Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 20 (1934)
- Issue
- 34 (7.9.1934)
- Date
- 1934-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Emanzipatien ״Israelit. Gemeinde" Bia zum Jahre 1848 war nur wenigen Juden der Auf enthalt in- Wien . ge* stattet, Ea gab kaum 200 ״Tolerierte“. *Eine Kultus* gemeinde zu bilden, war ihnen nicht erlaubt, sie konnten bloß Vertreter für ihre gemeinschaftlichen ln* tferessen bestellen. Anderen Juden war es nur dann möglich, in Wien Wohnung zu nehmen, wenn sie bei einem Tolerierten im Dienste (als Reitknecht, Lakai, Handelsangestellter öder dergleichen) gemeldet waren. Nach vielfachen, jahrelangen Be* mühungen erlangten die Juden Wiens die Erlaub* nis, im Dempfingerhof in der Seiten stettengasse eine Synagoge zu erbauen. Durch die Einrichtung derselben hatte die Nach-Mendelssohnsche Reform die Herrschaft in der Wiener Judenschaft sich gesichert und man war bestrebt, die Bethäuser in den verschiedenen Teilen der Stadt, welche die altüberkommene Gebetordnüng beibehalten hatten, zum Verschwinden zu bringen. , ' Das Jahr 1848 brachte eine freiere. Beweglichkeit. Durch die oktroyierte Verfassung vom 4. März 1849 erlangten die Juden das Recht auf Erwerb von Grund und Boden, das Recht der Freizügigkeit,, somit die G1 e i c h b e r e c h t i g u n g. Damit war ihnen die Möglichlkeit gegeben, eine K u 11 •u s g e m e i n d e zu bilden. Zum ersten Male taucht der ׳Name ״Israelitische Gemeind e“ in der Antwort auf, die Kaiser Franz Joseph am 3. April 1849 der jüdischen Deputation bei Ueberreichung der Dankadresse für die. Emanzipation gab. Im Oktober 1849 konstituierte sich der Gemeinde- Vorstand und am 14. Jänner 1852' 1war das Gemeinde- Statut genehmigt. 'mmemmtdmdii dfc Institutionen. Am letzten Schabbos des Jahres 5624, also vor genau 70 Jahren, wurde die neuerbaute Schiffschul feierlich, eingeweiht. Im Aufträge des Kultusvorstandes arbeitete der Prediger Die Ankerschul. Die Bewegungsfreiheit hatte zu Ende des Jahres 1848 eine kleine Anzahl überzeügungstreuer Männer benützt, um an der Ankergasse ־ (jetzt Hollandstraße 3) sich 'eine Betstube einzurichten, in der nach altüberkommener Sitte gebetet wurde. Da für ein jüdisches Gemeinwesen״ das Thorastudium unbedingte Voraussetzung ist, wurde gleichzeitig dort ein B es- H a m i d r o ׳s c h eingerichtet. Diese ״reaktionäre“ Ein-, richtung war selbstverständlich dem auf dem Boden der Reform stehenden Geme'indevorstand ein!Stein des Anstoßes; doch die Männer in der Ankerschul ließen sich nicht abschrecken und arbeiteten an der Ausgestaltung ihres Bethauses weiter. Es war ein besonderes Glück für sie, daß die Vorsehung sie in der Person des Rabbi Salinen Spitzer s. Z. 1. einen Rabbiner hatte finden lassen, der in ganz hervorragendem Maße die Fähigkeiten des .Führers. mit denen des Organisators verband und die hervorragende Gelehrsamkeit und Weltklugheit mit liebenswürdigster Milde zu vereinen wußte. Unverzüglich ging man an die!Schaffung aller Einrichtungen, die eine jüdische Kehiloh dem jüdischen Leben zu bieten hat. Die Nörgeleien der Reformer konnten nicht hindern, an dem Unterbau für ein orthodoxes Gemeinwesen zu arbeiten. Aus den Prövirizgemeinden waren nach der Aufhebung der Aufenthaltsbeschränkungen Juden gekommen, die in dem Hinterstübchen in der Ankergasse eine rettende Oase in der religiösen Wüste Wiens sahen. Dadurch verstärkten sich die Reihen der ersten Kämpfer. In den verschiedenen Teilen der!Stadt erstanden nach dem Muster der Ankerschul und in Anlehnung an dieselbe Betstätten, die. von dem alten Geiste beseelt waren. 'So waren die Altgläubigen zu einer ansehnlichen Minderheit geworden, die nicht mehr übersehen werden konnte. Unter dem Druck dieser Tatsache beriefen die, Machthaber den Rabbiner Spitzer in das Bes-Din der Kultusgemeinde, neben dem Rabbiner Lazar Horowitz s. Z. 1. w Die ersten Verselbständigungsversuche. Nichtsdestoweniger trug, zumal nach dem *Erscheinen des Predigers Dr. Adolf Jellinek, das ganze Verhalten des Gemeindesvorstandes deutlich das Gepräge der. vorwärtss'türmchden Reform, die die altgläubige Judenschaft 1als Zerstörung und Verhöhnung des altüberkommenen Erbes empfinden mußte, Man setzte sich dagegen zur Wehr, und unter Führung des Hof— Wechslers Ignaz Deutsch wurde eine Bewegung eingeleitet, um sich von der Umklammerung der Reform zu, befreien, indem die Altgläubigen als selbständige Ge* meinde sich konstituieren sollten. Eine ״Z e n t r ä 1- Synagoge der ver ein i g ten Altgläubigen“ sollte erbaut werden. Fast wäre die Bildung der * eigenen orthodoxen Gemeinde gelungen. Allein es vermöchten einige in politischen Kreisen einflußreiche Vorstandsmit* glieder der Kultusgemeinde, das Ministerium!Schmerling zur A b 1 e h n ü mg d e s G es u ehe s der O r t h odqxen zu: veranlassen. Die Ankerschu 1 •Le,ute1 ließ eh si c b nicht e nt m u t. i g en, wenngleich die Kultusgemeinde Himmel und Hölle in!Bewegung setzte! um den Hau der 0 r thödaxen Synag0g,e *5h hi nt e r't r ei b e n, Pie Schaffung dieses Bollwerks der Altgläubigen seilte nach* dem Willen der Herren in der Seitenstettengasse um jeden Preis verhindert werdend Dr. Jellinek ein Memorandum über ,,Orthodoxie und Re- ' Mit der Fertigstellung des Baues efkalföte das Feuer der Begeisterung nicht. Mit Eifer wurde an dem Ausbau, der dein öffentlichen allgemeinen jüdischen Interesse dienen* den Anstalten weitergear* beitet. Die Schechi10 11, die seit der Gründung der Ankerschul bestand, wurde erweitert. K 0 s c h e r ko s t für die jüdischen Kranken im Allgemeinen Kranken* haus lieferte der ״Verein zur Unterstützung kranker Israeliten“ (Simon Büch* waid, Jakob Neurath.) Arme zugereiste Juden wurden am Sabbath verpflegt vom ״Tomech Ewjonim" (Prof. Hofmann). Der Besuch der Jeschi w o 's wurde gefördert vom Vereine ״T i f e r e s - B a c h u-y i m". Talmudgelehrte wurden regelmäßig unterstützt vom Vereine ״Ez Chaim“. In der Jess od Hathör a wurden Wiener ,Kinder, nan höre :Wiener Kin* der, in das Talmu d- Studium eingeführt. Was immer religiöses Leben, jüdisch-religiöses Interesse, in irgend einer Art erfor* derte, fand in der Schiffschul den energischen An* walt. Erfolgreich wurde der Kampf dagegen eingeleitet, daß temporäre Betversammlungen in ,ungehörigen Räumen (zum Beispiel in den Sperlsälen) ge- Eingabe der Schiffschul, der sich form im Judentum" aus; dieses wurde der Regierung überreicht. Die Prediger ־Mannheimer und Jellinek erhielten den Auftrag, von ׳der;Kanzel herab die ״Finsterlinge“ niederzuringen. In einer Predigt: ״Soll mit Zu- Stimmung der Gemeinde dem ungeregelten G־ttesdienste dn der Hauptstadt des Reiches.־eine :Stätte erbaut werden?“ sagte־ Jellinek: ״Alle!Israeliten, die in unserer Stadt wohnen, - lassen ihre Kinder : nach der. modernen Zeit erziehen; Sprachlehrer bilden deren Zungen, daß sie •nicht •verderbt’ reden! /wie ״unsero Vorfahren, Musik- und Zeichenlehrer veredeln den Geschmack, entwickeln ihren Formen- und Schönheitssinn;י Tanzmeister lehren ,sie, wie sie stehen, wie sie sich halten .und bewegen sollen . . ., zu! dem alten, ung e r e g eite n, G - t,t e sdie n s t gehört das alte Gh e t to, der, alte;D ruck, die alte Er- Ziehung, die alte Bildung׳. . .“ Der Sekretär der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, Dr.,L. A.Fr an kl, der Dichter des ersten zensurfrei gedruckten Freiheitsliedes, lieferte den poetischen Beitrag in diesem Kampf. In einem Glückwunsch an Jellinek schreibt er: stattet wurden. Eine dann auch die Kultusgemeinde hatte anschließen müssen, erwirkte, daß das Kultusministerium im Jahre 1876 mit einem Erlaß die Befreiung der Sc.h.ül.er der Volks-, Bürger- und Mittelschulen von der Teilnahme am Schreib- und Zeichenunterricht usw. am S a bba t h anordnete. Ohne den formalen Titel einer Gemeinde zu besitzen, ohne über die Mittel einer solchen zu verfügen, versah die. Schiff schul alle Funktionen.',■’.einer"; solchen . und erwarb sich in der Welt eine führende Stellung: neben den, angeseheristeh jüdischen Kehilos. Sie (die Orthodoxen) dreschen allzu lange schon!. ׳•••׳■־ leere Halme, Viel Staub beengt der Gläubigern Bnist und Blick, So zeige dich als Kämpfer auch. Zermalme Den knochig starken Eseln das Genick!.— Endlich:,Schilfschul I Je heftiger die Reform auftrat, je, rücksichtsloser sie sich gebärdete, z. B. bei Zulassung religiös unptatthafter Eheschließungen, hei Erstattung von Gutachten 'an Behörden, desto energischer, desto zielsicherer gingen die Orthodoxen vor. Sie erreichten die fallweise Bewilligung zur Vornähme von . Trauungen durch . ihren Rabbiner, nach altjüdischer Art.!Endlich am 9. Februar 1864 ‘ wurde von der Wiener Polizeidirektion unter der Zahl 49.016/3396 dem Kaufmann I. L. Freistadt, Lilienbrunngasse 5, die Erlaubnis zur Verlegung des Bethauses aus der Ankergasse erteilt. Sogleich wurde mit dem' Besitzer des Hauses, Große Schiffgasse 8, das Abkommen getroffen, daß er im Hofe seiner Realität die Synagoge erbaue; gleichzeitig wurden die ^Bedingungen für den späteren Ankauf des Hauses vereinbart. Mit Feuer- . eifer ging man an die Ausführung und im Eiul des Jahres 5624 wurde das Haus - im Beisein der Vertreter der staatlichen Behörden eingeweiht. Die Schiffschul stand! Es war durchaus kein prünkvoUer Bäu. Einfach, den bescheidenen Mitteln entsprechend, entbehrte er jedes Glanzes. Was ihm aber yf e lb e, ^*•fleh, was^ähn zum weit sichtbaren Wahrzeichen machte, war der Geist, der diesen Bau geschaffen, der J^ dieseip Hause Wohnung• nahm, der Geist der unbeugsamen, Unbesiegbaren Treue für das alte,, unsterbliche Sinai-Judentum; Wertvolle Weihegeschenkßjbewiesen nicht nur den frommen Sinn der Spender, sie" ^verkündeten auch die Uebereinstimmung mit den Zielen und Grundsätzen der Erbauer. '■ךי;;'/!? ,"!‘..׳•-י■ ./:?׳'?׳;״? U&a’ mR R E N Die Gemeinde ,.reformiert" ׳»!״iv״״״״ , . . t^va yon Die Zeit des mächtigen Aufstieges des politischen? Liberalismus (״die Freiheit wie in Oesterreich“) schien auch den führenden Herren der Reform der geeignete Zeitpunkt zu neuen Vorstößen gegen die ״Finsterlinge", gegen die ,,Rückschrittler“ zu sein. •Es sollten die? jüdisehen Speisegesetze, ״vom historischen, konfessionellen, hygienischen ... Standpunkt“ wissenschaftlich dargestellt werden. Im Jahre 1871 faßte der Kultusvorstand den Beschluß, die Orgel beim G־ttesdienste einzuführen, Jeruscholajim und die Opfer aus, den Gebeten zu streichen. Gegen diese Beschlüsse erhob sich ־ vielfacher W i d erst and. In diesem Kampfe gegen die Selbstpreisgabe des Judentums hatte selbstverständlich. ■die Schiffschul die Führung übernommen.!Sogleich,: nachdein der Beschluß gefaßt war, hatte Rabbi Salinen Spitzer 3. Z. 1. seine Stellung im .!Rab.binat zurückge 1 e g t. In der Schiffschul fand im Tewes 5631 (4. Feber 1871) eine von mehr als tausend Menschen besuchte ProtestverSammlung statt. Unter begeisterter Zustimmung legte Rabbi Salmen Spitzer in hinreißender, großangelegter Rede den entschiedenen Widerspruch gegen das Vorgehen des Kultusvorstandes ein und legte dar, daß trotz des Gefühls der brüderlichen Verbundenheit mit allen Juden v . jedem wahrhaften Jehudi die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, die derartige Grundsätze aufstelle, ganz uns tatthaf t sei. Vier hunder t ' Rabbiner aus allen Länderrt gaben ihre Zustimmung zu diesen AusfUhrungen. Der Kultusvorstand war dadurch eingeschüchtert und häschloß Modifikationen, die aber niemanden befriedigen konnten. Es mußte bei der Losung bleiben: Lo s von der Reform, los von der Gemeinde! Das Judengesetz. Gelegentlich der Vorbereitungen zum Gesetze zur; Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitisehen Religionsgesellschaft waren auch Vertreter der Schiff schul zugezogen worden. Sie waren bemüht, darzulegen, daß der U n t e r s ch.i e d zwischen Reform -und:: Altgläubigkeit, ein w e 1 t an sc fi au 1 ich er, ein grundsätzlicher sei. Während die einen das Gesetz als Produkt der religionsbildenden Kraft der; jüdischen Volksseele nehmen, halten die anderen an dem unabänderliehen Charakter, an dem g-ttlichen Ursprung desselben fest, Die Anhänger dieser zwei fundamental verschiedenen Weltanschauungen ::in eine Körperschaft zusammenzuzwingen, sei ,eine Gew i s s e n s b e d r fl c k u n g. Aus n ic li t i g,e n G r ürn den wurde dieser Anschauung nicht Rechnung; getragen und die Möglichkeit d.er Bildung einer selbständigen, unabhängigen orthodoxen Gemeinde war wieder hinäussreschöben. Inzwischen hatten die politischen Verhältnisse in; Oesterreich eine grundstürzende Wandlung erfahren. -.Dep Frühlingsträum' des^^UberaUsinus war verflogen. Aus, d,em Nörden: •und •Oftön Wfütöu: die Stürme des . Antisemitif^ mus und fegten die Luftschlösser der gesellschaftlichen Gleichbcreefltigung weg, .Es begann die Erkenntnis ״zu dämmern, daß das von der ״Reform geführte ,Judentum in Wien ״seine Emanzipation mit der Selbstpreisgabe“ beWlt;Häbe,^^ Lanlsamüfeegän» die HrkeE»t!üä?Hcfla^f8u״: drängen, daß das Judentum in Ehren nur auf seinem öigeuen Roden,?dem 1BödsuSdefc?Tbö?a.?b^ Wi