Jüdische Presse
- Journal
- Jüdische Presse
- Volume
- 16 (1930)
- Issue
- 29 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE PRESSE Np. 29 pillllllllllllllllilllllllllllllillllllllllllillllliilliiilllllilillillllllllllllllllllillilllilllllllllllllllllillllllillllllllllllllllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllin nalionale Bundesanleihe est erreich 1930 Oeslerreidiische Teilausgabe von 50,000.000 Schilling Verzinsung 7°|0, Zeichnungspreis 95°|0, Rückzahlung zu I03°|o. Kapital und Zinsen werden ohne Abzug von Renlensleuer oder irgend welcher sonstiger gegenwärtiger oder zukünftiger oster* reidiisdier Steuern und Gebühren ausgezahlt. Die Schuldverschreibungen lauten auf Schillinge der mit dem Bundesgesetze vom 20. Dezember 1924, B. Gr. Bl. No. 461, eingeführten Währung, deren Münzeinheit 0.21172080 Gramm feinen Goldes enthält. Kapital und Zinsen werden in gesetzlichen Zahlungsmitteln entrichtet, deren kursmäßige Bewertung dem gesetzlichen Verhältnisse zum Gold innerhalb der durch die Goldpunkte bestimmten Grenzen entspricht. Die Anleihe ist im Sinne der vom Bundesminister für Finanzen abgegebenen Erklärung durch ein Pfandrecht auf die Brutto-Einnahmen und aus dem Tabakmonopol bis 22. Juli I. I. aus den österreichischen sichergestellt. 17< ^llllllllllllllllll!₪!!l₪ill!!llillllllllllllllllllll|l|!lllllllll!llllllll!l!IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII1:1llllll₪ Das jüdische Wien - Von L. Mattersburger. V. Winkel. Neulich suchte ich im neuesten Amtskalender nach irgend einem mir unbekannten Orte der österreichischen Republik und blätterte dabei auch sonst ein wenig dieses Nachschlagewerk durch, das jetzt in einem Bande alles das enthält, wozu früher, in besseren Zeiten, jedes Krön# land einen viel umfangreicheren Band benötigt hatte. Trotz dieser Sparsamkeit findet man aber im Amts# kalender so ziemlich alles Wissenswerte über die Behörden und öffentlichen Einrichtungen im Lande und darunter natürlich auch, da das Judentum ja zu den gesetzlich an# erkannten Religionsgenossenschaften gehört, über die jüdischen Kultusgemeinden. Aber man frage nur nicht, wo die mehr als dürftigen Notizen, die mehr der Form gehorchend als dem eignen Trieb aufgenommen werden mußten, zu finden sind! Ich kann da auch heute, nach zwölf Jahren, nur wiederholen, was ich schon einmal in der ״Jüdischen Volksstimme“ gesagt hatte: ״Wie weit wir in Oesterreich noch• von wirklicher Gleichberechtigung entfernt sind, zeigt ein einziger Blick in die offiziellen Hand# und Adreßbücher, die in rührender Uebereinstim# mung die Zurücksetzung des Juden in jeder Beziehung demonstrieren . . . Wir figurieren unter den Konfessionen an letzter Stelle, auch dann, wenn wir zahlenmäßig an zweiter oder dritter Stelle stehen sollten ... Wo bleibt das Ehrgefühl unserer Großen, die solches hinnehmen, als müßte es so sein, und wo bleiben unsere Organisationen, die sich die Wahrung der staatsbürgerlichen Gleich# berechtigung der Juden zur Aufgabe machen, samt ihren Sekretären? Man unterschätze ja nicht die Bedeutung sol# eher ״Kleinigkeiten“! Sir sind bezeichnend für den Geist, der im ganzen Staatswesen herrscht.“ Wir standen schon damals, zu Zeiten der seligen Monarchie, im Winkel, und heute, in der Blütezeit des republikanisch־demokratischen Judenhasses, ist das wo# möglich noch mehr der fall. Denn wenn im Amtskalender das Zahlenprinzip maßgebend ist, gebührt uns entschieden ein Platz vor den Griechen, Altkatholiken usw. Geht die Redaktion aber nach dem Alphabet vor, dann haben die ״Israeliten“, auch wenn sie Juden sein sollten, sogar dem römisch־katholischen Kultus voranzugehen. Ein Drittes darf und kann es aber nicht geben, da es nichts anderes hieße, als daß wir uns mit der Aschenbrödelrolle ab# finden, und wer lange Zeit immer nur im Winkel ge# standen hatte, kaum mehr anderswo stehen kann. Manchmal wird einem recht bang, wenn man sieht, wie sogar unsere studierende Jugend, die einst die eifrigste Verfechterin jüdischer Rechte war, abseits steht und von allen guten Geistern verlassen zu sein scheint. Während man im Universitätsgebäude zwischen langen Reihen mehr oder weniger judenfeindlicher Anschlagskasten förmlich Spießruten laufen muß, findet man erst in irgend einem entlegenen Winkel den Kasten des Jüdischen Hochschul# ausschusses, der aber so tut, als wäre alles in schönster , Ordnung, und den jüdischen Studenten bloß zum Bei# tritt auffordert. Qui tacet, consentire videtur, und es muß wohl manchem arischen Studenten schon aufgefallen sein, daß diese Jjüden, die sonst im Verdachte stehen, immer den Mund so voll zu nehmen, auf alle diese schweren An# würfe nichts zu erwidern verstehen. Warum wird da nicht in der Weise, wie sie der C.#V.#Kalender 1929 (heraus# gegeben vom Landesverband Groß#Berlin des Central#Ver# I eins deutscher ׳,Staatsbürger jüdischen Glaubens) auf Seite 115 ff. zeigt, allen Verdächtigungen und Entstel» lungen entgegengetreten, die so massenhaft dem Juden ins Gesicht geschleudert und schließlich sogar von Juden geglaubt werden? Vielleicht würde, wenn dies in vor# nehmer und geschickter Art geschähe, doch noch mancher Jugendliche, der dann einmal irgendwie an der Führung des Volkes mitwirken soll, zum Nachdenken und zur Nachprüfung der ihm von den Völkischen aller Schat« tierungen Vorgesetzten geistigen Nahrung gelangen und dem Leben etwas Giftstoff entzogen werden. Wir könnten nicht nur in apologetischer, sondern auch in organisatorischer Hinsicht viel von unseren deut# sehen Brüdern lernen. Ich habe schon einmal auf die in jeder größeren jüdischen Gemeinde Deutschlands beste# hende Gemeindezeitung hingewiesen, die natürlich nicht nur für die innere Mission von ungeheurem Wert ist, sondern, da sie ja unentgeltlich an alle Gemeinde* mitglieder versandt wird, auch viel dazu beiträgt, daß der jüdische Bürger wisse, was er dem Epikores zu antworten habe. Wir müssen nicht immer sein כאיש אשר לא שומע זאין בפיו תוכחות. Gott schütze uns vor unseren freunden, vor un* seren Feinden schützen wir uns schon selbst! Man nennt das Wiener Rathaus gerne verjudet, und dennoch wer* den die dringendsten jüdischen Forderungen gerade dort am schwersten durchgesetzt. Dies zeigte sich deutlich, als für den Sonntag vor Schwuos fast im letzten Augenblick eine kleine Erleichterung für die Koscherfleischhauer durchgesetzt werden konnte. Da sieht man erst so recht, wie der Sabbat und die, die ihn beobachten, verachtet im Winkel stehen. Man kommt sich ja, wenn man an so einem Sabbat durch die Straßen geht, wie ein Mondbewohner vor, der sich auf einen fremden Planeten verirrt hat. Da herrscht ein Treiben und eine Geschäftigkeit, wie sie an allen übrigen Tagen der Woche zusammengenommen nicht zu finden ist, und es ist wahrlich kein Wunder, daß fast ohne Ausnahme die jüdischen Geschäftsleute, kleine und große, sich diesem allgemein gültigen ״Sechs Tage sollst du ruhen und am siebenten Tage sollst du arbeiten!“ nicht entziehen. Es ist ja nicht jedermanns Sache, gegen den Strom zu schwimmen, und viele von uns leiden ge# nug durch den bloßen Versuch, es zu tun. Das ge# setzestreue Judentum verschließt aber nur zu gern die Augen vor den Tatsachen des Lebens und übersieht, daß mit und ohne ״Heter“ allenthalben Familien, die in der Leopoldstadt wohnen und dort zu den Säulen orthodoxer Bethausvereine gehören, ihre Geschäfte, die sie in. anderen Bezirken betreiben, am Sabbat geöffnet halten, und daß Männer, die in den orthodoxen Bethäusern das große Wort führen, oft in der nächsten Umgebung dieser Bethäuser, wenn sie um drei Viertel 8 Uhr aus dem ersten Minjan kommen, um 8 Uhr das Geschäft öffnen. Es ist dann noch besonders verdienstlich, wenn das mit ״Heter“ geschieht. Bedenkt aber der Raw, der so einen Heter ausstellt, was mit den jüdischen Angestellten geschehen ן soll, die in so einem mit Heter ausgestatteten Geschäfte am Sabbat arbeiten? Haben diese Angestellten für ihr Gehalt auch ihre Seele vermietet und können sie nun auch ruhig am Sabbat arbeiten oder müssen sie sich damit abfinden, daß für sie Stellen eben nicht zu haben sind? Ich will mir gewiß nicht anmaßen, den Rabbinern, die solche Auswege und Hilfsmittel finden, mit Einwendungen kommen zu wollen, es ist aber doch endlich an der Zeit, daß diesen Problemen rücksichtslos an den Leib gerückt werde. Mit Palliativmittelchen kann kaum ein kleiner Rest der Fahne des Sabbat treu erhalten werden, und wenn es sogar gelänge, den Traum der Sabbatfreunde von der Fünftagewoche in die Tat umzusetzen, ist damit für den Sabbat mur wenig gewonnen. Die Fünftagewoche würde im besten Falle die Umschichtung jüdischer Prole# tarier erleichtern, indem sie ihnen die Arbeit in der Fabrik ermöglicht, die auch am Sabbat stillsteht. Die große Masse der jüdischen Kaufleute und Handelsange# stellten aber müßte auch ferner dem Sabbatproblem mit der# selben Hilflosigkeit gegenüberstehen wie heute, da hof# fentlich kein Mensch so naiv ist, zu glauben, daß auch der Detailhandel an zwei Tagen der Woche ruhen dürfte. Im Gegenteil würde noch mehr als heute der Samstag den Einkaufstag par excellence darstellen und der Sabbat der Fünftagewoche stünde genau im Winkel wie heute. Wenn da wirkliche Abhilfe geschaffen werden soll, muß tiefer geschürft und auf ein Unrecht zurückgegriffen werden, das vor eineinhalb Jahrtausenden von den Kirchenvätern begangen wurde. Dieses Unrecht durch das das Judentum in eine Ausnahmsstellung, in den Winkel gedrängt wurde, soll revidiert und eine Kalender* reform eingeführt werden. Ja, wir sind für eine Kalender# reform, aber nicht für eine der Art, wie sie etwa der Völkerbund oder die russische Regierung im Auge haben, sondern für eine Reform, die alles Unrecht beseitigt und dem Juden die Wahrung seiner religiösen u n d seiner geschäftlichen Interessen ermöglicht, indem sie den wöchentlichen Ruhetag wieder auf den Tag zurückver* legt, an dem er ursprünglich allgemein gefeiert wurde. Wieviel Gewissenspein würde dadurch mit einem Schlage schwinden, ohne daß es die nicht jüdische Bevölkerung besondere Ueberwindung kostete! Und dazu wäre sonst nichts erforderlich als der Mut, ein Recht wirklich zu fordern, das in den heiligsten Dokumenten, die die Menschkeit besitzt, verbrieft ist, der Mut, die Thora aus dem Winkel heryorzuziehen und an den ihr gebührenden Platz zu setzen לחחזיר עטרה למשנה• Nur wer ein Maximum zu fordern weiß, wird wenigstens ein Minimum exlangen. 534823892323232353532348