworfen. Von den 400 003 Pf! d, die Rockcfeller gespendet hat, werden 240 000 Pfund für den Bau ausgegeben werden, der Rest in Höhe von 160 000 Pfund wird als Fonds zur Erhaltung des Museums benutzt werden. Das Museum, das 1930 vollendet sein wird, wird die ausgegrabenen Schätze Palästinas beherbergen und der archäologischen Forschung in Palästina ein Stütze sein.; Das Ausgrabungsprogramm Ist für dieses Frühjahr und den Sommer ungewöhnlich ausgedehnt. Die Archäologen werden das ganze Gebiet von Dan nach Beerscheba unter die Spitzhacke nehmen; 14 Expeditionen aus amerikanischen, englischen, französischen, deutschen, italienisehen, österreichischen und dänischen Forschern bestehend, sind bereits auf dem Wege zu neuen Entdeckungen. Zu den Städten, denen man diesmal besondere Aufmerksamkeit widmet, gehören die Ueberreste der Stadt Davids, das Grab Josaphats, der Hain Mamre, die Stadt Kirjath Sefer, die Ueberreste von Mizpah, sowie die bereits begonnenen Ausgrabur.gcn in Schechem bei Nablus und in Beisan in Galiläa. Ferner wird man mit der Rekonstruktion der Stadtanlage des alten Jerusalem fortfahren. Joden-Draiiflsaliernngcn In Ulanen Kowno, 1. Mai. (J. T. A.) In den Kownoer Büros des Keren Kajemeth und des Keren Hajessod, sowie in der Redaktion und Administration der nationalen jüdischen Tageszeitung ״Yjdische Stirne“ wurden eine ganze Nacht hindurch von Geheimagenten und Polizisten Haussuchungen vorgenommen. Es wurde eher nichts Verdächtiges gefunden, was auch im Protokoll festgesteilt worden ist! Ein besonderer Schlag wurde gegen die berühmte Jeschiwa zu Slobodka geführt. Unter der absurden Annähme, daß die Jeschiwa-BacnUfim Verbindungen zu Kommunisten unterhalten, wurden zahlreiche Bachurim verhaftet Außerordentlich groß ist die Zahl der verhafteten jüdischen Arbeiter. Die gemäßigte jüdische Arbeitspartei ״Hitachduth“ ist verboten worden. Sehr starken Verfolgungen ist die zionis'fsch-sozialis bche Partei Poale Zion in Litauen aiisgesetzt. Die Partei wurde Verboten , alle Büros derselbe» wurden behörd'ieh geschlossen. In der Provinz wurde die Mehr-, zahl der Parteimitglieder verhaftet. Der Mörder der Elsa Niego treigesproeheii Konstantinopel, :0. April (J,T. A.) Der ehema'ige türkische Offizier Osman Bey, der das bildhübsche jüdische Mädchen Elsa Niego, die seine Liebeswerbungen zurückwies, auf der Straße erschoß, ist auf Grund eines medizinischen Gutachtens vom Gericht als für seine Tat nicht verantwortlich erklärt und frei gesprochen worden. Der Vertreter der Zivilpartei legte beim Kassationshof Berufung gegen das freisprechende Urteil ein. Der Fall Osman-Niego hat seinerzeit die öffentliche Mdnung in der Türkei ungeheuer erregt. Die Judenschaft Konst antinopels protestierte am offenen Grabe des Opfers gegen die Nichtverfolgung des Mörders; diese Kundgebung gab Anlaß zu einer hemmungslosen antijüdischen Hetze, die von der Presse und den nationalistischen Parteien geschürt wurde und viele Monate hindurch die Judenschaft in der Türkei be* unruhigte. Manchmal scheinen sie nur Marionetten zu sein, geschnitzt aus einem Holz, das unverwüstlich ist Und einer. Granowsky hält diese Figuren in seiner Hand, jede mit unzähligen Fäden und zaubert so aus ihnen Bewegungen heraus, die sonst nur Puppen machen können, deren Gelenke Kugellager haben und deren Knochen aus einem dehnbaren, elastischen Material sind. Herrlich mit solchen Puppen zu spielen! Einer spielt einen Papagei — und <Jps ist kein Mensch mehr, der einen Papageien spielt, sondern ein Papagei, der einen Menschen spielt. Oder da ist ein Pferd, das spricht. Man würde es nicht begreifen, wenn dieses Pferd nicht sprechen würde. Was meint Ihr dazu, Reh Pferdl? Hier spielen sogar die Bühnendekorationen. Lächerlich, wenn ein Holzklotz, auf dem man sitzt, nur ein Schemel wäre. Nehmt ihn in die Hand, kurbelt an der einen Seite — und schon ist er ein Leierkasten. Hört ihr ihn nicht spielen? Ist es eine Kunst mit einem Gefäß Wasser zu schöpfen, das einen Boden hat? Nein, also nehmt den Boden heraus. Man kann viele dieser Vorgänge symbolisch werten. Da fällt das Wort ״Schneider“. Und schon ist die ganze Bühne eine Schneiderwerkstatt — nur durch Bewegung. Es wird genäht, gesteppt, zugeschnitten und gebügelt ohne eine Nadel, eine Schere oder ein Bügeleisen, ohne einen Fetzen Stoff. Und so wird ein Anzug hergestellt, anprobiert, abgeliefert. Hält man uns zum Narren? Ein Anzug ohne Stoff? Aber ja, er ist doch gearbeitet worden, also muß er da sein. Es ist eine seltsame Suggestion, Suggestion der Bewegung, besser: Suggestion durch Bewegung. Und das Geheimnis dieser Bewegung ist der Rhythmus. Musik, Sprache, Mimik: alles Bewegung, alles ein Rhythmus! Doch plötzlich, mitten in der größten Bewegungsorgie ist alles erstarrt, steif, bewegungslos. Das ist schon gespenstisch. Und dann singt einer, singt ״ein Liedei“, ein jiddisches Chanson (Jawoll Chanson!) Singt, so ungefähr wie Pallenberg im Mikado sein Bachstelzenned sang. Man denkt oft an Pallenberg. Oft auch an Chaplin! Jüdische Kunst! Selbst die Ruhe bedeutet Ruhelosigkeit, Ruhelosigkeit des Geistes, der hinanschwebt über die Grenzen, über alle Grenzen nach Erez Jisroel. Aber wo der Geist ist, dahin pflegt auch der Körper zu folgen — wenigstens zu wollen. Hier will er es, man spürt es. Tausende Fäden verbinden diese Körper mit einem Geiste, der sie in ein Land zieht, in dem diese Kunst eine Bühne finden wird, die ein ganzes Land ist und ein heiliger Boden noch dazu. Dort mag die ganze Welt zuschauen! Das Arbeitertheater ״Ohet“ In Berlin weilt seit einigen Tagen Mosche Halevi, der Leiter des Arbeitertheaters ״Ohet“ in Palästina, über dessen Wirksamkeit wir schon wiederholt berichtet haben. Wir haben die Gelegenheit benützt, Herrn Halevi um einige nähere informationen über Geschichte und Struktur dieses eigenartigen und interessanten Kunstunternehmens zu bitten. Er gab uns etwa folgende Schilderung: Vor drei Jahren kam Halevi, früher Mitglied der Moskauer ״Habimah“ und Schü'er Stamslawskis und Wachtangoffs, nach Palästina und begründete bei der Kulturkommission der Histadruth ein dramatisches Studio mit dem Namen ״Ohel“ (das Zell). Ungefähr 40 in Prüfungen ausgewählte Genossen aus dem ganzen Lande kamen in Tel-Awiw zusammen und die Arbeit begann. Als Lehrer traten dem Leiter noch einige andere zur Seite: der Komponist Joel Engel richtete einen Volkschor ein, Dr. Jizchak Epstein lehrte richtige hebräische Ausspräche, Frl. Om stein Gymnastik usw. Die Mitglieder des Studio waren Arbeiter, tagsüber beschäftigt und nur in der Freizeit im Studio tätig. Nach einem halben Jahre theoretischen Unterrichts stellte sich ״Ohel“ mit zwei Perez-Abenden vor. Dargestellt wurden sieben kleine Szenen. Die Aufführung stellte das bedrängte Leben dar: gequält, bedürftig und arm, aber auch voller Sehnsucht und poetischer Schönheit. Es war ״Ohe!“ gelungen, den Geist Percz’ mit primitiven und doch modernen Mitteln auszudrücken. Der Modernismus hat zuerst einen Teil des Publikums der Aufführung gegenüber ablehnend gestimmt. Im allgemeinen aber wurden d^’e Perez-Abende als wichtiges künstlerrisches Ereignis bewertet 1! Das nächste gesoie.te Stück waren ״Die Fischer“, nach einem Drama von Beyermanns, von M. Levi bearbeitet. Hier sollte der Ohe! bestimmende Wille zur kollektiven Darstellung zur Bewährung kommen. Das Stück fand besonders beim Arbeiterpubiikum günstige Aufnahme. In diesen ersten beiden Darbietungen war der russische Einfiuß stark zu spüren. Der Einfluß war zwar produktiv und kam aus guter Quelle, es erwachte jedoch das Bestreben, sich von aller Art Einfluß frei zu machen und das den Bedürfnissen angepaßte selbständige hebräische Theater zu schaffen. ״Ohel“ wandte sich daher einem biblischen Stoff zu. ״Jakob und Rachel“ ist eine Bearbeitung des russischen Dramas Kraschninikows ״Rachels Weinen“, vermehrt um Zusätze aus Bibel und Aggadah. Die Vorstellung entfesselte in Palästina Sturm. Sie räumte revolutionär mit den banalen Bibelauffassungen in der modernen Kunst auf und stellte die Primitivität und Gesundheit unserer ackerbauenden und viehweidenden Ahnen wieder her. Mit dieser Vorstellung hat ״Ohe!“ den Keim zum selbständigen hebräischen Theater gefunden und sucht nun auf gleichem Wege weiter. Im Augenblick wird an einer Aufführung von Stefan Zweigs ״Jeremias“ gearbeitet. ״Ohel“ ist in der kurzen Zeit seines Bestehens ein wichtiger künstlerischer Mittelpunkt geworden. Viele Schriftsteller, Musiker, Maler und andere Künstler sind um ״Ohel“ gesammelt. Einmal im Jahre gibt es eine Ausstellung moderner Maler im Gebäude des ״Ohcl“ und auch Konzerte und sonstige Abend- Veranstaltungen finden da statt, bei denen neben anderen musikalischen Kräften auch der von Joel Engel begründete Volkschor mitwirkt. ״Ohel“ trägt die Kunst ins Volk. Ein sehr großer Teil der Eintrittskarten wird zu ganz niedrigen Preisen der Arbeiter■ Schaft überlassen. Zweimal im Jahr zieht ״Ohel“ in die Siedlungen des Emek und Galiläas, um auf primitiv für den Zweck schnell hergerichteten Bühnen vor einem unter freiem Himmel zusehenden Publikum zu spielen. Es ist zum Schluß nicht unwesentlich, darauf hinzuweisen, daß all das ausschließlich der Energie des Kollektivs und seines Leiters zu verdanken ist. Denn die wirtschaftlichen Bedingungen der Arbeit sind sehr schwierige. Zu Anfang erhielt ״Ohel“ eine kleine Subvention von der Kulturkommission der Histadruth. Jetzt aber ist ״Ohel“ selbst erhaltend und das ist nur durch eine außergewöhnliche Hingabe seiner Mitglieder möglich. Im ״Ohel“ arbeitet jedermann ohne Entgelt; die Mitarbeiter bestreiten ihren Lebensunterhalt von Lohnarbeit, die sie an anderer Stelle tun. Energie, Glaube, Hingabe und Begeisterung aller im ״Ohel“ Mitarbeitenden sind die Gewähr für zukünftiges Gdingen und die Erfüllung ihrer großen schönen Träume.

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