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Jüdische Rundschau · 1927-07-08 · Heft 54 (8.7.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 54 (8.7.1927)
Date
1927-07-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 54, 8.VIL 1927 JÜEDFSCHE RtWDSCBÄU Seite 385 Kulturpolitische Diskussion Wir veröffentlichen hier noch einen Nachtrag zu der Kontroverse, die sich an Holdheims Artikel geknüpft hat. Wir glauben, daß jeder Leser, wie immer seine Einstellung sei, aus den im Verlaufe dieser Diskussion geäußerten Meinungen Anregungen zum Weiterdenken schöpfen wird. Die Redaktion freilich muß mit der heutigen Veröffentlichung die Diskussion endgültig schließen. Nach dem Schlußwort Von Ernst Simon Es ist ein alter jüdischer Brauch, Ende und Anfang immer wieder miteinander zu verknüpfen. Zu Simchath-Thora beenden •wir alljährlich den Kreis der Bibelvorlesung mit der Kunde von Moses Tod — und beginnen ihn aufs neue mit der Schöpfungsgeschichte. Aber auch bei jedem einfachen ״Lernen“ gilt das Gleiche: man hört nicht bei einem Abschnitt der Mischna auf, sondern lernt noch den ersten Satz des neuen Abschnittes, und im Talmud wiederum ^,stellt man sich nicht bei einer Mischna". Dieser Brauch ist so wenig sinnleer wie irgendein anderer innerhalb des jüdischen Gesetzes: er will sagen, und eben nicht nur sagen, sondern zur Tat machen, daß niemms ein Ende zu er- Teichen sei, daß keine Verfestigung endgültigen Bestand hat, sondern daß der ewig lebendige Kreislauf des jüdischen Lebens und Lernens stets von neuem beginnt, auch und gerade da, wo er zu Ende scheint. Da dem so ist, wird es erlaubt sein, auch nach dem offiziehen ״Schlußwort“ der ״Kulturpolitischen Diskussion“ — wie sie ebenso bezeichnend wie unglücklich heißt — einen neuen Ring der Aussprache zu eröffnen. Gerhard Holdhcim empfindet selbst, daß weitere Gespräche und Aufsätze notwendig sein werden, und spricht, als letzten Schluß seines Schlußwortes, gerade dies aus. Soweit also sind wir einig. f. Als erstes sei etwas gesagt, was zunächst nicht den Inhalt dieser Diskussion zu betreffen scheint, sondern ihren Ton. Ich bin kein unbedingter Anhänger des ״guten Tons“; ich verstehe durchaus, daß z. B. ein böswilliger Gegner Palästinas oder des jüdischen Volkes auch persönlich in seinen Motiven entlarvt werden muß und daß ihm gezeigt werden soll: wir lassen nicht ungestraft alles hingehen. Darum aber handelt es sich hier nicht. Hier sprachen — und, wie ich hoffe: sprechen — Mensehen miteinander, die ein Gemeinsames wollen: Zion. Man wird verstehen, daß beim konkreten Aufbau Palästinas sich sachliehe Leidenschaft in persönliche Affekte zersplittern kann, man sollte aber das einzige Plus ausnützen, das unser Nicht- oder Nochnicht-Drübensein mit sich bringt: das gemeinsame Wegbewußtsein zwischen allen Zionisten, das sich in der Gestaltung des Zieles selbst allzu leicht verwischt. Und um da an Holdheims letzten Artikel anzuknüpfen: warum spricht er aus, er habe die Diskussion mit dem psychologischen Apriori begonnen, von der zionistischen Orthodoxie sei keine Förderung zu erfahren — und wirft dann Wolfsberg vor, erst dieser habe durch seine Art der Diskussion jede Möglichkeit einer klärenden Unterhaltung gewaltsam versperrt? Warum hören wir Worte wie: ״unerlaubtes Kampfmittel“, ״Anmaßung dieser Kreise“, ״has- : seaamte,-: Ich bin kein Gegner der Psychoanalyse und darf deshalb Holdheim darauf aufmerksam machen, daß solche affektstarken Ausdrücke nicht gerade ein Beweis für das Freisein von jenem Minderwertigkeitskomplex sind, aus dem er den modernen Juden retten will. Aber nicht das ist das Wesentliche an dieser Einleitung, sondern die Feststellung, die zwar vom Formalen ausgeht, aber gerade für diese Diskussion eine inhaltlich besonders wichtige ist: wir sind Zionisten. II. Wir sind Zionisten, auch wir ״zionistischen Orthodoxen“. Deshalb ist es unhaltbar, wenn Holdheim der Meinung ist, der Schulchan Aruch entbinde uns von allen Skrupeln und Zweifeln und setze uns in eine Lage, die natürlich alles andere als beneidenswert wäre. Man überlege: aus welchem Grunde wohl wird der orthodoxe Mensch Zionist? Nicht vielleicht deshalb, weil er die innere Unerträglichkeit der jüdischen Situation in der Diaspora empfindet? Nicht deshalb, weil ihn jede erfüllte religiöse Pflicht an die unzähligen erinnert, die an Palästina gebunden sind und im Galuth unerfüllt bleiben müssen? Nicht deshalb, weil er den Frieden brechen will, den die empirische Orthodoxie, dem Geist und »dem Sinn der Thora zuwider, mit dem Kapitalismus geschlossen hat, und weil er hofft, in Palästina ״Thora“ und ״Arbeit“ aus ihrer unnatürlichen Zerspaltung wieder zur Einheit zu binden? Es war nicht unmöglich, sich über solche Tatbestände zu unterrichten — ich muß auf einen eigenen Aufsatz im ״Juden“, ״Erziehung zur Tradition", verweisen, der vor Holdheims Ausführungen geschrieben ist, aber viele seiner Fragen behandelt und mit dem er sich also hätte auseinandersetzen müssen. Aber selbst außerhalb der zionistisehen Orthodoxie ist jene fruchtbare Unzufriedenheit nicht ganz erstorben, die ja einzig dem Ursinn des lebendigen, stets über seine eigene Erfüllung hinausweisenden Gesetzes entspricht: man denke nur an Nathan Birnbaum und an einige Menschen seines Kreises. Freilich, dies wollen gerade wir als Zionisten wissen und festhalten: wohl alle von ihnen haben, lebensgeschichtlich oder geistesgeschichtlich, einmal zionistischen Hauch verspürt. Also dieser erste Vorwurf ist ungerecht: wir haben es nicht leichter als irgend jemand! anders, und wir nehmen es auch nicht leichter. Wie aber, und so muß man unter Zionisten fragen, konnte Holdheim zu seinem Irrtum kommen? Durch das, was er die Unduldsamkeit der Orthodoxie nennt: durch ״ihre feste Vorstellung vom Wesen des Judentums“. Diese feste Vor- Stellung besteht, aber sie wirkt sich nicht als versichernder Besitz aus — jedenfalls nicht dem Idealtypus nach, von dem theoretisch allein zu reden ist — sondern als stachelnde Unruhe darüber, daß die tatsächliche Lebenserfüllung so gar nicht dieser fest vorschwebenden Idee gerecht wird. Ein Beispiel aus anderen Sphären — denn wir sind ja noch nicht so weit, Calvin durch eine jüdische Parallele erklären zu können, so müssen wir es umgekehrt halten: die Prädestinationslehre Calvins müßte nach der laienhaften Vorstellung zur absoluten Ausschaltung des Willens führen: alles ist ja vorherbestimmt, nichts bleibt zu tun. Nun hat Max Weber bekanntlich bewiesen, warum die Wirkung die umgekehrte war: da sich die Prädestination zum Guten oder zum Schlechten im Lebenserfolg jedes Einzelnen zeigte, suchte jeder seinen Willen aufs höchste zu spannen, um als Begnadeter zu erscheinen. (Das Beispiel diene nur, um zu zeigen, wie schwierig van außen — uml Holdheim sieht die Orthodoxie ganz und nur von außen — religionspsychologische Zusammenhänge zu durchschauen sind; es diene nicht, um das neue Mißverständnis einer jüdischen Prädestinationslehre heraufzubeschwören!) Und nun die Unduldsamkeit selbst? Von der separatlstisehen Orthodoxie, die jede organische Gemeinschaft mit den Untraditionelleu leugnet, braucht hier nicht die Rede zu sein, denn Holdheim spricht ja von den zionistischen Gesetzes treuen, die eben diesen Zusammenhang, ihrem eigenen Gewissen wie nach außen, bewußt bejahen. Auch diesen aber gegenüber behält sich Holdheim das Recht vor, das ihnen — sans phrase: Heilige eine 1m ״jüdischen Palästina sinnlos werdende Einkapselung“ zu nennen, es also objektiv abzutun und das eigene Judentum für das richtigere, und d. h. doch wohl für das einzig richtige zu halten, während die Orthodoxie selbst nicht das Recht haben soll, auch ihr Judentum für das einzig richtige zu halten. Und dabei wäre es doch — oder unterliege ich da den Bedingungen der eigenen ״persönlichen Gleichung“? — dabei wäre es doch weltanschauungspsychologisch wahrscheinlicher, daß der Liberale Holdheim die relative Gleichberechtigung aller Standpunkte versteht und somit auch dem ״Orthodoxen“ zubilligt, daß dieser, von seinen Voraussetzungen aus, nicht anders könne, als die eigene, religiös gebundene Idee für die einzig richtige zu halten. Aber selbst, wenn dies nicht zu vollziehen sein sollte: warum sind die Bestrebungen des gesetzestreuen Judentums, die andersdenkenden Brüder und insbesondere die andersdenkenden Weggenossen werbend zu erfassen, warum sind sie für Holdheim Zeichen ״hassenswerter“ Herrschsucht und nicht vielleicht Bestätigung des von Goethe formulierten, aber grundmenschlichen und deshalb grundjüdisehen Gefühls: ״Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll, Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?“ Die Konörefj - Wahlen Wir machen hierdurch darauf aufmerksam, da& nur diejenigen Schekelzahler das Recht haben zu wählen, für die der Schekelbetrag spätestens bis zu den Wahlen in bar an uns abgeführi worden ist. Zionisllsdre VerrlnlSnnü Iflr Denlsdiiand Berlin w 15, Melnekesfrafte 10 Postsdiedihonfo 8091. Ich muß wieder eine traditionelle Lehre zitieren, $e offenbar doch noch nicht ganz überflüssig geworden zu sein’^cheint: ״Beurteile jeden Menschen möglichst günstig und nicht mögliehst ungünstig.“ Jeden Menschen, und erst recht jeden Juden, »nd.dcflmÄ»er*t'>rfcht.^ü,.Ä^Äh.L».:; . .. ,״«״ III. Tut man das, so wird auch die immer wiederholte Forderung der Gesetzestreuen, zu ״lernen“, nicht als die Geste desjenigen zurückgewiesen werden, der gebildeter erscheinen will als sein Partner, sondern den folgenden Sinn enthüllen: wer überhaupt Zionist wird, bekennt damit, daß er anderer Meinung ist als Holdheims Formulierung t beileibe nicht als Holdheim selber! -* ״daß das letzte Jahrhundert jüdischer Entwicklung die Psychologie unserer Menschen entscheidend und unwiderruflich verändert hat“, und daß unsere historische Reaktionsbasis unmöglich ״weiter zurück als in die jüngste Vergangenheit reicht“. Der Zionist verwirft diese durchaus assimilatorischen Sätze — das ist ja kein Schimpfwort, sondern eine Fest- Stellung —, weil er dies XIX. Jahrhundert in einem ganz wesentlichen Punkte eben doch widerrufen will — im Punkte Zion, und weil er seine historische Reaktionsbasis in einem ganz wesentlichen Punkte auf Jahrtausende zurück erstrecken will: wieder im Punkte Zion. Und nun sagt der gesetzestreue Zionist dem nicht gesetzestreuen Weggenossen: warum suchst Du Dir aus dem Gesamtkomplex der jüdischen Weltanschauung nur den einen, wenn auch zweifellos zentral wichtigen Punkt Zion aus? Warum revidierst Du das XIX. Jahrhundert nur in diesem einen Punkte und nicht auch in allen anderen? Du sagst: das Gesetz ist Dir fremd geworden. Ist Dir Zion nicht auch fremd geworden? Hast Du nicht trotzdem Uganda verworfen, als Herzls tragisches Europäertum es Dir brachte, weil es keine historische Reaktionsbasis für Dich hatte? Und stellst Du nicht, aus dem gleichen Grunde, die Siedlungen in der Krim erst in die zweite Linie? Warum bist Du nun im Punkte des Landes — Zionist, aber in allen anderen Punkten — Ugandist? Und Du urteilst sogar: das Gesetz sei kein ״originärer Ausdruck der in Freiheit lebenden Gemeinschaft“, sondern nur ein genialer Notwehrakt, offenbar noch stärker von außen beeinflußt als jenes Jahrhundert der Entjudung, das aber seinerseits trotzdem — außer in dem einen Punkte — nicht revidiert werden soll. Welche Kenntnis legitimiert dieses Dein Urteil über den Galuthcharakter des jüdischen Gesetzes? Gehe hin und lerne! IV. Nicht alle, die lernen, werden zur gleichen Auffassung kommen, und es ist ein, im Subjektiven, völlig legitimiertes ״Nein“, das jemand nach der Kenntnis des jüdischen Gesetzes zu ihm spricht. Aber manche werden doch auch etwa das Folgende finden: es ist nicht nur ״der Klang, von Jugend auf gewöhnt“, der das Gesetz erhalten hat, sondern es ist dasjenige, was der erste Zionistenkongreß als ״Privatsache“ erklärte und was Holdheim — und hierin liegt sein großes, alle Irrtümer reichlich aufwiegendes Verdienst — nun auch von nichtgesetzestreuer politisch-zionistischer Seite als ein Lebensproblem der Gesamtheit, nicht des Einzelnen nur, zum Reden bringt. Man mag erkennen: im Gesetz liegt ein durchaus überzeitlicher, durchaus überhistorischer Versuch vor, die Beziehung zwischen Gott und Mensch in einer völlig anderen Weise zu lösen, als die Völker es taten. In welcher anderen Weise, das soll hier nicht formuliert werden, damit die Diskussion, ja im ״Kulturpolitischen“ bleibe; wen meine Meinung darüber interessieren sollte, der mag sie nachlesen (im Sonderheft ״Religionsphilosophie“ der philosophischen Monatshefte der Kantstudien); und auch das gebe Ich nur an, um zu beweisen, daß ich mich nie drücke. Wichtiger aber Ist seine, des Lernenden. Meinung, die sich ganz anders formulieren mag. Und wichtig ist ferner die Voraussetzung, daß der Gesetzestreue eine metaphysische Begründung für sein Tun und Lassen hat (mag er auch wenig von ihr reden) und daß es nicht Kindheitsgewöhnung ist oder die blasphemische Pragmatik einer ״nationalen Form“, die ihn leitet. 1 V. Holdheim spricht Von seiner metaphysischen Voraus- Setzung, und sie kam mir so überraschend wie erfreulich: er bejaht den ״religiös-metaphysischen Nationalcharakter des Judentums" als ein ״Axiom". Damit ist ein Ungeheures für unsere Verständigung gewonnen. Sind wir kein Volk wie die Völker, sondern eines grundsätzlich eigener Art, so haben all die Argumente, die den Begriffen und Wirklichkeiten der Entwicklung, Zeit und Geschichte entstammen, zwar auch Geltung für uns, aber nicht absolute Geltung wie bei d e n e n , die im eigenen Sclbstbewußtsein nur eine Nation der natura naturans sind, wie also etwa bei den Griechen des Thukydideswortes: ״Wir wissen, daß wir einmal untergehen müssen, aber jetzt wollen wir noch kämpfen“. Es gibt viele Zionisten, die unsere, d. h. Holdheims und der Orthodoxie und auch etwa Bubers und Franz Rosenziveigs Metaphysik der jüdischen Nation nicht teilen. Wieso können wir sogar mit ihnen noch reden, in jener stillen Voraus- Setzung, die jedes Gespräches Möglichkeit schafft: sich einmal doch zu verständigen, wieso sind wir, Holdheim und wir, selbst ihnen gegenüber keine ״Separatisten“, da sie doch, rein begrifflich gesprochen, zu einem anderen Volke gehören als wir selbst, sie zu einem natürlichen •— wir zu dem metaphysischen? Weil wir nicht mehr an die Ideologien glauben, selbst nicht mehr an die falschen. Und weil uns der Zionismus und vor allem der wirkliche Aufbau des wirklichen Landes das Mittel ist, aus den Ideologien heraus (wenn auch mit unserer Ideologie) I« eine Wirklichkeit vorzustoßen, wir alle, auch wir selbstzufriedenen Orthodoxen, die so gefahrvoll ist wie lohnend, immer genau gerade so lohnend wie gefahrvoll, und in die wir uns, wir alle, mit all unserem Sein einfach hineingeben wollen. In der Hoffnung zwar, nicht unverwandelt, doch im Kerne unversehrt, aus ihr zu tauchen und wieder in sie — ohne Anfang und Ende. Erwiderung Von Gerhard Holdheim« F. Ein ulkiger Zufall wollte es, daß unmittelbar hinter meinem Schlußwort die ״Jüdische Rundschau“ eine JTA.- Meldung brachte, die von ״einem interessanten Briefwechsel zwischen den Oberrabbinern Kuk und Jacob Meir und der zionistischen Exekutive über Fragen efer Religiosität“ berichtete. Es heißt dort: ,,Die Oberrabbiner klagten, daß ein Teil der Bewohner der Kwuzoth öffentlich den Sabbat entheiligt, ritualwidrige Speisen genießt und am Passah Gesäuertes ißt. Die zionistische Exekutive als die Verwalterin von Keren Hajessod und Keren Kajemeth hätte die Pflicht, darauf zu sehen, daß diejenigen, die auf dem Volksboden leben und vom Volksfonds gestützt werden, die Gefühle des Volkes achten sollen.“ Das ist, )tebef Ernst Simon, der Terror dksr Orthodoxie, für.’tien die voa/ißk inJsjJ«|B!eri0r Worte’ wie ״hassens- und verdammenswert“ noch viel zu schwach sind. Aber weiter: Was antwortet die zionistische Exekutive: ״Sie stimme prinzipiell den Forderungen der Rabbiner « . . zu, jedoch müsse man nicht durch Strenge, sondern durch moralische Mittel zu wirken versuchen.“ Du staunst über diese sonderbare Zustimmung, lieber Leser? Du würdest es nicht, wenn du ahntest, welch eine Macht die Orthodoxie in Erez-lsrael bedeutet. Wie hier die Exekutive, so werden wir alle uns nolens volens beugen müssen — wenn wir nicht diesem ״selbstherrlich sich gebärdenden Traditionalismus“ grimmigste Fehde ansagen. Bei diesem Kampf — das hoffe ich — steht Ernst Simon auf unserer Seite. II. Ich habe nie bestritten, daß die zionistische Orthodoxie die Unhaltbarkeit der Diaspora schon deshalb erkennt, weif es hier unmöglich ist, den traditionellen Geboten in vollem Maße leben zu können. Meine Bemerkung, sie werde ״von Skrupeln und Zweifeln nicht geplagt“, bezog sich, wie unschwer zu erkennen war, doch nur auf die Unangreifbarkeit des Gesetzes. Daß ich dies euch ״sans phrase Heilige“ auch nur im mindesten anzutasten gewagt hätte, kann Simon im Ernst wohl nicht behaupten wollen, jeder nach seiner Fasson! Ihr lebt euren Bräuchen, wir unserer Freiheit. Das ganze Volk wider Willen ״einkapseln“ zu wollen, ist unerlaubt. III. Simon kennzeichnet meine Wendung, ״daß das letzte Jahrhundert jüdischer Entwicklung die Psychologie unserer Menschen entscheidend und unwiderruflich verändert hat“, als einen assimilatorischen Gedanken und glaubt mich gegen meine ״unzionistische“ Formulierung in Schutz nehmen zu müssen. Mein Satz scheint mir nicht nur nicht verwerflich, sondern geradezu der Ausgangspunkt des modernen Zionismus. Erst aus der völlig veränderten Seelenlage des emanzipierten und freigewordenen Juden konnte die Bewegung geboren werden, die an Stelle der Idee der Hilfe von oben die moderne Idee der Selbsthilfe treten ließ. Wir Zionisten sollten doch endlich zu begreifen gelernt haben, daß unser Ideal einer politischen und moralischen Volkserneuerung ein europäisiertes, in seinem Lebensgefühl radikal verändertes Judentum zur Voraussetzung hat. Auch dem Paroxysmus des Entjudungsprozesses sollten wir historische Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihn jenseits von Gut und Böse betrachten. Das Judentum mußte den Becher des süßen Giftes einer hemmungslosen Assimilation bis zur Neige geleert haben, um zur Erkenntnis der Realität zu gelangen und dem gesunden Gefühl eines nationalen Eigenrespekts den Einzug überhaupt erst zu ermöglichen. IV. Wenn Simon mich fragt, warum ich ״aus dem Gesamt• komplex der jüdischen Weltanschauung nur den einen Punk Zion“ herausgreife und das XIX. Jahrhundert nicht auch in allen anderen Punkten revidiere, so erwidere ich ihm, daß ich die Emanzipationsepoche überhaupt nicht revidieren will. Pa• lästina als nationales Zentrum aer Juden aufbauen wollen, bedeutet keinen ״Widerruf“ des XIX. Jahrhunderts, sondert nur der Verirrungen und Verzerrungen, die die ungewohnte Lebensatmosphäre im Gefolge hatte. Was unseren Vätern Ziel ihrer Zionssehnsucht war, ist uns nur noch Gegenstand dei Ehrfurcht und historischen Pietät. Was uns dorthin treibt, sind nicht die Heiligtümer einstiger Zeiten, sondern unser amor fati, der uns umrauschende Flügelschlag einer von den Schlacken der Galuth gereinigten, durch unser Herzblut i geheiligten jüdischen Zukunft,

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