Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 29 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt. 29 JÜDISCHE PRESSE Seite 3 ®| flHCflftICHTEfl Frau Rosa Schlesinger ע״ה Montag den 18. Turnus ist Trau Rosa Schic־ singer im 77. Lebensjahre nach längerem und schmerz־ haltern Krankenlager verschieden. Mit ihr verliert das jüdische Wien eine markante Persönlichkeit, die sich durch Geist un׳d Gemüt, durch Frömmigkeit und Wohl־ tun, durch Hausfrauentugend und Geschäftstüchtigkeit in ungewöhnlichem Maße auszeichnete. Sie war das älteste Enkelkind des K'saw Sofer 1צ״ל der mit besonderer Liebe, und Aufmerksamkeit den Lebensweg seiner Lieblings־ enkelin verfolgte. Im Hause ihres durch Frömmigkeit und Gelehrsam־ keit hervorragenden Vaters, Rabbi Jakob Lob Strasser דיי זצ״ל Tab, wuchs das durch seine Schönheit und Anmut viel bewunderte Mädchen heran. In ihrem 17. Lebens־ jahre heiratete sie ' den durch sein Thorawissen hervor־ ragenden Wiener Buchhändler Rabbi Akiba Schlesinger זצ״ל. In Wien, im Hause ihrer Schwiegermutter Rodisch, einer Enkelin von Rabbi Akiba Eger ןצ״ל die selbst durch ungewöhnliche kaufmännische Begabung, scharfen Geist und tiefe Frömmigkeit ausgezeichnet war, wußte sich die!junge Frau zu behaupten. Dann folgten Jahre schweren Ringens und reichen Kindersegens. Rosa Schlesinger hatte 16 Kinder geboren, von denen zwölf, sechs Söhne und sechs Töchter, heute an ihrer Bahre trauern. Früh, allzu früh ist ihr Gatte, dessen Liebe zur Thora und Gcmiluth Chessed sie feinsinnig unterstützte, heim־ gegangen. Die Verblichene verstand es jedoch, auch in den traurigen Jahren einer schwer empfundenen Witwen־ Schaft die Buchhandlung, die inzwischen zu intcr־ nationaler Bedeutung emporwuchs, zu leiten und ihre Kinder auf jüdischem Wege würdig der Tradition ihrer Familie zu erziehen. Ihr Haus blieb auch in dieser Zeit wie früher zu Lebzeiten ihres unvergeßlichen Mannes, der Treffpunkt ihrer großen und weitläufigen Verwandtschaft, die gern und häufig ihre Gastfreundschaft in Anspruch nahm. Unter anderen rabbirtfschcn Größen pflegten der Schewet Sofer זצ״ל und Rabbi Simon Krakau זצ׳יל wochenlang im Hause Schlesinger zu weilen. Ihr Lebens־ abend, die letzten zehn Jahre ihres Erdenwallens, war überstrahlt von wohlverdientem Mutterglück. Ihre Töch־ ter, selbst nachdem sie alle an würdige gelehrte jüdische Männer verheiratet waren, wetteiferten miteinander, das Leben ihrer Mutter zu verschönern. Und ihre Söhne, alle geistige Individualitäten, die teils in der kaufmännischen, teils 'in der wissenschaftlichen Welt geachtete Positionen einnehmen, blieben der Mutter gegenüber — Kinder, kleine Kinder. Denn eine Mutter alten Schlages war sie. Eine Mutter, die gewohnt war, daß ihre Kinder ihr ge־ horchen. Allerdings war diese Kindespflicht ein Vor־ gnügen einer Mutter gegenüber, die jederzeit verstand, zu jedem einzelnen ihrer Kinder in seiner eigenen Sprache zu sprechen. Es ist so kein Wunder, daß diese Mutter noch gerne, ach wie gerne gelebt hätte. Sie blieb bis in die letzten Wochen ihrer Krankheit lebensfrisch und lebensnahe. Doch auch ihre Stunde, kam. Geläutert von Schmerzen, begleitet von der innigen Liebe ihrer Kinder, die sie in ihrer Krankheit aufopfernd pflegten, bewundert von ihren vielen Freunden und Bekannten, ging sie von uns. Ihr Andenken wird überall, wo man das Wirken und Walten dieser großen Frau gekannt hat, segensrbich fort־ leben. '*■,י Die 'ר־’ףי Mittwoch früh fand die Lewajo vom Trauerhause unter grandioser Beteiligung der Wiener jüdischen Be־ völkerung statt. Ihr ältester Sohn, Herr Josef Schle# singer, hielt ihr einen tiefergreifenden, erschütternden Nachruf. Dann entwarf ihr Schwiegersohn, Herr Rabbiner Dr. Hoffman n, Frankfurt a. M., in formvollendeter Rede ein Lebensbild der Verblichenen. Nach dem von Herrn Oberkantor A. Braun (Schiffschul) vorgetra־ genjen Gebet trugen sie ihre Söhne und Schwiegersöhne auf ihren Schultern an der Schiffschul vorbei zum Trauer־ wagen, der sie in Begleitung einer großen Schar von Freunden und Verwandten nach Mattersburg führte. Auf dem altehrwürdigen Todesacker in Mattersdorf hielten ihr Bruder Herr Oberrabbiner Salamon Strasser aus Debrecen, Herr Oberrabiner S. Eh r e n f e 1 d (Mattcrs־ dorf), ferner ihr Sohn Herr Dr. Simon Schlesinger, ihr Schwiegersohn Herr Rabbiner Dr. Joel Pollak und im Namen ihrer Enkel Akiba Hoff mann, im Namen der Angestelltenschaft der,•.Firma Flerr Abeies warm empfundene Nachrufe. Dann bettete man sie neben ihrem Gatten, Akiba Schlesinger ץצ״ל der ihr 32 Jahre im Tode voranging, zur ewigen Ruhe.!חנצב״ך. Grabsteinaufstellung für Oberrabbiner Wilhelm Reich, Baden. Die israelitische Kultusgemeinde und Chewra Kadischa, Baden, haben auf dem Grabe des im Vorjahre verstorbenen Oberrabhiners Wilhelm Reich s. A. ein imposantes Grabdenkmal errichtet. Ausx diesem An־ lasse fand am 10. d. M. eine Trauerfeier statt. Die Kultus־ gemeinde Neunkirchen war durch die Vorstandsmitglieder Moritz Gerstl und Max Rosenberg, Wiener־ Neustadt durch Oberrabbiner Dr. Heinrich Weiß ver־ treten. Von den Söhnen war Dr. Albert Reich und Frau und Dr. Max Reich, ferner ein Neffe Dr. Alexander Reich aus Budapest, für den israelitischen Frauen־ und Mädchen־ Wohltätigkeitsverein waren die Vorstandsdamen Frau Dr. Elsa Kraus und Fräulein Hermine Eichner, für den Verein ״Bikkur Chaulin“• der Obmann Herr Bernhard Affenkraut anwesend. Der israelitische Wirtschaftsverein beteiligte sich korporativ an der Trauerfeier. Der Vize# Präsident der Kultusgemeinde, Herr Ingwer, welcher mit den Vorstandsmitgliedern Herrn Heinrich Fleischmann, David Schey und _ der gesamten Kultusvertretung er־ schienen war, schilderte ' in seiner Ansprache die Ver# dienste, die sich der Verewigte während seiner 49jährigen Dienstzeit als geistiger Führer der Gemeinde erworben hatte. Es sprachen ferner noch ein Neffe des Ver# blichenen, Michael Duschinski aus Rakos־Palota, Ortsrabbiner Friedmann, Rabbiner Dr. Ernst Reich aus Mißlitz, Oberrabbiner Dr. Schweiger aus Möd־ ling, Oberrabbiner Dr. Heinrich Weiß aus Wiener־Neu# Stadt. In der Zeremonienhalle hielten noch Ansprachen: Her1* Wilhelm Mandl namens des israelitischen Wirt# Schaftsvereines und namens der Schüler Herr Ludwig Lackenbacher als Präsident der Chewra Kadischa und Herr Löwy im Namen der jüdischen Lehrerschaft Badens. Mit der Absingung eines Trauerpsalmes durch Oberkantor Richter wurde die eindrucksvolle Trauerfeier, hei welcher die allgemeine Verehrung, der sich Oberrabbiner Reich erfreute, so recht zum Ausdruck kam, abgeschlossen. Rettet die jüdischen Kinder im heiligen Lande. Schwere, traurige Zeiten haben alle Teile des Jischuw in unserem heiligen Lande betroffen. Unsere Feinde haben zerstört ohne Erbarmen, haben uns niedergetreten ohne Gefühl. Am schwersten betroffen wurden unsere Kinder, unsere Erbauer, die in den Straßen von Chebron erschlagen wurden und deren Blut vergossen wurde in Chebron, der Grabstätte unserer heiligen Vorfahren. Das Blut unserer besten Kinder schreit zu uns von unserer Erde, aber es schreit nicht um Rache, es schreit nicht um Kampf, es schreit mit* um Anstrengung, die heilige Thora, die sic gepflegt haben, weiter zu pflegen im heiligen Lande unserer Väter. Wir können dieses vergossene Blut sühnen, wenn wir unsere Thoralehrslättcn im Heiligen Lande stärken, die Not leiden und zugrunde gehen. Unter den tausenden jüdischen Kindern, die leider in Erez־Jisroel ohne Thauro und ohne Glauben aufgezogen werden, hat die Agudas:־ Jisroel 1600 Kinder vor diesem Seelenbrand gerettet und pflanzt ihnen reine G#ttcsfurcht ein. Die Erhaltung dieser über das ganze Land verstreuten Lehrstätten ist abhängig von der Freigebigkeit unserer Brüder im Golus. Teure Glaubensbrüdcr! Gebt uns eure Hilfe, jeder nach seinen Verhältnissen, daß wir dieses Werk von Not befreien, und daß unsere Kinder nicht an jene Kreise aus־ geliefert werden, die glücklich wären, auch diesen Rest der Religion abwendig zu machen. Möge jeder einzelne nach Möglichkeit, einen wenn auch noch so kleinen Teil an diesem Werke nehmen und dazu verhelfen, daß der echt jüdische Geist, in Ercz#Jisrocl auch für die folgenden Geschlechter erhalten bleibe. Unsere rabbinischen Führer im Heiligen Lande fordern jeden Juden und jede Jüdin im Namen der Thora auf, ihren am 17. Tamus und 9. Ab an Speise und Trank ersparten Geldbetrag dem agudistischen Erziehungswerke in Erez#Jisroel zu weihen. Jeder berechne, was er für sich und seine Familie an Speise und Trank für zwei Mahl# Zeiten verbraucht und weihe sein Fasten zur wahrhaft heiligen Tat, indem er im Sinne des talmudischen אנרא רתעניתא .צדקתא diesen Betrag für Zdokoh, für das orthodoxe Schulwerk in Ercz־Jisroel, spendet. Spenden werden im Büro der Agudas־Jisroel, II., Leopoldsgasse 16 (R80־0־40־) entgegengenommen. Post־ Sparkassenkonto 113.621. EREZ־JISROEL־KOMMISSION der Agudas#Jisroel. Moderne jüdische Tragödien. JJ. T. A.)!Der Berliner!Bankier;Bern Meyer, hat am 12. Juni nachmittags linier besonders tragischen Umständen seinem!Leben ein Ende gemacht. Meyer hatte sich mit Unterstützung seiner sozialdemolcratisollen!Freunde um die Stellung als Direktor der Berliner Stadtbank beworben und galt als der aussichtsreichste Kandidat. Tn der Aufsichtsrntssit/.ung, in der über die Wahl entschieden wurde, unterlag er aber. Unmittelbar darauf erschoß er sich in seiner Wohnung. Der Freitod Bern Meyers hat in weiten Kreisen ungeheures Aufsehen und größtes Bedauern hervorgerufen. Er wird als ein Mensch geschildert, der. gestützt auf ein ungewohnliches Wirtschuftswissen und reiche Erfahrungen die er namentlich in Amerika gesammelt hatte, darüber nachsann, wie man dem deutschen Volke und besonders der Arbeiterbevölkerung wieder zum Aufstieg verhelfen könnte. Darein setzte er seinen Ehrgeiz und daran ist er schließlich zugrunde gegangen. Zu Anfang des Krieges ein begeisterter Offizier, dann enttäuscht auf der äußersten Linken, hatte er schließlich seine politische Gleichgewiclitslage gefunden. Er stellte seine große Arbeitskraft in den Dienst der Freien Gewerkschaften, begründete in der letzten Inflationszeit mit minimalen Mitteln die ״Bank für Arbeiter, Angestellte und Beamte“, die sich unter seiner Leitung zu einem großen und soliden Finanzinstitut entwickelt hat. Persönliche Meinungsverschiedenheiten veranlaßten ihn, aus dieser Bank ausziischeiden und wieder in die Privatwirtschaft zu gehen. Er wurde einer der Führer des Michael-Konzerns, Aber er strebte wieder eine Stellung an, die ihm ein Wirken für das öffentliche Gemeinwohl ermöglichte. Deshalb bewarb er sich, unter Verzicht auf ein viel höheres Einkommen, um einen Direktorposten bei der Berliner Stadtbank, der seit dem Sldarek-Skandal verwaist war. Niemand zweifelte an seiner sachlichen Qualifikation für diese Stellung. Aber zuerst, anscheinend aus den Kreisen der Wirtschaftspartei, wurde darauf hingewiesen, daß die Stadlbank nach dem Sklavek-Vorfällen sich nicht mit einem jüdischen Direktor ״belasten“ sollte, und auch auf Parteigenossen Meyers von der Sozialdemokratischen Partei machte dieses Argument Eindruck. Sie setzten sich nicht mehr mit ihrer sonstigen Energie für die Wahl Meyers ein und die sozialdemokratischen Stadtrate waren zum Teil in der entscheidenden Aufsichtsratssitzung der Stadtbank gar nicht anwesend. So wurde mit Hilfe der bürgerlichen Parteien ein christlicher Sozialdemokrat, Feindner, zum Stadtbankdirektor gewählt. Es scheint, daß die Sozialdemokraten den rechtsstehenden bürgerlichen Parteien eine Konzession machten, indem sie Meyer opferten, um die Wahl eines anderen Sozialdemokraten zu sichern. Das Verhalten seiner eigenen Genossen wirkte auf Meyer so deprimierend, daß er zum Revolver griff. Das sozialdemokratische Huuptorgan ״Vorwärts“ gibt zu, daß die Wahl Bern Meyers, von dessen besonderen qualitativen Eignung die Mehrheit auch der bürgediehen Magistratsmitglieder überzeugt war, deshalb scheiterte, weil die starken antisemitischen Strömungen bei den bürgerlichen Parteien ein günstiges Ergebnis für den Verstorbenen nicht erzielen ließen. Man machte, schreibt der ״Vorwärts“, einem anerkannt befähigten Menschen lediglich sein Judentum zum Vorwurf, ״obwohl“ Bern Meyer seit vielen Jahren überhaupt keiner Religionsgemeinschaft mehr angehortel Die Sozialdemokratische Partei, stellt ,Vorwärts“ weiter fest, war in der glücklichen Lage, z w e i befähigte Parteimitglieder für den Posten eines Berliner Stadtbankdirektors vorzuschlagen. Denn auch der neue Stadtbankdirektor Feindner ist schon seit Jahrzehnten Mitglied der Sozialdemokratie. Somit bestätigt das sozialdemokratische Hauptorgan, daß die sozialdemokratischen Magistratsmitglieder den antisemitischen Strömungen bei den bürgerlichen Parteien eine Konzession machten, indem sie Meyer opferten, um die Wahl des Christen Feindner zu ermöglichen. ״Vorwärts“ schließt seine Betrachtungen mit den Worten: ״In der gesamten Berliner Partei ist die Trauer über den plötzlichen Tod Bern Meyers allgemein. Man bedauert den freiwilligen Tod eines Genossen, dessen Idealismus vielen als leuchtendes Beispiel galt. Auch seine Wahl zum Stadtbankdirek.tor wäre, für ihn mit der Aufopferung persönlicher Vorteile verbunden gewesen.; Sein Sehnen nach dieser Arbeit entsprang äber^ dem Wunsche, seine Kräfte wieder in den Dienst des Allgemeinwohis stellen zu können.“ Talmudisten Unterstützungsverein Deutschkreutz, Burgenland. Aufruf. Die allgemeine Wirtschaftskrise ist auch an uns nicht spurlos vorübergegangen. Unsere Jeschiwah; die größte und bedeutendste in Oesterreich, deren Ruf weit über die Grenzen unseres Landes gedrungen ist, erniög# licht es vielen lernbegierigen jungen Leuten sich gänzlich dem Thorastudium zu widmen. Fällt es schon schwer, bei den heutigen Verhältnissen seinem Kinde die Möglichkeit eines Selbstvcrdienens zu nehmen, so ist es in den meisten Fällen fast unmöglich, die Kosten für die Existenz in einer Jeschiwah zu bestreiten. So haben wir es uns zur heiligen Pflicht gemacht, den minderbemittelten Bachurim die Kost gratis zu verabreichen. Mit G־ttes Hilfe ist es uns bis heute gelungen, denn wir konnten mit Hilfe von Beiträgen und hochherzigen Spenden unserer Aufgabe ge־ recht werden. Nun sind wir am Ende unserer Kraft, die allgemeine wirtschaftliche Not hat es bewirkt, daß, wenn uns nicht baldigste kräftigste Hilfe zuteil wird, wir ge־ zwangen wären, die Jeschiwah zu schließen. Dies wäre aber gleichbedeutend mit einem geistigen und sittlichen Verfall unserer Jugend. Nun liebe Glaubensgenossen, lasset es nicht dazu komriftfh, daß eine der größten und schönsten Jcschiwahs, ihre segensreiche Tätigkeit ein־ stelle. Es muß eure Sorge sein, daß unsere nächste Gene־ ration auf Grund der Thora wirken soll, was nur durch den Besuch von Jeschiwahs, wo schon in frühester Ju־ gend dem Kinde die Treue und Anhänglichkeit zur heili־ gen Schrift, durch das Vorbild von ihrem Führer einge־ prägt wird, erzielt wird. Unsere einzige Hoffnung seid ihr, lasset uns in der Zeit höchster Not nicht im Stiche, spendet reichlich und der Dank Vieler ist euch gewiß. Mit glaubensbrüderlichem Gruß Eugen Pal, Präses. Amtliche Verlautbarungen f der Israel. Kultusgemeinde Wien. Z. 4697 ex 1930. Kundmachung betreffend die Errichtung von Minjnnim für die hohen Feiertage. 1. Der Vorstand beabsichtigt, für den gegenwärtigen Bedarf an temporären Bethäusern durch eigene Maßnahmen vorzusorgen bzw. durch die Tempelvereine Vorsorgen zu lassen. Demgemäß wird die Kultusgemeinde nur in Fällen, in welchen ein tatsächlicher Bedarf vorhanden .ist, die Genehmigung für ein temporüres Bethaus an andere Vereine oder Private erteilen. 2. Im Sinne des & 80 des Gemeindestatuts ist vor Miete eines Lokals und vor Einschreiten um die bebördliche Genehmigung die Bewilligung des Kultus- Vorstandes einzuholen. 3. Die Gesuche um Bewilligung sind bis längstens 15. August d. J. im Einreichungsprotokoll der israelitisehen Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, III. Stock, ' zu überreichen. Es wird ausdrücklich aufmerksam gemacht, daß später einlangende Gesuche nicht an^enominell werden. Auf nicht entsprechend belegte Gesuche wird keine Rücksicht genommen. 4. Die Gesuchsteller haben für sich und für die zu verwendenden Vorbeter (Namen derselben sind im Gesuche anzugeben) genaue Ausweise über Charakter, Moralität und!Befähigung zu erbringen. 5. An weibliche Personen wird weder direkt noch indirekt eine Bewilligung erteilt. 6. Die als BetlokaleeinzurichtendenRäumemüssen sich für diesen Zweok vollkommen eignen und ,ist die schriftliche Zustimmung des Vermieters sowie des Hauseigentiimers zur diesfälligen Verwendung beizubringen. 7. Wohnungen und andere Lokale dürfen nur dann zur Abhaltung des Gottesdienstes verwendet werden, wenn sie vollkommen nusgeräumt sind und an den Festtagen ausschließlich für den erwähnten Zweck benützt werden. 8. Für Lokale, in ׳welchen während tles Jahres Veranstaltungen stattfinden, deren Tendenz unvereinbar ist mit einer Stätte, an welcher ein Gottesdienst abgehalten werden soll, wird eine Bewilligung nicht erteilt. 9. Die Errichtung eines temporären Betlokals in der Nähe von ständigen Bethäusern wird in der Regel nicht bewilligt. 10. Die Bewilligung gilt n u r für die einschreitende Partei und ist somit nicht übertragbar. Im Uebcrtretungsfalle wird die erteilte Bewilligung sofort zurückgezogen und die Behörden werden gleichzeitig hievon verständigt. 1t. Ein Ankauf von Betsitzen seitens der Kultusgemeinde ist nicht zu gewärtigen. 12. Die Bewilligung wird den Betlokalinhabern nur unter der Bedingung erteilt, daß dieselben der Kultusgemeinde für unbemittelte Personen (Männer und Frauen) zusammen den zehnten Teil der von der ßehürde genehmigten numerierten Sitzplätze unentgeltlich bis längstens 10. September d. J. zur Verfügung stellen und als Kultusgebühr 10 Prozent des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der •Betsitze an die Hauptkasse der israelitischen Kultusgemeinde Wien abführen. 13. Unmittelbar nach den hohen Feiertagen ist an den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien ein Verzeichnis der beim Aufrufen zur Thora erfolgten Spenden mit Namen und Adresse des Spenders sowie genauer Bezeichnung des Zweckes einzusenden. 14. Zur Sicherstellung der Einhaltung dieser Verpfliehtung sowie aller für die Erteilung der •Bewilligung zur Errichtung eines temporären Bethauses gestellten Bedingungen ist eine Kaution zu erlegen, welche bei Nichteinhaltung auch nur einer dieser Verpflichtungen für wohltätige Zwecke der Kultusgemeinde verfällt. Die zu leistende Kaution, welche in Bargeld zu erlegen ist, wird mit S 20 bis S 200 bemessen. 15. Der Text einer etwa beabsichtigten Anuoncierung oder Plakatierung ist dem Gesuche zur Genehmigung anzuschließen. Eine Ankündigung, welche der Würde einer Betveranstaltung widerspricht, ist unstatthaft und hat zur Folge, daß die erteilte Bewilligung־ rückgängig gemacht wird. Es ist Pflicht einer jeden Partei, für eine entsprechende Polizeiaufsicht auf eigene Kosten zu sorgen. Als ״Hausandachten“ werden nur jene gottesdienstlichen Uebungen anerkannt, welche ohne jegliches Entgelt und lediglich Familienangehörigen zugänglieh sind. Wien, 1. Juli!930. Der Vorstnnd der israelitischen Kultusgemeinde Wien.