Der Jüdische Arbeiter
- Journal
- Der Jüdische Arbeiter
- Volume
- 10 (1933)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Der jüdisArbeiter. 20. September t933 m eilte %tottislcnl An etile 3tiiteti de* Well! Manifest der zionistischen Exekutive Die Wahlen zum 18. Zionistetikongreß haben es klar bewiesen, daß die zionistische Bewegung die wahre Volksbewegung geworden, ist, der nichts Gleichartiges in der Geschichte der Diaspora an diie Seite gestellt werden kann. Hunderttausende jüdische Menschen in allen Ländern haben sich um die zionistische Organisation geschart und ihre Vertreter für die höchste gesetzgebende Körperschaft des Judentums gewählt. Die Massenbeteiligung an den Wahlen zum Kongreß hat klar und deutlich bewiesen, daß die Erschütterung der Lebensgrundilagen unseres Volkes in allen Ländern der Diaspora keineswegs die jüdischen Massen in Verzweiflung getrieben hat, sie hat im Gegenteil ihren Willen zur Befreiung und. zum Aufbau ihres Landes vertieft. Das grausame Unglück, das die zionistische Bewegung getroffen hat, die Ermordung unseres teuren Cfraiin Arlosoroff, hat auf den Kongreß einen tiefen Schatten von Trauer und Sorge geworfen, und ihm die Ruhe geraubt. Der achtzehnte Kongreß hiat sich mit Fragen beschäftigt, die auf keinjem bisherigen Kongreß zur Debatte standen; der Kongreß ist aller dieser Schwierigkeiten Herr geworden, die Bewegung ist aus den schwierigen Auseinandersetzungen gestärkt und geläutert hervorgegangen. Der Beschluß des Kongresses wegen der Untersuchungskommission hat die Bewegung von allen Fragen befreit, die uns alle in den letzten Monaten erregten. Die Exekutive ist überzeugt, daß die gesamte Bewegung in Ruhe und Selbstbeherrschung die Resultate der Arbeit der bereits gewählten Untersuclumgskommission abwarten wird, daß unsere Arbeit durch innere Kämpfe nicht, gestört werden wird. Schwer und tragisch sind die Tage, die wir heute durchleben, seit Generationen hat die Geschichte unseres Volkes eine solch furchtbare Zeit nicht zu verzeichnen. Die schauerlichen, schrecklichen Schläge, von welchen das deutsche Judentum, einer der wichtigsten Teile unseres Volkes, getroffen wurde, haben uns alle bis ins Tiefste unserer Seele getroffen. Nicht nur die 600.000 deutschen Juden, wir alle sind in unserer Ehre und Existenz durch die deutschen Verfolgungen bedroht. . , Die zionistische Organisation, deren Arbeit sich auf den Aufbau der jüdischen Heimstätte konzentriert, kann in keinem Augenblick darauf verzichten, die Lebensrechte aller Teile des jüdischen Volkes mit aller Energie zu verteidigen. Der 18. Zionisteukongreß hat die Juden aller Welt zum Kampf gegen die Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Positionen in den Diasiporaländiern aufgerufen. . , Die radikale und endgültige Hilfe für das deutsche Judentum hat der Kongreß in der planmäßigen und mutigen Anstrengung gesehen, die deutschen Juden nach Palästina zu verpflanzen, sie im Lande zu verwurzeln, ihre Kräfte, ihr Vermögen und ihre schöpferischen Fälligkeiten in den Dienst des Volkes und des Landes zu stellen. Palästina muß das gesicherte Heim für alle verfolgten und ausgestoßenen Kinder unseres Volkes werden. Unser Land ist geeignet, ein solcher Zufluchtsort zu werden, es hängt nur von unserer Anstrengung ab! Die übermenschliche Arbeit der Generationen von Chaluzim war nicht umsonst! Trotz Weltkrise und aller Hindernisse blüht das Land. Die jüdische Wirtschaft verbreitet und verstärkt sich, ihre Aufnahmsfähiigkeit wächst. Die Zerstörung des deutschen Judentums, der ökonomische Niedergang der Juden der anderen, Länder fordert von uns vervielfachte Anstrengung: die jüdischen Massen werden in den Galutländern aus ihren Positionen herausgestoßen, ihre einzige Hoffnung ist die Einwanderung nach Palästina. Die Ermöglichung dieser Einwanderung ist-das Gebot der Stunde, sie stand im Mittelpunkt der Kongreßberatun* gen, sie muß das wichtigste Ziel unserer Arbeit bilden. Die Lage in Palästina macht schon heute die Einwanderung der breiten Volksmassen, der Arbeiter, Handwerker und des produktiven Mittelst and e s möglich. Die Exekutive wird dafür sorgen^ daß diese Möglichkeiten voll und ganz ausgenützt werden, sie wird diesen Volksschichten bei ihrer Eingliederung zur Seite stehen. Trotz aller wirtschaftlichen Entwicklung braucht der Aufbau des Landes auch heute noch das Pionierschaffen begeisterter Jugend. Die Exekutive wird sich <laher be mühen, die Chaluzbewegung zu stärken und die ausweglose jüdische Jugend um die Fahne des Chaluz und des arbeitenden Palästina zu scharen. Die politische Linie der Exekutive ist gekennzeichnet durch den Willen zur Zusammenarbeit mit der Mandatarmacht bei entschlossener Wahrung aller unserer Rechte, und durch das Streben, zu unseren arabischen Nachbarn Beziehungen der Freundschaft und Kooperation zu schaffen. An die Spitze ihrer politischen. Arbeit wird die Exekutive die E i n vv a n de rwngsf rage stellen. Sie wird sich aber damit nicht begnügen. Die Politik der Mandatarmacht bereitet uns aus vielen Gründen ernste Sorge. Einschränkung unserer Aufbautätigkeit; Gesetzesvorschläge, diie für das Land schädlich sind und unsere Arbeit gefährden; Verfassungspläne, die im Widerspruch zum Mandat stehen; die Hemmungen, die unsere Transjordanienpolitik stören: alle diese Tatsachen verpflichten die Exekutive, auf der Wacht zu stehen'. Die Exekutive liält es für ihre Pflicht, ihre politische Tätigkeit bei der Mandatarmacht und bei dem Völkerbund zu verstärken, um alle Hindernisse eines schnellen Aufbaues zu beseitigen. Die Exekutive wird sich bemühen, z u .d e n Arabern freundschaftliche Beziehunge n, ein Verhältnis der gegenseitigen Hille zu schaffen. Es wird immer klarer, daß die jüdische Kolonisation den Arabern Segen bringt; die Exekutive ist fest überzeugt, daß die Annäherung zwischen beiden Völkern kommen wird und kommen muß. In der Verringerung unseres nationalen Kapitals, in der Verkleinerung unserer Kolonisationsarbeit sieht die Exekutive eine politische Gefahr. Die finanzielle Kraft der Bewegung muß verstärkt werden, das nationale Kapital muß wieder der entscheidende Faktor der Aufbauarbeit werde n. Gleichzeitig mit der ständigen und planmäßigen Mobilisierung des privaten Kapitals wird die Exekutive für. die Vergrößerung der nationalen Fonds, des Nationalfonds, des Keren-Hajessod arbeiten, damit es möglich werde, Boden auszulösen, und mittellose Einwanderer anzusiedeln. Die Möglichkeit der Aufnahme einer Anleihe wird ernstlich erwogen werden. Die Exekutive wird Sorge tragen, daß das ins Land fließende Kapital die Aufiiiahmsfähigkeit Palästinas vergrößere. Von der Erkenntnis ausgehend, daß die jüdische Arbeit die Grundlage des Aufbaus' des Landes bildet, hat der Kongreß die Einheit der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina und ihrer Organisation und du; Kollektivverträge zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern als Notwendigkeiten des Aufbäus anerkannt» Die Exekutive wird diese Beschlüsse durchführen, und sich bemühen, im Lande einen gerechten Arbeitsfrieden zu sichern. Die Aufgaben der Stunde verlangen eine einheitliche zionistische Organisation. Die Exekutive wird alle Mittel anwenden, um die Mitarbeit aller Teile der Bewegung zu sichern. Der 18. Kongreß hat die Prinzipien der zionistischen Disziplin festgestellt. Nicht Kadavergehorsam, fordern wir, sondern Disziplin, die sich dessen bewußt ist, daß die jüdische Organisation die einzige staatsähnliche Institution des jüdischen Volkes ist. Der IS. Kongreß war der erste hebräische Kongreß. Förderung der hebräischen Kulturarbeit wird zu den wichtigsten Aufgaben der Exekutive gehören. Der Kongreß ha* ein besonderes Ressort für das Hilfswerk für die deutschen Juden geschaffen und an seine Spitze Chaim Weizmann gestellt. Die Exekutive drückt ihre Freude darüber aus, daß Weizmanns schöpferische Kraft direkt mit der Arbeit der Exekutive verbunden sein wird. Diese gemeinsame Arbeit wird der Bewegung! zum Segen gereichen, und uns die Erfüllung unserer Pflichten dem deutschen Judentum gegenüber durch konstruktive Arbeit ermöglichen. Die Exekutive ist von einer Mehrheit des Kongresses gewählt worden. Niemand bedauert es mehr,, daß die Schaffung einer Koalition aller schöpferischen Kräfte dies Zionismus nicht möglich war. Die Exekutive wircE den Weg gehen, den der Kongreß gewiesen hat und den, sie für richtig hält. Sie hält es aber für ihre heilige Pflicht, das Vertrauen aller Teile der Bewegung zu gewinnen. Die Exekutive ist überzeugt, daß ihr das durch unermüdliche Arbeit im Geistedes Kongresses und der zionistischen Bewegung gelingen wird. Juden! Ziomisten! In verantwortungsvoller Stunde rufen wir Euch zu verstärkter Arbeit auf! Erfüllet Eure Pflicht, damit ums er gemeinsames Werk alle Hindernisse überwältige und seiner Verwirklichung entgegengehe! Die Exekutive der zionistischen Organisation. Juden in Deutschland Eim halbes Jalfr Hitler. Wir feiern' ein trauriges Jubiläum: die Hitler'herrh schaff währt in Deutsehland ein' 'halbes Jahr. Eine Fülle unsäglichen1 Leids der jüdischen! Menschen, die vollständige Entrechtung des jüdischen Volksteiles, im' Reiche, bezeichnen* den Weg,!d;en unsere' Brüder im 'dieser Zeit' gehen mußten!. Trotz dieser furchtbareni Situation! der Juden: muß, festgestellt wierdem, daß diese} sich seelisch angesichts der tausendfachen! Attaken: gegen Leib unld Seele außerordentlich bewährt haben: nicht nur der zionistische Teil der jüdischen Bevölke:-' ru'nfgi, auch1 ganz große Teile der assimilierten! und die Assimilation! (bejahenden' Jüdenschäft haben im [dieser schwerstem Zeit die Würde! 'bewahrt, ja bewußt assimilatorische Schichten! haben; gerade durch; die 'deutschen' Ereiginisse eine positive Stellung zum, Judentum gewoninen. \ Leider steht die politische Entwicklung des deutschen Judentums im Widerspruch' zu der individuellen' 'der 'deutschen! Juden.1: noch iimmer gibt es in Deutsch-« land keime legitime und repräsentative: jüdj'schfe Instanz, die das deutsche Judentum .nach1 außen vertreten und nach innen: organisieren' und führen würde. Es ist selbstverständlich, daß die zionistische Organ'i-i sation in diesem Augenblick es als ihre Aufgabe be- Besuch im Berliner Palästina-Amt Als ich um halb zehn ins Palästina-Amt komme, ist der Betrieb im vollen Gang. Der Mann an der Einigangstür gibt Auskunft und beweist eine unermüdlic'he Ge'duld. ( „Wo ist hier die Pa..." Er zeigt mit dem Arm 'die Treppe hinauf un;d sagt: „Eine Treppe". Das Wort Palästina-Beratungi braucht man' gar nicht auszusprechen1, bei der ersten Silbe weiß er Bescheid. Ich gehe die Treppe hinauf, durch die Tür inj einen Ganig, um die Ecke herum iiihd bin im Wartezimmer. Halb zehn ist für mich früh. liier ist es spät. Ich 'bin nicht, wie erwartet, die fünfte oder achte. Das Zimmer ist voller Menschen'. Ich setze mich auf den; einzigen noch' freien Stuhl neben! einen' alten', gut aussehendeni Juden. Es ist ein? dauerndes Kommen; und Gehen. Mir dämmert so langsam, was für eine Unsumme von Arbeit hier geleistet wird. Ich betrachte che Mienschein', 'die 'hier warten, doch1 mein1 Nachblar läßt mir dazu müchf viel Zeit. Er stößt mich1 sacht an und erkundigt sich, welche Nummer ich habe. „Nummer? Gar keine." Er faßt mich am Arm, zeigt mir einen jungen Menschen. .„Dort holen Sie sich eine." Aber ich will nicht, denin' ich kam doch nur her,, um mir demi Betrieb anzusehen1. Doch1 das nützt gar Wichts. Man ist machtlos bei soviel Hilfsbereitschaft.. Er zieht mich1 vom Stuhl, legt seinem Hut darauf, und ich gehe hin1, erzähle was von' Auskunft holen und bekomme die Nummer 120. Main bedenke, frühmorgen's gegen' 10 Uhr! Dann kehre ich zurück. (Der Nachbar hat imzwischeni um meinen Stuhl gekämpft und zieht mich auf meinen Platz, wie eine; älte Bekannte. Inzwischen, beginnt mein Magen zu knurren, und1 da ich nichts zu essen habe, züinidte ich1 mir eine| Zigarette an1. Der Mann! neben mir rückt die Brille1 die Nase abwärts und sieht mich1 mißbilligend an'.. „Ich habe (Hunger," sage ich entscbiildigen'd.. Nun ist das Eis gebrochen', :un!d ich1 erfahre, daß: er zti seinem Enkel nach' Tel-Awiw will. „Sie müssen: (wissen, meine Dame, das ist;der Sohn' meiner Tochter selig, ein Staatsjumlge." Er wiegt den1 Kopf hin;und her und hat ein glückliches Gesicht. „Ein) tüchtiger Junge." „Un'd was wollen Sie hier auf dem Amt?" frage! ich ihn. „Ein Zertifikat." } Er muß meinen zweifelnden Blick geseilten haben, denin er setzt sehr eifrig hin'z-u: „Und weinn ich das| hier nicht bekomme, dann, hilft mir der jüdische! Generalkonsul in Tel-Awiw. Zu dem hat mein Enkel die besten Beziehungein." Immer wenn er von' dem1 Enkel spricht, geht ein glückliches Leuchten über, sein Gesicht. Mir wird etwas schwer ums Herz. Wer hat diesem Manin die Existenz eines jüdischen Generalkonsuls in» Tel-Awiw eingeredet? \ Vielleicht liest er mir etwas vom Gesicht, dennl er setzt mit dem Eifer eines Menschen', der alle Sehwierigkeiterii wegredem; möchte, hinzu: „Ich1 habe! auch' sonst noch große Beziehungen, meine Familie sfajmnVt von Rabbi Akiba Eger ab und 'da ..." Ich unterbreche ihin*, „na, es wird schon werden/' drücke ihm die Hand un'd gehe ans andere Ende des .Wartezimmers. Dort steht B., der Mitbegründer der zionistischen! JJügendbewegung meiner Heimak sfadt im Jahre 1916. Seit fünf Moniatem ist er er-, werbslos. .Wovon spricht man? Voni der Schwere der Zeit, von der Hoffnung, ein Zertifikat zu erhalten', von den; Aussichten in Erez, zwisch'eindttrch' schimpft! er 'fürchterlich auf die Nichtzionisten. Das hat er 's'c'h'iio 1916 getan. Darin ist er sich treu geblieben. Beine Nummer wird aufgerufen unld. ich' setze mich" an: einen anderen Tisch. Nun will .ich mir mal den Betrieb im Parterre; '.ansehen. Vor mir gehen ein alter und ein jungJer Mamm; sie wollen zu Dr. S.! „Sag mal, Hans, was bedeutet ,Hechäluz'?" fragt 'der Alte unid deutet auf die Aufschrift. „Na, Erdgeschoß!" meint Hans und springt die letzten drei Stufen herab. Der Alte sieht ihn' zweifelnd] an, doch das selbstsichere Gesicht des Jungen ihn zu Überzeugen. Ich beiße mir auf die Lippen, um nicht loszulachen;. f ,Vor der Tür des Dr. S. ist großer Andrang, Ich warte mit den Wartenden und nach einer Viertelstunde bim ich1 zu dem Entschluß gekommen, weiterzsulgehlem. Doch da stellt ein; junges Mädchen mit 'einem Schwunjgj einen Stuhl vor mich hin. Nunj überlege ich, was ich eigentlich hier will, außer meinet Neugierde zu befriedigen. Ich bin!' bereits vornotiert, mieirot der juhge Mann, der streng, aber gerecht die* •Tür verteidigt. Er behandelt mich1 milde, weil ich' Dr. S. nicht sprechen: will: die einzige im großen. 'Kreis. Danini werde ich hineingelassien und zu einen sympathischen Dame gewiesen'', der ich einen Auftrag! nteiner Freundin' aus Tel-Awiw weitergebe. Ich gehe weiter durch dem Gang. Eine Tür wird geöffnet und ich höre, wie ein1 Herr im Herausgehen' sagt: „...und schicken Sie mir auch eine Hachsch'a-* rah'!" Dann macht er nachdrücklich die Tür von draußen zu und geht mit Riesenschritten davon. — Ich bleibe verdutzt stehen lind denke1, ich h'abe falsch: gehört. Doch ein Lachen! jenseits der Tür beweist mir, daß ich falsch denke. — Zu gern wüßte ich, Was der Mann sich unter „Hachscharah" vorstellt. Alice Oelswer.