Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIX (1914)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1914)
- Date
- 1914-02-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 J U E DI SC H E RUNDSCHAU Seite 57 Pension enthielt, in später Nachtstunde zugesaudl worden, zu einer Zeit, wo es mir unmöglich war, alle meine Kollegen zu benachrichtigen? Warum hat ferner Herr Dr. Nathan mir in diesem Schreiben. nicht mitgeteilt, «lall wir schon am folgenden Tage nicht in die Schule zu kommen brauchten, da doch keiner von uns ahnen konnte, d a II a n unserer Stelle bereits Schüler, Diener und Dienstmädchen in a 11 e 7 Eile als Lehrer engagiert worüe n w a r e 11? Warum wurden die Lehrer zuerst aus der Lämelscluile ver* Jagt, und warum ging man erst dann in die Mädchenschule, um auch hier die Lehrer, nachdem sie bereits zwei Stunden unterrichtet hatten, davonzujagen? Wenn die Leitung verfügt hatte, dall die bisherigen Lehrer der Mädchenschule schon an jenem Tage ihre Lehrtätigkeit einstellen sollten, warum schickte sie die neue n L c h r c r nicht schon am Morgen hin? Wie sollten die Lehrer - auch diejenigen, die ich noch in derselben Nacht von ihrer Suspension in Kenntnis setzen konnte - - im entferntesten denken, dail sie tags daraut nicht mehr in die Schule zu kommen hätten, wo 400 Schüler sie erwarteten, um deren Schicksal sich die Leitung des H i 1 f s v e r e i 11 s erst kümmerte, nachdem die suspendierten L e 11 r e r i 11 n e 11 zwei Stund e 11 I a n g Unter* rieht erteilt hatten? Ich glaube, daß jeder vernünftig Denkende, der die Dinge objektiv betrachtet, hiernach einseheii muH, d a I) D r. N a 111 a 11 und die Leit 1111 g g a r nicht wollten, die Lehrer sollten am Mittwoch nicht in c 11 r 11 n t e r r i c 11 ten, daII cs ihnen vielmehr gerade darauf ankam, alle ״revolutionärc n“ Lehrer vor ihren S e 11 ü - lern und Schülerinnen b I o II z 11 s f e 11 e 11, ihnen einen gehörigen Denkzettel zu geben, damit die Schüler und Schülerinnen sähen, wie es solchen widersetzlichen Lehrern'ergeht, und sich’s nicht einfallen ließen, ihren Lehrern zu folgen! Nur so lassen sieli die Vorgänge des ״historischen Mittwoch“ psychologisch erklären. Und wenn die Dinge zum «Mißvergnügen der Urheber dieses schlauen Plans ganz anders.ausfielen; wenn trotz der Heran- Ziehung aller möglichen fremden Machtfaktorcn das Gegenteil von dem erreicht wurde, was die Herren austrebten; wenn die Vertagung der Lehrer aus der Lämelschulc zur Folge hatte, daß an jenem Tage ganz unerwartet hundert Schiller die Schule verließen, daß in der Mädchenschule beim Erscheinen der Polizisten eine Panik attsbrach und sämtliche Schülerinnen aus der Schule entflohen; wenn all dies zur Folge hatte, daß die Zahl der Schüler und Sehiileriniien in unseren neuen Schulen bedeutend stieg, so haben die Hilfsveicinsieute die Schuld daran sieh selber und ihrer mißglückten ״Politik“ zu/nschreibeii. Es geht aber nicht an, daß sie andere dafür verantwörtlich machen! Es tut mir herzlich leid, daß ich mich jetzt mit derlei Dingen abgeben muß, wo ich fürwahr viel Wichtigeres zu tun hätte, wo unser neues nationales Schulwerk seiner Einrichtung und Ausgestaltung harrt. Allein es gibt Momente, wo man gezwungen ist, gegen seinen Willen zu handeln. Möchten mir doch künftig nicht viele solche Momente besehieden sein! Jerusalem, 20. Tebctli 5074. David J e 11 i n. Wienerische Zeit, daß Oppenheimer, mehr als einmal, sich dem Nichts gegenüber sah und seine Olüubiger schwer nur mehr beruhigen konnte. Nach seinem Tode aber, der seinen persönlichen «Kredit beeildigte, wurde über seinen Nachlaß der Bankrott erklärt. (Eine übersichtliche Tabelle gewährt ein vorzüglichcs Bild der fabelhaften Leistungen des ganzen Oppenheimcrschen Kreises für die kaiserlichen Finanzen bis zum Jahre 1740.) Stellenweise geht die Arbeit über den engeren biographischen Rahmen weit hinaus. So belehrt u. a, ein längeres Kapitel über die politische Stellung der Wienerischen Juden und ihre Besteuerung in dem behandelten Zeitraum. Das Werk vom historischen Gesichtspunkt aus ins einzelne hinein zu prüfen und namentlich festzustellen, was neues Erkenntnisgut ist und geeignet, unsere, bisherige Anschauung vom Gegenstand bcssernd und ergänzend zu vertiefen, ist Saeiie der wissenschaftlichen Fachpresse. Hier muß genügen, dankbar der Arbeit auf ihren Allgemeinwert hinzudeuten und, auch in weiteren Kreisen, für die Zeit und ihre Gestalten Interesse zu wecken. Die Bcfaktor gestempelt (so wie mau heutzutage Ingenieuren statt Gehaltszulagen den billigeren Titel ״Oberingenieur“ um den Hals hängt). Ein Protest Im Anzeigenteil des ״Berliner Tageblatts“ vom 5. Februar, 2. Beiblatt (Handels-Zeitung des B. T.) ist fast eine ganze Seite mit der im folgenden abgedruckten ״Erklärung“ und «len dazugehörigen Unterschriften ausgefüllt. Erklärung ״Die großen Vereinigungen der deutschen Juden sind in der letzten Zeit in ihrer luiniaiiitären Arbeit durch zionistische Agitationen schwer gestört worden. ׳Zionisten sind in nicht zionistische Vereinigungen ciiigetrctcn, vielfach nicht um friedlich mitzuarbeiten, sondern um diese Vereinigungen unter ihre Herrschalt zu bringen. Streit und Unfriede sind hierdurch hervorgerufen worden. Dabei ist die Kampfesweise dieser Elemente eine bisher innerhalb des deutschen Judentums nie geübte. Durch eine ihren Absichten entsprechende üruppieruiig der Tatsachen und durch irreführende Kennzeichinnig der Anschauungen Andersdenkender suchen sie ihre Stellung zu stärken, Alle diejenigen, die ihren Bestrebungen nicht folgen, greifen sie persönlich an und überschütten sie mit Beleidigungen. Die Zionisten suchen innerhalb des Judentums einen ״national-jüdischen“ Chauvinismus zu entfachen, der uns in sehrot len Gegensatz zu unseren ehristliehen deutschen Mitbürgern bringen müßte, von denen uns doch nichts unterscheidet, als unser Glaube. Zu einer Auseinandersetzung über die Einzelheiten des zionistischen Programms ist hier nicht der Ort. Hier handelt es sich darum, Stellung zu nehmen gegenüber derart gefährlichen Anschauungen und den verwertlichen Formen, in denen die Zionisten der gekennzeichneten Art Vorgehen. Wer friedlich mit uns arbeiten will, ist uns willkommen. Mit diesen Zionisten aber zusammen zu arbeiten, selbst avf denjenigen Gebieten, auf denen wir sonst gemeinsam für unsere Rechte, für unsere geistigen und religiösen Interessen und für unsere bedrängten Glaubensgenossen cingctrctcn sind, ist nunmehr immöglich geworden. Mit Bedauern stellen wir diese Tatsache fest. Im Interesse der jüdischen Gesamtheit dürfen wir jedoch nicht länger zögern, eine sichtbare Scheidelinie zwischen uns und jenen zu ziehen. Für dieses Zerreißen der Judenheit müssen diejenigen verantwortlich gemacht werden, deren zügellose Agitation uns zu solcher Erklärung zwingt. Wir bitten unsere deutschen Glaubensgenossen in ihrer Gesamtheit, nach wie vor der Welt ein lt:lichtendes Beispiel zu geben, wenn cs sieh um Uiilerstützimg Armer und Schwacher, um soziale Hilfeleistung, um Hebung geistiger und sittlicher Kräfte handelt. Ein weites Feld für solche Tätigkeit ist vorhanden. Wir wollen sie ausiihen als gute Juden und gute Deutsche.“ Was bedeutet diese Erklärung? Sie versucht auszuseheu, wie ein spontaner Protest des deutschen Judentums. In Wirklichkeit ist es das A 111 i 1. i o - 11 i s t i s c 11 e K o 111 i t e e und sein Kreis, das seihe Kundgebung hier untergcbracht hat. Kein einziger Rabbiner, kein einziger. Konservativer, kein einziger positiv gerichteter Jude hat unterzeichnet; es ist die verhältnismäßig kleine Partei der lieiiimtmgslosen Assimilanlen, die es wagt, so zu sprechen, als oh das deutsche Judentum hinter ihr stünde. Der Inhalt der Erklärung ist unerhört nichtssagend. Kein sachliches Wort gegen das zionistische Programm, keine Begründung des eigenen Standpunktes: bloß eine Reihe von Beschimpfungen des dcutung des Buches für die österreichische Finanzgcschichtc im ganz.cn wird ohne Zweifel auch von nicht jüdischer Seite anerkannt werden. Kirschncr. Ein jiddischer ״Kürschner“ Im Verlage der Gesellschaft ״Zentral“ in Warschau ist soeben ein Lexikon d e r j i d d i s c 11c n Literatur und Presse unter der Redaktion von Salmau Reisen und S. Niger erschienen. (767 S., Preis 3 Rubel,) Das Buch will aber nicht nur biographische Angaben der lebenden Schriftsteller, sondern zugleich ,,einen mehr oder weniger vollständigen Begriff von der jiddischen Literatur und Presse“ geben, führt also alle Autoren an, die, sei es aktiv, sei es referierend, Anteil an der jiddischen Literatur seit ihrem vicrhnndertjiihrigeu Bestehen gcnominell haben. .So finden wir neben ganz jungen Schriftstellern von 1913 auch den alten Herrn Johannes Buxtorf, weil er in seinem hebräischen Thesaurus 1609 auch über usus ct exereitatio lectionis Hcbreo-Germanicae schrieb. So werden die Autoren überhaupt nur auf ihre Stellung zur jiddischen Literatur hin angeführt und dies gibt dem Buche ein Inter¬ Zionismus und ein Anbiederungsversuch an die Nichtjuden, der ebenso würdelos ist wie frühere gleiche Versuche und bei denkenden Niclitjuden ebensowenig Erfolg haben wird. Er reiht sich den Protesten würdig an, die zu Beginn unserer Bewegung von den bcsorgten deutschen Juden gegen uns geschleudert wurden; der Laicnbann, der dem Rabbinerprotest folgt, wird derselben verdienten Vergessenheit anhcimfallen. Für uns ist diese Erklärung sogar wertvoll, Sie zeigt uns, daß die Assimilautcn im Kampfe gegen den Zionismus jedes Mittel fiir erlaubt halten. Sie ist zugleich eine DcmonstratKm. Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan, die dem Antizionistischen: Komitee bisher noch nicht angehört hatten, haben nunmehr mitunterzeiehnet. Wir wissen jetzt, wessen wir uns von unsern Gegnern zu verseilen haben; sie haben sieh zu der Erklärung durchgerungen, daß sie auch in neutralen, nichtpolitischcn Organisationen nicht mit uns zusammen,arbeiten wollen. Sie haben jede Rücksicht auf das gesamtjüdische Interesse fallen gelassen, ihre Erklärung ist eine Kriegserklärung. Wir werden uns zu wehren wissen. Allerdings werden wir es nicht notwendig haben, uns in den Inseratenteil der allgemeinen Blätter zu flüchten. Wir werden in aller Oeffentlichkeit unseren Gegnern die Antwort geben, die sic verdienen. Ergebnisse der Aktion für das hebräische Schulwerk Bareingänge, ausgewiesen in Nr. 1- 5 der ״Welt Aus Deutschland: 1. Berlin . . . . . . 13 371,80 2. Elberfeld . . . . . 1751,62 3. Mannheim . . . . 1 676,— 4. Hamburg . . . . 1 353,25 5. Breslau . . . 252,25 1 . . ־ 6. Zwickau . . . . . 070,- 7. Frankfurt . . . . 070,- 8. München . . . . 650,- 0. Königsberg . . . 585,50 10. Posen . . . . . 5(14,50 11. Köln . . . . . >18,- 12. Essen . . . . . •120,— 13. C.hemiiitz. . . . . 415,— 14. Beuthen . . . . 365, - 15. Kattoivitz . . 260,— 16. Danzig . . . . 235,- Verschiedene Städte . . 1515,16 Zusammen Mark 29 933,08 Aus den L a 11 d c s o r g a n i s a t i o n c n: 1. Rußland. 45 140,88 2. Deutschland . . . 3,08־03 20 3. Westöst.erreieh . . 0 502, 43 4. Galizien. 4 016,55 5. Kanada . 3 )57,60 6. Türkei . 2 012,40 Andere Länder . . . 3 032,(10 Zusammen Mark 98 285,44 Hierzu Ausweis Nr. 6: 21 060,46 Insgesamt Mark 119 345,90 Diese Zahl spricht für sich. esse, das über den Wert eines Nachschlagewerkes hinausgeht. Es ist eine Kulturgeschichte des Jiddisch; und es ist z. B. nicht ohne Reiz, unter dem Artikel ״Grätz.“ die bitteren Worte zu lesen, die sich dieser unverbesserliche Rationalist über die ״halbticrische Sprache“, den ״verfluchten Jargon“ geleistet hat; wie er denn auch, als man ihn um die Erlaubnis ersuchte, seine Geschichte ins Jiddisch zu übersetzen, sielt äußerte, er würde die Erlaubnis zu jeder Ueber• Setzung geben, mir nicht zu einer jiddischen ... Ein zweiter Teil des Buches enthält eine Uebcr* sicht der jiddischen Zeitschriften von 1686 bis 1913, ein dritter die jiddischen Anonyma. Für eine nächste Auflage würde es sich empfehlen, bei den erscheinenden Zeitschriften die Adressen und auch ein Verzeichnis der Verleger aufzunehmen. Die deutsche Literatur, besonders die Zeitschriften, scheinen die Herausgeber nicht genügend berück* sichtigt zu haben. Unter den angeführten Autoren vermißte ich Dr. Heinrich Loewe, der durch seinen Kampf gegen die Bezeichnung ״Jargon“ und durch seine Ausführungen in den ״Sprachen der Juden“ einen Platz in diesem Buche verdient hätte. Auch fehlt der Hinweis auf Berdyczewskis deutsche Aus• führungen über das Jiddische. H. Bergmann.