Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 JUEDISCHE EUK'DGCHAU Seite 263 ־7 gen Frauen und Männer, Alte und Junge strömten, um die Abgabe der Unterschrift nicht zu versäumen. Riihrende Szenen wahrhafter nationaler Hoffnung und echter Volkstreuc spielten sich in Warschau und in der Pro• vinz ab. Einer provisorischen Zählung gemäß beträgt die Zahl der durch die Unterschrift abgegebenen Erklärungen im Sinne der gestellten Fragen in Warschau selbst fün fundneu n zigtausend Beachtet man die in der Stadt herrschende Not, die jede sonstige Unternehmung unmöglich macht, das Mißtrauen gegen jede politische Tätigkeit, die Angst vor der Abgabe der Unterschrift, die jeden Juden in Polen seit Ausbruch des Krieges beherrscht, die Tatsaclic, daß in Warschau die Zahl der zionistischen Organisation angchörutdcn Schekelgcbcr zelintausend beträgt, und die unermüdliche Tätigkeit aller Antizionisten, der einheimischen und der importierten, von links und von rechts, so wird diese ungeheure Zahl der propalästinensischcn Unterschriften einer beliebig gewählten Stadt zu einer 1111 w i d e r 1 e g b a ren Ku 11 dge b u 11 g, die die wahre Stimme des ganzen Volkes wiedergibt. Eine Konferenz der Ortliedoxie Der vor kurzem in Moskau gegründeten Partei der O rt h od o x e 11 ״Freiheit und Tradition“ gelang es, eine Reihe namhafter Rabbiner z.u be• wegen, sich auf einer Konferenz in Moskau zusammenzuschließcn, um das politische Programm und die Stellung zum jüdischen Kongreß fcstzulcgeu. Die Konferenz vereinigte ea. 80 Delegierte, Rabbiner und orthodoxe Notabeln. Im Namen der z. ionist isehen Organisation begrüßte die Konferenz M. Klein mann, im Namen der hebräischen Kulturorganisation ״Ta r b u t“ - Hi lei Slatopolski. Zuin Vorsitzenden wurde Rabbiner Nurok gewählt Die ersten Tage der Konferenz, die acht Tage dauerte, nahm das allgemeine politische Programm in Anspruch. Rabbiner Nurok he• tonte, daß die Forderung der Demokratie dem Juden• tum nicht widerspreche, und die Partei müsse daher ein fcstumrissencs demokratisches Programm in den Fra• gen der Arbeitergcsctzgebiing, des Wahlrechts, der Agrar• reform, der Dezentralisierung der Macht, der demokratischen Republik etc. fassen. Dies sei auch not• wendig, um etwaige Bündnisse mit anderen Parteien während der Wahlen zur Konstituante zu schließen. Die Meinungen der Rabbiner über die Notwendigkeit eines politischen Programms \vai־en geteilt. R. It/ele R a 1> i n o w i t s e 11 ans Poiijcwcsch, die bedeutendste rabbinische Persönlichkeit der Konferenz, hielt die Laudespolitik für unbedingt nötig, da das gesamte jtiili• sehe Volk sieb gegenwärtig mit den Fragen der Landes- Politik beschäftige. Rabbiner Reines dagegen warnte die Rabbiner davor, fremde politische Programme zu unterschreiben, die sie nicht ergründen könnten, ebenso wie sic einst Approbationen auf Bi'tclicr erteilt hätten, die sie nicht gelesen hätten. Die Majorität bejahte die Frage der Annahme eines politischen Programms im Prinzip und die Konferenz ging nunmehr dazu über, einzelne Forderungen der rußländisclieii Demokratie einer Kritik v 0 in Standpunkte der t a 1 m u d i - sehen Gesetzgebung aus zu unterziehen. Eine scharfe juristische Diskusion rief z, 13. die Frage der Agrarreform hervor. Rab i 11 o witsch meinte, daß d e Regierung berechtigt Sei, den Grundbesitzern ihren Boden zu enteignen und unter die Bauern zu ver* teilen; denn ihr Gruudbesitztum sei ״gselah“. Rah• bincr Fei we Isoh 11 vertrat dagegen die Ansicht, daß auch auf Unrechtem ”Wege erworbenes Eigentum nur dem ehemaligem Eigentümer und seinem Erben zurück• dinge nicht schlechthin Gleichheit, sondern eine Ver• teilung der Güter gemäß dem sittlichen Wert der Per• 6011. Wenn Ziegler dann noch gewisse Verwandtschaft zwischen der Theorie des Aristoteles und denn Mar• xismus aufzeigt, so ist eigentlich zu verwundern, daß in diesem Zusammenhang nicht auf die vollendeteste Konzeption des gerechten Staates, die j ü d i s c h c 1 d e e des messianischen Gottesreiches, hingewiesen wird. Ia keinem Volk war ja der Kampf um die Gerechtigkeit 60 leidenschaftlich entbrannt wie 1111 jüdischen Volk der Prophctenzeit, wo es nicht um abstrakt-pluloso• pliischc Formeln, sondern um die Verwirklichung im Lebet« ging: daß sich ״wälze wie Wasser das Recht und die Gerechtigkeit wie ein gewaltiger Strom“. Das wesentliche Element dicserGereclitigkeit aber ist der Schutz der Schwachen gegen die Gewalt, gegen die rohe physische ebenso wie gegen die matericll-kapitalist sehe; auf diese negative, schützende Wirkung ist wohl der Nachdruck zu legen, nicht auf die gerechte Entlohnung der Persönlichkeit, der durch materielle Güter niemals ein Acquivalcnt ihrer Leistung geboten werden kann, wenn diese etwa die H-moll Messe ist. Ziegler selbst weist nach, wie schwer meßbar der ethische Wert der Persönlichkeit ist, erblickt aber den Sinn der Gerechtigkeit nicht so sehr in der aristotelischen richtigen Verteilung dar Güter als vielmehr in der Anbahnung einer solchen Ordnung der Gesellschaft, wo der ethische Wert oder Unwert des Einzelnen überhaupt einmal zum Kriterium der Beurteilung und Motiv des sozialen Verhaltens genommen werde. Daß dies heute nicht der Fall ist, hatte zur Folge, daß das Schicksal der Menschheit in der Hand einiger minderwertiger Individuen liegt, die da* unsägliche Leid über uns ge. gegeben werden könne, aber nicht wildfremden Bauern. Meinungsverschiedenheiten erregten auch die anderen Forderungen, insbesondere des Streikrechtes, der Gewissensfreiheit etc. Endlich einigte sich die Versammlung auf ein äußerst liberales politi- 6ches Programm und ging dann zur Behandlung der jüdischen Fragen über. Hierbei ließ der Liberalismus nach. Schon nach dem Vortrag von Lieh ermann über Agitation wurden die altbekannten Stimmen gegen die moderne jüdische Literatur und Presse laut. Die So k o 1 o w ' s che 11 Aufsätze irr der ״Hazcfira“ und die jidischc Presse Warschaus hätten Schuld an dem Niedergang des Judentums, versicherte einer der Rabbiner. Das Judentum durch Bjatiks Gedichte zu pflegen, heißt den Brand mit Petroleum löschen — sagte ein zweiter. Aelmliche Stimmen gab cs auch nach dem Vorträge von Rabbiner Graubarth über Erziehung. Die reformierten Cliadarim mit hebräischer Unterrichts• spräche bedeuteten eine Gefahr für das Judentum. Samt• liehe hebräischen Lehrer seien durchwegs ״Apikorsim“ und ihnen könne daher die ,Erziehung nicht anvertraut werden. Wohl sei es Pflicht des Juden, die hebräische Sprache zu lernen, um ihretwillen aber könne die ״Jiidischkeit" nicht zum Öpfcr gebracht werden. Es wurde beschlossen, eine große orthodoxe Presse in jidi scher Sprache zu schaffen. Die Kon• ferenz wählte eine Kommission für die Erzichungsfrage, die später eine Resolution vorlejgtc, die einen Korn• p r o m i fi zwischen der Orthodoxie •und den Hebraisten darstelit. Die cndgiltigc Lösung der Fragen der Unterrichtssprache in den Schulen — jidisch oder hebräisch — und die Frage der Bildung von orthodoxen Gymnasien wird dem künftigen Zentralkomitee überwiesen, daß sich darüber mit anderen rabbinischeii Autoritäten beraten wird. Einstimmig beschloß die Konferenz,!die Palästinaa r b c i t zu einem Hauptpunkt ■des. Programms zu erklären. Dabei fielen viele scharfe AcuUcruugcti gegen die Tätigkeit der Zionisten. Manche verteidigten sic. Alle waren sieh aber klar, daß die Pa 1 ästinafrage so akut geworden sei, daß alle Partei-Vorurteile, find seien sie noch so berechtigt, vor dein Qcbot der Zeit zimicktreleii müßten und daß sich das ganze Volk um die politische Palästinaforderung scliaren müsse. In der Einleitung zur Resolution wird ausdrücklich betaut, daß der Grundpfeiler der jüdischen Religion nach wie vor der Glaube an den Messias sei, daß aber dieser Glaube in keinem Widerspruch zu der realen politischen und k o 10 11 i 8 a t o r i - 6 cli eu Tätigkeit in und für Palästina stehe. Auf denselben Gesichtspunkten beruhen nach die Be- Schlüsse über die Beteiligung am jüdischen Kongreß und mi der vorbereitenden Konferenz, die am 18./31. Juli eröffnet wurde. Die Vertreter der Orthodoxie sollten verlangen, daß der Kongreß selbst seine Tagesordnung bestimme. Falls aber die vorbereitende Konferenz beschließen werde, eine Tagesordmmg des Kongresses icst/.ulegcn, würden die Vertreter der Orthodoxie für die Behandlung des Punktes ״Die Lage des Juden in den anderen Ländern" und für den Pa iü st i na p un kt als einen besonderen Punkt des Programms stimmen. In das Zciitralkomite e wurden 25 Personen gewählt, darunter auch die alten angesehenen Rabbiner aus Kowno, Ponjcwcsch, Minsk, Witebsk, Dwinsk, Wilna usvv. Trotzdem verlangten die Rabbiner noch die Kontrolle über die ganze Tätigkeit der Partei in ihren Händen zu behalten. Auf ihre Forderung wurde nach langen Debatten bcschloscn, einen obersten Rat von drei prominenten Rabbinern, un• ter der Oberleitung des auf der Konferenz nicht anwesenden Brisker Rabbiners R. Chajim Solobracht haben. Soll 'dies anders werden, sollen wir uns aus dem Zustand tiefster Ungerechtigkeit dem Ideal des gerechten Staates nähern, so dürfen wir nicht auf die ״Entwicklung'' vertrauen und uns nicht mit dialeküsehcn Untersuchungen begnügen, sondern müssen die Idee in unser!» Willen aufnehmen. Je weiter wir aber noch von der gerechten Gemein- Schaft entfernt sind, umso mehr wird jeder Mensch gerade in seinen persönlichsten, eigensten sittlichen Erlebnissen von der Gemeinschaft abgesondert. Das große Lebens• gesetz der Persönlichkeit ist die Einsamkeit. Sic äußert sici! im Verhalten zur Gemeinschaft etwa im Herren• tum wie bei Napoleon oder im asketischen Idealismus Nietzsches; gerade dieser hat heute eine bestechende Kraft: ״Die Flucht in irgend einen Winkel der Ver• gesscnlicit, wo wenigstens noch ein Fetzen Himmelbläue, Meer, Glück, Friede und Sonnenschein zu erraffen wäre, nachdem eine infernalisch entzündete Menschlichkeit . . .“ Aber auch das Ich ist ja vielfach eine Funktion der gesellschaftlichen Umwelt, und in dem Streben nach Befreiung des Ich, nach Entdeckung des ״reinen“ Ich, in dieser unermüdlichen Sclbstzerfascrung, scheitert endlich auch •der große Einsame. Währcnd aber selbst Nietzsches Einsamkeit nur eine Folge des Mangels verständnisvoller Mitmenschen war, gibt cs eine prinzipiell andere, nicht auf Enttäuschung beruhende Einsamkeit, die die Mitgift semitischer Rassen an Europa gewesen ist: die Einsamkeit des Augustinus, die den sozialen Trieb nicht verdrängt und nicht unterdrückt, sondern sich auf eine völlig neue Ebene begibt, indem sie zu ״glauben*' beginnt und in ihrem Olaubcnscrlcbnis die gottgeweihte Wirklichkeit erfährt. Hier ist ein Weg, wie der Notstand der Persönlichwcitschik, zu wählen, der die Tätigkeit des Zentralkomitccs zu überwachen hat. Nach vielen Debatten wurde beschlossen, den Namen ״Msorcth w ׳ch e ruth“ (Tradition und Freiheit) für die geschaffene Partei bei zubehalten. In der Dunkelkammer der Bolschewik! Die bürgerliche und sozialistische Presse ln Rußland machte bereits wiederholt auf die dunkeln Kräfte aufmerksam, die sich unter den Bolschewik» befinden lind unter dem Mantel des extremen Radikalismus gefährliche, im Grunde genommen contre-rcvolutionäre Losungen verbreiten. Obwohl die führenden Kreise der Bolsclicwiki von Juden, Wenn auch durch- Wegs dem Judentum Fernstehenden, durchsetzt sind, betonten die bolschewistischen Redner dennoch vielfach •in Versammlungen und bei Straflcndemonstrationcn, daß die Juden deswegen der Revolution untreu geworden seien, weil sie ihr einziges Ziel in der Rcvolution — die Emanzipation — bereits erreicht hätten. Diese Agitation nimmt immer rohere Formen an. Bei einer Straßcndcinonstration in Petersburg wurde die Fahne des ״Bundes", der bekanntlich den Menschewiki angehört, unter antisemitischen Ausrufen in Fetzen zerrissen. In Kiew, Odessa und Moskau wurden auf den Straßen mitten unter revolutionären Reden gegen die Provisorischc Regierung mehrfach auch regelrechte Pogromreden gehalten. In einigen Fällen wurde festgestellt, daO diese antisemitischen Hetzredner in Wirklichkcit ehemalige Schutzleute waren, die die Un- Zufriedenheit zu contre-rcvohrtionärcn Zwecken verwerten wollen, lind alte antisemitische Hetzer, die in den trüben Wässern auch ihre Netze zu spannen versuchen. Auch in Petersburg wurde in den blutigen Julitagen der bewaffneten Demonstrationen!nützlich das Gerücht verbreitet, daß in den Vorstädten ein Judenpogrom organisiert würde. Beunruhigende Nachrichten gingen auch aus Kiew und Rcschizn ein. Die Provisorische Regierung und der Rat der Arbeiter- Und Soldatcn-Dcputicrtcn griffen überall rechtzeitig imd tatkräftig ein und verhinderten Excessc. Als auf Ver- Ordnung der Provisorischen Regierung das Hauptqunrticr der Bolsclicwiki, der Ksdiesehinski-Palast, an» 18. Juli untersucht wurde, wurde unter anderen kompromittiercuclen Dokumenten auch ein 'Haufen Pogrom ■Literatur und Ansichtskarten mit Schilderungen von R i t u a imo r d c n entdeckt, die von einen alten Mitarbeiter des exircm-antiscmitisclicn ״Rußkoje Suainja", SI o t n i k o w, verfaßt sind. Die bolschewistische Presse stellte die Sache 'als eine Provokation seitens Ihrer Gegner dar. Die menschcwistisclie und bürgerlich-revolutionäre Presse dagegen warnten vor den gefährlichen Elementen, die unter den Fittichen des aufrührerischen Bolschewismus! eine neue Zuflucht fänden. Resolutionen der 7. zionistischen Konferenz der russischen Zionisten Wir bringen im nachfolgenden die von der 7. Zionistischen Konferenz In Rußland — über deren Tagung wir ausführlich berichtet haben — beschlossenen Resolutionen. Sic sind in ihrer Gesamtheit ן ein geschlossenes Programm. Besonders kann auf die bedeutsamen Resolutionen zur Paiästmnfrnge“ aufmerksam gemacht werden, die einstimmig angenommen wurden. Zur Palästinafrage. 1. Allgemeine Resolution: Die 7. Konferenz der russischen Zionisten drückt einstimmig ihre feste Ucberzctigung aus, daß die Völker während der Festlegung der Grundlagen des künftigen national-politischen Lebens, den klar ausgedrückten keit innerhalb der Gemeinschaft überwunden werden kann; im religiösen Erlebnis, das an die letzten Werte der Menschheit reicht. Und daß gerade von hier, aus dieser höchsten Höhe persönlichen Menschentums, der Weg wieder zur Gemeinschaft führt, wissen wir Juden vielleicht klarer ais andere Völker, denen nicht so wie uns die Bewährung des göttlichen Wortes im Leben, das heißt aber in der Gemeinschaft, als höchste Aufgabe gestellt ist. Darum ist gerade für uns wichtig, daß wir die Ucbel und Gefahren der organisierten Gemeinschaft, die das Werk des Bösen ist, erkennen und unsere neue Oemeinschaft auf einen» von den heutigen Staaten ganzlieh verschiedenen Orunde aufbauen, dessen Hauptsäulcn Gerechtigkeit, Freiheit und Verantwortlichkeit sind. Daß die Vereinigung dieser drei Forderungen kein Widerspruch ist, zeigt das vorliegende Buch, das hier darum angezeigt wurde, weil es voll Sehnsucht in die Richtung dieses unseres Strcbens weist. Die kurze fragmentarische Wiedergabe des Inhaltes kann kein Bild von der Fülle der anregenden -Gedanken geben, die in warmer, überzeugender Diktion vorgetragen werden. Vielleicht zeigt cs uns auch, daß wir in allen Nationen Verständnis finden werden, wenn wir uns anscliickcn, ein völlig neuartiges soziales Gebilde zu errichten, dessen Ziel das historische Ideal unseres Volkes ist, das das Ideal der Menschheit werden muß: die 'Verwirklichung der Gerechtigkeit. Ein Ziel, das vielleicht nur in fernen, sehr fernen Zeiten erreicht werden kann, ia absoluter Reinheit nur ״in einer metaphysischen Wescnsschkhtung“: am Ende der Tage, wenn das Reich Gottes anhebt. R. W«