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Jüdische Rundschau · 1915-01-22 · Heft 4 (22.1.1915) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 30 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 4 die Beschreibung und Vergleichung der einzelnen Handschriften und den sonstigen philologischen Kleinkram, wie er in derartigen Editionen üblich ist, bcschränkt, sondern seine Aufgabe viel weiter gefaßt. Das Ziel, das er sich steckte, war, den islamischen Quellen der Hidäja nachzuspüren, Bachjas Be- Ziehungen zu den verschiedenen rcligionsphilosophisehen Systemen und Strömungen des Islam zu ergründen und den Ursprung der in den ״Herzenspflichten“ angeführten nichtjüdischen Lehrsätze und Sinnsprüche im einzelnen nachzuweisen. Zu diesem Zwecke hat er die äußerst weitschichtige theologische und philosophische Literatur des Islam, die überdies zum großen Teil nur in Handschriften vorliegt, in heißem Bemühen durchforscht und bietet nun in der Einleitung seiner Ausgabe eine ebenso gründliche wie anziehende und aufschlußreiche Studie über die Beziehungen der jüdisch-arabischen Autoren im allgemeinen und Bachjas im besonderen zu der asketischen und sufischen Literatur des Islams, zu den ״lauteren Brüdern", jenen merkwürdigen arabischen Enzyklopädisten des 9. Jahrhunderts, 11. a. m. Yahtida ergänzt und berichtigt hierbei in sehr glücklicher und durchaus selbständiger Weise die Forschungen David Kaufmanns in seiner ״Theologie des Bachja lbn Pakuda“. Zum Schlüsse einige Worte über den Inhalt und die Bedeutung des ßachja’schen Werkes selbst. Die ״Herzenspflichten“ enthalten in zehn ״Pforten1' eine Darstellung derjenigen religiösen Obliegenheiten, die nicht durch äußerlich sichtbare Handlungen erfüllt werden können, sondern die in der Pflege lauterer Gesinnung, in einer geläuterten Gotteserkenntnis und Weltbetrachtung, in einem unbegrenzten Gottvcrtrauen, in der strengsten Selbstprtifung und Selbstzucht bestehen, und deren Hebung die Vorbedingung für die gottgefällige Beobachtung jener äußeren Pflichtgebote bildet. Die Regungen und Triebe des Metischenherzens werden in dieser Schrift mit erstaunlicher psychologischer Beobachtungsgabe bloßgelegt und meisterhaft gekennzeichnet. Trotz der hohen Anforderungen, die das Buch an das D enke n des Lesers stellt und trotz der religionsphilosophischen Schulung, die es voraussetzt, ist es vermöge seines innigen Herzenstons und der tiefen, schlichten Frömmigkeit, die es durchströmt, zu einem der volkstümlichsten und meistgelesenen jüdischen Erbauungsbücher geworden, das stets in allen Kreisen des jüdischen Volkes im höchsten Ansehen stand. Von den Schöpfungen der jüdisch-arabischen Literatur ist keine einzige so tief ins Volk gedrungen, und ,keine hat so allgemeine Anerkennung gefunden. Bachja wird vielfach schlechthin als ״der Fromme“ (״Hechassid be-Choboth Halebaboth“) zitiert und es ist beispielsweise charakteristisch, daß der berühmte mährische Landesrabbiner R. Mordechai Be n e t (gest. 1829) zum Lobe der halachischen Schriften seines gefeierten Zeitgenossen, des Preßburger Ober- Zrabbiners R. Moses Sofer (Verfassers der *Responsensaianilung ״Chathain Sofer“) nichts besseres zu sagen wußte, als daß diese Schriften die religiöse Glut de! ״H e r z e n s p f 1ic h t e n“ atmen. (דבריו כוערים כדברי חובות הלבבות.! Es wäre zu wünschen, daß auf Grund der Yahudasehen Edition eine neue, den wissenschaftlichen Anfordertingen genügende deutsche Uebersetzung der ״Herzenspflichten“ veranstaltet würde. Bis dahin sollten aber die beiden vorhandenen deutschen Uebersetzungen (von Al. E. Steril und Enianuel Baumgarten) allen denen, die einen Hauch von dem edlen Geiste altjüdischen Denkens verspüren möchten und deren sprachlichem Verständnis der Tibonsche hebräische Text unzugänglich ist, Gegenstand fleißigen Studiums sein. Berlin. Dr. M. Zobel. Ein Märtyrer des politischen Zionismus Von A. Pinski.*) Reh Sehloirne Pionski, ein siebzigjähriger Mann aus Warschau, reiste 1819 nach Palästina, um das heilige Land zu sehen und an den heiligen Stätten zu beten. Nach längerem Aufenthalt fuhr er heim und da er sich unterwegs in Konstantinopel aufhalten mußte, schrieb er Ende September 1821 an seinen Schwiegersohn Josef, einen Warschauer Handelsmann, und kündigte ihm seine baldige Rückkehr an. LJ. a. hieß es im Brief: ״Fern von Dir bete ich hier in Konstantinopel zu Gott, daß Friede bei Dir sein möge, *) Wir sind von vielen Lesern gebeten worden, den Inhalt der an unsere Freunde im Felde versendeten Chanukahnummer auch den übrigen Gesinnungsgenossen zugänglich zu machen. Wir bringen daher in dieser Nummer einige Beiträge zum Abdruck, mein gottgeliebter, gelehrter, ruhmreicher, mit Gütern begnadeter Eidam, des teuern Namens Josef, und bei Deiner Gattin, meiner Tochter, der tugendhaften und gottesfürchtigen Frau, des Namens Juta, und bei der ganzen Nachkommenschaft, die ihrem Schoß entsprangen.“ Weiter beschrieb er seine beschwerliche Reise, und gab seiner Freude auf das baldige Wiedersehen mit den Worten Ausdruck: ״Wer mit Tränen säet, wird mit Freude ernten.“ Anfang November desselben Jahres teilt Reb Schloime bereits aus Odessa mit, seine Reise habe länger gedauert als er gedacht, weshalb ihm das Geld ausgegangen sei und er deshalb um Zusendung von 50 Dukaten bitten müsse. Auch dieses Schreiben war in dem gleichen Stil der altjüdischen Briefkunst verfaßt. Er titulierte seinen Schwiegersohn mit ״Herr und Fürst“ und schloß seinen Brief mit dem Satz, daß die Nachrichten, die er aus dem heiligen Lande mitbringe, die Hoffnung und die Freude in den Herzen der Gläubigen wieder erwecken würden, ״das Reich des jüdischen Volkes ist nicht mehr fern, die Jugend Jerusalems und die übrigen Einwohner der Stadt werden Zion wieder aufbauen helfen.“ Diese beiden Briefe wurden von der russischen Polizei aufgefangen und dem Zensor für hebräische und jüdische Bücher zur Uebersetzung vorgelegt. Der Inhalt kam der Behörde so verdächtig vor, daß die Briefe dem Statthalter Großfürsten Konstantin, dem Bruder des Kaisers Alexander I., vorgelegt wurden. Der Großfürst und seine Ratgeber erblickten in den Briefen die Spuren einer jüdischen Verschwörung zur Eroberung Palästinas und ziir Aufrichtung eines jüclischen Reiches — und nun begann eine echt russische Affäre. Die Kopien der Uebersetzung (charakteristisch für die damaligen Verhältnisse Rußlands: in französischer Sprache) wurden mit einem eigenhändigen Schreiben des Statthalters an den Kaiser nach Petersbürg geschickt. Der Großfürst berichtet folgendermaßen. ״Vor einigen Tagen wurden mir zwei Briefe aus Konstantinopel, die an einen Juden, einen Warschauer Einwohner, adressiert sind, zugestellt. Aus ihrem Inhalt geht hervor, daß sie von einer Person derselben Nationalität geschrieben sind, die zusammen mit vier anderen Juden irgendeine Mission im heiligen Lande auszuführen habe. Aus den Ausdrücken des zweiten Briefes, die unterstrichen sind, geht hervor, daß der Emissär seine Mission im Namen seiner Auftraggeber ausgeführt bat und daß er scheinbar die Hoffnung auf Wiedererrichtung Jerusalems und auf die Bildung eines jüdischen Reiches dort hege. Sobald der Jude, der Verfasser des Briefes, im polnischem Gebiet erscheint, werde ich ihn festnehmen lassen, zusammen mit seinen Papieren, welche vielleicht gewisse Anhaltspunkte in bezug auf seine Genossen enthalten, die von Odessa aus mit ihm verkehren.“ Bald konnte der Großfürst seine Absicht verwirklichen. — Der ahnungslose Schloime Pionski erschien am 27. Dezember 1821 in Warschau, wurde sofort verhaftet und im geheimen nach dem Brühlschen Palais gebracht, wo nur die allerwichtigsten Staatsverbrecher imtergebraclit wurden. Seine Papiere wurden natürlich beschlagnahmt. Es waren nicht weniger als 61 hebräische und jüdische Briefe. Die Schriftstücke wurden sofort ins Französischc übersetzt und das ganze Material an den Kaiser nach Petersburg geschickt. Diese Lektüre wird wohl für den Herrscher aller Reußen wenig interessant gewesen sein. Die bei P l o 11 s k i vorgefundenen Briefe waren ihm von Jerusalemer Einwohnern zur Beförderung an die Angehörigen in Rußland mitgegeben worden. Man schrieb sich darin, wie es einem ging, erkundigte sieh nach dem Wohlergehen der anderen, verabfolgte Maseltows, beklagte Todesfälle und sprach immer die Sehnsucht und die Hoffnung auf das baldige Erscheinen des Moschiach aus —• kurz, man schrieb, was alte, fromme, poschete Juden zu schreiben pflegen, wenn sie mit ihrem kümmerlichen Leben abgeschlossen haben, um, einmal im heiligen Lande, nur daran zu denken, in Gottesfurcht sterben zu können. Die Briefe enthielten aber auch Nachrichten über die Organisation des jüdischen Spendenwesens für Palästina, und man kann aus ihnen ersehen, daß die jetzige Chaluka-Organisation im Wesentlichen schon damals bestand. Man berichtete ferner, daß es dank großen Geldopfern gelungen sei, die Erlaubnis zum Bau einer Synagoge für den polnischen Gottesdienst zu erwirken, die Verhandlungen habe man in Konstantinopel führen müssen, weil dem Bau der Synagoge noch ein Verbot aus dem XVlll. Jahrhundert entgegengestandcn habe. Die Freude über diesen Er: folg war außerordentlich groß: ״Dank dem Herrn,“ heißt es einmal, ״der Jerusalem auserkoren hat, ist es gelungen, die Aufhebung des königlichen Verbotes und die Erneuerung der Krone zu erwirken und das Gotteshaus, das die Gojim entheiligt und die Feinde vernichtet hatten, vviederlierzustellen.“ Man sprach im Namen der ״Heiligen Stadt Jerusalem, die bald wieder hergestellt werden möge“, und bat die Glaubensgenossen ״stark und mutig zu sein“ und ״der Krone ihren alten Glanz wiederzugeben“. ״Des sind die Worte Eures Freundes, der Eurer Antwort harrt und um Euch in Jerusalem betet, wo das Himmelstor ist.“ Dies alles kam den Warschauer Untersuchungsbeamten höchst staatsgefährlich vor, sie sahen eine weitverzweigte Verschwörung vor sich, die die ganze jüdische Welt umspannte und hielten den Schloime PI o n s k i für eine der wichtigsten Persönlichkeiten dieser geheimen Organisation. Um diese Angst einer mächtigen Regierung voi ein par armseligen Juden zu begreifen, muß man sich vor Augen halten, daß Alexander F in Dingen der türkischen Politik selbst kein reines Gewissen hatte. Mit seiner Unterstützung hatte der griechische Nationalheld Ypsilanti zahlreiche geheime Bünde unter den in Rußland vvohnenden Griechen organisiert. Warum sollten die Juden nicht etwas Aehnliches erstreben wollen? Warum sollten sich die Türken nicht die jüdische Hilfe durch Konzessionen in Palästina erkaufen? Und konnten diese jüdischen Agenten der Türkei nicht gegebenenfalls für Rußland gefährlich werden? Sagt doch der Großfürst in einem seiner Berichte, der so klingt, als wäre er einem Leitartikel des ״Hamburger Israelitischen Familienblattes“ entnommen. ״Es scheint keinem Zweifel zu unterliegen, daß die Anhänglichkeit der Juden für ihre uralte Heimat in letzter Zeit wiedererwacht ist . . .; daraus folgt, daß nach Palästina viel Geld aus allen Ländern fließt und am meisten aus denjenigen Gebieten, in denen der größte Teil der Judenheit lebt; daß dieses Volk, dessen Augen immer auf das heilige Land gerichtet sind, dem von ihm bewohnten Lande immer fremder und immer ungehorsamer wird, daß endlich die Juden einen geheimen Plan der nationalen Wiedergeburt hegen ... Sie behaupten, daß der Sultan ihnen erlaubt habe, ihre Synagogen vviederlierzustellen . . . also haben die Juden aller Staaten, darunter auch die polnischen, mit der türkischen Regierung selbständige Verhandlungen geführt, ohne die Vermittlung ihrer gesetzlichen Regierung anzurufen, unter deren Schutz sie leben. Diese besondere Anhänglichkeit der Juden für die Türken, von denen sie die Wiederher- Stellung der Heimat erwarten, streift sehr nahe an eine Art von Untreue gegenüber den Herrschern jener Länder, wo sie geboren sind, und könnte unter gewissen Umständen in Landesverrat übergehen, ln Odessa unterhalten 2000 Juden einen regelmäßigen schriftlichen Verkehr mit den von ihnen unterstützten Juden Palästinas und auch, wie man annehmen muß, mit Juden, die in Konstantinopel lehen und die Rolle der Vermittler spielen. Sollte man nicht voraussehen, daß diese 2000 Juden unter Umständen, da sie ihre Dienste den Türken verkaufen könnten, eine gefährliehe Armee von Spionen bilden würden?“ Natürlich wurde der unglückliche P l o n s k i einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen. Man legte ihtn nicht weniger als 155 Fragen vor. Die Vernehmung entbehrte nicht einer gewissen Komik. Der Angeklagte wurde gefragt, zu welchem Zwecke er seine Reise unternommen habe; er antwortete: ״Um zu beten“. Auf die Frage: ״Was habe er Bemerkenswertes unterwegs in Jerusalem gesehen?“ gab er zur Antwort: ״Ich war vollkommen in mein Gebet zu Gott vertieft und habe andere Dinge wenig beachtet“ und fügte hinzu, daß er die Absicht habe, im Falle seiner Befreiung aus dem Gefängnis nach Pessach wieder nach Jerusalem zu fahren. Auf die Frage nach dem Zweck antwortete er: ״Um dort zu sterben!“ Frage: ״Wann kann man die Ankunft des Messias erwarten?“ Antwort: ״Die Zeit seiner Ankunft ist nicht bestimmt, er kann jeden Augenblick erscheinen.“ Frage: ״Ist die Zeit der Vereinigung aller Juden in Jerusalem nahe?“ Antwort: ״Das kann man nicht bestimmen, dies dürfte aber bald eintreffen.“ Frage: ״Mit welchen Mitteln wollen die Juden das Eintreffen dieses Zeitpunktes beschleunigen?“ Antwort: ״Durch Gebete.“ Die Vernehmungen ergaben nicht den Schatten eines Schuldbeweises, so daß der Statthalter in diesem Sinne an den Kaiser berichten konnte. Charakteristisch aber für die feige Unfähigkeit der russischen Machthaber ist es, daß der Großfürst es nicht wagte, den P1 o n s k i ohne ausdrückliche Ermäclitigung des Kaisers zu befreien. Diese Ermächtigung scheint nicht mehr erteilt worden zu sein, jedenfalls 1’st P1 o n s k i kurz nach der Vernehmung im Gefängnis gestorben. Er starb als ein Opfer der Zionsliebe, der man in den Kreisen der russischen Regierung eine so außerordentliche Macht zuschrieb, eine Macht, die unter Umständen geeignet wäre, in der internationalen Politik eine gefährliche Rolle zu spielen. In diesem Sinne kann man wohl sagen, daß Reb Schloime Pionski ein Märtyrer des politischen Zionismus geworden war. ־1! Diese Geschichte, die wir einem Aufsatz des bekannten polnischen Historikers Simon Aschkenasy entnommen haben, ist eine groteske Tragi-

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