Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1914-02-06 · Heft 6 (6.2.1914) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIX (1914)
Issue
Heft 6 (6.2.1914)
Date
1914-02-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651869-2651876--09427-2666754
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 56 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 6 Eine Erklärung David Jellins Herr David Je 11 in in Jerusalem lihersemlet der ״Welt“ folgende Erklärung: In dem Bericht, den Herr Dr, Paul N 111 h u n In der Sitzung des Hilfsvereins vom 1׳, Januar erstattet hat, findet sich folgender Passus: ״, , , Herr Dr, Nathan folgerte aus der Aufstellung einer völlig unerfüllbaren Portierung, daß es den Herren nicht um einen Ausgleich zu tun sei, sondern darum, die Schüler in den nächsten Monaten noch weiter zu bearbeiten. Das trat besonders deutlich dadurch hervor, dal) v i e r T a g e nach der U c b e r r e i e h u n g des Mttnora n d ums Herr J e 11 i 11 cl i e Schüler der obersten Klasse d e r L ä m e 1 s c hu1c a u f f o r d e r t c, in die neu zu gründende Schule über7.11 ge hen. Nachdem dies bekannt wurde, blieb natürlich kein anderer Ausweg, als die Lehrer sofort zu suspeit• dicren, und es erfolgte am nächsten Tage die Suspension.“ Als ich diese Worte las, ergriff mich tiefer Schmerz, da ich daraus ersah, wohin die Sucht, um jeden Preis Recht zu behalten, einen führen kann und wie wenig unsere prominenten Männer Bedenken tragen, unwahre Angaben zu veröffentlichen, wenn cs gilt, sich auf Kosten anderer reinzuwaschen. Als ich Herrn Dr. Nathan bei seiner Abwesenheit in Jerusalem aufsuchtc, um ihm meine Stellungnahme zur l'rage der Einführung der hebräischen Sprache als ausschließlicher' Unterrichtssprache in den Hilfsvcreinsschulen auseinanderzusetzen, und ihm bei dieser Gelegenheit erklärte, daß ich, solange der liilfsvcrcin sich dieses Prinzip nicht zu eigen mache, im Hinblick auf die allgemeine Lage und die einmütige Stimmung im Laude gezwungen sein würde, alle aus meiner bisherigen Tätigkeit ׳ mir zustehenden ^Rechte und alle meine Zukunftshoffnungcu fahren zu lassen, fügte ich dieser Erklärung folgendes hinzu: ״Aber cs gibt noch etwas, was nur wertvoller ist als all dies, nämlich mein guter Name. Ich weiß, wie sehr meine Gegner sich bemühen werden, den guten Ruf, den ich mir durch meine Arbeit und durch mein reines Streben während meines ganzen Lebens erworben habe, in den Staub zu ziehen und mich in meiner persönlichen Ehre herabzusetzen. Aber auch meinen guten Namen will ich gern preisgeben, wenn es sich darum handelt, dem jüdischen Volke gegenüber meine Pflicht zu tun.“ Hierbei dachte ich an eine Acußcrung des Herrn Ephraim C o 11 n , d e r m i r h a 11 c s a g e n I a s s e 11, d a ß D r. N a t h a 11, d e 11 man i n g a 11 z Euro p a kennt, seinen Mund und seine Feder wohl zu gebrauchen wisse, uni einen Mann zu vernichten 1 Ich wußte, daß mir derartiges bcvorstcht, aber ich hatte docli nicht erwartet, daß ein angesehener mul bekannter Mann, wie Dr. Nathan, den icli stets hochschätzte, sich nicht scheuen würde, 111 i r Dinge anzudichten, an denen absolut nie 111 das geringste w׳ahr ist, und dies als Grund anzu• geben für meine in so kränkender Weise erfolgte Entlassung aus einer Anstalt, der ich 25 Jahre meines Lebens gewidmet habe, an der ich also schon zu einer Zeit tätig war, als Herr Dr. Nathan noch lange nicht angefangen hatte, sich für jüdische Dinge überhaupt zu interessieren. Samuel Oppenheimer und sein Kreis (Ein Kapitel aus der Finanzgcschichtc Oesterreichs. Von Dr. Max Grunwald, Wien und Leipzig, Wil* heim Braumüller, 1913. VII. u. 358 Seilen. Preis: 6." M.) Was uns, vielfältig zerstreut, in Akten und Protokollen des Wiener Hofkammerarchivs, in Landes-, Gemeinde- und privaten Bibliotheken, in alten Chromken und neuere« Geschichtswerken über Samuel Oppenheimers und der Seinen Dienste als k. und k. Hofbankiers und Armee- und Hoflieferanten überliefert ist, hat Orunwald, einem Preisausschreiben der Rappaport-Stiftung folgend, in 80 gründlicher wie reizvoller Darstellung vereinigt. Jede Seite des stattliehen Bandes, jede cinz.chic der zahlreichen Anmcrkungen erinnert an die gelehrten Mühen des Verfassers, dem, bei biographischen Studien ein besonders deutlicher Mangel, Vorarbeiten und Urkunden privaten Charakters, wie Briefe und Aufzeichnungen persönlichen Inhalts, ganz fehlten, Die Schrift, die den vollen Preis errang, ist als fünfter Band der von der (vorbildlich wirkenden) Historischen Korn- Vor der gesamten Ocffentlichkcit erkläre ich also mit aller Entschiedenheit, dal) diese ganze Anschuldigung gänzlich erdichtet ist. Der beste Beweis dafür ist der Umstand, daß In der hiesigen Zeitung ״Moriah“, in der gegen jeden einzelnen von uns hebräischen Lehrern alle möglichen Beschuldigungen erhöhen wurden sind, noch keiner den Mut gefunden hat, mir derartige» vor/uwerten, während diese Auklage für die Beurteilung des Scluilknmpfc» doch sehr wesentlich ist, d n s I c als Grund für unser aller Entlassung h I n g c s t c 111 wird. Sämtliche Schüler der ersten Klasse der Liimelschule, von denen ein großer Teil in der Anstalt verblieben ist und keinen Grund hat, mich in Schutz zu nehmen, — sic alle können bezeugen, daß ich bis zum letzten Tage meiner Lehrtätigkeit ihnen nicht ein Sterbenswörtchen von der E r ö f f - 11 u 11 g einer neuen Schule oder von d c r Frage der Unterrichtssprache oder von sonst etwas ähnlichem gesagt habe, daß icli mich vielmehr pflichtgemäß ausschließlich mit den gewöhnlichen Gegenständen des Unterrichts befaßt habe. Noch ’mehr: Dienstag, am 9. IX'zcmbcr v. Js'., dem Tage der Wiedereröffnung des Hilfsvcreins-Scminars (wie erinnerlich, erfolgte diese Wiedereröffnung, ohne daß ich als Prorektor mul Lehrer der Anstalt davon in Kenntnis gesetzt worden wäre und ohne daß mir mitgeteilt wurde, ich hätte an diesem Tage meine Unterrichtsstunde zu erteilen), als ich mich in einer Stimmung befand, wie man sie einem Manne nachfühlen kann, der sich um die Entwicklung und das Aufblühen einer Lehranstalt vom Tage ihrer Begründüng an alle erdenkliche Mühe gegeben hat und den man nach zehnjähriger erfolgreicher Tätigkeit beiseite schiebt, ohne ihm seine Entlassung auch nur mitzuteilen (den Brief, in dem wir von unserer Suspension benachrichtigt wurden, schickte uns Dr. Nathan erst am Dienstag abend zu), an diesem Tage also erteilte ich noch Unterricht an der Liimelschule. Ich nahm das übliche Pensum durch, und als ein Schüler eine halbe Stunde nach Beginn des Vortrages den Klassenraum betrat, fragte icli ihn, warum er so spät komme. Er war sehr verlegen und antwortete schließlich, der Schüler Soundso aus der Klasse habe ihm gesagt, ich würde heute an der Liimelschule nicht unterrichten. Hierbei sahen die Schüler einander bedeutungsvoll an, und ich erkannte d ar a n , daß den Schülern schon m it ge t e i 11 worden sein müsse, icli sei aus der L ii in e I s c 11 u 1 c entlass e n. Trotzdem ließ icli die Schüler nichts merken und sagte dem zu spät gekommenen Knaben: ״Du weißt doch, wenn ein Lehrer einmal fehlt, vertritt ilm ein anderer." Nach diesem Zwischenfall setzte icli den Unterricht ruhig fort. Nacii Schluß der Stunde, als ich die Klasse verlassen wollte, traten die Schüler plötzlich auf mich zu und sagten: ״Herr Lehret, wir haben noch Bücher hei Ihnen.“ Auch jetzt, als ich merkte, daß die Sache allen Schülern mitgcteilt worden war, beschränkte ich mich darauf, ganz gleichmütig zu sagen: ״Ich werde Euch Eure Bücher wiedergeben.“ Dies ist der wirkliche Sachverhalt. Ucberhnupt sehe ich mich genötigt, auf folgenden allgemein bekannten Umstand hinzuweisen: Bis 7.11111 Mittwoch, dem 10. Dezember v, Js., dem Tage, an dem die Lehrer aus der Liimelschule verjagt wurden, wobei ein Lehrer, als Herr Ephraim Cohn ihm nicht einmal gestatten wollte, sich von seinen Selitilern zu verabschieden, den Schülern zurief: ״Mir nach, Kinder!‘* •— bis zu diesem Tage also fiel es keinem von uns ein,־ daß wir mission der israelitischen Kultusgcmeindc in Wien*) herausgegebenen ״Quellen und Forschungen zur Oeschichte der Juden in Dcutsch-Ocstcrrcich“ erschienen, gekürzt lediglich bei einigen ursprünglich größeren wörtlichen Aktenauszügen mittels Ersetzung durcii charakterisierende Inhaltsangaben. Einer die Zcitvcrhältnissc anschaulich malenden Einleitung mit Hinweisen auf den ewigen Geldinangel Kaiser Leopolds I. (des Türkenlcopokls, 1658—1705) und die traurige finanzielle Mißwirtschaft während der ganzen Leopoldlnischen Acra (die sich, mit oft untauglichen und darum fast strafbaren Mittcln im modern gewordenen Merkantilismus versuchte) folgen außerordentlich lehrreiche Kapitel zunächst über Oppenheimer, den Ncubegründer der Wiener jüdischen Gemeinde, selbst und seinen Sohn Emanucl sowie dessen Familie, alsdann über seinen Neffen und kaufmännischen Beistand Simson Wert- *) Deren Auftrag bereits Ncuausgabcn des ״Judenbuchs der Scheffstraße“ (Dr, Golumann) und ״Jüdischer Privatbriefc aus d. J. 1619" (Dr. Landau und Dr. Wachstein), sowie Abhandlungen über das ״Wiener Ghetto“ (l)r. Schwarz) und die ״Inschriften des alten Judenfriedhofes" (Dr. Wachstein) entsprangen. überhaupt eine neue Knabenschule zu eröffnen haben würden. Wir wußten, daß die Seminaristen streikten und daß cs notwendig sein würde, falls der I lillHVcrcln nicht nnchgübc, ein neues Seminar zu gründen. Wir wußten ferner, daß in der Mädchenschule »amtliche Lehrer und Lehrerinnen entschlossen waren,' ihre Stellen nictlerzulegeii, wenn der Hillsverein auf die Forderung der hebräischen Unterrichtssprache nicht cinging, daß also die Notwcmllgkeit entstehen könnte, and! eine neue Mädchenschule ins Lehen zu rufen. Allein an die Möglichkclt der Eröffnung einer neuen Knabenschule dachte keiner von uns, di ja an dieser Anstalt bloß drei Lehrer demissioniert hatten, von denen zwei der Schule nur einen Teil ihrer Untcrrichtstiitigkeit widmeten. Von der Gründung einer neuen Knabenschule ließen wir uns also nichts trau 111 c n. Daraus folgt doch, daß wir die Schüler nicht überreden konnten, zu der damals noch gar nicht geplanten neuen Knabenschule überzugehen. Ich mul) gestehen, daß dieses ״Geschenk", das uns durch das Vorgehen des llilfsvercins ganz unerwartet in den Schoß fiel, uns alle in die größte Verlegenheit brachte, da wir nicht wußten, woher wir Lehrkräfte und Geldmittel für die neue Knabenschule nehmen sollten. Demnach möge die jüdische Ocffentlichkcit urteilen: 1. Ob der Hilfsverein oder dessen Vertreter recht daran getan hat, mich in den Augen meiner Schüler, die mich stets außerordentlich hochgeschätzt hatten! und mich, wie ich glaube, noch heute hochschätzen (trotzdem man sie gelehrt hat, uns Lehrern das Wort ״Revolutionäre“ auf der Straße nachzurufen), lächerlich zu machen, indem man mich unterrichten ließ, während man meinen Schülern schon mitgcteilt hatte, ich sei entlassen. 2. Ob der Leiter des HilfsVereins recht daran getan hat, mich in so unfeiner Weise zu beleidigen, indem er an alle Scminnrlchrcr außer mir Einladungen zur Wiedereröffnung der Anstalt und zur Aufnahme des Unterrichts ergehen ließ, ohne mich auch nur wissen zu lassen, weshalb ich übergangen worden war — ein Vorgehen, worüber selbst die Lehrer, die vorläufig im Dienste des Hilfs- Vereins geblieben sind, ihre Empörung öffentlich kundgegeben haben. Hätte Herr Dr. Nathan mir den Brief, den er mir am Dienstag abend zusandte, nicht einen Tag früher schreiben können? 3. Wenn vielleicht andere Leute Herrn Dr. Nathan irregeführt und ihm derartige Dinge von mir erzählt haben, wäre es dann nicht seine Pflicht gewesen, mich zu befragen, ob diese Beschuldigung auch wahr ist? Glaubt er etwa, daß das Gebot ״Audiatur ct altera pars“ uns unglückseligen ״Asiaten“ gegenüber nicht gilt? Herr Dr. Nathan erzählt in seinen! Bericht weiter, daß die suspendierten Lehrer am folgenden Tage (am 10. Dezember) trotz ihrer Suspension in die Schulen des llilfsvercins ein gedrungen waren, und man daher gezwungen gewesen sei, sie zu verjagen ussv. Wenn die Absicht der Herren nicht von vornherein darauf gerichtet war, die demissioniercndcn Lehrer vor den Augen i h r e r Schüler mit Schimpf und Schande zu verjagen und aller Welt zu zeigen, dal) Skandale vorgefailcn waren und die Leiter des Hilfsvercins gezwungen waren, den Konsul und die Polizei herbeizurufen, — wenn die Herren nicht bewußt diese bestimmte Absicht verfolgt haben, dann frage ich: Warum ist mir das Schreiben, das unsere Susheimer und endlich über eine ganze Reihe entferntcrer Verwandten und Geschäftsfreunde, die, alle, alle, eigens auf die Welt gekommen zu sein scheinen, utn Seiner Majestät immer wieder aus der in Perrnanenz erklärten Klemme zu helfen. Von all diesen Männern, und von Oppenheimer an erster Stelle, kann man wahrlich sagen, daß sic sich im Dienste de» Kaisers verzehrt haben. Oppenheimer und mit ihm Wcrtheimer, seltene Finanzgcnics, die jeder unsrer Großbanken als Aufsichtsratsprascs oder auf dem Dircktionsscsscl Zierde und Zinscszins gebracht hätten, stampften, wenn» sein mußte, Millionen aus der Erde, aus denen dann schnell Armeen geformt werden konnten; ihnen, denen, von den enormere Munitionslicferungcn ganz abgesehen, heut Riesenaufträge in Mehl, morgen in Hafer übertragen wurden, wuchs, wcnn’s biegen oder brechen hieß, ein Kornfeld — eins? zwei, zehn — in der flachen Hand. Die aber kehrte ihnen, höhlten sic sie zu ihrer Arbeit, ihrer Acngstc, ihres Risikos mehr als gerechter Entlohnung, oft genug leer zurück, nur vom dankbaren Händedruck der Oerettetcn noch warm oder (mit kläglicher Abschlagszahlung) auf bessere Tage vertröstet*). Die ließen sich Zeit; so viel echt I I I j l! •) Halt: Oppenheimer wurde zum kaiserlichen Faktor, zum Oberfaktor, ja 1701 zum Kriegiober-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.