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Jüdische Rundschau · 1924-09-09 · Heft 72 (9.9.1924) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIX (1924)
Issue
Heft 72 (9.9.1924)
Date
1924-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite SK» 1ÖEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 72 Von den I1׳<!!)lcüK•״, mit denen diese Immigranten zu :i!; e:1!.;,:(.!1, i;,t mich nuf 11er Konferenz die Heile; .״)Her;uieh von jenem .•indem Problem ist die Rede, das iludutch entstanden Kl, daß die besten Kralle plöi/.liclt das Gallith veiiießen nmi dadiirdi die Fortentwicklung der Bewegung gei'.iiiideUm. Man versteht heute, daß man nicht mir für I'al.ip'iii.t, so!hU‘i׳a auch für die l i'Wi'ckuuj* des Volkes im Ga״ in! 11 (.halu/im iii'aiiclü. Aber es fällt dieser Jugend äußerst schwer,;ms dieser FakeuntnL• die Konsequenz. /u ziehen. f a״ las.ine, ist und bleibt im Vordergrund des Interesses, es ist beinahe ausschließliches liiieresse. ln der Stillung zu Palästina zeigen sieh mich am dctll* lielisieii die Differenzen iimerh.'ilh dieser Konferenz. Die zwei einander gegeiiiibersteliemlen Gruppen werden clinrakierisieri durch den I laschomer I l.izriir 111111 den deutschen Ulan- Weiß, zugleich die stärksten und ausgeprägtesten. Der Ische• chisehe TccheleUi Lawan, der deutsche Britli liaolim und andere kleinere Gnippen gehen mit dem I laschomer zusammen, trotz gewisser Nuancemmtcrschicdc. Der Btau-Wciß ist also In Danzig-Oliva konteren/ jüdischer Oonnsrstag, den II. September 1924, sfaondo 8 Uhr Logenhaus (großer Saal), Lmienötr. 121 ahitcranmäbttlm Oroni.mlmr(;״r Tor, stwlttailm I'ri01Iricbstr»Be) VORTRAG des fien. Im׳, s. Kap2~nt,E;M (Loiwlnn) Mitglied der Exekutiv« der Su/.inÜstlackcii Arboiterinternntionole übori מ €4 Ifc li ו 11: Tf i-D ft I aJ \t 1 laut .י.; a Jüd. Sozialdemokratische Arbeiterorganisation Poalo-Zion ״ewPsermnfie״ isoliert, wenn man bei einer solchen Konferenz dieses Wort gebrauchen darf. Die Sckmtergrnppe fordert, daß der neue Verband als solcher der Träger der auf Palästina gerichteten jüdischen Jugendbewegung sein soll, mH einem klaren Bekenntnis zu der Klee des kollektivistischen Gemeinseliaftslebcus und in festem Zusammenschluß mit der palastinensisehen Arbeiterschaft, als deren Nachwuchs siel! die Ju׳ geml betrachtet. Der Blau-Weiß hingegen ist in all diesen Punkten viel zurückhaltender. Zwar wird auch von dieser Seite der Zusammenhang mit der palästinensischen Arbeiterbewogung als erstrebenswert anerkannt, aber es ist doch uu• verkennbar, daß das Schwergewicht anderswo hegt. Der Blau-Wcill betont auch sehr stark die Notwendigkeit, aut die Bedingungen der Herkunft der einzelnen Menschen Rücksicht zu 1n׳k1m׳i1 und verweist darauf, daß z, B. in Deutschland die Jugendlichen aus völlig assimilierten Kreisen eine andere Erziehung erhallen und einen anderen Entwicklungsgang »eh• men müssen als die Jugend im Osten. Der Blau-Wcill strebt daher danach, seine Autonomie ungcschwädit zu erhalten, insbesondere auch seine besondere Verfassung, die von de» andern mißtrauisch betrachtet wird. Der Vorschlag des Blau■ Weiß gipfelt darin, daß eine Liga der jugendbiindc geschaffen werden soll, die für den Austnurfdi von Erfahrungen sorgt und andere gemeinsame Aktionen ermöglicht und organisiert, Die öffentlichen Verhandlungen wurden Donnerstag nach• iiiiiiag beende(. Die Debatte, in die auch •Hans Kolm als Vertreter der zionistischen Exekutive cingriff, brachte eine l iiile des Interessanten, worüber noch berichtet werden soll. Das Ende war, daß der Permaiicnzausseluiß (auch so etwas gibt es schon) den Auftrag erhielt, eine Formel zu finden, die zwischen dom Programm des Haschomcr lind der Auffassung des Blau-Weiß vermittelt. Das Programm des Schomcr wurde von dessen Bundestag, der vor Eröffnung der WeUkonfcrtmz gleichfalls in Danzig abgchalten wurde, formuliert und bcschlossen. Es ist also nicht ganz leicht, eine Mittellinie zu finden. Trotzdem besteht kein Zweifel, daß cs gelingen wird. Wenn das Resultat bekannt wird, wird über diese Jiigemlkonferenz, die zweifellos ein wichtiges Ereignis darstellt, noch ein Wort zu sagen sein. Tayur.fi der jildisflten l'iaßliiuler;10 am 1. und 2. September die V/Gt- (liiuder. Es beteiiigk 11 sich u. a, dH Organisationen ״i I a s c h o in e r llazair11., ,‘׳ a / 11 ק ס c D e r jüdische J 11 :׳ e 11 d w a 11d e r e 1 ' u::<l der palastinensisclie .,< 1 <i 11 •d 11 a a w <1) <׳ a“. Auf der Konferenz war er. nenn Länder vertreten. In!las Präsidium wurden gewählt? Juari (Palästina), Herr Hamburg (Warschau) und Bi״, der (Lemberg). Ans den Berichten der Lämk׳m11׳relu:1:;e1» ist zu entnehmen: In Polen existieren •1 jüdische Pfadfinder- Gruppen, vier ,,1 i a s c 11 o in e r - li ה z a i r** 1 mit oOßO, ,,Bai״ inria“ mit 18t), der ustgali/ische ״I1 a s c 11 o in e r“ mit 11;;0 und ״T ru mpcldor“ mH 1000׳ Mitgliedern.. ln Litauen gibt es 1 lOt) in Rumänien 1 (KM), in Danzig 4t), in Lctll.uid H100 Pfadfinder. Man Beriet über das Verhältnis der Pfadlimlcrbewepmij»' zu Palästina und über den ZusaininenschluH der 1 י fad f i'1111 erbe w eg u 11 g. Die offizielle Verhandlungsspraclie war hebräisch. Es'wurde beschlossen, einen Wcltverhaml unter dem zitsainincnfasscmSvii Namen ״!laschomer llazair“ zu gründen, der organisatorisch von der Zionistischen Orgaiiisation unabhängig sein soll, ln das Zentralkomitee wurden gewählt die Herren‘M. Jaari (Palästina), Hamburg und G■01111 e 1 f (Warschau), Wilder (Lemberg), Wanclio ־/.k i (Kowno) und Haber (Rumänien). Annahme fanden die Bc- Schlüsse: t. sich au der in Danzig «•öffneten jüdischen Weltjugeudkonfcren7. z.u beteiligen; 2. den von der jüdischen Arbeiter-Organisation in Palästina lierausgcgcbcnc« Arbeite- Schekel zu verbreiten und 3. eine Aktion für den jüdischen Nation,ilfonds und die hebräische Universität in Jerusalem einzulcifen. Das Recht der Minderheiten ln der Tagung der Minderheits-Kommission der Intcrparlamentarischen Union kündigte der Präsident des Rats der Interparlamentarischen Union, Baron A d e 1 s w a r d (Sclnvcden);111, daß der Deputierte Rabbiner Nurok aus Lettland eine Resolution betreffend die Regelung der Fragen der MindcrheHsnationnlitäten in allen Ländern cingcbracht hat. Die Resolution des Deputierten Nurok bezieht sich auf die Fragen der Bürgerrechte, der Depatriierung von Kricgstiüclitlingen und der nationalen Autonomie, Fragen, die •10 Millionen der Europäer, die den Minderheits-Nationen angchörcn, betreffen. Man kain überein, diese Resolution auf der nächsten Tagung zur Sprache zu bringen. Eine v*<>11 der I11u:r|x1rlan1entarischen Union entsandte Ab- Ordnung von Delegierten erschien am 1. September vor dem Mirderhcitcn-Depanemcivt des Völkerbundes. Die Deputation hat mehrere Stunden hindurch mit Herrn Colhan, dem Leiter des Miuderheitcn-Departcmenis, über die Fragen der nationalen Minderheiten verhandelt. Die Regelung der Minderhcitsrechtc in den verschiedenen Ländern wurde in den Einzel-!leiten besprochen. Der Deputation gehören an: Die Par- Jamentarier M c d i 11 g e r, Rabbiner Nurok und א a u tn a n n. Das /Illental auf den polnischen Staatspräsidenten Das am 5. September in Lemberg gegen den polnischen Staatspräsidenten Wo j c i c cli o w s k i mit untauglichen Mitteln von dem jüdischen Studenten Steiger verübte Attentat veranlaßt« die gegenwärtig in Wien weilenden Mit- Mieder des Jüdischen Klubs im polnischen Sejm, Klubobniann Dr. Leon Reich, sowie di« Deputierten Reitzes und Dr. lasier, beim Wiener polnischen Gesandten Grafen Lasocki zu erscheinen und ihm ihr tiefes Bedauern über den auf den Staatspräsidenten• verübten Anschlag aiK/ud rücken. Sie gaben ihrer Genugtuung darüber Ausdruck, daß das Attentat glücklichcrwcise erfolglos gewesen sei. Der Gesandte dankte den erschienenen Deputierten für ihre •Glückwünsche und versprach, diese dem Staatspräsidenten zu iibcnuittdn. Zugleich brachte er zum Ausdruck, daß er cs für ausgeschlossen halte, daß das Attentat «las Ergebnis eines Komplotts sei. Es sei walirschcitilieh die Tat eines Fanatikers oder Verrückten, denn seiner, des Gesandten, Meinung nach entspreche der politische Mord weder der Stimmung der jüdischen Bevölkerung noch der jüdischen Ethik. Der österreichische Industrielle und Finanzmann Herr Max Del fincr übersicdclt dieser Tage iinacli Palästina. Er hat bereits ciiieim großen Teil der maschinellen Einrichtungen seiner Wiener Tcxtil-Fahrikcn »ach Palästina abgesandt. Herr Delfincr gedenkt in Palästina hauptsächlich Seidenstoffe zu produzieren. Er hat in sein Palästina-Unternehmen 20 000 Pfd. Sterling investiert. Zioafsd sciic 1V21! - Jt1;־iC:;־uln0r.1crcnz (Von uu sei in Beiichicrstntter.) R. V. Danzig, 3. September 1024. Die V'ehkoufi■rciiz der zi״uKlisv:teu Jugend, die ntu2. d. M. mit eiiuT ü;ml du 11 k ,rraDu n V׳ r■ •uuu.Umg eröffnet xvu.de, hat zum l Luijd/i•':;‘ di•' Schaffung eines Weltva- Ii.mdes der .׳ior.isii viien Jugend. ״Jugend“ ist hier allerifings m einem gan׳. ln stimmten engeren Sinne zu verstehen: vertreten ••i:nl auf der Konferenz, VigcnilK'h mir diejenigen J11!׳c1ulor'.;uir,־,ti׳׳nen, die in der ״Jugendbewegung“ 11.־‘cl1 Art der Pfadfiiuler und des deutschen Wandervogels organisiert sind. Man hat dafür die Formel gefunden, daß es sieh um die Jiigciidverbände handelt, die die kontinuicrlicfic Erziehung der von ihnen erfaßten Menschen als ihre zentrale Aufgabe betrachten. Die Zugehörigkeit zum Jugemibuud ist ein revolutionärer Akt, 11er nicht nur auf eüu'u Teil bezirk des Lehens des lictreffemlcn Jitgcndlichen einen Einfluß hat, sondern sein ganzes Leben von Grumt aus umgestaltet. Der cröifiiemk■ Redner sprach davon, daß die versammelten Delegierten 30000 Mitglieder repräsentieren. Selbst wenn man diese Zitier etwas skeptisch aufnimmt, muß man doch anerkennen, daß diese Jugendbewegung heute hereits ein Faktor von außei'ordenflielier Bedeutung im jiidisclien Leben ist, nicht nur was Zahl, sondern auch was Qualität ihrer Anhänger betrifft. Denn das wichtigste Paktum ist, daß diese Jugendbewegung, die die totale Umge- Stallung des Lebens des jüdischen Menschen zum Ziel hat, die eine völlige und entschiedene Negation nicht nur des Galuth, sondern auch der hergebrachten Form des biirgcvliehen Lehens ist, — den Kern der Pioniere stellt, die für das ganze Volk ein neues Leben in Ercz Israel schaffen wollen. An dieser großen Aufgabe wachsen die jugcudhüiule, aber es wachsen auch die Anforderungen. Der Ucbergang von der reinen Jugendbewegung, die mir um ihrer seihst willen! da ist, zum Leben der Wirklichkeit, ist eigentlich noch keiner Jugend gelungen, die jüdische Jugend aber, die in einer wirkliehen Erneuerung des ganzen Volkstums drinsteht, hat eine Chance vor allen andern Völkern. So ist es nur verständlich, daß auch hei dieser Konferenz Ercz Israel im Mittelpunkt aller Beratungen stand. Daß derartige Beratungen immer etwas widerspruchsvoll Paradoxes an sich haben, ist wohl unvermeidlich. Denn im (irunde ist den Teilnehmern dieser Tagung der Slil der Tagung fremd. Die Verwirklichung, der diese Jugend zusirebt, vollzieht sich im Lehen, nicht im Sitzungssaal. Die Gegnerschaft gegen Politik und Vcreinsmoierci, gegen die Unwirklichkeit und teere Formatisiik des ״bürgerlichen Zionismus“ der älteren Generation, die aus allen Reden hervortönt, sollte nicht unbedingt wieder die Formen dieses strengen Parlamentarismus aiinelimeii müssen. Aber wahrscheinlich geht es nicht anders, und schließlich *st mcht die Form die Hauptsache, sondern das Resultat und die 11110111 io 11. Die wichtigsten Vc'rhändc, die hier vertreten sind, sind der I laschomer llazair, der Deutsche Blmi-Weiß und der , tschechoslowakische ״Techektli Law an“ (die Hebraisieruug dieses Namens des ursprünglichen Blau-Weiß hat nicht rein nationale Gründe, sondern sozusagen opportunistische, um nicht die tschechischen Juden durch einen deutschen Namen abzustoßen; aber der hebräische Name hat allmählich auch auf den Geist dieses Verbandes gewirkt). Der größte der Verbände ist der 1 laschomer llazair, mit der Zentrale in Polen und kleineren Ablegern tu Rumänien und andern Ländern, in letzter Zeit auch in Mitteleuropa. Der Haschomcr Hazair, dessen Hauptreservoir früher Galizien war, hat im Jahre 1919 den Massen.iufhnicii nach Palästina proklamiert. Damals sind etwa 200 seiner besten Mitglieder, Mädchen und Jungen im Alter zwischen 18 und 20 Jahren, nach Palästina gegangen; der Kern dieser Gruppe bildet heute den Kibuz Haschomcr Hazair in ßeth Alpha (Nuris), aber außerdem gibt es bereits eine Reihe anderer Schornergriippcn im Land. Der Dora Judas Von Arnold Zweig. Niemand weiß mehr, daß zur Zeit, als wir Schüler und iS Jahre waren, und von gelesenen Büchern noch urngeworfeu und neu aufgebaiit, zerschmettert und erhoben, verwundet umi mit Trost geheilt werden konnten, es überhaupt keine Schriftwerke gab, die in der uns allein offenen Sprache, deutsch also, von jüdischen Dingen und Juden zeugten. Kaum daß die ״Juden von Zirndorf“ damals schon da waren — und was sollten die durchschnittlichen jungen Menschen in der kleinen fernen Stadt mit dem modernen Buche anfangen, da ja von llttcru und Lehrer» alles Moderne als unverständlich, absurd mul wertlos angeprangert war? Da gab es die Bibel; aber die Propheten standen im Pensum des Religionsunterriciits und als 1 laftarah in der Religionsscluilc — unmöglich z» ihrer wahren Gestalt durchzustoßen durch all die heißen, öden Diinen versandenden Unterrichts. Und unsere zu Wider- Spruch und Kampfstellung gegen die Welt der Erwachsenen gereizte Seele gestattete überdies Raum und Einfluß der atheistisch-naturwissenschaftlichen und der prolestantisch-bihelki itisehen Bilduiigsmaferie, ließ sic sich mit dem stillen Gifte des geheimen Antisemitismus vermählen, das in der Umwelt wirksam war und, unverstanden, ja unvcrstelibar für so jungen Verstand, dennoch von dem empörten Widerspruch gegen orthodoxe Gemeindehift und den gräßlich verödenden Reiipioiidclircrbetrieb verwendet wurde, wogegen? gegen das einzige Buch, das uns blieb, eben gegen die Bibel. Es fanden sich mancherlei Liter;itiirerz.eiignisse, die, heute mit Recht vorgossen, uns unsere eigenen Lebeiisproblcmc nahebrachten —■ Romane wie Jacobowskis ״Werther der Jude“, Stücke von Nord.!11 und Herz!, deren öde Theaferei übersehen wurde, weil sie eben jüdischen Stoli brachten; das war alles, Alineafand und die Zeitschriften eingerechnet. Es gab keine künsticrisch geformte Judeniiteratur; es gab noch weniger ein Mistel, zu den Sagen, I.egenden, Geschichten vorzudringen, von denen man uieht einmal wußte, daß cs sic gab, weder zu denen uer ostjüdischen Dichtung noch zu denen der jüdischen Vcrgangenheit. Und ich weiß noch heute, unverschüttct durch all das Gelesene von fast zwei Jahrzehnten, den Eindruck zu beschreiben, den ein Band ״Sippurim“ genannter jüdischer Fegenden und Märchen auf mich machte — trotz elender Niederschrift ein Blick aus der Üedc in einen paradiesisch bezaubernden Garten, der zugleich den wilden Reiz der Fremde und den holden Zauber der Beheimatung in das junge vcrlangende Herz ergoß. Nun, cs ward anders: dank Bubcr and Berdyczewski, Eliashcrg und anderen Uebcrsetzcrn, Ver.n1• sta'tern von Smnmclhiichcru und Naeherzählcrn alter Stoffe, und vieler jüdischer Erzähler, Dramatiker und Lyriker, unter welch letzteren Else Lasker-Sclüiler immer vorweg genannt werden wird. Das endgültige Merkzeichen dieser anderen Zeit nun ist die Gesamtausgabe jener Anthologie von Legenden, Mythen, Märchen, Sagen, Erzählungen und Novellen, die im Jahre lölü zu erscheinen begann, heute fertig dastcht, sechsbändig und'als ״Born Judas“ ein LK'iikmal für Micha Josef bin G o r io 11 - B e rd y c z e w sky bleiben wird, ein Verdienst seiner Gattin-Uebersetzerin Rahcl Rambcrg- Berdyczewsky und ein Lob des Inselverlags, auch vom Standpunkt der deutschen Kultur her und gerade von ihr. Uns Juden aber ist dies Sammelwerk nichts anderes als das wiedergeöffuete Paradies der Jugend, wo wir entzückt und ganz daheim schweifen können, spielen und verweilen, lachen und weinen über unser Schicksal und unser Sein, über die gelebte Vergangenheit und die seelische Gegenwart und versehiiüetc aber vorhandene Amlauer des Juden. Und wenn auf Dünndruckpapier dieser ganze geformte Stoff einmal zusammengeilriickt wäre wie cs die Bibel gibt oder Sliakspcre, so enthielte dieser Band den wundervollen und herzbewegeuden Spiegel jüdischen Wesens, und einen, den kein lesender Jude daheim ließe, wenn er sieh auf Reisen begäbe. Denn das sind doch nicht nur unterhaltende Geschichten, obwohl sie das auch sind, und nicht nur ist es wie Grimms Märchen oder Tausendundeine Nacht, die ganze Welt gespiegelt im epischen Gemüt des Menschen. So betrachtet könnten wir zugeben, daß jene beiden Sammlungen und viele andere, die wir keimen, keltische und besonders chinesische, weit besser erzählt sind, nämlich absichtloser in der Haltung zum Erzählen, reicher in der Verweltlichung und Auffüllung mit Eindrücken aus der wirklichen Welt und Runsihafter im Aufbau von Geschicken, Ereignissen und Charakteren. Demi die Welt des Juden von uer rabmnischeti Epoche ab war eingeengter als die des chinesischen Weltreichs, die Verteidigungshaltung des Juden zur Umwelt verbot ihm das unbefangene und umfassende Wegströmen in die Geschichten, und nicht seine Schuld, sondern das Produkt aus Schicksal und Aufgabe des Juden in der Welt sind die ,Mängel, die der kunsthalt und dichterisch wertende Geist hier feststeilt. Aber nirgendwo außer in der Bibel könne» wir den Juden so bei sich beobachten wie liier, so in alle» Grundmotiven seines Seins und Tuns durchsichtig, so in allen Gesetzen des Wertcns und Verziehens offenbar, so frei in der Gebärde seiner Seele und so entlastet von dem ewigen Verteidigungszustand, den der äußere Druck — Judenhaß — und der innere -- Furcht vor Abfall — ihm auferlcgcn. Wir können das Wesen, das sich uns in diesem Buche offenbart, lieben oder daran leiden, erhalten oder ändern wollen — das ändert nichts an der Grundtatsache, daß wir liier wirklich in die Geschichten der jüdischen Seele liiiiemselicii imd das Vorhandene konstatieren. Was man immer wieder gerne kört, und wie man sieh Vorbilder vorstellt, die Typen der Schicksale, die man sich vorführen läßt, und die Schicksale, die man dem typischen Helden vorschreibt : das sind doch wohl Erkcnntnismittcl für den, der sie benützen kann. Und unwillkürlich wird die Phantasie aufgerafen, an den begonnenen Motiven fortzudichten, unvollkommen Erzählte* besser zu erzählen, ohne Lehrhintergrund nämlich, und weniger aphoristisch, breiter und mit mehr Muße — so lebendig werden .־illinählich dem Lesenden alt diese Typen, die als Einzel- Personen blaß blieben, als Vertreter des Juden aber Leben bekommen, indem die Kennzeichen des einen Schülers sich auf de״ i'.ndeni, des einen Rabbi auf den andern übertragen, aus mehreren guten oder böse•! Ehefrau•1•! «ine wird, und aus vielen Sultanen oder Cäsaren sich schließlich — Vcrdichtuiigsarbcit nennt man das — der Cäsar, der Sultan, der weise Knabe hcrausbildet. So lebendig sprechen diese Geschichten den Juden an. Und suchen wir nach dem Orundmotiv, das dies gänze Werk in seiner wundervollen Fülle durchwaltct, das Genien und Schüler, Räuber und Schriftgelchrtc, Prinzessin' neu und Arme, Fruchtverkäufer, Alexander den Großen, Salomo und die Ameise zusammenbindet, so sind cs die Wescnsniaxlmen des Judentums, die uns wie der Geist über den Wassern anwelm: Demut vor dem Erhabenen, das die Welt als Gestalt darsteilt, Rechtlichkeit im Handeln auf der ^rde, Reinheit der Seele, die sich vom Leben nicht zerstören läßt und vor allem die herzbewegende, holde und großartige Frömmigkeit, die nichts anderes ist als die kindliafte und zutrauliche Lieber- Zeugung, daß die Welt nicht ohne Sinti und ihr Lauf nicht ohne Güte sein kann, wenn die kleine Erde schon so hold von der Sonne erhellt wird und die kleinste Blume ein Zeuge der Ordnung und des sinnvollen Aufbaus ist; daß die Existenz des Juden und seine Dauer auf der Erde nicht ohne Auftrag erfolgen könne, und daß das zweite und das erste wesentlich .memandentange ein Glaube, der, man teile ihn oder nicht, so unlösbar in die Welt dieses Gcschicliteiigartens gehört, wie \v,r- . ,!1H G,c,׳s Meer oder die Luft und Sonne ln den Wipfel eines sommerlich strotzenden Baumes.

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