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Jüdische Rundschau · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
X (1905)
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No, 6._____;_JÜ_DJ SCH_E_R die Knospen des Vorfrühlings nur von scharfen Blichen erspäht werden. Als wir zun» Judentum zurückkehrteu, da wurde!» wir ganz von dem einer, starken Gefühl erfüllt; dass wir die Verstand־ nislösigkeit, die Verachtung u»?screr Vater wieder gut 7fu machen hatten. Eine wunderbare Empfindung durchströmte uns: wir empfanden das Judentum wie ein misshandeltes Kind, dem mau seine ganze Liebe, seine ganze Zärtlichkeit zuwenden müsse, um es für die erlittene Unbill zu trösten. Ob es gut oder schlecht, war unserer Liebe ga»»z gleichgültig. Allmählich erkannten wir, dass es zwar gut. aber nicht vollkommen war. Wir erkannten unter Schmerzen sdne Fehler. Wir sahen, wie cs von einen» hässlichen, niedrigen Gewürm geschädigt worden war: von Mannnonismus. Mit der Frechheit alles Gemeinen zeigte er sich überall, .seht her. ich bin die Welt!" bis jemand auftrat, der mächtiger war als er, weil Güte und Wahrheit immer mächtiger sind als die Niedrigkeit und der da ausrief: ״ich nehme den Kampf mit dir auf". Und dieser strahlende, jugendstarke Held war der Zionismus, und er konnte so sprechen, weil er den Willen hatte, die Juden vorwärts zu bringen zur höchste»! Stufe menschlicher und nationaler Vollkommenheit. Die Mammonsanbetung zeigt sich in vielen Erscheinungen; sie offenbar am unvcrhülltestcn in den Eheschlicssungcn. Ich will hier nicht über das Problem der Ehe an sich sprechen, sondern nur von dem der jüdischen Ehe. Wenn wir gerecht sind, müssen wir oHen Unterschied zwischen den Elicsclilios sungen in jüdischen und in deutschen Kreisen des Mittelstandes fcststellen. So sind die meisten jüdischen Heiraten: zwei mcnschen konunen zu einander, die in pekuniärer und sozialer Hinsicht zu einander passen. Entweder der Heiratsvermittler oder die Tante oder auch die Grosscousine einer. Ta»:te hat gefunden, dass gerade diese beide»! nir einander geschaffen sind. Weder der Vermittler noch die Tante wissen etwas׳ von Her Inneren Persönlichkeit der beiden; sie wissen nur, dass sein Einkommen oder sein Titel zu ihrer Mitgiit passt. Das Entscheidende an der Auswahl ist das pekuniäre Moment. Es wäre!!»in übertrieben, zu behaupten. Öajs im Durchschnitt icö'güch d:c Geldfrage die Wahl zu stände bringt; aber jedenfalls kommt sie in erster Line und erst dann tritt die Erwägung geistiger und seelischer Zusammensiimmung ein. Wenn nun die Ehe nur die ausschliessliche intimste Angelcgcnheit zweier Mcnsch.cn wäre, dann ginge sie den Zionism»»s gar nichts an. aber das ist sie nicht. Ziel uud Zweck der Ehe ist das Kind und damit also die Fortpflanzung der Gattung. Wir haben gelernt, das überall in der Natur herrschende Gesetz der natürlichen Zuchtwahl auch auf die Menschen anzuwenden. Den Kampf ums Dasein bestehen die am besten ausgerüsteten Geschöpfe. Ihre lebcnsfähigkeit verdanken sic der kontinuierlichen Auslese ihrer Vorfahren. Die Wahl der beiden Erzeugenden, die deshalb erfolgte, weil sich einer vom anderen durch Eigenschaften angezogen fühlte, die er bei anderen nicht fand, hat im Kinde eine Vereinigung der Eigenschaften der Eltern licrvorgchracht. sie verstärkt reproduziert. Die Liebe spielt die Rolle des Züchters. Es!:egt min im Menschen, dass die Eigenschaften, die seine Wahl beeinflussen, meist keine schlechten sind, sondem entweder ästhetische oder moralische Vorzüge haben. Eine sich langsam durchringende vertiefte Auffassung der Ehe bringt es mit sich, dass auf die sittlich guten Eigenschaften hei der Auswahl immer höherer Wert gelegt wird. Wir sehen also, dass Liebe und kulturelle Entwickelung in» engsten Zusannnciihaug stehen und wir müssen dann schliessen. dass dasje!1ige Volk die grössten Entwickclungsmögliclikc'tc»! in sich trägt, das die meisten Liebesheiraten äufweist. Wenn nun Juden und Jüdinnen den Geldpunkt für nusschlaggebend zu einer Ehe halten, erst von seinem Standpunkte aus den Wert der Persönlichkeit höher oder niedriger taxieren wenn sie ir'cht aus starke» Sympathie, aus Liebe eine Ehe cingclicu, so sündigen sic an ihren! Volke. So hindern sie seine Entwickelung, schneiden ihm die Zukunft ab. Von den jungen Leuten, die auf die grosse Mitgift fahnden und von den jungen Mädchen, die die gute Partie suchen, wird nun als Triebfeder dieses ihres Zieles die Not hingestellt. Nun lässt sich gar nicht leugnen, dass die Hxistenzniögllchkcit in einzelnen Berufen, wie in vielen akademischen durch Ucherfüllung sehr erschwert sind. Aber es ist ein falsches Mittel, diese Schwierigkeiten durch die Geldheirat lieben zu wollen. Mittellose Eltern, deren Söhne studieren wollen, sollen sich nicht mit den» Gedanken an die reiche Heirat über ihre Zukunft zufrieden geben, sondern in allen den vielen Fällen, wo nicht Wissendurst allein das Studiun bestimmt, auf einen anderen aussielilsvollcren Beruf sehen. Es gibt aber auch in akademischen Berufen nur wenige Leute, deren Einnahmen I , -*-י, •ג׳ י- ־ ׳*«•*•* *.<•» 9 *9 .־•* N D S C H A U. __ Seite 63. unter dem Minimum des Lebensunterhaltes stehen. Nicht Hunger und Not leiten die Mitgiftsucher, sondern ein ins Uncrmessene gesteigertes Luxusbedürfnis, ein Verlangen nach allen Freuden und Genüssen, die das Geld bieten kann, eine Ucber- Schätzung der Befriedigung, die sic gewähren können. Be: den jungen Mädchen Ist die Sachlage eine andere. Die beruflich Tätigen führen bei den schlechten Gehältern und bei der gesellschaftlichen Unfreiheit ein freudloses Dasein, so dass sic jeden Mann, der ihnen durch die Ehe ein besseres Dasein bietet, wahllos annchmen. Die nichtarbeitenden jungen Damen sind in der Anschauung gross geworden, dass die Ehe ihr einziges Lebensziel ist nicht die Ehe mit einem Auserwählten, sondern die Ehe an siel», in guten Verhältnissen. Um für die einen den Charakter .der Altersvcrsorgungsanstalt zu nehmen und für die anderen sie von dem bitteren Beigeschmack einer ä tout prix zu erfüllenden Notwendigkeit zu befreien, ist sowohl eine Erhöhung der Löhne (durch bessere Vofoildüng, Berufserweiterungen) nötig, wie die Erkenntnis von der Befriedigung der Arbeit, des Strebens, von den Weiten und Tiefen des Lebens mit allen seinen Glücksmögliehkeiten. Jeder Zionist, dem der Zio.\'.sn!us mehr als eine blosse Ansicht ist, dem er eine Weltanschauung bedeutet, muss von ihren» hohen Standpunkte aus alle Erscheinungen des Lebens betrachten und in seinem ganzen Tun STcTi davon leiten lassen. Er muss sich auch über das Verhältnis der Ehe zur nationalen Entwickelung klar werden. Er wird cinsehcn. wie demoralisicrcnd das herrschende Heiratssystem auf jeden einzelne!1 ׳ Juden wirkt, welche flache, niedrige Weltanschauung es schafit. Und wenn er nicht cinsieht was er durch die Liebesche für sein Innenleben gewinnt, wie seine Persönlichkeit einen nicht geahnte?} Reichtum empfängt und ausströmt, wie alle seine Kräfte sich ans Licht ringen, dann soll er seines Volkes willen die Bedingung erfüllen, die zur Erschaffung starker, froher Kinder eine Notwendigkeit ist, die die kampfreiche Zukunft der jüdischen Nation erfordert. E. M. J. Nachbemerkung der Redaktion: So sehr wir mit der geehrten Verfasserin einverstanden sind, glauben wir doch betonen zu müssen, dass es zum guten Teil allgemeine Probleme unseres kapitalistischen Zeitalters sind, die da als spezifisch jüdische hingcstcllt werden. Weder ist die Geldche ihrem Ursprung nach jüdisch, noch ist sie nach ihrer heutigen Verbreitung auch nur vorwiegend in jüdischen Kreisen zu finden. Aber unzweifelhaft liegen die Anregungendes obigen Artikels in der geraden Linie c:ner Höherentwicklung wie des Judentums, so der ganzen Menschlich. Aus der Bewegung An die Schriftführer der Ortsgruppen, wie auch an andere Korrespondenten, richten wir die dringende Bitte, über alle Veranstaltungcn zu berichten, sich aber möglichster Kürze zu befleissigen, sodass ein Versammlungs-Bericht nicht mehr ah sechs bis zehn Zeilen umfasst. Ferner bitten wir, das Papier nur auf einer Seite zu beschreiben und einen breiten Rand zu lassen, sowie auf grösste Deutlichkeit der Schritt zu achten. Barlin. Am 2. Februar sprach Dr. Max .1 u n 11! ״ a!1!1 über das Thema: Der Zionismus, die deutsche Literatur und Herr Professor Geiger. Das aktuelle Thema bot eine Kritik zu den» Aufsatze des Herrn Prof. Geiger in der KÖLNISCHEN ZEITUNG, in den» dieser die moderne jüdisch-zionistische Literatur im Gegensatz zu der früheren des Asfänilatio/isjudentums als minderwertig darstellte, und zuletzt den Z i o ־ 11 i s m u s als eine Gefahr für das Deutschtum beze'chnetc. Der Referent wies mit treffenden Worten die Uuhaltbarkeit dieser Behauptungen nach, die nur auf U11 - kenn Ul i s der modernen jüdischen Literatur beruhen könn• ■teil. Freilich dürfe das jüngst erschienene Buch ״Das neue Jerusalem** iiicht mit unter die zionistische Literatur gerechnet werden. Für den Verfasser dieses anonym erschienenen Buches hält der Referent einen dem Zionismus freundlich gegenüberstehenden Nichtjuden. Die Schönheit des zionistischen Gedankens komme in der deutschen Literatur dagegen zun» Ausdruck in den Versen von Hugo Salus. Douat Zlocisti, Fe;weh in den Dramen Nordaus und Hcrzls, in den Romanen Huldschiners Jacques u. v. a. In der auf den Vortrag folgenden Diskussion sprachen noch die Herren Dr. Ludwig L 0 c w c. der sich gegen die Beschuldigung Prof. Geigers wandte, dass wir Zionisten keine treuen deuttschen Staatsbürger seien, cand. med. Thcilhaber der die unter

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