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Jüdische Rundschau · 1928-05-04 · Heft 35 (4.5.1928) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIII (1928)
Issue
Heft 35 (4.5.1928)
Date
1928-05-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 250 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 35, 4. V. 1928 Wörde und ist überdies, praktisch genommen, dumm. Trotzdem kann man der Feststellung der nntionaldeut* scheu Juden im erwähnten Aufruf, daß man der Wahl ganz fcrnbleiben müsse, wenn man keine Partei wählen will, die ״antisemitisch verseucht“ ist, leider nur beipflichten. Tatsächlich bedeutet für einen jüdischen Wähler, wie übrigens auch für die meisten nichtjüdischen Wähler, die Entscheidung für irgendeine Partei in der Mehrzahl der Fälle eine Entscheidung für das kleinere Uebel. Denn das Um und Auf auch der sogenannten Judenfreundlichkeit der auf dem Boden der Weimarer Verfassung stehenden Parteien ist, daß sie die Existenz einer Judenfrage nicht anerkennen und von diesem Standpunkte aus, wenigstens theoretisch, gegen eine unterschiedliche Behandlung der jüdischen Staatsbürger sind. Für die erkläT oder unausgesprochen antisemitischen Parteien be ׳. :ht die Judenfrage, und sie schlagen zu ihrer Lösung Mittel der Entrechtung, Unterdrückung! nd Verfolgung vor. Wenn man die Dinge recht überb׳'gt, so ist die Feststellung, daß es in Deutschland f;V 1 Emanzipation, Zusammenbruch im Jahre 1918 und iJVnarer Verfassung eine Judenfrage gibt, durcham׳ zutreffend. Man nehme an irgendeinem beliebigen Tage die in Berlin erscheinenden Zeitungen aller Riehtungen zur Hand und untersuche, in welchem Maße sie sich mit jüdischen Dingen oder mit Juden beschäftigen. Man wird feststellen können, daß das Interesse für jüdische Dinge, räumlich genommen, weit mehr als 1 »:ס ausmacht, welcher Prozentsatz doch In Anbetracht der Zahl der in Deutschland lebenden Juden angemessen wäre. Die Tatsache, daß man sich mit den Juden, sei es sie angreifend, sei es sie verteidigend, in einem Ausmaße befaßt, der weit über ihren zahlenmäßigen Anteil an der Bevölkerung hinausgeht, beweist, daß es eine Judenfrage gibt, und insofern ist die Fest- Stellung der Judenfeinde in Deutschland richtig. Falsch, von jedem Standpunkte aus und insbesondere vom jüdisehen, sind die von den Judenfeinden angewendeten Mittel und vorgeschlagenen Methoden, sich mit dem Judenproblem auseinanderzusetzen. Die Stellungnahme der judenfreundlichen Parteien, als ob hinsichtlich der Juden alles in Ordnung wäre, ist also, bei Lichte besehen, eine Verschleierung der Tatsachen und eine Vogel-Straußpoiitik. Bleibt natürlich die Frage, ob das zweifellos vorhandene Judenproblem überhaupt von Staats wegen irgendwie positiv lösbar ist. Unserer ganzen Auffassung nach ist dies nicht der Fall. Wenn es eine Lösung der Judenfrage gibt, so kann sie initiativ nur von den Juden selbst in Angriff genommen werden. Der Staat müßte soviel Verständnis aufbringen, um die Juden in dieser Hinsicht nicht zu stören. Er sollte die jüdische Gemeinsebaft sogar in diesem Bestreben unterstützen, selbstverständlich im Rahmen seiner allgemeinen gesamtstaatliehen Ziele und Interessen. Allerdings haben die Juden als Wähler für den Reichstag und für die Einzelparlamente, abgesehen von ihren Forderungen nach strikter Durchführung der geltenden Verfassung im Gesamtleben des Staates, auch rein jüdisehe Forderungen. Wir haben in den letzten Jahren erleben können, daß z. B. im Preußischen Landtag die Subventionierung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden mit dem lächerlich geringen Betrage von wenigen hunderttausend Mark nur darum möglich wurde, weil die Sozialdemokratie, trotz ihrer prinzipiellen Gegnerschaft gegen jede Beitragsleistung an die Konfessionen, aus Gerechtigkeitsgefühl gegen die Deutschnationalen und die anderen Antisemiten gestimmt haben, die wohl Beitragsleistungen für die Katholiken und Protestanten, nicht aber für die Juden votierten. Das ist, gelinde gesagt, ein unerträglicher Zustand. Die Juden in Preußen zahlen, mit Rücksicht darauf, daß die Selbständigen unter ihnen stärker vorwiegen als bei der ״Die Hexe" (Moskauer Jfldlsch - akademisches Theater im Theater des Westeas) Diese älteste jüdische Operette, wie alle übrigen von ihrem Verfasser, gleichzeitig Komponisten und Theaterdirektor, Goldfaden, einst hauptsächlich zu dem Zwecke aufgeführt, um das einfache Volk zu ergötzen, und durch die vielen eingefügten Couplets der jüdischen Welt seiner Zeit einige Wahrheiten zu sagen, — diese Operette feierte ihre Auferstehung bei den jüdischen Gästen aus Moskau. Man erinnert sich all jener Aufführungen der ״Hexe“, die man in ferner Vergangenheit bei den jüdischen Wandertruppen gesehen hat und man empfindet ein Gefühl der wärmsten Anerkennung für jene jüdischen Schauspieler, die für ״die niederen Schichten des Volkes“ spielten und denen es an jeglicher Bühnenkunst mangelte. Man erinnert sich des seinerzeit sehr berühmten Komikers Fischsohn, der die ״Hexe“ spielte, und dem es schwer, sehr schwer fiel, das Schwebende, Geisterhafte, Huschende, das zu den Berufsfähigkeiten auch einer jüdischen Hexe gehört, zur Geltung zu bringen, weil er in den Salto Mortale-Künsten unkundig war und nichts von der Gelöstheit des Körpers besaß, zu der unsere Moskauer Schauspieler ausgebildet wurden. Indes er bemühte sich nach Kräften, gruselig zu wirken, und dies gelang ihm auch wahrscheinlich in viel stärkerem Maße als dem jetzigen ״Hexe“-Darsteller, denn unter den Zuschauern waren nicht wenige, die vielleicht an Hexen glaubten. Im übrigen war damals nicht die ״Hexe“ das Wichtigste und auch nicht die Geschichte von der schönen Mirele, deren Mutter gestorben, deren Vater unschuldig verhaftet und die den Verfolgungen einer bösen Stiefmutter ausgesetzt ist, sondern das ganze Drum und Dran, die Couplets und die ״Liedelach‘‘•, ln dien jüdischen Häusern, hauptsächlich in der Ukraine, sang man ״Stücke“ aus der ״Koldunjc“ (die russische Uebersetzurig von ״Hexe“). Die berühmtesten dieser Lieder sind auch in der Aufführung des Moskauer Jüdischen Theaters aufgenommen worden. In dem Programmheft heißt es zwar: Musik von Achron, und gewiß ist die Berechtigung zu einer solchen Angabe vorhanden, aber ich, der noch in den Kindheitsjahren die Lieder aus der ״Koldunjc“ singen hörte, vernahm auch diesmal hauptsächlich die Musik von Goldfaden, von diesem Goldfaden, der ein Kerl war, der alles allein machen mußte, sich abplagte und niemals Zeit linden konnte, nichtjüdischen Bevölkerung, verhältnismäßig mehr Steuern als die nichtjüdischen Staatsbürger. Für die christlichen Konfessionen leistet der Staat jährlich Zuschüsse, die in die Dutzende von Millionen gehen. Es ist eine gerechte Forderung, wenn die Juden für sich nur ein Prözent jener Summen beanspruchen, die für die Zwecke der Kirchengemeinschaften ausgesetzt sind. Die bisherigen Leistungen des Staates haben diesen Prozentsatz nie erreicht. Ueberdies ist es immer vom Zufall abhängig gewesen, ob diese lächerlich geringe Subvention für die Juden bewilligt wird. Wir halten es für durchaus in der Ordnung, daß insbesondere die um Mandate in den Landtag sich bewerbenden Parteien, welche auch gern jüdische Stimmen auf ihre Liste vereinigen möchten, in dieser Hinsicht in Wahlversammlungen zu unzweideutigen Erklärungen von jüdischen Wählern verhalten werden. Als jüdische Gesamtheit repräsentieren wir bei den kommenden Parlamentswahlen in Deutschland keine geschlossene Partei. Jeder einzelne Jude mag je nach seiner Ueberzeugung oder nach seinen wirtschaftlichen Interessen der Partei seine Stimme zuwenden, die ihm gemäß ist. Keineswegs kann ein bewußter Jude, ohne Verrat an seiner Gemeinschaft zu üben, und ohne der Würdelosigkeit zu verfallen, direkt oder indirekt einer judenfeindlichen Partei Unterstützung leihen. Im übrigen aber soll sich jeder Jude darüber klar sein, daß die jüdischen Fragen weder im Reichstag noch im Landtag gelöst werden können, und daß seine Anteilnahme an den Wahlen in erster Linie eine Angelegenheit seiner Stellungnahme als Bürger Deutschlands ist. M. W. Die Opposition im amerikanischen Zionismus New York,!. Mai. (J. T. A.) Die Führer der Opposition Innerhalb der amerikanischen Zionistischen Organisation hielten am Sonntag, den 29. April, und am Montag, den 30. April, in Washington eine Konferenz ab, der 125 Vertreter aus allen Teilen der Vereinigten Staaten beiwohnten. Das Präsidium führte Richter Julian W. Mack. Es wurde beschlossen, unter den amerikanischen Zionisten eine auf den Sturz Louis L i p s k y s, des jetzigen Präsidenten der amerikanischen Zio* nistischen Organisation, hinarbeitende Propaganda durchzuführen und auf der ira Juni d. J. stattfindenden Convention der amerikanischen Zionisten die Beseitigung der ״Lipsky-Administration“ durchzusetzen. Es wurde auch schon ein besonderes Komitee gewählt, das diese Kampagne führen soll. Die Frage der Führerschaft Dr. Weizmanns und die Frage der Erweiterung der Jewish Agency wurden grundsätzlich von der Erörte * rung auf der Konferenz der Opposition ausgeschlossen. An den Oberrichter Julius Brandeis wurde ein Begrüßungstelegramm gesandt. Maifeiern ia Palästina Jerusalem, 1. Mai. (J.T.A.) Die Arbeiterschaft hat für den 1. Mai Arbeitsruhe proklamiert, die im ganzen Lande durchgeführt wird und die auch von einem Teil der arabischen Arbeiterschaft befolgt wird. Mai-Kundgebungen linksgerichteter Arbeiter in Jerusa'em und in Tel-Awuv wurden von der Polizei verboten, die Teilnehmer an den Demonstrationen zerstreut und mehrere von ihnen verhaftet. Die zwanzig verhafteten Tei nehmer an dem jüngst in Tel- Awiw stattgefundenen Kongreß der kommunistisehen Jugend Paläs tinas, die während der Tagung des Kongresses von der Polizei verhaftet worden sind, wurden heute vom Gericht abgeurtellt. 17 Angeklagte wurden zu Gefängnisstrafen verschiedener Dauer verurteilt; gegen zwei der Verurteilten wurde außerdem auf Landesverweisung erkannt. Drei der Angeklagten, die das 16. Lebensjahr noch ni ht erreicht haben, wurden freigesprochen und aus der Haft entlassen. In Jerusalem hat sich ein Komitee gebildet, das sich ׳um Ziele gesetzt hat, die Erlaubnis zur Seßhartmachung von Scha’oni Schwarzbart in Palästina zu erwirken. Keine Subvention für den C.-V. Aus Duisburg wird uns berichtet: Bel der Etatsberatung am 1. Mai a. J. lehnte die Repräscntantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Duisburg den seit Jahrzehnten dem Central-Vercin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bewilligten Zuschuß mit der Begründung ab, nach Annahme der Resolution Mecklenburg würde eine jüdische Gemeinde Ihre Pflicht verletzen, wenn sie von Anhängern aller Richtungen aufgebrachten Steuergelder einem Verein zuführe, der sie nach seinen Beschlüssen zur Bekämpfung einer Richtung im Judentum verwenden würde. Dieser Beschluß der Gemeinde Duisburg ist von größter prinzipieller Bedeutung. Der C.-V. hat die große Chance, die Abwehrorganisation aller Juden zu werden, aufgegeben, und sich in den innerjüdischen Streit eingemischt. Er ist fortan eine jüdische Partei und als solche hat er nicht mehr Anspruch auf Unterstützung aus öffentlichen Geldern als alle anderen Parteien auch. Dieser Beschluß verdient die Beachtung aller anderen deutschen Gemeinden. Die Inneren Kämpfe Im C.-T. Der J. T. A. wird aus Breslau berichtet: Der Ortsausschuß der jüdischen Jugendverbinde in Breslau veranstaltete am 28. April d. J. unter dem Motto ״Central- Verein und jüdische Jugend“ eine öffentliche Versammlung, in der die bisher nur innerhalb von geschlossenen C-V.-Veranstaltungen geführte Diskussion zwischen dessen Mehrheit und Minderheit in aller Oeffentlichkeit fortgesetzt werden sollte. Referenten des Abends waren der Führer der Minderheit Rechtsanwalt Foerder, Breslau und der Verfasser der angenommenen Kampfparole gegen den Zionismus, Herr Mecklenburg, Chemnitz. Foerder ging von dem Tendenz- Paragraphen in der Sitzung des C.-V. aus, der dem Verein als Hauptaufgabe den Kampf um die Gleichberechtigung stellt. Schon bei dieser Tätigkeit nach außen, so führte er aus, ereben sich Unterschiede zwischen der Jugend und der Mehreit, nämlich bei der Auswahl der Methoden des Kampfes. Die deutsch-jüdische Jugendgemeinschaft verlangt einmal die Bejahung der Verschiedenheit des jüdischen Deutschen vom christlichen Deutschen und ferner eine positiv-jüdische Einstellung. Weit größer sind die Differenzen bei der Arbeit nach innen, die ihre Grundlage in der ״unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung“ hat Die Jugend wendet sich gegen jegliche chauvinistische Auslegung dieser Worte, sie erkennt aen Primat des Judentums aut geistig-kulturellem Gebiete an. Sie erkennt weiter (unter Ablehnung der An- Wendung des Begriffes Nation im modernen staatsrechtlichen Sinne auf das Judentum) eine nationale Komponente an. Desren ungeachtet kommt die D. J. G. zu einer Ab'ehnung des Zionismus, in dem sie aber nichts Wesensfremdes sieht. Sie begründet die Ablehnung mit der sogenannten Eniwtirzelungstheorie des Zionismus. Die Mithilfe an der Palästina-Arbeit wird bejaht und die vom C.-V. betriebene Agitation gegen den Keren Hajessod verworfen. Der zweite Redner, Herr Mecklenburg, führte ungefahr aus: Wir müssen beweisen, daß wir ebenso gut deutsch sind wie die deutschen Christen; wir müssen es durch die Tat beweisen, daß wir dieselbe Liebe zum deutschen Vaterland hegen wie die deutschen Christen. Die deutshe Gesinnung ist. die Grundlage unseres Abwehrkampfes, Ein gemeinsamer Kampf mit dep Zionisten ist also nicht möglich. Der Redner nahm Stellung gegen das Pro palästina-Kom Iree und sagte,: der ״Siegeszug von Professor Weizmann durch Deutschland mußte auf das deutsche Volk so wirken, daß die Juden zum jüdischen Volk gehören und Weizmann ihr König ist.“ Er schloß: Die Kluft zwischen uns und dem Zionismus ist unüberbrückbar. In der Diskussion wandten sich Dr. Martin Guttmann und Dr. Lux scharf gegen Mecklenburg, dem sie Ludwig Holländers Referat in der C.-V.-Hauptversammlung entgegenhielten, der erklärt hatte, man dürfe dem Gegner nicht Mangel an deutscher Gesinnung vorwerfen. Den zionistischen Standpunkt vertraten Neustadt und Ernst Cohn. Mecklenburg stellte zum Schluß manche seiner Ausführungen richtig und erklärte, daß es zwischen ihm und Holländer keine Gegensätze gebe. Das Schlußwort hatte R.-A. Foerder. Mehrere jüdische Gemeinden in Südbulgarien haben unter der Erdbebenkatastrophe, von der dieser Teil des Landes betroffen worden ist, schwer gelitten. Das Zentralkonsistorium der jüdischen Gemeinden Bulgariens hat einen Appell um Hilfe veröffentlicht. die Stücke einzustudieren, aber trotz allem hörte ich nur Goldfaden. Das lustige ״Hozmach is a Blinder“, ״Oi Jiden bnei Rachmonim“ usw., alles von ihm. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß nicht auch Achron für die musikalische Ausgestaltung Wertvolles geleistet hat. | Was nun diese ״Hexe“-Aufführung des Moskauer Jü- ' dischen Theaters betrifft, so ist vor altem zu bemerken, daß j die erstaunliche Akrobatenkunst diesmal nicht so störend und , überflüssig empfunden wird, wie es in ״Zweimalhunderttausend“ der Fall war, und zwar nicht aus dem Grunde, weil man sich inzwischen zu den Tairoffsehen Theater-Doginen bekehrt hat, sondern weil zu einer Posse, in der eine böse Hexe die unschuldige Mirele nach Stambul entführt, all die Leitern und sonstigen Gerüste, auf der die jüdischen Schauspieler ihre trainierten Körper demonstrieren, vielleicht doch einige Berechtigung haben. Schließlich gehört es zum Berufe einer Hexe, über Dächer zu fliegen, und Herr S u s k i n , der die Hexe spielte, übertraf alle Erwartungen auf diesem Gebiete. Es war eigentlich des Guten zuviel. Herr Suskin übertrieb, dazu erlaubte er sich noch eine Profanierung, die nur wenige bemerkten, die aber desto peinlicher wirkte. Die Schändlichkeiten, die Bosheiten, die Gier nach dem Gelde, die der fdexen-Mund ausstößt, werden nämlich mit demselben Sing-Sang begleitet, den die Gemore-Bachurim einst aus ihren durstigen Seelen erklingen ließen. Auch Herr M i c h o e I s, die Hauptkraft dieses Theaters, unvergeßlieh als Benjomin III. — der einzige In dieser Truppe, bei dem man nie daran zu denken braucht, daß die Stucke bei Granowskv zweihundert und zweihundertfünfzig Mal probiert werden, weil er eine Seele hat — Michoels zeigte, daß auch er in die strenge Schule der Körper-Gymnastik gegangen ist. Michoels, der sonst so beseelt, verklärt, wie Innerliches belauschend, spielt, sprach diesmal mehr mit den Beinen als mit dem Munde. Freilich: er hatte den Hozmach zu spielen, den Geschwinden, Witzigen, Schlagfertigen, der etwas vom ״Barbier von Sevilla“ in sich hat. Seine Rolle ist der des Figaro nicht ganz unähnlich, denn er ist von Goldfaden hauptsächlich dazu ausersehen worden, der Gesellschaft, der jüdischen Welt, in den vielen Couplets verschiedene Bosheiten zu sagen. Die zahlreichen Mitglieder der Truppe, die für da. temperamentvolle Spielen, für die Buntheit uni das Au - drucksvolle der Masken großen Beifall ernteten, saßen auf Dächern, sprangen herab und wieder herauf, hingen auf Leitern. Erstaunlich, oft packend im Rhythmus und sehr amüsant. Ein übermütiger, phantastischer Wirbel, Selbst- Persiflage der Operette. Aber man bleibt kalt. In ״Benjomin III.“ war gar keine Leitern-Kunst, statt Salto-Mortale der Körper gab es dort Schwingungen der Seele, und man war hingerissen. Aber über diese Schwingungen der Seele, die zu zeigen, auszudrücken, zu vermitteln die große Aufgabe jedes Theaters war Und ist über die Körper-Kultur des sogenannten ״entfesselten“ Theaters wird noch zu sprechen sein. _ Slb. Corelik. Kollektlvkonsl gleich Volkskunst Betrachtungen zum Gastspiel des Moskauer Jüdischen Akademischen Theaters. Von Max Kolpe. Herbei mit dem so verkannten und mißkreditierten Ausdruck ״KoHektivkunst“. Hier habt ihr siel Kollektivkunst gleich Volkskunst. Das ist ursprünglicher Darstellungstrieb, das ist urwüchsiger Humor! Sing Jidele, spring Jidelei So feiert man Feste — so feiert man die Arbeit! Die Lebenskraft und Lebensfreude eines Volkes findet in dieser spielerischen Art ihren Ausdruck, aber auch die Trauer, Schwermut und Sehnsucht des Golusjudentums. Da hat einer geträumt... Und schon haben alle es geträumt, träumen es noch: Ein Baum wichst in einer Stube! Seht ihr ihn nicht wachsen? Ihr müßt ihn doch sehen; ihr seid doch gekommen, ihn wachsen zu sehen, so wie wir gekommen sind, damit ihr ihn wachsen seht. Man muß das alles fühlen. Sie spielen ja keine Rollen mehr, sie reagieren nur gefühlsmäßig — nicht nur auf das Wort und die Musik, nein auf den leisesten Wink, selbst auf den Atem. Einer niest... und schon fallen sie alle lang hin. Stellen sie sich das auf einer deutschen Bühne vor! Aber hier ist es urkomisch, und so soll es auch sein. Ein Schadchen kommt mit einem Regenschirm vom Schnürboden heruntergeflogen, und das sieht nicht im geringsten kitschig aus. Im Gegenteil, man ist überzeugt, er konnte gar nicht wo anders herkommen. Und würde er uns erzählen, daß er soeben den Ozean überflogen hat, wir würden es ihm glauben. Das Unglaublichste wird hier glaubhaft I

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