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Jüdische Rundschau · 1915-01-22 · Heft 4 (22.1.1915) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XX (1915)
Issue
Heft 4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr 4 j U E I) I S C H E RUNDS C HAU Seile 31 komödie. Der Statthalter eines mächtigen Kaisers fürchtet ein paar gebrechliche Pilger, deren Kräfte gerade ausreichen, um die Reise nach Palästina zu überstehen. Ein ganzer Beamtenstab wird aufgcboten und ist monatelang damit beschäftigt, die Familienbriefe der frommen Wallfahrer zu bearbeiten. Die Akten dieser Affäre füllen ganze Folianten, und selbst der Kaiser, der einem Napoleon getrotzt, wurde höchstpcrsönlieh und auf das eingehendste mit dieser ״Verschwörung“ befaßt. Das ist die russische Juden- Politik. Es will jemand berechnet haben, daß der ״Senat‘׳, das russische Reichsgericht, 30—35 ,V״ seiner Tätigkeit den Judensachen widmet. In einzelnen Ministerien, wo die Beamten nichts anderes zu tun haben, als Judenverordnungen zu erlassen und zu ״erläutern“, ist der Prozentsatz wahrscheinlich noch höher. Wieviel Leid und Elend bringt nicht diese Tätigkeit auch dort, wo eine schädigende Absicht nicht vorliegt! So ganz nebenbei erdrückt die plumpe Staatsmaschine wehrlose Existenzen. Bald werden mit einem Federzug Tausende vernichtet, bald aber, wie im Falle Schleime Pionskis, wird die ganze Maschine in Gang gesetzt, um einen einzigen armseligen Juden zu zermalmen. Massada In dem groben Kampfe, den jüdische Vaterlands- )leiden gegen die römische Weltmacht führten, in dem sie endlich unterlagen, war Jerusalem gefallen. Aber noch drei Jahre lang nach dem Tempelbrande haben sich kleine Scharen von Freiheitskämpfern im Gebirge kämpfend erhalten. Als Flavius Silva nach dein Tode des Bassus die Statthalterschaft übernahm, beharrte nur noch die kleine Bergfeste Mass a d a, hoch über dem Toten Meere, im nationalen Widerstande gegen die römische Weltmacht. Dort verteidigte sich Elasar Ben J a’1 r, der letzte Führer der Patriotenpartei in bewunderungswürdigem Todesmut mit einer ganz, kleinen Schar gegen die Macht römischer Legionen. Als aber die Mauer durch Belagerungsmaschinen gestürzt war, als überall das Feuer, das eine von den Römern in Brand geschossene Holzmauer verbreitete, eindrang, da schlug Elasar b e n J a’i r der Besatzung vor, mit ihm freiwillig in den Tod zu gehen, um nicht in die Knechtschaft der Römer zu fallen. Ich gebe hier den Schluß dieser Erzählung wieder, nach dem Berichte jenes Flavins Josephus, der als Verräter zu den Römern überging und als Todfeind der Patriotenpartei diesen Krieg parteiisch beschrieben hat. Hier der Bericht: Während Elasar noch in seiner Ermahnung fortfahren wollte, unterbrachen ihn Alle, drängten, von einem unwiderstehlichen Ungestüm ergriffen, zur Ausführung und gingen, wie von einem bösen Geiste getrieben, auseinander. Einer suchte dem Andern zuvorzukommen und glaubte dadurch einen Beweis seiner Tapferkeit und Entschlossenheit zu geben, daß er einer von den Ersten bei der Ausführung sein wollte. Eine solche Gier hatte sich ihrer bemächtigt, ihre Weiber, Kinder und sich gegenseitig zu töten. Auch ward diese ihre Wut nicht, wie man etwa hätte denken sollen, abgekühlt, als sie nun zur Ausführung schritten, sondern sie bewahrten den unerbittlichen Trotz, welchen seine Rede ihnen eingeflößt hatte. Allen blieben zwar ihre Freundes- und Familiengefiihle. Die Ueberlegung aber sagte ihnen, daß sie so am besten für ihre Liebsten sorgten. Indeß sie ihre Weiber liebevoll umarmten, ihre Kinder herzten und unter Tränen ihnen die letzten Küsse auf die Lippen drückten, vollzogen sie ihren Ent- Schluß, als stünde eine fremde Hand ihnen zu Gebote. Und ihr Trost bei dem notgedrungenen Morden lag in dem Gedanken an die Greuel, die ihre Lieben erfahren müßten, wenn sie in Feindeshand fielen. Am Ende zeigte sich keiner zu schwach für das bitter schwere Werk, sondern alle machten ihre nächsten Verwandten nacheinander nieder. O welch fürchterliche Not, welche ihnen als das geringste Uebel erscheinen ließ, mit eigner Hand ihre Weiber und Kinder zu töten! Außerstande, den Schmerz über ihre eigenen Taten zu ertragen, und in dem Gefühl, ein Unrecht an den Gemordeten zu begehen, wenn sie sie auch nur einen Augenblick überleben würden, schleppten sie eiligst alles, was noch einen Wert hatte, auf einen Haufen zusammen, steckten es in Brand und wählten dann zehn aus ihrer Mitte, welche die Aufgabe übernehmen mußten, alle Uebrigen zu töten. Neben sein Weib und seine Kinder hingestreckt und die Arme über sie ausbreitend bot jeder seine Kehle den zehn dar, die den furchtbaren Dienst vollzogen. Nachdem diese ohne Zittern alle nacheinander durchbohrt, setzten sie dieselbe Entscheidung durchs Los wiederum fest: der, den es traf, sollte die übrigen neun und zuletzt nach allen sich selbst ermorden. Alle hatten das unbedingte Vertrauen zueinander, daß jeder der tätigen oder leidenden Ausführung des Beschlusses sich gleich mutig unterziehen werde. So boten denn die Neun sich dem Mordschwert dar. Der Eine, der zuletzt noch übriggeblieben war, besichtigte nur noch den Haufen der Daliegenden, ab nicht etwa bei dem so großen Gemetzel einer da wäre, der seiner Nachhilfe zum Sterben bedürfte. Als er aber alle wirklieh getötet fand, steckte er den Palast in Brand, durchbohrte dann sich selbst mit kräftiger Faust und sank an der Seite der Seinigen nieder. So starben sie in der IJeberzcugung, daß sie keine Seele übrig gelassen, welche unter die Botmäßigkeit der Römer kommen könnte. Eine alte Frau jedoch, sowie eine Verwandte Eins a r s, ein durch Verstand und Bildung vor den meisten ihres Geschlechtes ausgezeichnetes Weib mit fünf Kindern, hatte sich schon vorher heimlich in eine unterirdische Trinkwasserleitung verkrochen, während noch der Andern Gedanken von der Tötung der Ihrigen gänzlich daliingenommen waren. Die Zahl der Toten, Weiber und Kinder mitgerechnet, belief sich auf 9b0. Diese Schreckenstat ward am 15. Xanthikos (April 73 n. Chr.) vollbracht. In der Erwartung eines bewaffneten Widerstandes hatten die Römer des Morgens früh sich in Bereitschaft gesetzt, von dem Walle aus Fallbrücken auf den Festungsraum geworfen und waren in ihn eingedrungen. Als sie keines Feindes ansichtig wurden, sondern überall unheimliche Leere bemerkten, innen Brand, sonst aber tiefes Schweigen, wußten sie dies nicht zu erklären. Endlich erhoben sie, als wollten sie eben die Wurfgeschosse abdrücken, das Schlachtgeschrci. um dadurch die etwa im Innern Befindliehen hervorzulocken. Dieses Geschrei vernahmen die Weiber, worauf sie aus dem unterirdischen Gange hervorkrochen und den ganzen Hergang nach seinen Einzelheiten den Römern berichteten. Besonders die eine der Frauen wußte alles, was gesprochen und getan worden, genau zu erzählen. Die Römer jedoch schenkten ihr wenig. Aufmerksamkeit, weil sie die ungeheuerliche Tat nicht glauben konnten, sondern suchten, den Brand zu löschen, bahnten sich schnell durch das Feuer einen Weg und drangen in das Innere des Palastes ein. Als sie hier nun wirklich die Menge der Leichen entdeckten, freuten sie sich nicht wie über den Untergang von Feinden, sondern bewunderten den hochherzigen Entschluß und die unerschüttert gebliebene Todesverachtung der so vielen an der Tat beteiligten Personen.“ H. L. Berek Josselewicz Ein jüdischer Kämpfer für die Freiheit Polens. Von A. Karliner. Im Jahre 1788 trat der große Landtag in Polen zusammen, der versuchen wollte, dem absterbenden Staat neues Leben einzuflößen. Nach vierjähriger Arbeit wurde die Verfassung vom 3. Mai 17dl verkündet. Die neuen Ideen der Aufklärungszeit, welche die langjährigen Vorhandlungen zürn Teil beherrschten, gelangten nicht ganz zum Durchbruch. Am wenigsten hätten die Juden durch die gedachten Aenderungen profitiert. Und doch war von der Tribüne dieses Landtages zum ersten Male verkündet worden, daß die Juden als Bürger des Staates, wenn auch nicht vollberechtigten, Anspruch auf Menschenrechte hätten. Zürn ersten Male wurden Forderungen aufgestellt, daß der Staat die bürgerliehe Lage seiner jüdischen Bewohner ordnen und verbessern solle. Hier ist nicht der Platz, die Reformvorschläge, die so ganz den Geist des aufgeklärten Absolutismus, besonders den Geist Josefs II, atmeten, zu prüfen und zu kritisieren. Tatsache ist, daß cs einige einflußreiche Mitglieder des Landtages, besonders der Pinsker Abgeordnete Butrimowitsch und der Historiker Czacki, mit ihren wohlwollenden Vorschlägen ernst meinten. Obwohl diese Vorschläge noch weniger praktische Bedeutung hatten als die ganze Konstitution, deren Durchführung Rußland verhinderte, so haben die wenigen menschenfreundlichen Stimmen aus christlichem Lager genügt, um in jüdischen Kreisen einen gewissen Umschwung der Stimmungen hervorzurufen. Einzelne Idealisten begannen, an den Anbruch einer neuen Zeit zu glauben. Mail brauchte sich nur der ganzen Menschheit, d. 11, den Polen, hinzugeben, um Gerechtigkeit und Gegenliebe zu finden. Zum ersten Male ließen sich Juden vernehmen, daß sie ein Vaterland hätten, gleich wie die anderen polnischen Bürger. Diese Ideenrichtung — von einer Bewegung konnte man natürlich noch nicht sprechen fand sogleich einen Verkünder und Führer, der sie mit außerordentlicher Tatkraft zu verwirklichen versuchte. Dieser Mann war Berek Josselewicz. Geboren vor 1770 im Gouvernement Kowno schlug er sehr früh die beliebte Laufbahn eines Hausjuden ein. Er wurde Faktor heim polnisehen Magnaten Massalsky. Dieser große Herr verbrachte den größten Teil seines 1.ebens in Paris und dorthin nahm er Berek mit. Sa kam es, daß Berek nicht nur vollkommen polnisch und französisch erlernte, sondern auch mit der damaligen großen Gesellschaft Europas in Berührung kam. ln Paris lernte er die Aufklärungsideen und die großen Führer jener Zeit kennen. Erst 178b kehrte er nach Warschau zurück und verfolgte vermutlich mit der größten Spannung die Verhandlungen des Landtages. Aber es dauerte noch einige Jahre, bis er Gelegenheit fand, sich zu betätigen. Im Jahre 1794, nach der zweiten Teilung Polens, erhob sich das polnisclie Volk unter Führung Tadeusz Kosciuszkos, und sofort beschloß Berek Josselewicz, sich dem großen Führer anzuschließen, um seine Ideen zu verwirklichen. Der Aufruf, den wir weiter unten bringen, zeigt, welche Ideen es waren: Begeisterung für das polnische Vaterland, der Glaube an dessen Gerechtigkeit und Dankbarkeit, die Ueberzeugung, daß sich die Juden nur hinzugeben brauchten, um sofort als gleichberechtigte Brüder aufgenommen zu werden kurz der übliche Ueberschwang der jüdischen Aufklarer. Berek hat von Jugend auf ein lebhaftes Interesse für das Kriegshandwerk gehabt. Er liebte den Krieg und war in seinem Element, wenn er Polen mit den Waffen dienen wollte. Er bat nun um die Erlaubnis, ein jüdisches Regiment bilden zu dürfen, die ihm der Diktator Kosciuszko auch mit der größten Bereitwilligkeit erteilte. Der diesbezügliche Bescheid ist so interessant, daß wir ihn hier in wörtlicher Uebcrsctzung bringen: ״Es gibt wohl keinen Bewohner des polnischen Landes, welcher im Volksaufstand nicht den Weg zu Freiheit und Glück sehen und ihn nicht mit allen Mitteln unterstützen wollte. Von diesem Beweggrund durchdrungen, haben die Juden (״Starozakonni“ d. h. Bekenner des alten Bundes) Berek Josselewicz und Josef Aronowicz des Landes gedenkend, in dem sie geboren sind, und dessen gedenkend, daß sie allen Anderen gleich aus der Befreiung dieselben Vorteile ziehen würden, mir den Wunsch und die Absicht kund getan, ein jüdisches Regiment leichter Kavallerie zu bilden. Indem ich diesen Eifer belobige, gebe ich ihnen die Erlaubnis, Teilnehmer für das genannte Korps zu werben, es mit Waffen und allem Nötigen zu versehen, um möglichst schnell iri den Dienst der Republik zu treten und möglichst gut gegen den Feind zu kämpfen. 17. September 1794, Tadeusz Kosciusczko.“ Am 1. Oktober erschien nun im amtlichen Verordnungsblatt folgender Aufruf des Berek: ״H ö r e t, 1 h r S ö h n e desVolkesIsrael! Ihr alle, in deren Herzen das Ebenbild des Ewigen und Allmächtigen eingegraben ist, alle die Ihr helfen wollt, für das Vaterland zu kämpfen und dies ist unser aller Pflicht — wisset, die Stunde ist gekommen, dafür unsere Kräfte hinzugeben. Ja, so ist es meine treuen Brüder. Die Liebe zum Vaterland bringt Euch dazu, daß Ihr neues Blut schöpfen sollt an Stelle desjenigen, das lange Jahre hindurch giftige Schlangen Euch abgezapft haben. Sind doch so viele mächtige Herren, Adelssprossen und große Geister, die bereit sind, ihr Leben zu lassen. Außerdem haben wir es jetzt leicht, da unser Beschützer, der Befehlshaber Tadeusz Kosciusczko, ein wahrer Abgesandter des Ewigen und Allmächtigen, sich alle Mühe gibt, um ein jüdisches Regiment zu bilden. Er besitzt die mannigfaltigsten Gaben, gesunde Vernunft und ein mitleidiges Herz für seinen Nächsten; er ist zum Führer auserkoren. Dies, liebe Brüder, sei uns ein Muster; ihn, einen so großen Mann, und mit ihm andere große Männer, die doch bereits im Genuß großer

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