Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- Neue Folge. Dritter Jahrgang (1907)
- Issue
- 4 (1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 146 — Bücherschau. Martin Buber. Die Geschichten des Rabbi Nachman. Frankfurt a. M., Kütten und Loening, 1906. 154 S., kl. 8°. 3 Mk. Es ist entschieden ein Yerdienst Martin Bubers, dem Judentum, sowie der Menschheit im Allgemeinen gegenüber ein grösseres Publikum mit den Geschichten des^abbi Nachman bekannt zu machen, denn sie erschliessen dem Uneingeweihten die sonst missverstandene und verkannte jüdische Volksseele, abgesehen davon, dass sie ein ebenso merkwürdiges wie unbekanntes Stück Weltliteratur eröffnen. Ich kann aber nicht dem Satze zustimmen, dass Rabbi Nachman der erste und bisher einzige wirkliche Märchen dichter unter den Juden sei. Das Märchen und das Gleichnis sind häufig Kunstgriffe der Maggidim, der wandernden Prediger, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu fesseln und ihnen den Stoff zugänglicher zu machen. Leider gehen aber diese echten Blüten eines Volksliteraten verloren, denn nur wenige gelangten in die Uebersetzungen der Gebetbücher für Frauen oder wurden sonst auf irgend eine Weise veröffentlicht. Möge auch ihnen ein so gewissenhafter Bearbeiter beschieden sein, wie ihn die Geschichten des Rabbi Nachman in Buber gefunden haben! Leider kann ich nicht das Gleiche vom Schmucke des Buches sagen, das in höchst eintöniger Weise fast ausschliesslich die Spirale, die mit dem Orient vielleicht gar niehts zu tun hat, zur Anschauung bringt. Sollte sie ein Symbol der Mystik sein? Auch scheint mir das „anno Dominiu sehr wenig zum Siebenleuchter zu passen; hier wäre doch ein pf/sh mehr am Platze. Am Texte ist die mystische Dunkelheit der übrigens klassisch geschriebenen Einleitung zu beanstanden; für die meist uneingeweihten Leser wäre vielleicht eine kurze und klare Darstellung des Chassidismus eher von Nutzen, als eine mystische Schilderung der jüdischen Mystik. Die Geschichten selbst, die auf uns in einer verworrenen Form gekommen sind, hat Buber nicht wörtlich übersetzt, sondern sehr wirksam im Geiste des Meisters neu aufgebaut. Ihr Grundton ist teils rein kindliche Naivität, teils aber mystische Verzückung. Hoffentlich wird das im Uebrigen ausgezeichnete Buch in jedem jüdischen Hause den ihm gebührenden Platz finden und die Geschichte von dem Stier und dem Widder wird jedem jüdischen Jüngling geläufig werden. S. Weissenberg. Dr. Ernst Siecke. Mythus, Sage, Märchen in ihren Beziehungen zur Gegenwart. Leipzig, J. C. Hinrichs, 1906. 29 S. 8°. Mk. —.50. Zwischen Mythen, Sagen und Märchen besteht von Hause aus gar kein Unterschied; ein solcher hat sich erst im Laufe der Zeiten herausgebildet. Die Mythen sind keine dichterischen Erfindungen, sondern kindlich-naive Wiedergabe angeschauter Naturvorgänge. Die Mythenwelt ist der Boden, auf dem die meisten Religionen erwachsen sind. Somit lässt sich nicht viel gegen den Autor streiten. Wenn er aber Adam und Eva als Sonne und Mond denkt, in Adams Rippe die zuerst sichtbare schmale Mondsichel, die aus dem Körper der Sonne herausgenommen wird, sieht und die Vertreibung aus dem Paradiese mit der unausgesetzten Bewegung von Sonne und Mond in Zusammenhang bringt, so sind diese Deutungen reine Speculationen. Die angeschnittenen Fragen werden nur gestreift, was in einem Vortrage nicht anders möglich ist. Das Büchlein weckt aber in anregender Weise das Interesse für vergleichende Mythologie und vergleichende Religionswissenschaft und kämpft für echtes und freies Religionsgefühl besonders in der Schule. S. W. Dr. Max Grunwald. Zur Psychologie und Geschichte des Blutritualwahnes. Berlin 1906, Calvary a Co. 24 S. 8°. Mk 1,—. Ein lichtvoller und inhaltsreicher Vortrag über den Blutritualwahn an der Hand von zwei weit von einander liegenden Prozessen, dem Simons von Trient am Ende des XV. Jahrhunderts und dem Leopold Hilsners in unserer Zeit. Es wird der phychologische Zusammenhang beider Prozesse meisterhaft geschildert und treffend die Psychologie der Blutlüge überhaupt vom kirchlichen Gedanken-