Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XX (1915)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Seite 29 Zwei Mitglieder des Vereins jüdischer Hochschü/er Barkochba in Prag, Arnold Herrmann und Dr Ernst K o r e f f sind in der österreichisehen Verlustliste als gefallen gemeldet. Von Gesinnungsgenosse Arnold Herrmann ist nun die Nachricht eingelaufen, daß er sich in serbischer Kriegsgefangenschaft befindet und Dr. Ernst Ko re ff dürfte möglicherweise verwundet in russische Gefangenschaft geraten sein. Natürlich sind die Angaben über die osterreichischen Zionisten int Felde außerordentlich lückenhaft, da so viele Zionisten im Felde stehen, daß zuverlässige Angaben über die Mehrzahl nur sehr spärlich einlaufen. An die Zionisten Oesterreich-Ungarns Wir senden die Jüdische Rundschau ins Feld an alle im deutschen Heere dienenden Zionisten. Auch an die Gesinnungsgenossen, die als österreichische lind ungarische Soldaten im Felde stehen, wollen wir die Jüdisehe Rundschau regelmäßig senden, damit auch sie die enge Verbindung mit unserer Organisation nicht verlieren. Wir bitten daher alle zionistischen Organisationen und die ein- /einen Zionisten Oesterreich-Ungarns, uns die genauen Feldadressen unserer Gesinnungsgenossen mitzuteilen. Auch bitten wir mn die Uebermittelung von Feldpostbriefen, die zur Veröffentlichung in der Jüdischen Rundschau geeignet sind. Redaktionder Jüdischen Rundschau. Narcisse Leven Narcisse Leven, der Präsident der ״A 11 i - ance lsraelite Universelle“ ist gestorben, ln Paris hat seine Beerdigung stattgefunden. Wir vernehmen in Trauer die Kunde von dem Hinscheiden des greisen Präsidenten der Alliance. Narcisse Leven, war ein Mann, der der Alliance lsraelite Universelle seinen Willen aufzuzzwingen wußte, mochte sich auch eine demokratische Opposition den oft versteinerten Anschauungen des Nachfolgers Cremieux’ entgegenstemmen. Mehr als fünfzig Jahre hat N. L e v i n die Geschichte der Alliance, zum Teil als ihr Präsident, mitbestimmt. Der zionistischen Bewegung stand N. Leven oft genug als Gegner gegenüber. Als nach der türkischen Revolution eine nach Europa entsandte Delegation der türkischen Kammerdeputierten auch in den Pariser Bureaus der Alliance erschien und von Herrn Narcisse Leven mit einer politischen Anspräche empfangen wurde, bezeichnete er den Zionismus als den türkischen Interessen zuwiderlaufend und h<ob einen scharfen Gegensatz zwischen den Be- Strebungen der Alliance und des Zionismus hervor. Scharfe Kämpfe hatte unter der Leitung N a r - cisse Leven das Pariser Zentralkomitee der Alliance mit der Deutschen Konferenzgern einschaft der Alliance durchzukämpfen. Narcisse Leven war als Präsident der Alliance hervorragendes Mitglied der Leitung der I ca. Er war einer der ältesten Cliowevve-Zion. Trotz der Kämpfe, die die zionistische Organisation in früheren Jahren mit Narcisse Leven und der von seinem Geist bestimmten Alliance-Leitung auszufechten hatte, wissen wir die hohe Bedeutung des Verstorbenen vollauf zu würdigen, der sich um das Judentum außerordentliche Verdienste erworben hat. * Wir erhalten folgende Mitteilung: Auf Umwegen wird uns die überaus traurige Nachricht, daß in dieser schicksalsschweren Zeit auch die Alliance ein harter Schlag getroffen hat. Unser hochverehrter, ehrwürdiger und langjähriger Präsident Herr Narcisse Leven ist am 7. Januar d. J. im 82. Jahr seines gesegneten Lebens von uns gegangen. Nicht nur die, die das Glück hatten, im persönlichen oder schriftlichen Verkehr mit ihm für das Gedeihen des Alliancewerkes, das sein Lebenswerk war, zu wirken, werden die ganze Schwere dieses Verlustes ermessen, sondern weit und breit, innerhalb und auch außerhalb der Alliance, in der der Verewigte ein Menschenalter hindurch den belebenden Mittelpunkt für alle Werke der Barmherzigkeit bildete, wird das Hinscheiden dieses groBen Juden tiefempfundene Mittrauer erwecken. זצ״ל Berlin, Grolmanstr. 48, im Januar 1Q15. Freie Organisation der Alliance lsraelite Universelle. Der Vorsitzende: Dr. J. Ginsberg. Carl Goldmark (gest. 2. Januar 1015 zu Wien) Von Oberkantor Singer, Kattowitz. Einer der größten Komponisten unserer Zeit, zugleich eine der interessantesten Erscheinungen der Nach-Wagnerschen Epoche ist mit Carl Gold mark, der 1832 in Keszthely (Ungarn) als Sohn des jüdischen Kantors Rüben Goidmark geboren wurde, dahingegangen. Wohl selten ist über Art und Inhalt der Werke eines Komponisten soviel gestritten worden, wie über Qoldmarks Arbeiten; die allgemeine Wertung seines Schaffens hat merkwürdige Wandlungen durchgemacht. Die größte Sensation aber rief vor Jahren des Meisters ״musikalisches Credo“ hervor, das in einer Wiener Zeitschrift erschien. Ich behaupte, daß nur der Goldmarks Eigenart ganz verstehen kann, der die Sphäre seines Elternhauses kennt und mit jenen archaistisch-jüdischen Tonfolgen vertraut ist, die Goldmark in seine Werke oft hineinzauberte; wie Weber melodische Liebhabereien, Mendelssohn pikant harmonische Wendungen, Spohr große Chromatik, Schumann verblüffenden Rhythmus bringt, so zeigt uns Goldmark in vielen seiner Schöpfungen einen gewissen Stil alt-jüd i s c h e r Sanges weisen, der sich nicht nur in der exorbitanten Tonart, sondern auch in einer gesteigerten oder verminderten rhythmischen Bewegung dokumentiert; wie einst Anton Rubinstein in seiner Oper ״Die Makkabäer“ den Zwiegesang von Joarim und Benjamin ״Adonai Adonai“ (Phrygische Tonart mit Plagal-Cadenz) einer synagogalen Weise entnommen hatte, so!null auch Goldmark manche Wendung in seiner Oper ״Königin von Saba“ von alten Chasanim gehört haben; neben der älteren Wagnerschen Form und der Goldmark eigenen traumerisch-schwermütigen Art, ist es eben das jüdisehe Element, welches in dieser Oper als Charakteristikuin hervortritt. Dies haben auch nach der Premiere in Wien (10. März 1875) die beiden Musikhistoriker H a n s 1 i c k und Helm in ihren Referaten stark betont. Wer also diesen jüdischen Stil kennt, wird bald all׳ jene Stellen — es sind oft nur 5—6 Töne — herausfinden, aus denen das Erbgeschenk der jüdischen Abkunft herausklingt. Interessant ist es, bei mancher Wendung zu beobachten, wie ein scharfes Kunstgefühl gegen die angeborene Liebhaberei kämpft; wir denken hier vorzugsweise an die wundervolle Desdur-Stelle beim Einzug der Königin, die so echt jüdisch fortschreitet und schließlich auf der Esdur-Basis eines bekannten jüdischen Steigers endigt. Aehnliche Fiorituren bringen die Lieder ״Fata Morgana Op. 37“ und ״Im Walde Op. II‘‘. Merkwürdig ist es, daß in keiner andern Oper Goldmarks das jüdische Idiom hervortritt, freilich hat keine der Opern auch nur annähernd den großen und anhaltenden Erfolg der ״Saba“ erzielt. ln der Musikgeschichte wird es als ein denkwürdiges Moment verzeichnet sein, daß der Jude Carl Goldmark einer der würdigsten Epigonen Richard Wagners war; wir aber können hervorheben, daß Meister Goidmark kein Muß- und Auch-Jude war, sondern seinem Volksstamme bis an sein Lebensende die Treue wahrte. Die amerikanische Aktion für Palästina Der Betrag, den das American J e w i s h Relief Committee bisher zur Unterstützung der vom Kriege betroffenen Juden aller Länder gesammelt hat, beläuft sich auf 222000 Dollar. Die Sammlungen des Central Committees, das im Interesse des gleichen Unterstützungswerkes gegründet wurde, betragen vorläufig 42 000 Dollar. Das P r o v i s i o n a 1 Zionist Committee hat bisher die folgenden Summen für Palästina aufgebracht: 66 000 Dollar, 35 000 Dollar und 25 000 Dollar. Die Beträge sind durch die Vermittlung des American Jewish Committee nach Palästina gelangt. ln Amerika wird die Frage der Entsendung eines Schiffes mit Lebensmitteln nach Palästina lebhaft erörtert. Die Schwierigkeit besteht hauptsächlich darin, daß man bisher die Beschlagnahme des Schiffes und seiner Ladung durch die englischen und türkischen Behörden fürchtete. Die türkische Regierung hat nunmehr durch den Botschafter Mergenthau die Erklärung abgeben lassen, daß eine derartige Expedition ihrer Unterstützung gewiß sein könnte. Sie würde die Verteilung der Lebensmittel in jeder Weise erleichtern und die lokalen Behörden anweisen, sich jeglicher Requisitionen zu enthalten. Die Regierung verlangt, daß ihr der Name des Schiffes, das wahrscheinlich Jaffa anlaufe» würde, bekanntgegeben werde. Amerikanische Juden haben an maßgebender Stelle in Berlin, Paris und London angefragt, ob von den betreffenden Regierungen irgendwelche Einwände erhoben werden würden; man erwartet, dem Unternehmen günstige Antworten zu erhalten. Bücherschau Al-Hidäja 'ila farä’id al-quh'ib des Bach ja ibn Josef ibn Paquda aus Andalusien. Irn arabischen Urtext zum ersten Male nach der Oxforder und Pariser Handschrift sowie den Petersburger Fragmenten herausgegeben von Dr. A. S. V a h u d a. Buchhandlung und Druckerei vormals E. J. Brill, Leiden. Durch den gegenwärtigen Völkerkrieg, zu dessen folgenreichsten Kulturwirkungen wohl auch d i e gehören wird, daß er die wundersame Geisteswelt des islamischen Orients wieder einmal recht nahe in den europäischen Gesichtskreis gerückt hat, gewinnt die vorliegende Schrift erhöhte Aktualität. Ihr Erscheinen liegt wohl schon einige Zeit zurück, doch ist sie in der jüdischen Presse bisher lange nicht nach Gebühr gewürdigt worden. Man weiß, wie eng und vielgestaltig im Mittelalter, namentlich in der spanisch-arabischen Epoche unserer Geschichte, die Beziehungen zwischen arabischer und jüdischer Kultur waren. Daß die Erinnerung daran auch in der Gegenwart und auch in arabischen Kreisen noch recht lebendig ist, beweist z. B. das bemerkenswerte jüdisch-arabische Verbrüderungsfest, das vor kurzem in Jerusalem gefeiert wurde und worüber an anderer Stelle dieses Blattes ausführlich berichtet wird. Ist der Islam seinem Ursprung nach im ganzen eine Tochterreligion des Judentums, so übte das islamische Denken und die islamisch-arabische Gesittung im Laufe der Zeit eine tiefgreifende und nachhaltige Wirkung auf die gesamte jüdische Geistestätigkeit in allen ihren Zweigen. Auf dem Gebiete der Theologie, der Philosophie, der Ethik, aller Erfahrungs- und Geisteswissenschaften, ja selbst der hebräischen Dichtung, Grammatik, Bibelexegese und anderer ureigenster jüdischer Disziplinen standen die Juden ganz unter dem beherrschenden Einflüsse der in jenen Jahrhunderten so mächtigen arabischen Kultur. Und wie sehr die wissenschaftlichen und poetischen Er- Zeugnisse des jüdisch-arabischen Schrifttums ihrerseits auf alles spätere jüdische Denken und Schaffen in allen Ländern der Diaspora nachgewirkt haben, bedarf keiner näheren Ausführung. Es genügt, auf die Namen Saadja, Gabirol, Maimonides, Jehuda Halevi und Bachja Ibn Pakuda, den Antor der vorliegenden Schrift, hinzuweisen. Freilich, was diese und andere jüdische Denker und Gelehrte in arabischer Sprache geschaffen haben, ging in die Schatzkammer unserer Nationalliteratur erst ein, nachdem es die arabische Hülle abgestreift und — größtenteils durch die Uebersetzerfamilie der Tiboniden — hebräische Gewandung empfangen hatte. Seit dem 13. Jahrhundert schwand die arabische Sprache allmählich aus dem Munde und dem schrittliehen Gebrauch der Juden Spaniens und bald war auch hier das arabische Original der großen jüdischarabischen Schriftwerke völlig verschollen und an ihre Stelle traten die hebräischen Uebertragungen. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die arabischen Originale aus dem Staub der Handschriftensammlungen europäischer Bibliotheken ans Licht gezogen und durch treffliche Druckausgaben weiteren Kreisen zugänglich gemacht. Den Anfang hatte Salomon Munk mit seiner ausgezeichneten dreibändigen Ausgabe des Mairnunischen ״Führers der Unschlüssigen“ (Dalälat al-Häirin, hebräisch: Mo re 11 Hanebuchim), Paris 1851, 1856, 1861, gemacht. Saadjas ״Buch der Glaubenslehren und Vernunftansichten“ (Kitäb al-amanät w'ali’tikädät, hehräisch: S e p 11 e r Haeinunoth w’had e o t h) wurde 1880 von S. Landauer in der arabischen Urschrift herausgegeben, Jehuda Halevis ״Kusari“ von, H. Hirschfeld im Jahre 1886. Auch die halacliischen und exegetischen Schriften der jüdisch-arabischen Literatur fanden in den letzten Jahrzehnten ihre Herausgeber und Bearbeiter. Nur das ethische Standard work dieses reichen und glanzvollen Schrifttums, die trotz ihrer philosophischen Schvverflüssigkeit und spröden Diktion zu einem wahreri Volksbuch gewordenen ״Herzenspflichten“ (('hoboth Halebaboth) von Bachja ihn Pakuda harrten eines kundigen Erweckers und Interpreten ihres Grundtextes. Schon im 17. Jahrhundert hatten Fachgelehrte eine Edition der H i d ä j a geplant und seither bildete diese Aufgabe ein ständiges Desideratum der Wissenschat't. In der Person des bekannten aus Jerusalem staniinenden jüdischen Arabisten Dr. A. S. Y a h u d a hat sich nun ein wahrhaft Berufener der Durchführung dieses schwierigen und mühevollen Werks unterzogen. Yahuda kennt die arabische Sprache und Kultur nicht wie die meisten europäischen Orientalisten vornehmlich von trockenen und unzulänglichen Universitätsstudien her, sondern aus unmittelbarster lebendiger Anschauung und gründlicher Durchdringung des gesamten Stoffes, wie sie nur an d e r Q ue 11 e , in den Ländern arabischer Zunge, erworben werden kann. Er hat sich nicht bloß auf die sorgfältige und kritische Wiedergabe des arabischen Textes, auf