Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIII (1928)
- Issue
- Heft 35 (4.5.1928)
- Date
- 1928-05-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 252 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 35, 4. V. 1928 Nochmals: C.״V. (Eine Antwort an Herrn Dr. Holländer.) Von Gerhard Holdheiin.*) Es hat immer wenig Sinn, wenn politische Gegner einen Meinungsstreit in getrennten Organen führen. Da mit der Po* lernik eine propagandistische Wirkung nicht auf die eigenen Anhänger (die haben es nicht nötig), sondern vornehmlich auf die gegnerische Gefolg- und Mitlauferschaft ausgeübt werden soll, ist es ziemlich zwecklos, sich in einem Blatte zu ereifern, das Menschen, auf deren Umstimmung es einem ankowmt, doch nicht lesen. Obwohl also nachfolgende Zeilen eine von mir dringlich gewünschte praktische Bedeutung kaum haben werden, darf doch der Artikel Dr. Holländers nicht unerwidert bleiben. * Holländer wirft mir unsachliche Kampfesweise vor. Habe ich denn überhaupt versucht, mich mit einer Betrachtung des Judcnproblerns ernsthaft auseinanderzusetzen, deren Ausgangspunkt offensichtlich von der (noch dazu irrtümlichen) Spekulation auf außerjüdische Reaktionen beeinflußt wird? Die Führer des C. V. wollen durch das immer wieder neu betonte Bekenntnis zum deutschen Volkstum den Antisemitismus zum Verschwinden bringen. Ihr Judenproblem ruht in dem Phänomen der Judenfeindschaft. Die jüdische Politik, die sie treiben, wird ausschließlich beherrscht von der ängstlichen Ausschau nach den Wirkungen, die ihre Bekenntnisse und Handlungen auf die nichtjüdische Umwelt ausüben. Da sie in kaum begreiflicher Vcrkennung der Realität daran glauben, daß der Zionismus mit seiner Proklamation der nationalen Verbundenheit aller Juden die ״Errungenschaften eines mehr als hundertjährigen Emanzlpationskampfes“ gefährdet (vgl. Resolution Mecklenburg) und ״den Antisemiten Wasser auf ihre Mühlen liefert“ (Rede des Herrn Falkenheim, Königsberg), bekämpfen sie die Pa'äs'inabewegung mit pathologisch wirkender Leidenschaftlichkeit. Würden diese Menschen nicht von der Zwangsvorstellung getrieben, daß die zionistischen Losungen zu einer Verschlechterung ihrer staatsbürgerlichen Position führen müßten, so würden sie, ohne viel Aufhebens davon zu machen, die nationaljüdische Idee für ihre Person ablehnen, aber die gegnerische Auffassung in Ruhe gelten lassen. Denn ein öffentlich geführter Kampf hat doch nur dann einen Sinn, wenn der Gegner die eigenen Kreise empfindlich stört. Die Erbitterung, mit der z. B. die um die Agudas Jisroel gruppierte Orthodoxie den Zionismus befehdet, Ist, so sehr sieln ihren Formen und Methoden befremden mag, sachlich durchaus begreiflich. Was beim C, V. uns so abstößt, das ist die Tatsache, daß dort der Kampf gegen den Zionismus nicht aus Besessenheit für eine divergierende jüdische Idee, sondern mit dem sehr wenig hei'lgen Feuer von Menschen geführt wird, die für die Unangefochtenheit ihres Wohlergehens als Staatsbürger fürchten. * Holländer wirft mir vor, ich hätte dem C. V. Meinungen unterstellt, die gar nicht geäußert worden slien. Daß nicht gar eine Resolution angenommen wurde, die uns glatt und rund ״als staatsfeindlich oder als Bürger minderen Rechts“ bezeichnet — daß sogar Dr. Holländer solche Formulierungen in seinem Referat ausdrücklich abgelehnt hat, ist richtig. Er soll bedankt sein! Daß aber, um nur ein Beispiel zu nehmen, Herr Bruno Weil von der national-jüdischen Politik in Deutschland gesagt hat, sie bedeute ״eine stete Gefährdung der deutschen Belange”, wird Herr Holländer nicht gut bestreiten können, da das Pro• tokoll der C. V.-Zeitung (5. 102) diese schöne Wendung wort• getreu wiedergibt. Was soll denn dieser Satz eines so prominenten C. V.-rührers, was soll die von der Versammlung angenommene Resolution Mecklenburg anderes als die Brand• markung des Zionismus zu einer mit dem deutschen Interesse schlecht vereinbarenden Bewegung bedeuten? * Herr Holländer gibt mir auf meine Frage, welcher Nationalität die palästinensischen luden sich denn zugehörig fühlen sollen, die etwas lakonische Antwort, sie ״sollen sieh weder als Araber noch als Engländer jüdischen Glaubens bekennen, sondem sind Juden“. Also auch Herr Holländer gesteht den palästinensischen Juden das Recht zu, sich als Nationaljuden zu bekennen. Doch nein! Schon im nächsten Satz wird der Siedlung in Palästina untersagt, ״sich als ein Kulturzentrum des erwachenden jüdischen Volkes zu betrachten“ und ״durch Hebraisierung eine neue volkliche Gestaltung im politischen Sinne in allen Ländern der Welt zu erstreben“. Also doch nur ein Asyl für ״Heimatlose“, denen nach dem Wunsche des Herrn Holländer ״möglichst viel wirtschaftliche Erfolge, mög'ickst viel Glück durch Erhaltung jüdisch-religiöser Werte verbürgt werden muß“. Für Herrn Holländer sind unsere Palästinenser nun einmal nicht lebendige Menschen aus Fleisch und Blut, sondern bloße Objekte einer Kolonisationsbehörde, die ״die Siedlung in Palästina“ nach den von H. gewünschten Prinzipien ״leiten“ soll. Selbst solche jüdischen Hilfsorganisationen, die mit ausgesprochen aniinationalen Tendenzen drüben gesiedelt und kulture'i gearbeitet haben, waren nicht imstande, ihre Schützlinge auf die Dauer vom lebendigen Strom der Entwicklung fernzuhalten. Dieses Land, das durchtränkt ist von jüdischer Erinnerung und immanenter jüdischer Zukunftshoffnung, diese einzige Juden- Siedlung der Welt, der das Glück gegeben ist, einheitliches lebendiges Judentum zu leben, muß ja zwangsläufig den Wil'er, und den Ehrgeiz erwecken, Keimze le e'nes erneuerten Judentums darzustellen. Ist es überhaupt vorstellbar, daß das Phänomen der wiedererwachenden altjüdischen Sprache eindruckslos bleiben kann auf die Juden der anderen Länder? Holländer und seine Freunde möchten es immer wieder so hinstellen, als ob das Wunder, das sich in Erez-Israel ereignet, das Produkt der künstlichen Mache einer fanatisierten Partei darstellt. Während die Wirklichkeit jeden Tag beweist, daß dort eine Gemeinschaft lebt, die in höchstem Maße ihrer selbst bewußt ist und sich als Träger einer neuen jüdischen Entwicklung fühlt. Auch eine Jewish Agency, die versuchen wollte, diese Entwicklung abzubiegen oder zu rcdrcssicren, würde dem elementaren Kulturwillen des Jischuw keinen Abbruch tun können. * Man möchte, wenn man die Arbeiten und Reden des Herrn Dr. Holländer kennt, eigentlich meinen, er sei ein scharfer Gegner des Zionismus. Aber o Wunder! H. bestreitet ausdrücklich, daß ״von einem Haß gegen den Kongre,״«Zionismus“ die Rede sein könnte. Denn — nun merke auf, liebe־׳ Leser — ״es gibt keinen einheitlichen Kongreß• zionUrtu!■•‘•. ״Auch auf dem Kongreß,“ meint Herr Holländer, ״waren und sind Stimmen vorhanden, die sich mit unserer Auffassung berühren; sie werden nur übertönt von einem stark nationalistischen Teil des Kongresses, der die entscheidenden Werte des Judentums in einer neu zu schaffenden national-kulturellen Gemeinsamkeit sieht.“ Nun ist es keine Neuigkeit, daß es im Zionismus scharfe sachliche Gegensätze gibt, sei es über die cinzuschlagende äußere Politik, die Wirtschafispoütik, die Kulturfragen. Aber will H. im Ernst behaupten wollen, es gäbe auf dem Kongreß auch nur eine beachtliche Minoritätsgruppe, die nicht als Ziel und Sinn *) Dieser Artikel wurde unmittelbar nach Erscheinen des Holländerschen geschrieben und ist infolge der Feiertage aus Raummangel zurückgeblieben. Red. des Zionismus die Schaffung eines Kulturzentrums für die gesamte Judenheit erblickt? * In meinem von H. inkriminierten Aufsatz bezeichnete Ich die Tatsache, daß noch heute — anno 1923 — entgegen einer fast einmütigen Umwelt der C. V. derartige Kundfebungen erlassen kann, als psychologisches Rätsel. Mit en derzeitigen Fül1rern( die so vom Affekt beherrscht sind, daß sie die Wirklichkeit nicht mehr sehen, zu einer Verständigung zu kommen, erscheint unmöglich. Den immer gleichbleibenden Einwand von der Provozierung des Antisemitismus durch das offene Bekenntnis zu interterritorialer jüdischer Volksverbundenheit ständig einer Widerlegung zu würdigen, ist schon deshalb unnötig, weil die vielen herzlichen Sympathiekundgebungen von Persönlichkeiten der nichtjüdischen Umwelt schließlich auf die Judenheit mehr Eindruck machen als die Enunziationen einiger deutsch-jüdischer Notabeln. Unsere These, daß, wenn überhaupt, 60 nur durch ein ehrliches und unumwundenes Bekenntnis zum jüdischen Volkstum und die damit verbundene Aufbauleistung die Judenfeindschaft überwunden werden könne, erweist immer stärker ihre praktische Richtigkeit. Der Zionismus kennt nur eine Weltjudenfrage und nicht ein Sonderproblem des deutschen Judentums; darum ist eine fruchtbare Diskussion mit Menschen, die die jüdische Problematik nur als eine Frage des deutsch-jüdischen Zusammenlebens betrachten, von vornherein aussichtslos. * Die zionistische Werbearbeit gilt der großen Masse des sachlichen Argumenten zugänglichen, intelligenten und begeisterungsfähigen deutschen Judentums. Allzu viele sind noch heute völlig unberührt von der Kenntnis des Problems und der Tatsachen; andere unterstanden früher dem Einfluß des C. V., haben aber zu zweifeln begonnen und sind es müde geworden, im Kampf gegen den Zionismus die entscheidende Aufgabe des deutschen Judentums zu erblicken. Einer wirkungsvollen, mit Ernst betriebenen zionistischen Aufklärungsarbeit bieten sich heute große Chancen. Und es ist meine tiefe Ueberzeugung, daß Palästinabüeher wie die von Cohn und Weil und Wiener, daß Reden von Holländer und Resolu!Ionen der Hauptversammlung des C. V,, dem Zionismus in seinem Kampfe um die Gewinnung der deutschen Judenschaft wertvolle Bundesgenossen sind. Der Ehrenabend fUr le© Mofzkfn Wir haben bereits über den am 26. April in Berlin von einer Gruppe russischer Zionisten zu Ehren Leo Motzkins veranstalteten Abend kurz berichtet. Nachstehend geben wir den Inhalt der Rede Motzkins und Auszüge aus den anderen Ansprachen wieder. Der Leiter der Veranstaltung, Dr. Julius Brutzkus, charakterisierte Motzkln als eine zentrale Persönlichkeit nicht nur im jüdischen Leben, sondern auch als den legitimierten jüdischen Repräsentanten in den internationalen Körperschaften wie z. B. im Präsidium des Kongresses der nationalen Minderheiten und in der Exekutive dieses Kongresses. Dr. Martin Rosenblüth überbrachte die Grüße der deutschen Zionisten, deren Lehrer und Mentor Leo Motzkln war, der schon als junger Student in Berlin die Idee der jüdischen Renaissance zu propagieren begann. Motzkins Referat behandelte die Frage: ״Ist eine jüdische Politik möglich, ist eine jüdische Politik notwendig?“ Er beantwortete die Frage so: Ohne Betonung der nationalen Idee ist eine jüdische Politik überhaupt nicht zu machen. Sogar die jüdischen Sektionen der kommunistischen Partei Rußlands machen, ohne es sich freilich zuzugestehen, jüdische Politik, wenn sie ein jüdisches autonomes Leben in Biro-Bid* sehan erstrecken; es Ist dies eine Art verfälschter Zionismus. Wilson kam zur Friedenskonferenz mit bestimmten national-ethnischen Forderungen besonders mit Bezug auf die Juden. Die anderen Mächte erreichten zunächst die Streichung dieser Forderungen. Erst unter dem Einfluß der Arbeit der jüdischen Delegation ln Paris wurden die Mächte gezwungen, die national-ethnischen Forderungen der nationalen Minderheiten in die Friedensverträge aufzunehmen. Die Geschichtsschreiber werden es bestätigen, daß die jüdischen Vertreter es waren, die die Idee von Recht und Schutz der Minderheiten als erste aufwarfen und sie durchkämpften. Die führenden Politiker der anderen Nationen verstehen die jüdische Arbeit auf internationalem Boden nicht anders denn als nationale Arbeit. Sie begreifen nicht, daß man für jüdische Rechte kämpfen könne, ohne Zionist zu sein. Unter den Juden aber gibt es Gruppen, bei denen die so einfache Idee, daß die Juden zum Schutze ihrer Interessen einer einheitlichen Vertretung bedürfen, stärksten Widerstand findet. Unsere Situation gegenüber dem Völkerbund ist darum ungefestigt; der einzige legale Erfolg, auf den wir hinzuweisen haben, ist das Palästinamandat. Durch die Erkämpfung und Anerkennung des Mandates haben wir Juden aber der Welt einen Wechsel ausgestellt. Ormsby-Gore, der Vertreter Englands im Völkerbund, hat den Aufbau des jüdischen Nationalheims auf zehn Jahre befristet. Wenn wir diesen Wechsel nicht einlösen, dann wird unser Mund verstummen, dann werden unsere Freunde zu unseren Feinden werden. Wenn wir aber wollen, werden wir das Werk glücklich zu Ende führen. Dr. Alfred Klee sprach von den Anfängen des deutschen Zionismus, als Motzkin vor 39 und er vor 37 Jahren die Werbearbeit begannen. Die jüdischen Gemeinden, sagte er, sollen zu wirklichen Gemeinschaften jüdischer Solidarität werden. Die deutschen Juden, die glaubten, daß das jüdische Schicksal nie mehr an sie herantreten werde, haben es erlebt, daß die ausländischen, besonders die amerikanischen Juden, in den Zeiten der Not ihnen geholfen haben, ihre kulturellen Güter vor dem Untergang zu retten. Der Redner forderte die russischen Juden auf, sich hier heimisch zu fühlen als Glieder des Gesamtjudentums. Der zu gründende Reichsverband der deutschen Juden wird eine Etappe zum Weltverband sein, dann wird hinter den gerechten jüdischen Forderungen ein wirklicher Machtfaktor stehen. Das Glücksge fühl, für diese Solidaritätsarbeit zu wirken, muß alle materiellen und Energieopfer aufwiegen. Versclraielzoag zweier jüdischer Zellnngen New York, 1, Mai. (J.T.A.) Der Verlag der großen New Yorker jüdischen Tageszeitung ״Morgen-Journal“ (Jewish Morning Journal) hat den Verlag der konservativen jtidisehen Tageszeitung ״Togblatt“ käuflich an sich gebracht. Das ״Togblatt“ hat als separates Organ zu erscheinen aufgehört und ist ganz in das ״Morning Journal“ aufgegangea. Vorträge Theodor Lessings in Wien Von unserem Korrespondenten. Uh. Wien, 23. April 1928. Auf Einladung des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich sprach Sonnabend, den 21. April, Prof. Dr. Theodor Lessing in Wien über ״Herzl und Marx“. Ausgehend vom Kontrast als Grundgesetz allen Denkens, umschrieb Leasing das Begriffspaar Staat und Volk, wobei er den Staat als vernunftbedingt, gesetzt, das Volk dagegen als naturnotwendig, als Tatsache bezeichnete. Korrelatbegriffe hierzu sind Sozialismus und Nationalismus, die politische Idee, die aus der Vernunft ihre dynamische Kraft bezieht und die bestehende Wirklichkeit, die ira Blut, in der Natur wurzelt. Aus der jüdischen Geschichte der letzten Jahrzehnte ragen insbesondere zwei Namen — führte Leasing aus — hervor: Herz! und Marx. In Herz! sieht Lessing den großen E r - griffenen, nicht den Begreifenden, den Romantiker, der gerade darum den Zionismus so groß machen konnte, weil er gar nichts von dem wußte, was vor ihm jra Judentum als den einzigen Weg der Abwehr entgegengesetzt. Nach der kulturellen Richtung hin hat der Zionismus seit Herzl schon Riesenfortschritte gemacht, aber auch im Politischen blieb Herzl noch im Persönlichen stecken. Der Hauptunterschied zwischen Herzl und Marx, führte Lessing weiter aus, besteht darin, daß Marx die Politik von allem Persönlichen zu befreien suchte. Lessing variiert ein Wort Goethes nach folgender Art: Höchstes Pech der Völker ist die Persöniiehkeit. Marx wollte mit den ewigen Antichambrieren, Konventikeln in der Politik Schluß machen. Politik war für ihn eine Wissenschaft, die er nicht in Personen, sondern in Institutionen verankert wissen wollte. Die Individualpsychologie und die Psychoanalyse, die letzthin auch den Marxismus auf ihre Art zu erklären unternehmen, übersehen, daß durch die Erklärung der Ent* stehung eines Phänomens über das Phänomen selbst noch nichts ausgesagt wird. In diesen genetischen psychologischen Richtungen sieht Prof. Lessing nur einen Ausdruck der ״bis zum Frevel intelligenten“ jüdischen Großstadtmasse, die alles Schöpferischen bar das Schöpferische haßt. Demgegenüber sieht Lessing in Herzl und Marx die zwei großen positiven Geister des modernen Judentums, von denen der eine die Not des Volkes und der andere aus demselben Geist heraus, aber mit den Mitteln des Intellekts die Not der arbeitenden Menschheit einer Lösung näherbrachte. Zum Schluß seiner Ausführungen wies Leasing noch die Aehnlichkeit des Zionismus mit dem Sozialismus in der europäischen Entwicklung nach. Während früher Europa die Juden in Ghettos sperrte, wird es bald selbst zu einem Riesenghetto. Die Arbeiterviertel in den Großstädten haben eine verdammte Aehnlichkeit mit dem Ghetto. In einer idealen sozialistischen Welt, mehlt Lessing, wäre der Zionismus entbehrlich, so lange die Menschheit aber Volk und Staat identifiziert, müssen auch wir — allerdings mit sozialen Mitteln und auf sozialer Grundlage — unseren Staat bauen. In seinem zweiten Vortrag, den Prof. Lessing auf Einladung des jüdischen Hochschulausschusses hielt, analysierte er ״Die Psychologie des jüdischen Radik 8 1 i s m u s“. Mag man im einzelnen die Gedankengänge Lessings von der einen oder der anderen Seite nicht voll billigen, es laßt sich kaum leugnen, daß sie eine, wenn auch eigenartige, so doch originelle und tiefschürfende philosophisehe Klarlegung der Beziehungen zwischen Zionismus und Sozialismus bedeuten. Nachdem der Radikalismus als die Rücksichtslosigkeit, mit der mau die Wahrheit zu erfassen sucht, definiert wurde, wird im besonderen der jüdische Radikalismus von Leasing in zwei Gruppen eingeteilt: in den logischen Radikalismus des Urteils und in den sozialen des Willens. Des ersteren, des logischen, Quelle sieht Leasing Im talmudischen Denken, des zweite«, des sozialen, im alten Prophetismus. Das wirkliche Ur-Teilen, das Aufsuchen der Teile, der Elemente, das gegenständliche Denken betrachtet Lessing als das radikale und gleichzeitig als das spezifisch-jüdische. Als Beispiele für diese Art des Denkens in der Gegenwart führt er die bestehende Universitätsphilosophie (Fimmel, Husserl, Schelsr) und die moderne, nicht euklidische Mathematik (insbesondere Minkowski und Einstein) an, die beide die Herrschaft des Rein-Begrifflichen begründet haben. Die jüdischen Mathematiker haben am meisten zur Arithmetisierung der Geometrie beigetragen. Einstein hat den letzten Rest der Anschauung aus der Mathematik verdrängt. Es ist dies die Diktatur der reinen Vernunft. Für den sozialen Radikalismus der Juden sieht Lessing den Beweis in der ganzen Reihe der großen Sozialrevolutionäre von Lassalle bis Trotzki, die aus dem Judentum hervorgegangen sind, und deren größter Marx war. Das jüdische Denken ist ein historisches, auf ein Ziel gerichtet im Wesen optimistisch. Das jüdische Volk war durch sein jahrhundertelanges Leiden geradezu zu diesen beiden Arten des Radikalismus prädestiniert, denn nur aus Leid w׳ird alles wahre Wissen und alles große Wollen geboren. Alle Logik ist eine Form des Instinkts, alle Ethik eine Form der Liebe. Das Wesen der Welt ist nicht, wie man meint der Fortschritt, sondern die Beharrung, die Stabilität. Erst das Leid, die Verzweiflung bringt die Welt vorwärts. Der wahre Herrscher der Geschichte ist der Bettler. Daher die intensive Beziehung der Juden zum Proletariat, daher die Mission des Judenleids als Ferment zu neuen Erkenntnissen, zu neuen Lebensformen. Andererseits aber eröffnet sich hier insbesondere den jüdischen Philosophen eine ganz andere Gedankenreihe, die auch zu anderen Konklusionen führt. Es ist dies die sozusagen biologische, naturwissenschaftliche Gedankenreihe. Sie untersucht, ob dieser jüdische Radikalismus doch nicht nur Blüte einer im Kellerdunkel schmarotzenden Wurzel ist, die mit vielen dünnen Armen das Licht, jede nur irgendwie verfügbare Fensterspalte zu erreichen trachtet. Es ist dies ein unnormaler, ungesunder Zustand, der gar bald zum Verwelken der Blüte und zum Hinsiechen der Wurzel führen müßte. Es gilt daher, die Wurzel zu nähren. Der neue jüdische Radikalismus, der sich zur Aufgabe gestellt hat, diese jüdische Wurzel zu nähren, heißt Zionismus. Trotz diese! neuen Radikalismus geben wir aber nichts preis vom alten jüdischen, logischen und ethischen Radikalismus. Denn ein Volk bestimmen drei Momente: das Biologische, das Wirtschaftliche und das Ideal, der Geisi Der Geist ist aber keine Stufe der Natur, sondern etwas Ihr Ent• ־ ׳״־־ ׳ ■ * ־ •- — , .§ und das gemeinsame Ideal geben ihr erst Inhalt und Sinn. Die Vorträge Theodor Lessings sind sicherlich geeignet, der Diskussion über Zionismus und Sozialismus in zionistlsehen Kreisen, insbesondere in Wien, ein höheres Niveau und allenfalls zum Teil auch neue Gedanken zu geben. Der Oberrabbiner der aschkenaslschen Gemeinde in St ז a j e v 0 , Dr. Samuel W e s z e 1, ist am 19. April in Dubrowni* gestorben.