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Jüdische Rundschau · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 62. KJ0 f. - .VI \J, stens den Schein erwecken konnten. Gründe zu sein. Nun ist sogar dem Justizminister die Weisheit ausgegeange», demselben Herrn, der das Unmögliche möglich gemacht hatte, indem er gegenüber dem Vorwurf, das liberale Prinzip der Verfassung verletzt zu haken, sich als den wahren Demokraten aufspielte. Kommt ihr mir liberal — oh. ich handle sogar demokratisch, ich richte mich nach den Empfindungen und Bedürfnissen des Volkes, und das VolK will keine jüdischen Richter. ״ . , J Herr Schönstedt verlangt sicher 1m fcrnst garmcht, dass man dieser logisch-politischen SeiHänzerci auch nur einen ästhetischen Genuss abgewinne, denn sic ist zu schnörklig geworden, um schön zu sein. Immerhin aber war das noch eine wenigstens für die antisemitische Agitation verwendbare Phrase, dass man jüdischen Rechtsanwälten nicht so rasch das Notariat verleihe, weil das christliche Publikum in cit doch intimen Familienangelegenheiten nicht gern zu einem jüdischen Notar gehe, weil es zu dem christlichen Notar leichter Vertrauen fassen könne. Nun sind wir ja weit entfernt, etwa zu glauben, dass eine christliche Familie zu dem jetzt eben zum Notar ernannten Christen Weh lau, seligen Kolonial-Prügel-Angcder.kcns Assessor, nicht mehr Vertrauen haben sollte, als zu irgend einem jüdischen Notar — hat doch Herr Wehlau seinerzeit «den vollgültigen Beweis erbracht, in wie besorgter nachdrücklichcr Weise er sich sogar den Faniilienverhältnissen der Schwarzen zu widmen. Interesse hatte. Aber wir meinen, dass einmal dieses Empfinden des Volkes vorläufig sich als eine Behauptung darstellt, für die der Wahrheitsbeweis nicht erbracht ist. von der man sogar das Gegenteil mit Recht sagen könnte, dass das christliche Publikum fast mit einer Vorliebe zu jüdischen Notaren geht, weil es bei ihnen seine Angelegenheiten gut vertreten tnd gewahrt weiss. und sodann dass dieses behauptete Empfinden vielleicht eine Rolle spielen könnte in der Motivation e'ner Verfassungsänderung, die den Juden das gleiche Recht nähme, dass sic aber recht sehr deplaciert ist zur Begründung von administrativen Massnahmen, die im Gegensatz zu der «an einmal existierenden vciiassuiigsniüjssigcn Gteicttbcicchtigung stellen. Im Lande der Dichter und Denker sollte selbst ein Justizminister im allgemeinen logischer und konsequenter reden u;1d handeln. Nun aber geschah es. dass Herrn Schönstedt auch der letzte Rest abhanden kam von jener Fähigkeit, mit der er bisher gegenüber den Angriffen der Judengenossen sein Gehalt tapfer verteidigt hatte. Und das hatte der erwähnte Abgeordnete so leicht dadurch erzielt, dass er speziell danach fragte, wieso cs käme dass jüdische Richter zwar hier und da an Landgerichte kämen, dass aber vor den Toren der Oberlandesgerichte dekadischen Richtern ein Halt gesetzt sei. Hier war die Ausrede schwer. Mangelnde Befähigung — das hätte niemand geglaubt; Empfmdung der Bevölkerung — kaum weniger lächerlich. Da. in der höchsten Angst fiel Herrn Schönstedt ein. dass die Ernennung von Richtern ein Recht der Krone sei. und er sagte das mit dem bekannten Tonfall der jede Erwiderung aiissehlicsst.. Au renden Argumente betrifft, so sind sie klar und unwiderleglich. Darum lasst uns rasch und energisch gehen an das heilige Werk der Aufrichtung unseres Volkes und der heiligen Städte unseres Gottes, der uns nach seiner allein unfehlbaren Allwcisheit in unserer heiligen Arbeit zu Hilfe kommen und uns erfreuen wird mit der Erfüllung *des Wunsches: ״Du machst dich auf, erbarmet dich Zions wenn es Zeit ist, dass du ihr gnädig seiest, denn seine Diener liehen ihre Steine, denken ihres Staubes wehnmtsvoll!“ Den 12. Nlsan 5621. a. 01. . Gutachten vom Rabbiner zu Lubronitz. Unaussprechlich ist meine Herzensfreude, den Mann zu sehen, der für Zions. Jerusalems und Palästinas zu bewerkstelligende Aufrichtung, auf dass — wonach der erste aller Propheten sich herzlich gesehnt — die legalen Tcrritorial-Observanzen ausgeübt werden möchten, von ausserordentlichen Eifer beseelt ist. Dieser Mann ist der weltberühmte Gelehrte Herr H. K a I i s c h c r in Thoru. Daselbst dessen persönliche Bekaimtschatt machend, habe ich das schöne Vergnügen, einen Einblick in ein von ihm bearbeitetes, mir als Manuskript vorgelegtes Werk zu tun, dessen Tendenz ist: durch Ankauf von Landgütern in Palästina, an denen die legalen Observanzen ausgeübt werden könnten, die schlimmen Zustände unserer Glaubensgenossen daselbst erträglich zu machen. Der geehrte die Kleinigkeit, die er vergessen hatte, dass er ja aber für die Entschließungen der Krone verantwortlich sei dass seine Antwort aus diesen! und auch aus anderen! Grunde also nicht eben sehr vornehm war. — daran erinnerte ihn aber doch Herr Gyssling gleich. Und nun erst kan! der ganze Schönstedt — ja cs ist etwas Grosses um so einen Minister! — und sprach die gewichtigen Worte: ״Meiner Verantwortung bin ich mir voll bewusst.“ Wer aber nun etwa mit Bezug dqrauf meinte, dass die tönendste Phrase immer dann gesagt wird, wenn es einen mangelnden Inhalt zu verbergen gilt, wer etwa gar in Bü!ow-I!nitation an den Satz vom Wort und den dazu fehlenden Begriff erinnern wollte, der täte Herrn Schönstedt Unrecht. Denn, dass bei uns das Wort von der Verantwortlichkeit der Minister ein Lichtcubcrgsches Messer ist. ohne Klinge, an der das Heft fehlt, das ist ja nicht Herrn Schönstedts Schuld. Und cs hicssc eine Selbstverleugnung verlangen, die auch Ministerkräfte übersteigt, wenn man fordern sollte, dass mit leeren Worten dieser Art eigentlich ein Par- י lameut nicht traktiert werden ,sollte. Denn, wenn das Pariament slehs gefallen lässt und bei socher Redensart chriurchtsvoll erschauert, statt mit dem Herrn Minister in fetter Fraktur -zu reden, da bleibt den Anderen nichts als zu schweigen 1t:!d für ihr Handeln die Konsequenzen daran«!» ziehen. Die Juden aber mögen es sich merken, dass in Preusse» ein Justizminister cs wage!! kam;, dem ganzen Volke gegenüber stolz die Verantwortung zu übernehmen, für die tatsächliche Aufhebung ihrer verfassungsgemäss ihnen gewährleisteten Gleichberechtigung. Julius B c c k c r. Der Zionismus und die Heiratsfrage Man spricht jetzt soviel von einer Gegenwartsarbeit, die der Zionismus leisten musste. Mir scheint, dass er, seitdem er existiert, diese verrichtet. Allerdings kann man die Summe der Arbeit und der Resultate nicht zahlenmässig angeben. Die Hauptaufgabe des Zionismus in der Gegenwart ist Kulturarbeit, die sich in zwei Teile gliedert: in eine Rückwärts- und in eine Vorwärtsbewegung. Die erste ist d e negative von ihnen: sic tritt der Assimilation entgegen, sie schleudert dem ..Los vom Judcntume“ ein donnerndes .,Zurück zum Judentumc“ zu. Aber in dieser Hinsicht ist der Zionismus nicht produktiv; er schafft keinen neuen Wert, sondern wertet einen alten mir um. Dieses Neue schafft er erst in der zweiten Seite seiner Kulturaufgabe: Er schafft es. .indem er neue Werte kultureller, ethischer Art antstcllt. Was er in kultureller Hiuscht bereits geleistet hat, steht uns greifbar vor Augen: wir haben eine junge Kunst, wir haben sielt ihres Judentums bewusste Künstler. Ein grösseres Wunder, als dass die alte Sarai! ein Kind bekam, ist es, dass das alte Judentum noch eine junge, lebensfreudige Kunst gebar, die nicht ihrer Mutter vergessen kann, weil 1na1׳ seiner selbst nie vergessen kann. Die moralischen Erfolge zeigen sich nicht in einem so wirkliehen Resultat, wie überhaupt moralische Resultate sich schwer י nach weisen lassen. Aber wer gute Augen hat, spürt sic. sowie Autor west in dieser Schrift zuerst nach, dass die legalen Territoriai-Ohservanzcn in Palästina auch für die Jetztzeit nach Aussprüchen des Mosaismus, der Tradition und nach rationellen Gründen pflichtgemäss seien. Näehstdem konstatiert der Autor die in Palästina noch vor der messianisehen Periode einzuführende mosaische Sakriiikatur als religiös zulässig. Ueber diese Thesis dissertiert er, in allen tahmidischcn Büchern und Schritten sehr bewandert, mit ausserordentlicher Subtilitüt. Es konsentierten ihm hierin der grösste Talmudist tmsers Sükultuus, der weltberühmte Rabbi Akiba Eger g, A., der hochbcrüluntc Rabbiner. Verf. des Chtham Soplicr g. A., der hochbcrühnitc Rabbiner zu Grütz, der hochheriihmtc Oberrabbiucr der israelitischen Gemeinden Brittaniens, und sie bekunden auch ausdrücklieh.ihr Wohlgefallen au der Tendenz dieser Schrift. Auch ich, von den! hochgelehrten Autor zur Begutachtung dieser seiner vortrefflichen, in jeder Beziehung höchst gediegenen Schrift aufgefordert, musste mich, trotz der für mich zu grossen, mir nicht gebührenden Ehre, seinem mir als Ikiehl geltenden Wunsche fügen. Ich erlaube mir daher, dem hochgeehrten Autor!»einen vielfachen Dank hierdurch öifeutlich zu bekunden und ihm den herzlich-innigsten Wunsch auszusprccheii, dass Gott ihm gnüdigst vergönne, die heilige, in dieser Schrift entwickelte Idee als vollkommen realisierte Tat zu sehen. Thor 11, 5621 a. ra. 24 d. Omerzählung.

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